Die häusliche Gebrauchswertproduktion als warenproduzierende Arbeit zu bezeichnen, die in der Ware Arbeitskraft niedergelgt wird, wie Dalla Costa dies tut, ist ein Kunstgriff, der dem marxistischen Begriffsapparat Gewalt antut. In der «Hausarbeitsdebatte» mussten viele dieses akzeptieren. Einige machten das mit Sorge und Frustration. Hilda Scott (1984, S. 142) fasst die «Hausarbeitsdebatte» so zusammen:
«Die Hausarbeitsdebatte hat mehr ermattet als dass sie aufklärte. Das Urteil war logisch innerhalb des gegebenen Rahmens, aber jene Logik war schwer zu greifen, und wirkte irrelevant für Frauen, die es für sich ganz klar hatten, dass sowohl Ehemänner als auch Kapitalisten Nutzen aus ihrer Gratisarbeit zogen. Die Debatte enthüllte die mangelnde Fähigkeit der marxistischen Theorie, und mit ihr der radikalen Parteien, diese Seite der Wirklichkeit in sich aufzunehmen. Und sie stärkte die Überzeugung vieler sozialistischer Frauen, dass der Marxismus geschlechtsblind war. Obgleich Marx eine Beschäftigung mit der Frauenunterdrückung erkennen ließ, sah er die Welt durch die Augen der männlichen Arbeiterklasse. Es war diese Perspektive, die er an die Stelle der engen Perspektive der Unternehmerklasse setzte, die die Arbeit eher als Produktionsunkosten denn als Wert-Input (um den modernen Jargon zu benutzen) ansah. Marx weitete das Sehfeld aus, aber nicht genug, um die Ökonomie des Privatlebens zu beleuchten.»
Es ist schon richtig, dass Marx nicht so viel über die Hausarbeit schrieb. Aber Scotts theoretische Kritik wird dennoch etwas merkwürdig. Ab und zu wirkt sie fast moralisch verärgert darüber, dass die Hausarbeit im marxistischen Sinne keinen «Wert» hat. Aber es ist nicht notwendig einen neuen Wertbegriff zu erfinden, um zu zeigen, dass sowohl der Ehemann als auch der Kapitalist Nutzen aus der unbezahlten Arbeit der Hausfrau ziehen.
Die kapitalistische Warenproduktion ist nicht die einzige Form der Produktion, die in einer kapitalistischen Gesellschaft stattfindet, und die Lohnarbeit ist nicht die einzige Form der Arbeit. Es ist nichts Besonderes daran, dass die kapitalistische Warenproduktion sozusagen in einer Symbiose mit anderen Produktionsformen lebt und Nutzen daraus zieht. Das mangelnde Verständnis dafür ist etwas von dem Problem in der marxistischen Hausarbeitsdebatte gewesen. Für viele ist das Dilemma ungefähr so gewesen: Wenn wir die marxistischen Begriffe in einer strikten und orthodoxen Weise verwenden, verschwindet die Hausarbeit aus dem Sehfeld. Um die unbezahlte Arbeit sichtbar zu machen, können wir auch die Begriffe des Marxismus etwas länger strecken «als das Fell reicht». Scotts Herzbeklemmung spiegelt dieses Dilemma wider. Das Gleiche wurde auch in der Hausarbeitsdebatte hier in Norwegen deutlich. Die Zeitschrift «Materialisten» (Nr.1, 1982) arrangierte ein konfrontatives Interview zwischen Repräsentanten unterschiedlicher Auffassungen. Øystein Holter und Marianne Sætre, die Dalla Costas Auffassung verteidigten, verstrickten sich in unlösbare Knoten beim Versuch nachzuweisen, dass Hausarbeit warenproduzierende Arbeit ist. Per Lund, der sich streng an eine orthodoxe marxistische Begriffsverwendung hielt, hatte nichts Besonderes über die Hausarbeit als konkrete Wirklichkeit und Bürde für die Frauen des Kapitalismus zu sagen.
