Der Krähenprinz


Unter der krummen Eiche am Rand des Totenmoors stand das Wirtshaus am Schwarzen Wasser. Die Torfstecher, die Köhler und die Bauern mieden es, und nur selten verirrte sich ein Händler hierher, ein Spielmann oder ein Wandergeselle, und seltener als sie kamen, verließen sie es wieder -- so sagte man. Nur die Räuber und die Wilderer, die Vogelfreien und die Wölfe der Landstraße, und vielleicht noch schlimmeres Volk kehrte im Wirtshaus am schwarzen Wasser ein, trat durch die Tür, die schief in ihren Angeln hing, unter dem verzogenen Türstock, und ließ sich nieder an einem vom Alter blankgewetzten Tisch unter dem sich neigenden Dachfirst.

***

Es war der Vorabend des Johannisfestes, und die Junikäfer flogen draußen in der trägen Nachmittagssonne, doch kein Tageslicht fiel in die Gaststube. Die Fenster waren trüb und blind vom Rauch des Torffeuers, das kirschrot im Kamin glomm, und vom Ruß der billigen Talgfunzeln, die der Wirt jenen unter den Gästen, die allzu nachdrücklich danach fragten, auf den Tisch stellte. Eine einzelne Talgfunzel blakte am Ende des langen Tisches, wo drei Reisende saßen, mißtrauisch und abschätzend beäugt von den anderen Gästen, die sich näher an den Wänden und tiefer in den Schatten hielten. Aber jene drei schienen keine Händler zu sein, die ihre Ware in Packen auf dem Rücken schleppten, keine Spielleute, die glaubten, daß Musik das Herz der Bestien zähmen könne, und keine Wandergesellen mit silbernen Ohrringen.

Eine Frau saß da mit langen, struppigen grauen Haaren, in die Vögel ihre Nester gebaut zu haben schienen, mit einem Zinken von Nase und kalten, sturmgrauen Augen. Ihre Haut war blaß und ihre Fingernägel gelb und lang wie Krallen. Sie trank den klaren, scharfen Schnaps, den der Wirt eilig vor sie hingestellt hatte, sie hatte ihm ein kühles Silberstück zugeworfen, und er hatte den Krug gebracht, und ihr nicht in die Augen gesehen. Räubern und Dieben und Mördern sah er in die Augen, er feilschte mit ihnen um Preise und um andere Dinge, lachte gefällig über ihre Geschichten von Blut und Hinterhalt, aber diese Frau war den Pfad vom Moor heraufgekommen, sie würde nicht feilschen, und er wollte nicht wissen, worüber sie lachen würde.

Ihr Gefährte zu ihrer Linken trug einen roten Mantel und einen schwarzen Ziegenbart, seine Augen waren flink und dunkel, und er lachte gerne. Er lachte, als er Wein bestellte, er lachte, als er mit schwerem Gold bezahlte, und er lachte, als er trank. Jetzt lachte er der Frau zu, und dem Wirt schien es, als würde sich der Dachfirst tiefer neigen, der Rauch dichter werden und die groben Tonbecher auf den Tischen dumpf klingen von seinem Lachen.

Der dritte in der Runde lachte nicht, er trug die grobe Kutte eines Wandermönches, und seine Augen waren unter der Kapuze verborgen. Er trank Bier, für das er widerstrebend und mißvergnügt Kupferpfennige aus einem schmalen Beutel abgezählt hatte, mit Fingern, die so fein waren wie die eines Schreibers, wenn auch seine Schultern einen Holzfäller vermuten ließen und sein Wanst einen Kaufmann.

"Nun, Muhme", sagte der Mann in Rot, "sieben Jahre ist es her, daß wir zuletzt beisammen saßen. Sagt mir, wie ist es euch ergangen? Was habt ihr zu berichten? Ihr wißt, ich schätze eine gute Geschichte mehr als einen guten Wein, oder ein gutes Geschäft." Er lachte, und die Tonkrüge klirrten.

