Kjersti Ericsson

VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE

Schwestern, Genossinnen! kam zum ersten Mal im Jahre 1987 heraus, ist also vor bald 20 Jahren geschrieben worden. Vieles ist in diesen Jahren in der Welt geschehen, nicht zum wenigsten auf ideologischem Gebiet: Wir haben den Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt, der zur endgültigen Niederlage des Sozialismus erklärt wird. Die USA haben die Position als einzige Supermacht eingenommen. Während antiimperialistische Befreiungsbewegungen in den 60er- und 70er-Jahren oft marxistisch inspiriert waren, spielen jetzt religiöse Strömungen eine bedeutende Rolle im Widerstandskampf.

Ideologisch ist der Marktliberalismus in großen Teilen der Welt in der Offensive. Es wird versucht, den Kapitalismus als die einzig mögliche und «natürliche» Gesellschaftsordnung darzustellen, und Alternativen werden entwertet. Wir bekommen zu hören, dass wir in einer «postindustriellen» Epoche leben und dass es die Arbeiterklasse nicht mehr gibt.

Innerhalb des Feminismus ist Skepsis gegenüber kollektiver Organisierung zu spüren. Es wird befürchtet, dass wir, wenn wir Gewicht auf Gleichheit und gemeinsame Interessen zwischen Frauen legen, im Grunde sagen, dass es eine «wahre» Frau, eine «authentische» Frau gibt. Die Vorstellung von einer «wahren» Frau ist aber eine patriarchale Konstruktion. Kollektive Organisierung wird in einer solchen Perspektive gefährlich - organisieren wir uns da nicht auf der Grundlage der Vorstellung des Patriarchats über uns, und tragen wir damit nicht dazu bei, das zu bewahren, was wir bekämpfen wollen? Rennen wir uns nicht in einem «Weiblichkeitsdiskurs» fest, während das, was wir lieber tun sollten, die «Destabilisierung» und Sprengung dieses Diskurses wäre, durch das Auftreten auf tausend sonderbare und unkonventionelle Weisen?

Welche Bedeutung kann ein Buch über Frauenkampf und Klassenkampf haben, das auf einer marxistischen Grundauffassung aufsetzt, in einer Zeit, wo kollektive Frauenorganisierung mit Misstrauen betrachtet wird, wo es die Arbeiterklasse «nicht mehr gibt» und der Kapitalismus zum endgültigen Sieger der Geschichte ausgerufen wird?

Ein solches Buch kann Bedeutung haben, weil Klassenkampf, Frauenkampf und Alternativen zum Kapitalismus weiterhin auf der Tagesordnung stehen, ungeachtet vorherrschender ideologischer Winde. In Gesellschaften «ohne Arbeiterklasse» gibt es harte Klassenkonflikte. Die Arbeiterklasse kämpft gegen harte Angriffe auf ihre Arbeits- und Lebensbedingungen, ihre gewerkschaftlichen und demokratischen Rechte. Gewalt und Übergriffe gegen Frauen sind verbreitet. Wohlfahrtsregelungen, von denen nicht zuletzt die Frauen abhängig sind, stehen unter starkem Druck. Sie lassen sich ohne kollektive Organisierung und Kampf nicht verteidigen. Und soziale Bewegungen erklären, dass «eine andere Welt möglich» ist, weil der Gedanke daran, dass die heutige Welt das Endergebnis der Geschichte sein soll, unerträglich ist.

