Claus Olsen


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Hürup

Peter Jensen Ausacker beschrieb den Kreisleiter des Kreises Flensburg-Land Claus Hans nach Kriegsende als einen "aktiven Nazi der übelsten Sorte" und den "böse Geist des Kreises", der die Bauern und Arbeitgeber aufzuhetzen versuchte, die polnischen Arbeiter schlecht zu behandeln. Dieser "Totengräber Deutschlands" sei ein übler Kriegshetzer gewesen, der nicht vor nazistischen Terrormethoden zurückgeschreckt und seine untergebenen Ortsgruppenleiter unter stetem Druck gehalten habe, Taten auch gegen ihren Willen zu begehen.   Der Kreisleiter, der gleichzeitig stellvertretender Landrat des Kreises Flensburg – Land war, mischte sich sogar in einem Fall persönlich in die Ermittlungen ein. Das war in Hürup. Ein Hüruper Mädchen hatte sich mit einem Ukrainer aus Weseby angefreundet. Sie hatte sich, so wurde erzählt, erkundigt, ob sie den Ukrainer heiraten dürfe, was ihr zunächst zugesichert worden sei, später aber widerrufen wurde. 

Mehrere Gestapo-Beamte aus Flensburg erschienen bei dem Ukrainer in Weseby. Andere nahmen das Mädchen fest und brachten es zum Büro des Amtsvorstehers und Ortsgruppenleiters Johannes Metzger, das sich im Wohnhaus auf dessen Hof hinter der Hüruper Meierei befand. Der Kreisleiter Hans kam zum Verhör des Mädchen hinzu. Das Mädchen gab zu, mit dem Ukrainer befreundet zu sein. Der Kreisleiter fuhr dann weiter zum Hof in Weseby, wo Gestapo – Beamte aus Flensburg den Ukrainer festgesetzt hatten. Nach dem Verhör wurde der Beschuldigte von der Gestapo abgeführt.

Währenddessen hatte bereits ein besonderes Spektakel vor der Hüruper Meierei seinen Lauf genommen. Ein grob gefegtes Pferdefuhrwerk war von einem Soldaten angespannt worden und stand bereit. Christine E. wurde vom Hof des Amtsvorstehers Metzger zur Meierei geführt. Der ursprüngliche Plan sah vor, daß Frau D., die Hebamme, dem Mädchen dort die Haare schneiden sollte. Als sie sich weigerte, meldete sich der SA-Mann Christian Sommer aus Tarup, der fortan einen Spitznamen hatte: "De Haaresnieder"  Dem Mädchen wurde ein widerliches Schild umgehängt mit der Aufschrift: "Diese Drechsau hat mit einem Polen geschlechtlich verkehrt".  Eifrige Zuschauer fotografierten.

Zwei Hitlerjungen hielten die Tiere am Zügel. Denn gleich sollte der Spießrutenlauf beginnen. Alle Schüler der Hüruper Schule hatten schulfrei und waren mit dabei. Mit Glocken vorweg und Fahrradgeklingel ging der seltsame Umzug los. Die SA-Fahne trug J., den man statt eines eingezogenen SA-Mannes ausgewählt hatte, der aber selbst später berichtete, wie unwohl er sich dabei gefühlte hatte. Vorweg mit einer Glocke ging der SA – Mann Thomas J.

Es wurde überall an den Häusern geklingelt, doch viele wollten sich nicht an diesem schrecklichen Schauspiel beteiligen. Der Zug setzte sich in Bewegung und kam auch am Hüruper Pastorat vorbei. Der dortige Pastor Rösinger gehörte der bekennenden Kirche an, was ihm erhebliche Schwierigkeiten und ein Verfahren wegen "Heimtücke" vor dem Sondergericht Kiel einbrachte, weil er bedauert hatte, 1933 Adolf Hitler gewählt zu haben.  Auch am Pastorat wurde geklingelt, obwohl einige meinten, man sollte doch lieber vorbeigehen. Die Pastorenfamilie kam nicht an die Straße. "Das war unser bescheidener passiver Widerstand," erinnert sich Frau Kirsch, die Pastorentochter.

Währenddessen war der Kreisleiter wieder beim Umzug aufgetaucht und hielt eine Rede an die Dorfbewohner, die zur Teilnahme gezwungen worden waren. Er erklärte, daß das Mädchen mit einem Bauernsohn aus Angeln verlobt sei. Diesem sei sie in den Rücken gefallen, während er die Heimat schütze, indem sie mit "dem Feind" intim geworden sei. 

Diese Versammlung genoß Hans, während Metzger, der Ortsgruppenleiter, im Hintergrund blieb. Auch er hätte sicherlich gerne zum Volk gesprochen. Doch er war kein guter Redner und wohl sonst auch kein besonders heller Kopf. Wenn er doch einmal reden mußte, was ihm sein Kreisleiter aufgeschrieben hatte, las er sorgfältig vom Blatt. Dabei achteten alle auf sein "bitte wenden", wenn er am Ende der Seite angekommen war und amüsierten sich heimlich über ihn . Eigene Ideen hatte er keine, dafür war er um so mehr bemüht, seinem Kreisleiter alles recht zu machen. Was man ihm auftrug, wollte er wenigstens genau in die Tat umsetzen.

