Claus Olsen


Home
Sonderbehandlung
Film 
 zum Thema
Gästebuch
e-mail
[Home] [Seite 2] [Seite 3] [Seite 4] [Seite 5] [Seite 6] [Seite 7] [Seite 8] [Liste Hinrichtungen]

Mila

Mila, ein 14jähriges Mädchen aus Rußland oder der Ukraine kam zum Gastwirt Hermann J. und seiner Frau Alma in Neukrug bei Maasbüll. Hermann J. war einer der entschiedensten Anhänger der Nationalsozialisten in Maasbüll. Er glaubte blind an die Propaganda von der "Rasse" und hielt sein Mädchen, die er wie eine Sklavin behandelte, für einen Untermenschen. Entsprechend ging er mit dem Mädchen um, das in seiner Heimat von der Wehrmacht oder der SS entführt und nach Maasbüll verschleppt worden war. Manche Tage war ihr Gesicht zugeschwollen von den Schlägen, die ihr Hermann J. verabreichte. Alle im Dorf wußten es, schwiegen aber lieber aus Furcht, denn J. hatte einflußreiche Freunde. Den Ortsgruppenleiter und Amtsvorsteher von Hürup Metzger, den Hüruper SA-Mann J. und in Rüllschau den Kaufmann L. Sie wurden auch "die Polenpeitscher" genannt.

Manchmal bezog Mila mehr Prügel, erinnert sich Werner Mühlmann , als daß es etwas zu essen gab: "Ich war mal da, da hatte Mila vergessen, die Milch abzusetzen. Die Mila fing schon an zu heulen, als Alma fragte, wo die Milch sei. `Oh Mutter, oh Mutter, jammerte sie, `nicht Vater sprechen, nicht Vater sprechen.´ `Was ?, sagte Alma, ´hast du Milch vergessen ? Ich Vater sprechen, ja, warte nur!" Hermann war kaum durch die Tür, als Alma ihm von Milas Untat erzählte, und er reagierte prompt: ´Waaas ?´ Ohne viel Reden haute er auf sie los. Wie, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß es wild zuging, und dann flog Mila quer durch die Küche und lag da. Was dann passierte, weiß ich auch nicht mehr, aber am nächsten Tag sah ich Mila, ihr Gesicht war ganz geschwollen, und Hermann grinste: ´Diese da, und er zeigte auf Mila, ´die sollen ab und zu mal ordentlich was hinter die Löffel haben, da haben sie gut von.´"

Einmal stand die kleine Mila, die sehr unter Heimweh litt, am Bahnhof von Maasbüll. Ein Zug rauschte in Richtung Flensburg vorbei. Mila schaute nach den Menschen in den Fenstern. Plötzlich glaubte sie in einem der Reisenden ihren lang vermißten Bruder zu erkennen. Sie lief hinterher immer den Schienen nach zum Bahnhof nach Flensburg. Dort wurde sie von der Polizei mitgenommen und auf das Polizeipräsidium gebracht. Hermann J. erhielt die Nachricht, daß Mila aufgegriffen worden war und fuhr voller Grimm mit dem Fahrrad in die Stadt, um Mila zu holen. Seine Reitpeitsche nahm er gleich mit. Mila mußte den ganzen Weg von Flensburg nach Maasbüll barfuß vor dem Rad herlaufen. Immer, wenn sie nicht schnell genug lief, schlug Hermann J. sie mit seiner Gerte.

Was aus Mila nach der Befreiung wurde, ist unklar, doch ihr Schicksal dürfte trostlos geblieben sein. Sie galt mit ihren anderen Schicksalsgenossinnen als unerwünschte "Displaced Persons" (DP), die möglichst bald zurückgeführt werden sollten. Zwar erhielten die DP‘s zunächst bessere Verpflegung als die deutsche Bevölkerung. Sie wurden aber in Lagern zusammengefaßt und die britische Besatzungsmacht verfügte: "Nach Identifizierung durch sowjetische Repatriierungsvertreter werden sowjetische DPs ohne Rücksicht auf ihre individuellen Wünsche repatriiert." Dort galten alle, auch die Kinder, als "Verräter des Vaterlandes". Sie wurden in der sowjetischen Besatzungszone vom sowjetischen Geheimdienst in Empfang genommen und verhört. Viele wurden dann entweder in sibirische Straflager eingewiesen oder später zu jahrzehntelanger Strafarbeit verurteilt. Die Willkür des sowjetischen Geheimdienstes bestimmte, wie zuvor die Gestapo in Deutschland, das Schicksal des einzelnen.