Also sind Debatten über Analysen und Strategien weiterhin notwendig. Dieses Buch ist ein Beitrag für eine solche Debatte. Es versucht eine Analyse wichtiger Aspekte der Frauenunterdückung im Kapitalismus zu geben. Eigene Kapitel behandeln Strategien für den Frauenkampf, mit Schwerpunkt auf dem Verhältnis der Frauenbewegung zur Arbeiterbewegung. Das Buch erörtert auch, was erforderlich ist, um einen «frauenfreundlichen» Sozialismus zu erschaffen. Der Text ist identisch mit dem Originaltext von 1987. Einen Teil würde ich heute schon anders schreiben. Zum Beispiel glänzt eine ökologische Perspektive durch Abwesenheit. Gleichwohl enthält das Buch viele Analysen und Standpunkte, die von der Zeit auf keine Weise überholt worden sind, und sie präsentieren wichtige Perspektiven, die in der heutigen Debatte vielleicht etwas (zu) weit in den Hintergrund geraten sind und es verdienen, wieder nach vorne geholt zu werden.

Die These dieses Buches ist, dass die Bedeutung des Kampfes für die Frauenbefreiung in den Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung und in den antiimperialsitischen Befreiungsbewegungen grob unterschätzt worden ist. Damit tragen solche Parteien, Organisationen und Bewegungen ein konservatives und gesellschaftserhaltendes Element mit sich herum, das es ihnen schwierig macht, wirklich befreiend zu funktionieren.

Sowohl das Verhältnis der revolutionären als auch der reformistischen Arbeiterbewegung zu den Frauen und dem Frauenkampf ist traditionell tief greifend zweideutig gewesen. Dies ist auch heute spürbar, sowohl in der Politik und Kultur der Arbeiterparteien als auch der Gewerkschaftsbewegung. Einerseits ist die Frauenbefreiung das Ziel gewesen. Auf der anderen Seite ist die Frau als Arbeiterin als eine Problem für die «eigentliche» (männliche) Arbeiterklasse angesehen worden und als eine marginale Teilnehmerin am Klassenkampf. Die Frauen der Arbeiterklasse sind ständig ermahnt worden, gegen «die Gesellschaft» zu kämpfen, aber nicht gegen «den Mann». Beschuldigungen hinsichtlich eines «bürgerlichen Feminismus» saßen lose, wenn die Männer der Arbeiterbewegung ihre Interessen bedroht sahen. Die Frauen sind auch der Bedrohung der «Einheit der Arbeiterklasse» angeklagt worden, wenn sie Forderungen gestellt haben, die über das hinausgingen, was ihre männlichen Klassengefährten zu akzeptieren bereit gewesen waren. In der Praxis ist den Frauen in vielen Fällen eine Klassensolidarität abverlangt worden - auf dem Boden der Frauenunterdrückung. Die Forderung, den Kampf nicht gegen die Männer zu richten, hat als eine ziemlich effektive Herrschaftstechnik fungiert.

Aber es ist nicht möglich, gegen «die Gesellschaft» zu kämpfen, ohne gegen «die Männer» zu kämpfen, wenn wir von einer Gesellschaft reden, die in ihrer Grundstruktur selbst tief von dem Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern geprägt ist, und wo selbst der machtloseste Mann aufgrund seines Geschlechts Privilegien besitzt. Männer haben einige handfeste Gründe, diese Gesellschaft zu verteidigen, die Frauen nicht haben. Ein wirklich radikaler Kampf gegen den Kapitalismus, für die Interessen der ganzen Arbeiterklasse ist nicht möglich, ohne zum Angriff auf die Frauenunterdrückung überzugehen.

Frauen machen auch einen ständig größeren und wichtigeren Teil der berufstätigen Arbeiterklasse aus. Sie müssen ihre eigenen Strategien und Kampfformen entwicklen. Die Frauen der Arbeiterklasse müssen als Frauen kämpfen - ausgehend von einem doppelten Bewusstsein. Dies bedeutet auch einige Herausforderungen für ihre männlichen Klassengefährten: Gewiss ist Solidarität zwischen den Arbeiter/inne/n notwendig, aber nicht auf der Grundlage der Frauenunterdrückung. Die Verhältnisse zwischen Geschlecht und Klasse und zwischen Arbeiterbewegung und Frauenbewegung stellen Fragen dar, die heute sowohl theoretische und politische als auch organisatorische Lösungen erfordern.