Der Zug bewegte sich von Hürup nach Weseby zum Hof, wo der Ukrainer gearbeitet hatte. In Maasbüll in der Gastwirtschaft von Hermann J. kehrten die Herren vermutlich ein, um sich eine Stärkung zu genehmigen, während die 22jährige auf dem Wagen sitzen bleiben mußte, wie einige Dorfbewohner später zu berichten wußten.

Zur gleichen Zeit wurde auch ein weiterer Pole festgenommen und verschwand, weil er angeblich mit einem weiteren Hüruper Mädchen befreundet gewesen sein soll. Auch diesem Mädchen wurden zu einem späteren Zeitpunkt in einer Toreinfahrt die Haare abgeschnitten. Die beiden Mädchen wurden vom Landgericht Flensburg jeweils zu einer längeren Haftstrafe verurteilt, die sie im Flensburger Gefängnis verbüßen mußten. Zu ihrer Arbeitsstelle bei der Näherei Kösel wurden sie jeden Morgen unter Bewachung von Gefängnisbeamten gebracht. Beide Mädchen haben diese Schmach nie überwunden.

Der Verbleib der beiden Kriegsgefangenen ist bisher ungeklärt. Sicher ist nur, daß sie nicht in Hürup hingerichtet wurden. Der inzwischen verstorbene Hansen schreibt in seinen Lebenserinnerungen, daß einer der beiden eines Sonntagmorgens in Tarup beim Kriegsgefangenenlager im alten Bahnhof der Kreisbahn an einem Baum erhängt worden sei.  Diese Aussage könnte durchaus richtig sein. Das Gelände hinter dem 1998 abgerissenen Gebäude ist ansteigend, während der Bahnhof eine Einsicht von der Straße unmöglich macht. Sehr wohl könnte dort 1941 eine Hinrichtung stattgefunden haben, von der die Bevölkerung nichts erfuhr. Sicher ist nur, daß der Ukrainer ermordet wurde. Das hat die Kripo Flensburg nach dem Krieg ermittelt. Nur ist es seltsam, daß sie bei ihren Ermittlungen nicht die einfachsten Regeln beachtete, die auch einem Laien sofort einleuchten. Bei einem Kapitalverbrechen, noch dazu einem gegen die Menschlichkeit, wird normaler solange ermittelt, bis wenigstens der Tatort und der Tatzeitpunkt klar sind. Die Kripo-Beamten hätten es sogar besonders leicht gehabt, sie hätten nur ihren ehemaligen Kollegen Ebeling von der Gestapo-Abteilung fragen müssen, von dem sie ohnehin intern wußten, daß er als Sachbearbeiter für "Polenangelegenheiten" dem Unglücklichen die Schlinge um den Hals gelegt hatte . Daß der Ukrainer die Gestapo-Methoden nicht überlebt hat, läßt sich auch aus einem anderen Fall aus Süderbrarup schließen. Dort beobachte der Gendamerie-Meister Steen am 3. Mai 1942 zwei Ukrainer, die ein deutsches Mädchen untergehakt hatten. Die drei waren auf der Großen Straße unterwegs und guter Dinge. Der Gendarm stellte das Mädchen zur Rede und nahm sie in Schutzhaft. Am nächsten Tag verhörte er die 19jährige und erpreßte ein Geständnis, daß sie mit Iwan Szpyltschin ein Liebesverhältnis habe. Der Gendarmerieposten von Süderbrarup rief daraufhin bei dem Gestapo-Mitarbeiter Tietjen in Kiel an, ob die Polenverordnung auch für Ukrainier gelte. Der Gestapo-Mitarbeiter bestätigte, daß die Punkte 1 (Verbot den Aufenthaltsort zu verlassen), 2 (Verbot des eigenmächtigen Verlassens der Arbeitsstelle) und 7 (Todesstrafe bei Kontakt zu deutschen Frauen) auch für Ukrainer gelten sollten. Tietjen befahl dem Polizisten, ebenfalls den Ukrainer sofort festzunehmen und beide der Gestapo in Flensburg zuzuführen. Bei der Flensburger Gestapo leugnete Iwan Szpyltschin zunächst "hartnäckig", wurde dann jedoch zu einem "Geständnis" gezwungen. Dieser Vorfall zeigt eindeutig, daß die Gestapo in Kiel den Standpunkt vertrat, daß auch Ukrainier ermordet werden sollten, wenn sie den Kontakt zu deutschen Frauen suchten.

Die reichsweit durchgeführten Maßnahmen gegen deutsche Frauen, in dem man auf öffentlichen Plätzen den Unglücklichen die Haare abgeschnitten hatten, waren nicht erfolgreich. Schließlich entschied der Führer persönlich im Dezember 1941, öffentliche Diffamierungen deutscher Frauen wegen sexueller Kontakten mit Ausländern in Zukunft zu unterlassen. Nun dachte man in den größeren Städten an die Errichtung von Bordellen in den großen Lagern. Dort sollten ausschließlich Ausländerinnen tätig werden, um "die Reinheit des deutschen Blutes" zu gewährleisten. 

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