DIE BOURGEOISIE HERRSCHT, WENN DER MANN
EIN WENIG HERRSCHT


Die Frauenunterdrückung ist in die ökonomische Basis des Kapitalismus eingewebt, sowohl dadurch, dass die Hausarbeit für die Reproduktion der Arbeitskraft auf eine sehr billige Weise notwendig ist, als auch dadurch, dass das Kapital «das Weibliche» ausnutzt, um sich einen erhöhten Profit in der Produktion zu verschaffen. Aber die Frauenunterdrückung trägt auch zur Aufrechterhaltung der politischen und ideologischen Herrschaft der Borgeoisie bei. Ein Aspekt davon ist das Selbstbild, dass die Frauenunterdückung den Frauen zufügt: als schwache, verachtenswerte und minderwertige. Dass eine unterdrückte Gruppe das Bild übernimmt, das die Unterdücker von ihnen zeichnen, ist auch in anderen Zusammenhängen kein unbekanntes Phänomen. Die schwarze Bewegung in den USA in den 60er-Jahren prägte das Schlagwort «Black is beautiful», nicht so sehr um die Weißen zu überzeugen, wie um sich selbst zu überzeugen. Auch die Schwarzen waren es gewohnt, an schwarz als etwas Schlechtes zu denken. Menschen, die meinen, dass sie minderwertig sind, machen gewöhnlicherweise keinen Aufruhr.

Diesen Aspekt der Sache werde ich nicht hier aufgreifen. Stattdessen werde ich darüber schreiben, wie die Frauenunterdrückung den männlichen Teil der arbeitenden Bevölkerung in die Machtausübung der Bourgeoisie hineinzieht. Gewöhnliche Mannsleute tragen einen Teil der Herrschaft im Namen der Herrschenden.

Die Frauenunterdrückung gibt allen Männern eine Reihe faktischer, objektiver Vorteile. Wie wir gesehen haben, gibt sie dem Mann die Chance, einen so großen Teil der Ressourcen zu bekommen, dass er in Situationen, in denen die reinste Not herrscht, der gröbsten Unterernährung entgeht. Kein unwichtiger Vorteil! Mädchenbabys haben auch eine größere Chance das Opfer von Kindermord zu werden, in Teilen der Welt, wo dies weiterhin eine der Methoden ist, um die Kinderzahl niedrig zu halten.

Ganz von Geburt an bekommen kleine Jungen einen größeren Teil der zur Verfügung stehenden materiellen und immateriellen Ressourcen. Wo es eine Knappheit an Nahrung gibt, bekommen kleine Jungen mehr als kleine Mädchen. In unserem Teil der Welt bekommen sie an Stelle dessen teurere Weihnachtsgeschenke! Jungen bekommen häufiger eine Beschulung. Wo alle Kinder zur Schule gehen, erhalten die Jungen den größten Teil der Zeit und Aufmerksamkeit des Lehrers. Männer stehen mit Vorsprung im Kampf um gute und gut bezahlte Jobs da, und im Kampf um Positionen in Politik und Vereinsleben. Sie bekommen zuhause persönliche Dienste für sich ausgeführt, und sie ziehen im Erwachsenenalter Nutzen aus einer Fürsorge als ob sie fortgesetzt Kinder wären. Im Privatleben und im öffentlichen Leben sind es Männer, die Gegenstand der größten Aufmerksamkeit werden. Und Männer geben die Prämissen für das Zusammenspiel mit Frauen vor, in allen Zusammenhängen.

Gleichzeitig sind Männer in der arbeitenden Bevölkerung Opfer der Klassenunterdrückung. Im armen Teil der Welt ist diese von solch einem Charakter, dass sie unmittelbar nach dem Leben trachtet. In unserem Teil der Welt werden sie ausgebeutet und werden sie unterdrückt, durch harte Arbeit und gesundheitsgefährdende Arbeitsumgebung niedergebrochen, passiv und zu sprachlosem Stimmvieh gemacht, der Macht über ihre eigene Klassenorganisation, der Gewerkschaftsbewegung, beraubt, und nach Gebrauch, wenn sie nicht mehr rentabel genug sind, brutal gefeuert.

Ganzheitlich gesehen haben die Männer in der arbeitenden Bevölkerung Interesse daran, sich mit ihren weiblichen Klassengefährten zu vereinen, um die Herrschaft der Bourgeoisie zu stürzen. Aber es ist schwierig, sich mit denen zu vereinen, die man unterdrückt, sowohl weil man Schwierigkeiten hat, sie als «würdige» Allianzpartner anzusehen, als auch weil die Allianz erfordert, dass man seine Privilegien ein Stück weit auf dem Wege aufgibt. Die Frauenunterdrückung spaltet die arbeitende Bevölkerung und macht sie zu einem weniger gefährlichen Gegner für die Bourgeoisie.

Aber nicht lediglich das. Durch die Frauenunterdrückung erhält die Bourgeoisie Hilfe von Männern in der arbeitenden Bevölkerung, um den halben Teil selbiger Bevölkerung niederzuhalten. Dies macht es schwieriger für den weiblichen Teil der arbeitenden Bevölkerung sich zu erheben, und das macht es schwieriger für den männlichen Teil sich zu erheben, weil sie ihre Kräfte daran vergeuden, ihre weiblichen Klassengefährten unter sich zu halten. Die amerikanische Feministin Bell Hooks hat es so gesagt (1981):

«Männer werden ermuntert, sich auf eine ganz krankhafte Weise auf die Frau als Feind zu konzentrieren. Das geschieht, damit Männer es blind zulassen sollen, dass die wirklich mächtigen unmenschlichen Kräfte in der amerikanischen Gesellschaft ihnen täglich die Menschenwürde entziehen. Diejenigen, die den amerikanischen Kapitalismus erschaffen, haben den Sexismus zu einer Ware gemacht, die sie verkaufen können, während sie gleichzeitig Männer einer Gehirnwäsche unterziehen, damit die das Gefühl bekommen, dass persönliche Identität, Wert und Würde durch die Unterdückung von Frauen gewonnen werden können. Auf diese Weise halten die Patriarchen das Mannsvolk unter dem Stiefel.».

Und zuletzt, aber nicht am geringsten, versieht die Frauenunterdrückung den männlichen Teil der arbeitenden Bevölkerung mit einem «Trollsplint im Auge»14. Sie übernehmen einen Teil des Menschenbildes und der Werte der Bourgeoisie und werden unfähig, die Erniedrigung und Unterdrückung von Menschen durch den Kapitalismus in seiner vollen Tiefe zu durchschauen.

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Anmerkungen

(14) «Als Peer Gynt [Hauptfigur im gleichnamigen Drama von Ibsen] Dovregubbens Halle besuchte und sich mit Dovregubbens Tochter verheiraten sollte, wollten die Trolle ihm einen kleinen Schnitt ins Auge setzen. Dieser Schnitt sollte sichern, dass er aufhörte, die Welt mit Menschenaugen zu betrachten, und sie an Stelle dessen aus der Perspektive der Trolle sah. Die Frauenunterdrückung fügt Männern aus der arbeitenden Bevölkerung einen solchen «Trollsplint» im Auge zu.» (Ericcson, zu Beginn des vorletzten Abschnittes in diesem Kapitel)