Der ideologische Schleier

Lise Vogel befasst sich auch damit, welche Folgen es hat, dass die Arbeit, die für die Aufrechterhaltung des Lebens und der Arbeitsfähigkeit des Arbeiters und dem Großziehen neuer Generationen erforderlich ist, zwei ganz unterschiedliche Formen annimmt. Und hier hat sie interessante Gesichtspunkte. Sie weist darauf hin, dass die Entwicklung des Kapitalismus zu einer scharfen Grenze zwischen der Produktion und der Hausarbeit geführt hat: Die beiden Formen der Arbeit sind in Zeit und Raum voneinander getrennt, und finden innerhalb ungleicher institutioneller Rahmen statt. Diese scharfe Grenze gab es in der alten Bauerngesellschaft nicht, und auch nicht unter den Handwerkern in den Städten. Die Familie war eine Produktionseinheit, in der beide Formen der Arbeit ausgeführt wurden, auch wenn es eine Arbeitsteilung zwischen der Frau und dem Mann gab. Die Dienstleute und die Handwerkergesellen lebten zusammen mit der Familie und waren im Haushalt integriert, auch wenn sie den Brotherren klar untergeordnet waren.

Die Kapitalisten müssen die Produktion so organisieren, dass mehr und mehr von ihr ihrer direkten Kontrolle in Werkstätten und Fabriken unterliegt. Die Lohnarbeit erhält eine Prägung, die völlig anders als das Dasein des Arbeiters außerhalb des Jobs ist. Die notwendige Arbeit, die in der Fabrik vonstatten geht, resultiert in Geldlohn. Die andere Arbeit, die auch gemacht werden muss um das Leben und die Arbeitskraft des Arbeiters aufrechtzuerhalten, die Hausarbeit, wird an spezialisierten Orten (Wohnung) und in eigenen sozialen Einheiten (Famile) ausgeführt und resultiert nicht in Geldlohn. Es ist der Mann, der für den Großteil der Lohnarbeit steht, und die Frau, die für den Großteil der Hausarbeit steht. Dieser Unterschied ist ein Erbe unterdrückender Formen der Arbeitsteilung in vorherigen Gesellschaften, sagt Vogel, eine Arbeitsteilung, die mit männlicher Oberherrschaft kombiniert war. Diese Arbeitsteilung wurde durch die spezielle Grenze zwischen Lohnarbeit und Hausarbeit, die die kapitalistische Produktionsweise hervorbringt, gestärkt.

Erfahrungsgemäß führt diese Grenze dazu, dass sowohl Männer als auch Frauen einen intensiven Gegensatz zwischen dem Privatleben und der öffentlichen Sphäre empfinden, sagt Vogel. Die streng institutionalisierte Grenze zwischen der Hausarbeit und der Lohnarbeit, kombiniert mit der männlichen Oberherrschaft, bildet die Grundlage für mächtige ideologische Strukturen, die nach und nach ein eigenes Leben entfalten. Die Grenze zwischen den Einheiten, in denen die Hausarbeit und die Lohnarbeit vor sich gehen, erscheint als natürliche Grenze zwischen Frau und Mann. Die Isolation in einer Familie, abgetrennt vom Produktionsprozess, wirkt wie das Schicksal der Frauen aus grauer Vorzeit. Vorstellungen von scheinbar ewigen und universellen Gegensatzpaaren entstehen: privat und öffentlich, heimisch (domestic) und gesellschaftsmäßig, Familie und Arbeit. Frauen werden unlösbar mit dem einen Satz dieser Gegensatzpaare verknüpft, Männert mit dem anderen. Weil diese Ideologie seine Grundlage in der kapitalistischen Produktionsweise hat, und von einem System mit männlicher Oberherrschaft verstärkt wird, hat sie eine Stärke, die es extrem schwierig macht, sie niederzubrechen, folgert Lise Vogel.

