Das andere Verhältnis, das auf den Wert der Arbeitskraft von Frauen einwirkt, ist die Organisierung der Gesellschaft in Familien. In den Vorgang des «Produzieren(s) der Ware Arbeitskraft» geht auch das Erziehen einer neuen Generation von Arbeitern und Arbeiterinnen ein, die die jetzige erstatten kann, wenn sie abgenutzt ist. Der Wert der Arbeitskraft muss also auch dasjenige umfassen, was zur Versorgung einer Familie erforderlich ist.
Im Großen und Ganzen ist es der Mann, der der Hauptversorger gewesen ist. Andere Familienmitglieder hatten Lohnarbeit in variierendem Grad gehabt. Aber deren Lohn ist immer als ein Zuschuss zum dem angesehen worden, was ein Hauptversorger verdienen konnte. Der Wert der Arbeitskraft der Familienmitglieder insgesamt soll groß genug sein, um die Familie zu versorgen. Arbeiten mehrere, sinkt der Wert der Arbeitskraft jedes einzelnen.
Der niedrige Frauenlohn spiegelt das Muster mit dem Mann als Hauptarbeitskraft und der Frau als Zusatzarbeitskraft wider. Ein Frauenlohn ist eine «Lohnergänzung», die ein männliches Familienoberhaupt mit vollem Lohn voraussetzt. Sich selbst und Kinder auf Grundlage eines Frauenlohnes zu versorgen, ist praktisch gesehen nicht möglich. Es ist auch nicht beabsichtigt, dass dies möglich sein soll.
Viele Frauen sind dennoch darauf verwiesen, das zu schaffen, was eigentlich nicht möglich ist. Zufolge des Heftes «Frauen der Welt - eine Übersicht» von Ruth Leger Sivard (1986) sind Frauen Alleinversorgerinnen in und für 1/4 bis 1/3 aller Familien der Welt (nicht alle dieser Frauen stehen in Lohnarbeit). Der Anteil weiblicher Alleinversorger variiert von rund der Hälfte in einzelnen Ländern (z.B. einige lateinamerikanische Länder) bis rund 10% in einem Teil der westeuropäischen Länder. Gemeinsam ist den weiblichen Alleinversorgerinnen in der ganzen Welt inzwischen, dass sie den ärmsten Schichten ihrer Gesellschaften angehören.
Dass die Gesellschaft in Familien organisert ist, mit einem Mann als «Oberhaupt», ist nicht etwas Naturgegebenes. Es ist ein gesellschaftlich und historisch bestimmtes Verhältnis, das den Wert der weiblichen Arbeitskraft beeinflusst. Da der Mann historisch gesehen die Rolle als «Hauptversorger» gespielt hat, ist die Frau aus Sicht des Arbeitsmarktes teilweise versorgt und jedenfalls nicht Versorger. Der Mann erhält eine geschlechtsbestimmte Zulage zum Lohn (oder die Frau einen geschlechtsbestimmten Abzug) auf Grundlage der Rollen, die die zwei Geschlechter in der Familie als privates Versorgungssystem spielen.
Das «historische und moralische Element» des Wertes der Arbeitskraft, das weibliche Arbeiter billiger als männliche macht, besteht also aus zwei Verhältnissen: Zum Ersten aus dem Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern, das «den größten Bissen für Vater» sichert. Zum Zweiten aus der Organisierung der Gesellschaft in Familien, mit dem Mann als Hauptversorger und der Frau als «Zusatzarbeitskraft». Zusammen macht dies «den weiblichen Menschen» zu einem Typ besonders billiger Arbeitskraft für das Kapital.