Aber die kapitalistische Warenproduktion hat immer zusammen mit anderen Formen der Produktion existiert, die auf die Bedingungen der Mehrwertproduktion eingewirkt haben. Das Kapital hat sich die anderen, nicht-kapitalistischen Produktionsformen sozusagen unterlegt und ist im Stande gewesen, ökonomischen Nutzen aus ihnen zu ziehen. Wenn man dies klar macht, wird es möglich, die ökonomische Bedeutung der unbezahlten Hausarbeit sichtbar zu machen, ohne den Begriffen des Marxismus Gewalt anzutun. Die ökonomische Bedeutung der Hausarbeit für das Kapital liegt gerade darin, dass sie Arbeit ist, die außerhalb der kapitalistischen Warenproduktion vor sich geht. Im Großen und Ganzen ist die kapitalistische Gesellschaft so organisiert, dass wir Arbeit miteinander austauschen. Anstatt dass die Leute selbst all´ die konkrete Arbeit ausführen, die zum Leben benötigt wird, geschieht das meiste in Form von kapitalistischer Produktion von Waren und Diensten. Mit unserem Lohn tauschen wir uns die Arbeit anderer ein. Der Wert der Arbeitskraft, das ist das, was wir zum Tauschen haben. Aber ein Teil Arbeit machen wir selbst, oder bekommen andere dazu es für uns zu machen, gratis. Dies ist die unbezahlte Arbeit zu Hause. Weil diese Arbeit existiert, benötigen wir weniger zum Tauschen als das, was anderenfalls notwendig gewesen wäre. Heens Analyse der afrikanischen Bäuerin, die durch den Anbau von Nahrungsmitteln den Wert der Arbeitskraft des Mannes niedrig hält, ist gerade ein Beispiel dafür. Die Arbeit der afrikanischen Bäuerin reduziert die Reproduktionskosten des Kapitals, sagt Heen, und führt das Argument über zur Gratisarbeit der Hausfrau.
Heen ist nicht die einzige, die Parallelen zwischen der Arbeit der Bauern in der 3. Welt und der unbezahlten Arbeit der Frauen im Zuhause gesehen hat. Veronika Bennholdt-Thomsen zieht einen Vergleich zwischen der Hausarbeit der Fauen und dem sogenannten «Selbstversorgungssektor» (subsistence sector) in der 3. Welt. Sowohl die Hausarbeit als auch die Arbeit im «Selbstversorgungssektor» produziert Gebrauchswerte für die direkte Konsumtion. Der «Selbstversorgungssektor» in der 3. Welt dient der kapitalistischen Warenproduktion u.a. auf folgende Weise (1984, S. 42):
«Derjenige Teil der Produktion, der direkt vom Bauern konsumiert wird, dient dazu Arbeitskraft zu reproduzieren, die dem Kapital zur Verfügung steht. Zum Beispiel ein Bauer, der periodenweise für Lohn arbeitet, verwendet einen ziemlich großen Teil der notwendigen Arbeitszeit, um Grundversorgungsmittel für den eigenen Bedarf zu produzieren. Auf diese Weise nimmt die Mehrarbeit zu, die der Kapitalist sich aneignen kann. Dies wird sehr deutlich, wenn es sich um Saisonarbeiter in der Landwirtschaft oder Niedriglohn-Arbeiter in den sogenannten Weltmarktfabriken handelt, besonders Frauen, die nicht das Existenzminimum mit ihrem Lohn abdecken können, und sich mit anderen Mitteln zusätzlich versorgen müssen, oder von Verwandten versorgt werden, die Selbstversorgungsproduktion betreiben.»
Bennholdt-Thomsens Argumentation ist also folgende: Der Arbeitstag eines Arbeiters kann in zwei Teile aufgeteilt werden: Der eine Teil geht ein in die Erschaffung von Werten, die zur Reproduktion der Arbeitskraft des Arbeiters hinreichen (plus zur vollständigen oder teilweisen Versorgung einer eventuelle Familie). Dies ist die notwendige Arbeitszeit. Der Rest der Arbeitszeit besteht aus Mehrarbeit, und die Werte, die da erschaffen werden, eignet sich der Kapitalist an. Die Mehrarbeit bildet die Grundlage für den Profit des Kapitalisten. Aber wenn ein Teil der Mittel zur Aufrechterhaltung des Lebens des Arbeiters außerhalb der kapitalistischen Warenproduktion erstellt wird, z.B. dadurch, dass er gratis Lebensmittel seiner Verwandten aus dem Selbstversorgungssektor erhält, dann kann die notwendige Arbeitszeit in der kapitalistischen Fabrik reduziert werden, und die Mehrarbeitszeit dementsprechend verlängert werden. Dies ist selbstverständlich zum Vorteil für den Kapitalisten und erhöht die Ausbeutung.