Die Ideologie über den «Platz der Frau» hat auch eine solide Verankerung in der ökonomischen Basis des Kapitalismus. Aber die Gesichtspunkte Luise Vogels bieten auch einen Ausgangspunkt, um die Mystifizierung der Hausarbeit unter dem Kapitalismus zu verstehen:

Marx enthüllte den verdeckten Diebstahl, der unter dem scheinbar «gleichen Tausch» zwischen dem Arbeiter und dem Kapitalisten lag. Oberflächlich betrachtet, sieht es so aus als bekäme der Arbeiter für die Arbeit bezahlt, die er verrichtet. In Wirklichkeit bekommt er für den Wert der Arbeitskraft bezahlt, die lediglich einem Teil der Arbeit entspricht, die er im Laufe eines Tages ausführt. Eine Ware, die Arbeitskraft, wird zu ihrem Wert verkauft, und dieses ist «gleicher Tausch», zufolge der Logik des Kapitalismus. Aber der tatsächliche Inhalt ist grobe Ausbeutung, verdeckt unter einer Form, die schwer zu durchdringen ist. Der leibeigene Bauer unter dem Feudalismus zog von seinen eigenen Feldern auf diejenigen des Gutsbesitzers, wenn er von der Ausführung notwendiger Arbeit zur Mehrarbeit überging. Oder er nahm einige Säcke Getreide mit sich, das er angebaut hatte und überreichte es dem Gutsbesitzer. Im Arbeitstag des modernen Lohnarbeiters gibt es keine sichtbare zeitliche und räumliche Grenze zwischen der notwendigen Arbeit und der Mehrarbeit. Schlechthin alles erscheint als Arbeit, und es bedarf einer speziellen Analyse, um die beiden Elemente zu entdecken. So wird die Ausbeutung mystifiziert, die im kapitalistischen Produktionsprozess stattfindet.

Die Mystifizierung der Hausarbeit geschieht auf umgekehrte Weise: Eben dadurch, dass die Hauarbeit von dem kapitalistischen Produktionsprozess in Zeit und Raum abgetrennt ist, in anderen institutionellen Formen vor sich geht, und einer anderen «Logik» unterworfen ist. Dadurch, dass die Hausarbeit in der Familie ausgeführt wird, in der Wohnung, weit weg von der Fabrik und ohne Geldlohn, erscheint sie als etwas, das aber auch nicht das Geringste mit der kapitalistischen Produktion zu tun hat. Die Hausarbeit ist etwas, das die Frauen nicht für den Kapitalisten ausführen, sondern für ihre eigene Familie, in der privaten Sphäre, ausgehend von der Liebe und Umsicht für ihre Nächsten.

In einem Sinne ist es richtig, dass die Hausarbeit nicht in den kapitalistischen Produktionsprozess eingeht. Sie ist gebrauchswertproduzierende Arbeit, ausgerichtet auf die direkte Konsumtion in der Familie der Hausfrau. Aber es trifft nicht zu, dass die Hausfrau lediglich zum eigenen Vorteil und dem ihrer eigenen Familie arbeitet. Sie geht in einen größeren ökonomischen Zusammenhang ein und arbeitet für das Kapital in der Hinsicht, dass sie zur Niedrighaltung der Reproduktionskosten des Kapitals beiträgt. Aber es ist schwierig, dies vom Aussichtspunkt der Küchenbank aus zu durchschauen.

Dass die Hausarbeit als etwas erscheint, das die Hausfrau ausschließlich für sich selbst und ihre Familie betreibt, hat aus Sicht des Kapitals viele Vorteile (damit meine ich selbstverständlich nicht, dass es sich um eine bewusste Konspiration handelt). Die Arbeit wird von ganz anderen Normen gesteuert als die Lohnarbeit, und hat völlig andere gefühlsmäßige Begleittöne. Eine Hausfrau soll sich im Prinzip unbegrenzt für das beste Wohlergehen der Familie aufopfern, unbesehen davon, was sie dafür zurückbekommen mag, und oft tut sie dies auch in der Praxis. Es gibt also eine nicht-ökonomische Motivation, die sichert, dass die Hausfrau sich unter verschiedensten gegebenen Umständen «das Leben aus dem Leib arbeitet» (zum Vorteil fürs Kapital). Hat sie gleichzeitig Lohnarbeit, ist dies kein Hindernis. Sie reduziert ihre Freizeit, um der Familie die Hausarbeit und Fürsorge zu sichern, die sie benötigt. Eine Zeitnutzungsuntersuchung auf Basis der Daten von 12 Ländern, die am Anfang dieses Kapitels referiert ist, zeigt, dass das Resultat darin bestehen kann, dass Frauen letztlich mit 10 Stunden Freizeit weniger pro Woche abschließen als Männer.