"Oh", sagte die Muhme, mit einer Stimme, heiser wie das Schreien von Krähen an einem Winterabend, "freilich habe ich eine Geschichte für euch. Fast sieben Jahre ist es her, zum Johannisfest, daß ich unterwegs war, um meine Base zu besuchen, als ich unter mir ein Schloß liegen sah, ganz hell erleuchtet von Kerzen und Feuern, und geschmückt mit Girlanden, Musikanten spielten zum Tanz auf, Mädchen lachten und Jünglinge tranken, und alle waren froh, denn die Königin hatte dem König einen Sohn und Erben geschenkt. Da erfüllte auch mich Freude, Herr Gevatter, denn vor langer Zeit hat der Vater des Königs mir ein Unrecht getan, und lange habe ich den Tag meiner Rache erwartet. Ich wanderte in das Schloß hinein -- die Wachen waren betrunken, und der Kaplan schäkerte in einer Ecke mit der Milchmagd. Und da fand ich den Erben des Königs in seiner goldenen Wiege auf seidenen Laken, und seine Amme schlief. So rief ich eine Krähe, ein schmutziges Wesen mit gemeinem Betragen--" jetzt keckerte sie, und der Gevatter lachte vergnügt, als habe er eine gute Nachricht erhalten, "und gab ihr die Gestalt des Prinzen, und verwandelte den Prinzen in eine Krähe. Dann verschwand ich durch das Fenster wie ein kalter Windstoß. Und nun sieht der König seinen Erben mit Haß und Furcht, denn dieser ißt nur fauliges Fleisch, er beschmutzt seine Räume und speit Unflat gegen des Königs Ratgeber, und verbringt seine Tage auf den Dächern des Schlosses und schreit in den Sturm." Sie nickte und trank von ihrem Branntwein. "Sagt, Gevatter, habe ich nicht wohlgetan?"

Der Gevatter lachte und rief nach mehr Wein, ließ glänzendes Gold zwischen seinen Fingern tanzen, und er lachte, als der Wirt ihm einen Becher brachte, nach dem Gold schnappte wie eine gierige Ratte und dann davonhuschte. "Wie kann es sein, meine Freunde", sagte er, "daß die Menschen so gar nicht vertraut mit mir werden wollen -- dabei bin ich doch vertraut mit ihnen! Meine Freunde, glaubt ihr, es ist Vorahnung, daß sie mich fliehen? Nun, Muhme, wie auch immer dem sein mag--" und er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Becher, "dieser Wein ist entsetzlich, aber Eure Geschichte, Eure Geschichte ist vorzüglich, und denkt euch nur, ich selber habe auch etwas dazu beizutragen.

Vor drei Jahren war es, daß ich hörte, des Königs Sohn und Erbe sei vom Teufel besessen. Nun, solche Geschichten interessieren mich beruflich, gewissermaßen, also machte ich mich auf zum Schloß, wo ich mich für einen wandernden Medikus ausgab. Man war äußerst froh, mich zu sehen, und ich ließ mir die Lage schildern, begutachtete den Krähenjungen, strich mir den Bart und hm-te und ha-te, wie man es von einem gelehrten Medikus erwartet, aß an des Königs Tafel von goldenen Tellern, und bedachte gelegentlich, wie ich mir wohl einen Schabernack mit diesen guten Leuten machen könnte. Nun, wie Ihr wißt, kommen die Leute zu mir, und so war es auch diesmal. Erst kam der Kaplan, früh gealtert, die Nase rot und die Hände unstetig vom Wein, der mir eines Abends trunken seinen Kummer klagte. Hätte er doch, so sagte er zu mir, gegen den Wunsch des Königs den Knaben gleich auf der Stelle getauft, so wäre er beschützt gewesen vor dem Teufel, der nun in ihn gefahren sei! Doch ach!, der Kaplan, seinem Herrn treu, hatte die Taufe aufgeschoben, damit des Königs wertlose Verwandtschaft der Feier beiwohnen konnten, und nun war es zu spät. Zu spät, zu spät, klagte er wiederholt in mein verständnisvolles Ohr seine Schande, die er vier Jahre lang vor jeder Menschenseele verborgen hatte. Nun, ich sprach zu ihm sehr freundlich und verständig, wie es meine Art ist, und bestätigte ihm, daß gewiß nur das Blut des Lammes den unglücklichen Knaben heilen könnte, und wenn dieser Weg bisher erfolglos geblieben sei, könne es nicht sein, daß er bis dato zu, nun, metaphorisch vorgegangen war? Ein gelehrter Mann war das, er verstand meine Worte, selbst die..." Der Gevatter schwenkte seinen Weinbecher, als er nach den Worten suchte.

"Metaphorischen", warf der Mann in der Kutte hilfreich ein. Seine Stimme klang jung.

"Danke. Metaphorischen. Wie auch immer. Das letzte, was ich von ihm sah, war, wie er auf einem Feld kniete, bis zu den Ellenbogen im Blut eines Milchlammes, und dem Krähenjungen Stücke des noch warmen Fleisches zuwarf -- zur Erbauung beider.