Die Kapitel über den Sozialismus werden wohl heute als mit Mängeln behaftet empfunden werden, und sie enthalten Behauptungen, die zum Widerspruch reizen werden. Vielleicht können sie gleichzeitig als eine Inspiration für eine Diskussion darüber dienen, wie die Prämissen von Frauen «eine andere Welt» prägen können? Ein Gesichtspunkt aus diesen Kapiteln ist nach meiner Auffassung sehr wichtig: Die Frauenperspektive muss in Bewegungen präsent sein, die für soziale Veränderung und «eine andere Welt» kämpfen - andernfalls werden alte, Frauen unterdrückende Strukturen in dem Neuen weitergeführt und dazu beitragen, das, was neu ist, zu untergraben.

Ich, die dieses Buch geschrieben hat, komme aus Norwegen, einem kleinen, reichen Land an Europas nördlichstem Rand. Von dort beziehe ich meine Praxis, in der Frauenbewegung, in der Gewerkschaftsbewegung und in einer revolutionären Partei. Es sind die Verhältnisse in Norwegen, mit denen ich direkte, persönliche Erfahrung habe. Kann ein solches Buch irgendeine Botschaft für Frauen (und Männer!) in anderen Gegenden der Welt haben? Ja, das glaube ich. Zum Ersten beruht das Buch nicht lediglich auf eigenen Erfahrungen. Es beruht auch auf Theorie und Literatur von vielen anderen Gesellschaften als der norwegischen. Zum Zweiten hat die englische Ausgabe des Buches (die 1993 erschien) sich als von Interesse für politisch aktive Frauen (und Männer!) erwiesen, sowohl in Europa, USA, Asien als auch Afrika. Es liegt jetzt auch in spanischer Sprache vor (2001). Zum Dritten kann dieses Buch eine Inspiration für andere Frauen sein, ihre eigenen Erfahrungen zu systematisieren und ihre eigenen Analysen zu erstellen.

Die Gesellschaften, die als Ergebnis des Kampfes der Menschen entstanden, sich vom Kapitalismus und Imperialismus zu befreien, sind zusammengebrochen. Viele von ihnen hatten sich bereits vor langer Zeit von den Träumen und Idealen derjenigen entfernt, die für sie kämpften. Im Kühlwasser dieser Zusammenbrüche erfolgen Proklamationen über den «Tod des Sozialismus». Der Totenschein des Sozialismus wird ausgestellt, während gleichzeitig die Konsequenzen des imperialistischen Weltsystems mit erschreckender Deutlichkeit hervortreten: Die Machthaber in der Supermacht USA streben völlig offen nach der Weltherrschaft, und scheuen fast kein Mittel in diesem Kampf. Der stille, ökonomische Völkermord an den Ärmsten im Süden nimmt an Umfang zu. Die Lebensbedingungen auf der Erde werden in einem Tempo verwüstet, das wir kaum zur Kenntnis zu nehmen vermögen. Immer mehr Menschen im Westen haben Furcht vor der Entwicklung in ihren eigenen Gesellschaften, und spüren die Unsicherheit am eigenen Leibe stärker als je zuvor seit dem 2. Weltkrieg.

Die Aufgabe besteht weiterhin, auch wenn es kein Fazit gibt: die Menschheit vom Kapitalismus und Imperialismus zu befreien. Wenn die Antworten früherer Zeiten sich an vielen Punkten als ungültig erwiesen haben, so ist die Fragestellung weiterhin gültig. Sie erfordert neue Antworten. Das Hervorbringen von Antworten und Lösungen muss notwendigerweise ein kollektiver Prozess sein, in dem meine Stimme ein Beitrag auf dem Weg ist. Meine Hoffnung ist, dass dieses Buch anderen Lust macht, ihre Stimmen hören zu lassen!

Oslo, im August 2004