Die Arbeit der Hausfrau zur Niedrighaltung der Reproduktionskosten des Kapitals besitzt also eine Triebkraft, die praktisch gesehen unabhängig von Belohnungen und Arbeitsverhältnissen ist. Etwas derartiges ist in einer Fabrik undenkbar. Soll es mit irgendetwas verglichen werden, muss dies vielleicht die Arbeit des Bauern auf dem eigenen Stück Land sein. Die Vorstellung «für sich selbst» zu arbeiten, macht viele Bauern willig, bedeutend längere Arbeitstage und schlechtere Einnahmen zu ertragen als ein Industriearbeiter akzeptieren würde.

Die mit der Hausarbeit verknüpfte Opferideologie ist natürlich nicht lediglich eine verkehrte Vorstellung in den Köpfen der Frauen. In unserer Gesellschaft verhält es sich faktisch so, dass das Wohlergehen von Kindern und Ehemännern von der unbezahlten Arbeit von Frauen abhängig ist. Die meisten Frauen lieben ihre Kinder, und in variierendem Grad auch ihren Ehemann. Daher nehmen Frauen die doppelte Arbeitsbürde auf sich. Sie sehen, dass es notwendig ist, wenn Menschen, die sie sehr gern haben, keine Not erleiden sollen. Dieses Arrangement sichert dem Kapital eine praktisch gesehen unerschöpfliche Quelle unbezahlter Arbeit.

Aber man kann sich fragen, ob es nicht auch so ist, dass die Hausarbeit die Opferideologie erzeugt und aufrechterhält? Ich habe zuvor gesagt, dass die Frau für das Kapital ein sehr nützliches ökonomisches Tier ist. Aber dies ist abhängig davon, dass die Frau eine bestimmte psychologische Struktur aufweist. Die weibliche psychologische Struktur in unserer Gesellschaft ist geprägt von dem, was «Relationsorientierung» genannt wird: sie ist beschäftigt mit, und empfindsam für Beziehungen zwischen Menschen, und darin trainiert, die Signale, Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen zu interpretieren. Die Moralauffassung von Frauen ist mehr von der Rücksicht auf konkrete andere in ihrer nächsten Umgebung bestimmt als von abstrakten Prinzipien von richtig und falsch. Frauen haben nicht das gleiche Verhältnis zu eigenen Rechten wie Männer, zuerst sind es eine Reihe anderer Rücksichten, die genommen werden müssen. Und Frauen sind es gewohnt, Nebenpersonen in ihrem eigenen Leben zu sein.

Dies ist natürlich eine sehr grobe «idealtypische» Beschreibung der weiblichen psychologischen Struktur. Aber sie hat einen so starken Durchsatz bei konkreten, lebenden, modernen Frauen, dass es dem Kapital möglich ist, sie in der ökonomischen Rolle festzuhalten, die Frauen in unserer Gesellschaft spielen sollen.

Gibt es irgendeine andere Tätigkeit, die besser geeignet ist, eine solche psychologische Struktur einzuprägen und zu verstärken als eben die Hausarbeit? Vielleicht ist dies ein Grund dafür, dass der Umfang der Hausarbeit eine derartige Widerstandskraft gegen die technologische Entwicklung aufweist? Das Kapital benötigt die Frauen nicht lediglich, um sich die Ausführung der Hausarbeit zu sichern. Es benötigt die Ausführung der Hausarbeit möglichst auch zur Absicherung dessen, dass «der weibliche Mensch» immer wieder aufs Neue erschaffen wird, ein Mensch, der auf so vielerlei Weise nützlich ist. Wenn du von der «Fürsorgerationalität» gesteuert wirst, gibt es im Prinzip keine Grenzen für die Arbeit, die du machen musst. Es gibt keine klaren Kriterien dafür, wann jemand «genug» Fürsorge gegeben hat. In einer solchen Perspektive erscheinen auch die Erklärungen von Dag Solstad und anderen über die sinnlose und irrationelle Hausarbeit in einem neuen Licht: Die Funktion der Hausarbeit unter dem Kapitalismus besteht nicht lediglich in der Senkung der Reproduktionskosten des Kapitals. Potenziell ist sie auch ein Glied in einem fortwährend stattfindenden Sozialisierungsprozess, der der kapitalistischen Gesellschaft ständig eine Neuversorgung von unterdrückten Frauen mit der «richtigen» psychologischen Struktur sichern soll.

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