Später kam die Amme zu mir, ein liebliches Geschöpf, noch jung und drall, die Augen rotgeweint, und ganz bleich unter der Last des Gewissens, und vertraute mir an, das Unglück des Knaben sei ihre Schuld allein, denn sie habe geschlafen, als sie wachen sollte. Alles, schwor sie, alles sei sie bereit zu tun, wenn nur der Junge wieder er selber würde, und der böse Fluch gebrochen! Ich ermahnte sie, daß solche Rede nicht ziemlich sei, wisse sie denn nicht, daß der Erzbösewicht selber solche Schwüre hörte und nur zu bereitwillig käme, um seine verworfene Hilfe anzubieten?"

Der Mann in der Kutte schnaubte und hob sein Bier zu einem Prosit. Die Frau keckerte erneut. "Ihr seid kokett, Gevatter!"

Der Gevatter strich sich den Ziegenbart. "Ja nun, und, meine Freunde, denkt Euch, was sie sagte? Sagte sie doch, in all ihrer süßen Unschuld, daß sie mit dem Bösen selber um die Seele des Jungen feilschen wollte, wenn sie ihn nur finden könnte!

Nun das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Mit besorgter Mine sagte ich ihr, daß der Erzböse selber am Johannisabend im Gasthaus am Schwarzen Wasser einkehrte, und daß sie ihn dort finden könnte, wenn sie ihr Seelenheil so gering schätzte! Und wie eifrig sie nickte und mir ihren Dank anbot!

Und am Ende kam noch der König selber, und ich sagte ihm, seine Frau habe seinen Erben verwünscht, da sie von einer Regentschaft träumte, doch sie müsse die Hilfe eines Magiers gehabt haben, und er solle ein Auge haben auf seinen Hofstaat. Ich verließ das Schloß reich beschenkt. Nun sagt mir, meine Freunde, war das nicht wohlgetan?"

"Eines Meisters würdig", sagte die Muhme.

"Exzellent", sagte der Mann in der Kutte.

Der Gevatter wandte sich ihm zu. "Und Ihr, Bruder? Welche Geschichte habt Ihr uns zu erzählen?"

"Ach", sagte der Mann, den der Gevatter als "Bruder" angesprochen hatte, "Merkwürdig ist es, Gevatter, Muhme--" er nickte ihnen zu, "daß Ihr gerade von dem Mißgeschick des Königs und seines Erben erzählt -- denn auch ich habe zu dieser Geschichte beizutragen.

Vor wenigen Wochen kam ich zum Schloß, ein armer Wandermönch, und wen anders traf ich da, als die arme, törichte Amme, die vor der Tür des Schlosses saß und weinte, einen Käfig mit einer struppigen, kleinen Krähe darin auf dem Schoß.

'Was weint Ihr, meine Tochter', fragte ich, und sie sagte, 'Bruder, ihr müßt mir helfen. Denn ich suche das Wirtshaus am Schwarzen Wasser, wo der Teufel zur Johannisnacht einkehrt.'

'Weder solltet Ihr solch einen Ort aufsuchen, noch Euch wünschen, dem Leibhaftigen zu begegnen!' sagte ich.

'Doch ich muß es tun', sagte sie, 'denn auf dem Kind, das mir anvertraut wurde, liegt ein höllischer Fluch. Ein gelehrter Medikus sagte mir den Namen des Gasthauses, und ein heiliger Einsiedler, der in einer Höhle im tiefen Wald wohnt, sagte mir, wie ich den Teufel zwingen könnte, mich und das Kind freizugeben. Drei Jahre habe ich nach dem Wirtshaus gesucht, und ich kann es nicht finden. Bruder, Ihr seid weit gereist, wenn Ihr den Ort kennt, bei der Liebe Gottes, sagt es mir!'

Oh, Gevatter, wie Ihr wißt -- und wer besser als Ihr! -- ist die Gier mein größtes Laster, und die Gier nach Wissen ist die schlimmste von allen. So sagte ich zu dem Mädchen, 'Und was, meine Tochter, tätet Ihr, wenn ich Euch den Weg sagte und Ihr dem Teufel selber gegenüberstündet am Abend des Johannistages?'

'Ich soll mit ihm wetten', sagte sie. 'Ich soll wetten, daß ich weiß, wer den Knaben verflucht hat. Und er wird mich drei Mal raten lassen, und das dritte Mal soll ich den Namen sagen, und dann wird der Unhold den Knaben freigeben müssen.'

