Noch bist du Kropper Busch nich vorbi Die Gaststätte in Kropperbusch liegt auf halben Weg zwischen Schleswig und Rendsburg mitten in einem Waldstück, das in früheren
Jahrhunderten gefürchtet war. Wer auf der Landstraße mit seinem Pferdefuhrwerk unterwegs war, mußte sich in Acht nehmen, schließlich konnten bei Kropperbusch plötzlich wie aus dem Nichts Räuber auftauchen, die glücklich
erreichte Gaststätte am Waldrand war nur eine vermeintliche Sicherheit, denn die Gefahr war noch nicht vorbei; man mußte ja irgendwann weiterziehen. Am Morgen des 19. November 1941 war der 18jährige Robert Lekker im
Wald von Kropper Busch auf dem Weg zur Munitionsanstalt, der Muna. Dort sollte er Decken zählen. Im Wald traf er den Gemeindearbeiter Heinrich Kruse mit einer Säge und einem Beil. "Na, Heinrich, wat hest du denn
vör?" fragte er ihn. "Robert", meinte Arbeiter, "dat dörf ik di nich fertellen, dat is geheim!" Als Robert Lekker nicht locker ließ, meinte Heinrich Kruse schließlich: "Ik shall en Galgen
buen!" Nun war die Neugierde des jungen Mannes geweckt. Er ging sofort nach Hause, aß hastig zu Mittag und ging zu der Stelle, die ihm Heinrich Kruse gezeigt hatte. Dort legte er sich abseits in einem Graben ins
feuchte Gras und wartete. Es war ein grauer Tag, der 19. November 1941 in Kropperbusch. Stundenlang standen einige Lastwagen der Wehrmacht an der Reichsstraße nach Schleswig. Auf der Ladefläche warteten polnische
Kriegsgefangene, bewacht von Gendarmen. Langsam wurde es allen kalt an diesem ungemütlichen Tag. Schließlich näherte sich langsam eine Wagenkolonne mit fünf oder sieben Überfallwagen aus Kiel und bog direkt an der
Gastwirtschaft in den Wald. Robert Lekker erinnert sich, daß ihm immer kälter wurde. Doch weggehen konnte er auch nicht mehr, denn Gendarmen hatten sich eingefunden und bewachten den Ort. Nach endlos langer Zeit wurde
er Augenzeuge eines schrecklichen Geschehens. Am Nachmittag wurden die wartenden Polen aus den Lastwagen geholt und mußten antreten, während die Gestapo mit den Verurteilten und drei Häftlingen in Sträflingskleidern aus
Kiel eintraf. Der an der Gastwirtschaft postierte Gendarm dirigierte das Hinrichtungskommando an die 200 Meter hinter der Gastwirtschaft an einem Waldweg versteckte Hinrichtungsstelle. Dort hatte der Gemeindearbeiter
zwischen zwei Bäumen einen Querbalken gebaut und drei Fässer darunter gestellt. Ein Gestapo – Mitarbeiter verkündete das "Todesurteil" aus Berlin. Dann stiegen die drei Verurteilten auf die bereitgestellten
Tonnen; die Häftlinge legten ihnen die Schlinge um den Hals und stießen die Behälter um. Alle Kriegsgefangenen mußten an den Erhängten vorbeigehen. Gebannt schaute Robert Lekker, der heimliche Zeuge, zu: "Manche
sahen weg." erinnert er sich noch heute so, als wäre es gestern gewesen. "Aber andere, die schauten genau hin, manche drehten sich sogar noch einmal im Grauen um und blickten den Ermordeten genau ins Gesicht.
Als der letzte vorbeigegangen war, ließen die Häftlinge die Getöteten herab und der Amtsarzt aus Schleswig stellte den Tod fest. Zwei Leichenwagen kamen heran, luden die Hingerichteten ein und fuhren davon. Die
Hinrichtung in Kropperbusch wurde genau nach den Richtlinien des RSHA durchgeführt. Die fernschriftliche Hinrichtungsverfügung wurde auf Deutsch verlesen und ein Gestapo-Beamter eröffnete den Landsleuten am Richtplatz,
daß auch sie mit gleichen Strafen zu rechnen hätten, wenn sie solche oder vergleichbare "Straftaten" begehen würden. Nach einer Anweisung des RSHA sollten die Exekutionen durch den Strang erfolgen und von
Mithäftlingen vollstreckt werden. Diese bekamen als Henkerslohn fünf Reichsmark oder Zigaretten. Die verräterische Aktennotiz des Schleswiger Landrats vom 17. November 1941 ist in häßlichem Amtsdeutsch verfaßt,
klar, eindeutig und unbarmherzig: "1.) Vermerk: Auf Anordnung des Herrn Regierungsrats Henschke von der Gestapo in Kiel erscheint der Kriminal-Obersekretär Kies und teilt mit: Am Mittwoch, dem 19. ds Mts. um 16 Uhr
sollen in Kropperbusch in der Nähe der Gastwirtschaft Bandholz – etwa 200 m von dieser entfernt – in einem versteckten Waldweg 3 Polen Mussialeck, Goballa und Biotrowitsch erhängt werden, weil sie etwa im Mai ds. Jrs.
mit einer Hermine Hildebrandt aus Heidbunge Geschlechtsverkehr ausgeübt haben...2) Herrn Landrat vorlegen. 3.) Durchschlag für Herrn Leutnant Pries zur sofortigen weiteren Veranlassung. 4.) Z. d. A. Alle drei waren
nach übereinstimmender Aussage noch lebender Zeitzeugen freundliche, hilfsbereite Männer, die sich nichts hatten zuschulden kommen lassen. In Heidbunge, wo die Gestapo-Wagen so langsam durchgefahren waren, arbeitete
Goballa bei der Familie S. und Hermine Hildebrandt war als Hausmädchen in der Nachbarschaft beschäftigt gewesen. Einer der drei hatte sich vertrauensvoll an den Hausarzt W. in Kropp gewandt, der ihn untersuchte und
dabei eine Geschlechtskrankheit feststellte. Der Arzt meldete seine Diagnose an das Gesundheitsamt. Dort denunzierte man den Patienten. Die Gestapo nahm ihre Ermittlungen auf und holte die drei polnischen Landarbeiter
und Hermine Hildebrandt ab. In Heidbunge hörte man nie wieder etwas von Hermine. Ihr Name taucht nur noch einmal auf: in den Sterbebüchern des Konzentrationslagers Auschwitz. Dort wurde sie als Häftling Nr. 1370/1943
am 6. Januar 1943 ermordet. Wie sie dorthin gekommen ist, wird sich wohl nicht mehr aufklären lassen. Vermutlich wurde sie ins Frauen - Konzentrationslager Ravensbrück gebracht und ist von dort nach Auschwitz
deportiert worden. weiter |