«In der feuchten Küche arbeitet Anna alleine. Mazie liegt in schwitzendem Schlaf im heißen Schlafraum. Jimmy und Jeff liegen unter dem Küchentisch. Ihre erschöpften Körper, die feuchten Haare, die sich an die verschwitzten Stirnen kleben, lassen sie wie ertrunkene Kinder aussehen. Ben schläft halbwegs, die Brust des Ärmsten arbeitet schwer, um Atem einzuhieven. Bess hat sich in einem Korb auf einem Stuhl zur Ruhe gelegt, wo Anna Wasser auf sie sprühen, und versuchen kann, ihren Hitzeausschlag mit einem Schwamm zu lindern, wenn sie quengelt. Der letzte Durchgang mit Marmelade steht auf dem Ofen. Anna rührt und schäumt und wechselt feuchte Lappen bei Ben, zwischendurch schält und schneidet sie die Pfirsiche auf, die sie konservieren soll - zwei Töpfe noch. Wenn doch nur alle zusammen eine Stunde schlafen könnten! Sie beginnt leise zu singen - ich sah ein Schiff, das fuhr - das auf dem Meere fuhr - dadurch wird sie klarer im Kopf. Das Surren der Fliegen und Bens schwerer Atem sind sehr deutlich wahrnehmbar in der schweren, stillstehenden Luft. Bess beginnt wieder zu quengeln. So, so Bessie, so, so, sie stoppt, um mit dem Schwamm über die eiternden Wunden auf dem kleinen Körper zu streichen. So, so. Aufschäumen, rühren, Wasser über Bess rieseln lassen, schälen und schneiden, mit dem Schwamm streichen, schäumen, rühren. Jede Sekunde ist die Marmelade jetzt fertig und kann nicht warten. Soll sie Jimmy wecken und ihn bitten, auf eine Feder zu pusten um Bess ruhig zu halten? Nein, er wird aufwachen und mürrisch sein, er ist selbst nur ein Baby, lass ihn schlafen. Schäumen, rühren, Wasser spritzen, feuchte Lappen bei Ben wechseln, schälen und schneiden, mit dem Schwamm streichen. Diesmal lindert es nicht - Bessī Körper wird steif, sie ballt die Fäuste, beginnt aus Verzweiflung zu heulen, just in dem Moment, wo die Marmelade kocht. Es bleibt nichts anderes zu tun, als Bess hochzunehmen, sie auf die Hüfte zu platzieren (so, so), und mit der einen freien Hand frenetisch zu schäumen und zu gießen. Das Gefäß wird komplett gefüllt, mit einem Korken geschlossen und versiegelt, alles mit einer Hand und Bess auf der Hüfte. Annas Knie beginnen zu zittern. Nein, sie wagt es nicht, sich hinzusetzen. Du weißt, wenn du dich hinsetzt, wirst du es niemals schaffen, wieder aufzustehen. Eines der Marmeladegläser ist geplatzt, es tropft auf den Boden, muss aufgewischt werden und Bess muss weiterhin getröstet werden. Pscht!, pscht!, du weckst alle, die schlafen, so, so, sie setzt sie auf die andere Hüfte, streicht wieder mit dem Schwamm über sie, und streicht auch über ihr eigenes verschwitztes Gesicht. So, so, armes Baby. Die Zärtlichkeit vermischt sich mit Erschöpfung und dem überwältigenden Drang, fertig zu werden, Bess auf den Hofplatz rauszusetzen, wo sie außer Hörweite heulen und heulen kann, damit Anna frei sein kann, sich mit fließendem Wasser zu besprengen, die Konservierung und die Kinder zu vergessen, und in einen Stuhl niederzusinken, die Stirn auf den Tisch zu legen und gar nichts mehr zu tun.»
Tillie Olsens Schilderung der Hausarbeit der Arbeiterfrau Anna in den USA der 30er-Jahre (Yonnondio, 1980) kann jeden in die Erschöpfung treiben. Die von ihr geschilderte Situation, wo das Einmachen und Konservieren gleichzeitig erledigt werden soll, während kranke und klagende Kinder den größten Teil der Aufmerksamkeit erfordern, besitzt eine eigene, zehrende Qualität, die speziell für die Arbeit im Haushalt gilt. Moderne Frauen mit wenigen Kindern in relativ pflegeleichten Haushalten, die niemals in der gleichen Weise schwer arbeiten mussten wie Tillie Olsens Anna, kennen sich dennoch in genau diesem wieder.