Celia Mather (1984) beschreibt, wie dieses System in der Kelompok-Region auf West-Java funktioniert. Die Löhne in der Industrie sind extrem niedrig, gewöhnlicherweise viel zu niedrig, um Kinder oder andere Verwandte zu versorgen. Die meisten Erwachsenen, die jemanden zu versorgen haben, betrachten die Löhne als hoffnungslos niedrig und unsicher (viele Arbeiter werden mit Kurzzeitverträgen oder als Saisonarbeiter eingestellt). An ihrer Stelle senden sie junge Töchter oder Söhne, oder die jüngere Schwester, in die Fabriken. Die Löhne dieser jungen Arbeiter werden sowohl von den Eltern als auch von den Arbeitgebern eher als eine Ergänzung denn als eine Haupteinnahmequelle betrachtet, selbst wenn sie auch oft die einzige leidliche regelmäßige Bareinnahme der Familie bilden, und absolut notwendig, um Waren wie Petroleum für Lampen und die Essenszubereitung, Zündhölzer und Seife zu kaufen.
Aufgrund des Selbstversorgungssektors kann das Kapital also den Arbeitern weniger bezahlen als sie zum Leben und zur Vermehrung benötigen. So werden die Reproduktionskosten des Kapitals gesenkt. Zusätzlich argumentiert Bennholdt-Thomsen damit, dass der Selbstversorgungssektor es ermöglicht, eine Reservearmee von Arbeitskräften aufrechtzuerhalten, wofür das Kapital nicht bezahlen braucht. Wenn das Kapital sie nicht benötigt, werden sie, mehr oder minder an der Hungergrenze, im Selbstversorgungssektor versorgt. Wenn der Bedarf an Arbeitskraft steigt, können sie in die Fabriken eingezogen werden.
Wie verhält es sich nun mit der Hausarbeit? Lässt sich sagen, dass es auf gleiche Weise funktioniert? Ich habe zuvor argumentiert, dass die Existenz der Hausarbeit dazu beiträgt, den Wert der Arbeitskraft niedrig zu halten, d.h. die Reproduktionskosten des Kapitals zu reduzieren. Dies geschieht, indem die notwendige Arbeit (d.h. derjenige Teil des Arbeitstages, der in die Schaffung der Werte einfließt, die den Lebensmitteln entsprechen, die der Arbeiter benötigt) abnimmt, weil ein Teil der Dienste und Produkte, die der Arbeiter von Tag zu Tag zum Leben benötigt, und um eine neue Arbeitergeneration großzuziehen, außerhalb der kapitalistischen Warenproduktion erschaffen wird, und das unbezahlt.
Es kann hinreichend auch argumentiert werden, dass die Hausarbeit, wenn sie dem Kapital [auch] nicht genau ermöglicht, eine Reservearmee von Arbeitskraft aufrechtzuerhalten, ohne sie zu bezahlen, auf jeden Fall dazu beiträgt, das System flexibler zu machen. Eine der wichtigsten Konsequenzen der Krise in der 30er-Jahren in den USA (wahrscheinlich nicht lediglich dort) für die Frauen war, dass die Hausarbeit zunahm. Wenn der Mann arbeitslos wurde, musste die Frau versuchen, so viel wie möglich von dem Einkommensverlust durch Arbeit auszugleichen: Brot backen, Kleider nähen anstatt sie zu kaufen usw. In einem Artikel über die Auswirkung der Krise auf die Frauen schreibt Milkman (1976, S. 82):
«Viele Frauen schafften es trotz geringerer Einkünfte, annäherend den vormaligen Lebensstandard der Familie aufrechtzuerhalten, indem sie Waren, die sie zuvor gekauft hatten, mit ihrer eigenen Arbeit ausglichen. Die Tendenz des vorhergehenden Jahrzents zu einer zunehmenden Warenkonsumption wurde damit gewendet. Das Einmachen und Konservieren zu Hause war so verbreitet, dass der Verkauf von Einmachgläsern 1931 höher war, als zu irgendeinem Zeitpunkt der 11 vorhergehenden Jahre. Es gab einen entsprechenden Niedergang im Verkauf von eingemachten oder konservierten Lebensmittel-Waren, der sich im Jahrzehnt von 1919-1929 verdoppelt hatte. Menschen, die noch nie zuvor in ihrem Leben genäht hatten, besuchten Abendkurse, um das Nähen zu erlernen, und nähten alte Kleider um.»
Die Beschreibung von Annas Einmachen und Konservieren, die dieses Kapitel einleitet, stammt just aus den USA jener Zeit. Anna (und sicher viele Arbeiterhausfrauen mit ihr) hatte auch einen Küchengarten. Das Anbauen von Gemüse, Kartoffeln usw. im Küchengarten bewirkte, dass der Sprung rüber in den Selbstversorgungssektor vielleicht nicht so weit war. Es kann auf jeden Fall sicher festgestellt werden, dass die Zunahme der Gratisarbeit von Frauen in Krisenperioden die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit weniger katastrophal ausfallen lässt, als wenn diese Möglichkeit, den Wegfall von Lohneinnahmen zu kompensieren, nicht bestanden hätte.