So dachte ich mir: 'Es wird bestimmt unterhaltsam sein, dem zuzusehen', und beschrieb ihr den Weg."

Seine Zuhörer lachten jetzt laut. Ein Krug auf dem Kaminsims zerbarst, und von irgendwo schrie heiser eine Krähe. Donner rollte. "Herr Wirt!" rief der Gevatter. "Bringe Er uns Wein, bringe Er uns Branntwein, von dem Guten, für meine Gefährten und mich! Wir haben zu feiern in dieser Nacht!"

"Doch frage ich mich, ob es wohlgetan war, was ich tat", murmelte der Mönch. Der Gevatter sah auf. "Bruder! Enttäuscht mich nicht, indem Ihr ein Gewissen entwickelt! Es steht Euch nicht zu Gesicht!"

"Nicht Gewissen", korrigierte der Mönch. "Zweifel. Welchen Namen wird sie raten wollen, frage ich mich: Euren, Gevatter, oder gar den der Muhme?"

Deren Sturmaugen richteten sich auf ihn, und ein kalter Hauch wehte durch den Raum. "Meinen Namen? Nur meine Krähen kennen meinen Namen! Ein Mann müßte schon mit dem Teufel im Bunde sein, um ihn zu raten!"

"Ein Jammer", sagte der Bruder, "Gevatter, welchen Preis würdet Ihr dafür verlangen, mir den Namen eurer reizenden Gefährtin zu verraten?"

Ein Windstoß rüttelte an den Fensterläden. Im Gebälk krachte es. "Bruder!" rief der Gevatter erfreut, "Ihr spottet meiner! Jahrelang habe ich euch Reichtümer aller Art angeboten, holde Jungfrauen, stolze Pferde, die Bischofswürde gar! wenn Ihr euch nur endlich ganz mir ergebt! Und für einen, für einen einzigen schäbigen Namen wollt Ihr Eure Zurückhaltung aufgeben? Ich bin entzückt! Wartet nur eine Sekunde, ich will sogleich den Vertrag holen!"

Doch in diesem Moment erschien die Schankmagd, eine Frau, die ausgeblichen war vor Müdigkeit, mit blassen Augen, das fahle Haar unter ein verwaschenes Kopftuch gebunden, und sie brachte Wein und Branntwein, und neue Krüge. "Ah!" rief der Gevatter. "Schönes Kind, meine Holde, wagt es euer Herr nicht mehr, seinen Gästen Wein zu bringen? Nun, sein Verlust ist Euer Gewinn", und er zog ein schimmerndes Goldstück aus seinem nimmerleeren Beutel.

Aber die Frau wich zurück. "Ich will Euer Gold nicht."

Die Münze verschwand. "Was wollt Ihr dann?"

"Ich will euch eine Wette anbieten."

Der Gevatter musterte sie. "Schönes Kind", sagte er, "man hat Euch wohl gesagt, daß ich keiner Wette widerstehen kann. Aber wer, sagt mir, seid Ihr?"

"Habt Ihr denn mein Gesicht vergessen", höhnte die Frau, "nachdem Ihr es so gepriesen habt? Ich war die Amme des königlichen Erben. Gewiß erinnert Ihr euch."

Der Gevatter kicherte in seinen Ziegenbart. "Oh, ich erinnere mich. Nun, laßt uns wetten. Doch was soll der Einsatz sein?"

Die Frau griff in ihr Schultertuch und zog eine kleine, struppige Krähe hervor. "Wenn Ihr verliert, dann gebt diesem Kind, dem Prinzen des Landes, die menschliche Gestalt wieder, die ihm gestohlen wurde!" Die Krähe hüpfte aus ihrer Hand auf den Tisch und inspizierte die leeren Krüge.

"Was für ein geringer Preis", spottete der Gevatter. "Doch wisset, wenn Ihr verliert -- nicht allzu wahrscheinlich, wie Ihr Euch sicher ausgerechnet habt: Wie so viele leidenschaftliche Spieler scheine ich stets zu verlieren, so sagen es alle Legenden -- ist dem nicht so, Muhme? -- aber solltet Ihr verlieren, werde ich Euch mit zu mir in die Hölle nehmen, und Ihr sollt die Amme meiner Kinder werden. Das ist nur recht und billig, ist es das nicht, Bruder?"

Der Bruder rutschte auf seinem Schemel umher, als sei er ihm heiß geworden. "Das ist es", sagte er.