Frauen lebten, und leben, mit der Hausarbeit als einem höchst spürbaren Teil ihres Lebens. Aber dieser Teil des Lebens hat keinen wichtigen Platz in der ökonomischen und politischen Theorie eingenommen. Auch nicht im Marxismus, der gerade eine Theorie ist, die die Arbeit und das Schicksal der Arbeit in der kapitalistischen Ausbeutergesellschaft analysiert. In «Yonnondio» verlaufen am Schluss des Buches zwei Szenen parallel: Die eine ist die Schilderung von Annas Einmachen und Konservieren, die ich oben wiedergegeben habe. Die andere beschreibt die harte Arbeit von Annas Mann, Jim, in dem großen Schlachthaus, wo er arbeitet. Der Marxismus hat sich für Jim im Schlachthaus interessiert, aber weniger für Anna in der Küche.
Die neue Frauenbewegung führte mittlerweile dazu, dass neue theoretische Probleme auf die Tagesordnung gesetzt wurden, auch von Marxisten. Eines dieser Probleme drehte sich um die Hausarbeit: Wie sollte die unbezahlte Haus- und Fürsorgearbeit innerhalb eines marxistischen Begriffsapparates platziert werden? Welche Rolle spielte die Hausarbeit für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Produktionsweise? Und was bedeutete die Hausarbeit (die in aller Regel von Frauen ausgeführt wird) für die klassenmäßige Stellung der Frauen und ihre Rolle im Klassenkampf?
Für solche Fragen hatten männliche Marxisten selten ein tiefes Interesse gezeigt. Dies sagt etwas darüber aus, wie wahr die These des Marxismus ist: Es ist unser gesellschaftliches Sein, das unser Bewußtsein bestimmt, und nicht umgekehrt. Die Hausarbeit war kein zentraler Teil des gesellschaftlichen Seins von Männern, Marxisten oder nicht.
Für Frauen war und ist das anders. Sicherlich gibt es zwischen dem, womit sich die heutigen Frauen und ihre Großmütter abmühen mussten einen großen Unterschied. Dennoch haben die Industrialisierung und der technologische Fortschtritt eine erstaunlich geringe Einwirkung auf den Umfang der Hausarbeit gehabt. Tillie Olsen klagt in dem Buch «Silences» (1980) über «eine qualvoll langsame Abschaffung dieser technologisch und sozial veralteten, menschenabnutzenden Plackerei», und sie beobachtet, dass Atombomben vor der ersten automatischen Waschmaschine produziert wurden. In einem Werk über die Geschichte der Hausarbeit in Norwegen schreiben Avdem und Melby (1985, S. 182):
«Die Geschichte der Hausfrau ist voll von Zweideutigkeiten und Widersprüchen. Bereits Eilert Sundt bemerkte dies, als er um 1850 herum Rundreisen durchs Land unternahm und spannende Veränderungen im Hausarbeitsleben feststellte: «Kein Vorteil in einerm Bereich, ohne Verlust in einem anderen, kein Fortschritt in der Hausarbeit, ohne dass es kostet,» fasste er zusammen. Selbst an Erleichterungen knüpfen sich Zweideutigkeiten an. Es ist offensichtlich, dass die Hausarbeit heute eine geringere physische Plackerei als vor über einhundert Jahren erfordert. Aber mit den Erleichterungen neigt gleichzeitig die Anforderung an den Standard (der Hausarbeit) dazu, sich zu erhöhen. Die Hausfrau und Mutter hat heute weniger Kinder, muss aber größeren Anforderungen hinsichtlich der Fürsorge und Pflege jedes einzelnen von ihnen gerecht werden. Sie hat einen leichten Zugang zu warmem Wasser und Seife, hat einen pflegeleichten Fußboden und begrenzten Platz, aber die Anforderungen an die Reinhaltung sind gewachsen. Das Essen ist leichter zu beschaffen, und die Zubereitung vollzieht sich in praktischen und pflegeleichten Küchen, aber die Hausfrau von heute wird mit Anforderungen einer abwechslungsreichen Kost und komplizierten Gerichten konfrontiert, die den Hausfrauen und Müttern im 18. Jahrhundert unbekannt waren.