"Nun, dann ist das entschieden", sagte der Gevatter. "Aber, meine Dame, was soll die Wette sein?"

"Ich wette", sagte die Frau, "daß ich den Namen desjenigen rate, der den Prinzen verzaubert hat."

"Hm, je", sagte der Gevatter. "Das klingt schwierig! Ich gebe Euch drei Versuche. Ist das nicht recht und billig, Bruder?"

"Das ist es", bestätigte der Bruder.

"Dann rate ich", sagte die Frau und sah den Herrn Gevatter an, "daß der Name 'Heinrich' ist!"

Der Gevatter lachte so laut, daß sie restlichen Tonkrüge auf dem Kamin barsten. "Nein", sagte er, "das ist nicht mein Name."

"Ist der Name dann Konrad?"

Die Muhme keckerte. "Hinz und Kunz! Ist das das beste, was du raten kannst, Kind?"

Der Bruder griff den Krug mit dem Wein, ehe auch dieser in Stücke ging. Der Gevatter wischte sich die Lachtränen aus den Augen.

"Dann rate ich", sagte die Frau, und die Krähe hüpfte über den Tisch zu ihr und krahte leise, "daß der Name der Hexe, die den Sohn des Königs verzaubert hat, der Name der Hexe des Totenmoores, der Krähenhexe, Sturmhexe, daß ihr Name Abraxa ist!"

Die Muhme stieß einen schrillen Schrei aus, der kein Ende nahm, und es wurde kalt und grau in der Gaststube, als sei es November, und der Mantel des Gevatters schlug im Sturm, das Feuer glomm hell und die Talgfunzel verlosch, der Bruder griff den Weinkrug fester, als die Muhme sich in ihrem Zorn in einen Wirbelwind verwandelte und durch das Dach hinausfuhr.

Und der Gevatter stampfte in seinem Ärger mit dem Fuß auf, so daß sich ein Schacht bis in die Hölle auftat, und unter lautem Donner fuhr er zur Hölle hinab.

Auf dem Tisch, zwischen den zersprungenen Bechern, saß ein siebenjähriger Knabe und schaute sich verwundert um. "Mutter?" sagte er.

Die Frau nahm ihn bei der Hand und führte ihn aus dem Wirtshaus am Schwarzen Wasser. Der Mönch folgte ihr. Das Haus bog sich jetzt und schüttelte sich, und aus den finsteren Gewitterwolken kam ein einziger weißer Blitz hinunter und fuhr in die Mooreiche, und bald standen Haus und Baum in hellen Flammen.

Dann klärte sich der Himmel, als sei sein Zorn erschöpft. Der Mönch, immer noch den Weinkrug umklammernd, hatte seine Kapuze zurückgeworfen, und Rußflocken fielen auf seine Tonsur, die von einem Kränzlein fuchsfarbener Haare umgeben war.

"Ich bin", sagte er zu der Frau, "überrascht. Ihr sagtet mir nicht, daß Ihr den Namen kanntet."

"Ich kannte ihn nicht, als wir zuletzt sprachen", sagte die Frau. "Aber wie Eure Gefährtin Euch verriet, die Krähen kannten ihn. Sieben Jahre habe ich eine Krähe aufgezogen, seit sie zerrupft und verloren an der Wiege des Prinzen saß. Mein Krähenkind sagte mir den Namen, und Euer Rat war gut. Und doch traue ich Euch nicht, Bruder Johannes."

Bruder Johannes nickte milde. "Ihr tut gut daran. Was wollt Ihr nun tun? Dem König seinen Erben zurückgeben?"

"Nein", sagte die ehemalige Amme. "Ich habe ihn sieben Jahre lang gehütet, und er ist mein Kind. Ich werde ihn behalten."

Wieder nickte der Mönch, und ging von dannen.

Und ferne im Schloß des Königs flog aus einem Fenster eine einzelne Krähe in den Abendhimmel, während im Tal die Johannisfeuer angezündet wurden.

***

Unter der verbrannten Blitzeiche am Rand des Totenmoores sind feuergeschwärzte Grundmauern, überwuchert von wilden Rosen. Am Johannistag blühen sie weiß, und manchmal schlagen fahrende Händler, Spielleute oder Wandergesellen dort ihr Lager auf und erzählen sich, wie einst der Teufel, eine Hexe und ein Mönch zusammen tranken, und ein Krähenjunge von seinem Fluch erlöst wurde.

 
 

© Ingeborg Denner, 15.04.2004
 
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