Veränderungen stehen an zentraler Stelle in der Geschichte der Hausarbeit. Die Geschichte, der wir gefolgt sind, kann als eine Illustration der ökonomischen Entwicklung angesehen werden, die das Land von einer Bauerngesellschaft hin zu einer modernen Industriegesellschaft durchlaufen hat, aber wir können gleichzeitig. trotz durchgreifender Gesellschaftsveränderungen, Grundzüge einer Stabilität erkennen. Die Arbeit wird innerhalb jedes einzelnen Haushaltes ausgeführt, und dies setzt Begrenzungen hinsichtlich der Mechanisierung und Effektivierung. Die Fürsorge, die praktische und gefühlsmäßige Verwaltung einer Familie, kann schwerlich rationalisiert werden. Die Tendenz ist, direkt entgegengesetzt, eine andere: Für diejenigen Hausfrauen und Mütter, die genug Zeit haben, nehmen die Aufgaben den Platz ein, der zur Verfügung steht. Die Arbeit erscheint unendlich und unrationalisierbar, und die Zeit bestimmt die Arbeit, und nicht umgekehrt.»
Auch für die Hausfrauen und Mütter, die nicht «genug Zeit» haben, sondern in entlohnter Arbeit stehen, nimmt die Hausarbeit einen großen Teil des Tages ein. Eine Zeitnutzungsuntersuchung von 1975, basierend auf den Daten von 12 Ländern (Belgien, Bulgarien, Tschechoslowakei, Frankreich, West-Deutschland, Ost-Deutschland, Ungarn, Peru, Polen, USA, Sowjetunion und Jugoslawien) ergibt folgendes Bild (Women, a world report, 1985, S. 4): Die von der Untersuchung einbezogenen Männer in Lohnarbeit arbeiteten durchschnittlich 49 Stunden in der Woche. Sie führten 11 Stunden Hausarbeit aus und hatten 34 Stunden Freizeit. Frauen in Lohnarbeit arbeiteten durchschnittlich 40 Stunden in der Woche. Die Hausarbeit betrug 31 Stunden, und sie hatten 24 Stunden Freizeit. Nicht-berufstätige Hausfrauen und Mütter standen eine Stunde in der Woche in Lohnarbeit. Sie verwendeten 56 Stunden für die Hausarbeit und hatten 33 Stunden Freizeit. Nationale Untersuchungen, die einige Zeit später durchgeführt wurden, wiesen keine dramatischen Änderungen dieses Bildes auf. Scott (1984, S. 67) verweist auf Heidi Hartmann, die 1981 die jüngsten Zeitnutzungsuntersuchungen zusammenfasste. Sie schlussfolgerte, dass die Frauen ca. 70% der Arbeit im Hause erledigen, die Männer 15% und die Kinder den Rest. Die Frau ist weit überwiegend für die Erziehung der Kinder zuständig, der Beitrag des Mannes ist, unabhängig von der Größe der Familie ungefähr gleichbleibend und nimmt, selbst wenn seine (Ehe-) Partnerin eine Lohnarbeit annimmt nicht wesentlich zu. Eine Frau, die sich nicht in Lohnarbeit befindet, führt mindestens 40 Stunden Hausarbeit in der Woche aus, 30 Stunden, wenn sie einen Job ausübt. Zeitnutzungsuntersuchungen aus Ländern wie Schweden und Norwegen weisen ungefähr das gleiche Bild auf. 1980-81 verwendeten Frauen durchschnittlich 4,8 Stunden pro Tag für die Arbeit zu Hause, Männer 2,2 Stunden.
Solche Zahlen geben eine grobe Übersicht: sie zeigen, dass es sich um enorme Arbeitsmengen handelt, und um Arbeit, die weit überwiegend von Frauen ausgeführt wird. Aber es kann schwierig sein, das, was sich eigentlich hinter den Zahlen verbirgt, zu deuten. Die Methode bei solchen Untersuchungen ist für gewöhnlich das Frageschema. Was als Ergebnis raus kommt, wird weitgehend von der Art der Konstruktion der Fragen bestimmt. Einige Kategorien sind relaiv leicht zu definieren: Mittagessen zubereiten, Abwaschen, Aufräumen, Fußboden feudeln, den Einkauf erledigen. Aber wie wird die «Arbeit mit Kindern» definiert? Die norwegische Zeitnutzungsuntersuchung von 1970-71 zeigte z.B., dass in Familien, wo das jüngste Kind unter sieben Jahre alt war, Männer durchschnittlich 20 Minuten täglich für die Arbeit mit Kindern verwendeten, Frauen durchschnittlich so etwa knapp zwei Stunden. Ein Resultat, das Verwunderung hervorruft. Wo waren die Kinder den Rest der Zeit? Lasst uns zurück zu Anna am Anfang dieses Kapitels gehen. Sie kocht ein, konserviert, betreibt jedoch gleichzeitig eine ziemlich umfassende «Arbeit mit Kindern», weil die anwesend sind, getröstet werden müssen und Rücksicht auf sie genommen werden muss, besonders weil sie krank sind (dass gesunde Kinder mindestens die gleiche Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen können, wissen alle, die Kleinkinder gehabt haben). Was wäre gewesen, wenn Anna nicht eingemacht und konserviert, sondern sich hingesetzt hätte, um ein Buch zu lesen, während sie also gleichzeitig Bess mit einem nassen Schwamm gestrichen, und feuchte Lappen bei Ben gewechselt hätte? Wäre das «Freizeit» gewesen oder «Arbeit mit Kindern»? Ist es «Arbeit mit Kindern» oder Freizeit, wenn man sich sein Lieblingsprogramm im Fernsehen anschaut, während man auf dem Fußboden sitzt und seine halbe Aufmerksamkeit darauf verwendet, einen Lego-Turm zusammen mit einem fünfjährigen zu bauen? Sehr viel vom Leben von Frauen (und einigen Männern) ist so: So lange die Kinder anwesend sind, wird die Aufmerksamkeit geteilt, ein Teil von ihr ist immer bereit, auf Signale des Kindes/der Kinder zu antworten. Mutter sein, sagt Tillie Olsen (Silences, 1980), bedeutet die ganze Zeit über gestört werden zu können.
Es ist also schwierig, ganz sicher zu wissen, was sich hinter den Zahlen der Zeitnutzungsuntersuchungen verbirgt. Aber es steht fest, dass die unbezahlte Arbeit zu Hause einen gewaltigen Umfang hat. Dass dies nicht früher größeres Interesse hervorgerufen hat, sagt etwas über die Stärke aus, die das Unsichtbarmachen von Frauen in unserer Gesellschaft aufweist.
Als die neue Frauenbewegung die Hausarbeit als ein politisches Thema aufgriff, geschah dies vorrangig auf der praktischen Ebene: Es wurden Forderungen nach gesellschaftlichen Angeboten gestellt (besonders Kindergärten), die die Frauen entlasten konnten, und es wurde gefordert, dass die Arbeit zu Hause zwischen Frauen und Männern gleichermaßen aufgeteilt werden sollte. Letzteres veranlasste eine Reihe von Männern zu der Behauptung, dass Hausarbeit eine Art Pseudoarbeit sei: unrationelle und unnötige Arbeit, die vorrangig der Befriedigung des neurotischen Dranges der Frauen diene, sich als gute Mütter und Hausfrauen zu fühlen (für eine humoristische Darstellung dieses Gesichtspunktes, s. Dag Solstad, Klassekampen11 v. 24.12.1986). Solche Argumente können Verschiedenes für sich haben. Aber als eine gesellschaftliche Analyse der Bedeutung von Hausarbeit für die kapitalistische Produktionsweise, können sie sich selbstredend nicht messen lassen. Die Erklärung für den enormen Umfang und die zum Verzweifeln gereichende Überlebensfähigkeit der Hausarbeit muss in anderen Verhältnissen gesucht werden als in der rätselhaften Psyche der Frau.
(11) Klassekampen = Der Klassenkampf, überregionale Tageszeitung («Tageszeitung der Linken»), Internetpräsenz: www.klassekampen.no