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MIDGARD:
Jené

Teil I: Kapitel 1 - 4

Teil II: Kapitel 5 - 9
Teil III: Kapitel 10 - 14


Inhalt

Kapitel 1: Haethcyn bis Nahenje
Kapitel 2: Nahenjé
Kapitel 3. Morfran
Kapitel 4: Wegkreuz


1. Haethcyn bis Nahenje

(29.5. -- 5.6.1025 n.K)

Es beginnt in einer Kneipe in der Freien Stadt Haethcyn, die den schönen Namen "Peter in der Fremde" trägt. In der Fremde sind auch die Gäste, mehr oder weniger: die vier, die sich an dem Tisch da drüben grade angeregt unterhalten, eher mehr als weniger.

Wen haben wir denn da? Der fremdländisch aussehende Mensch mit dem beeindruckenden Bihänder, der eben damit herausrückt, was ihn in den "fernen Westen" geführt (eher: getrieben) hat, ist Kojiro, Söldner (und ehemaliger Scharfrichter) aus einem Land, das so weit im Osten liegt, daß man noch nicht einmal an diesem Treffpunkt der Weitgereisten davon gehört hat.

Unverkennbar ein Elf ist die zweite Person am Tisch, Thegil nennt er sich. Schwarzhaarig, dünn wie ein Faden und auf typisch elfische Art gutaussehend. Begleitet wird er von einem riesigen Rucksack. Seine Waffen tragen keine Verzierungen, sind aber von guter Qualität. (Die Seeräuber am Nebentisch gucken schon interessiert.) Er behauptet, sie selbst gemacht zu haben: er ist Waffenschmied von Beruf.

Und jetzt fangen die beiden eine weitere lange Diskussion an...

Dritte in der Runde ist eine menschliche Frau, die das kühle Maiwetter in Haethcyn anscheinend als wohltemperiert und Hemdsärmeln angemessen betrachtet. Sie hat sich als Sharevi Dharo Kerit vorgestellt -- Sharevi Dharo vom Kaninchen-Klan. All diese sonderbaren Geschichten und Gebräuche findet sie höchst faszinierend. (Aber sie ist schon froh, daß sie ihren Hund daheim bei ihrem Stamm gelassen hat: diese seltsamen Leute -- und, beim Geist des Großen Kaninchens, so viele davon -- diese Massen von Holz- und Steinhäusern, den Lärm und die Hitze, das kann sie keinem anständigen Hund zumuten.)

Und so -- ach, Nummer vier? Die, von Kojiro frech als "laufender Meter" bezeichnet, ist eine Waldgnomin aus dem fernen Ferec Szoritja, und zum "laufenden Meter" fehlen ihr ganze sechs Zentimeter. Ihr Name ist Faksal Brösam.

Eine recht bunt gemischte Gesellschaft. Aber man sagt, daß in Haethcyn ein Schwarzelf und ein Eistroll auf offener Straße einen Regentanz aufführen können, ohne mehr als beiläufiges Interesse zu erregen, und das scheint in den Grundzügen wahr zu sein. Eine andere verbreitete Ansicht über Haethcyn hat sich leider als Gerücht erwiesen: es ist verflixt schwer, interessante und abenteurerwürdige Jobs zu bekommen.


Und so saßen unsere Helden an diesem Abend, wie schon an so vielen zuvor, bei Peter, tranken Dünnbier und spannen Garn, als Peter, der Wirt, auf sie zutrat.

Peter fühlt mit seinen arbeitslosen Gästen, um so mehr, da der Verkauf von Dünnbier noch keinen reich gemacht hat. Ihm sei zufällig bekannt, so Peter, daß der Kaufmann Akem Kabat Leute für einen leichten Job suche... Nein, genaueres wisse er auch nicht.

Wenig später sah man vier Gestelten vor dem Haus Akem Kabats stehen. Dessen Geschäfte schienen gut zu gehen: zweistöckige, aus Stein erbaute Häuser sind in Haethcyn nicht die Regel. Zuerst war der Empfang eher kühl, bis schließlich der Hausherr selbst erschien, die Abenteurer hereinbat und ihnen Wein anbot. Nach Tagen des dünnen Bieres sagte da keiner nein! Schließlich kam der Kaufmann auf sein Problem zu sprechen.

Er stammte -- erzählte er -- aus dem Dorf Nahenje, wenige Tagesreisen von Haethcyn entfernt, verließ es aber in jungen Jahren, um im Kontor eines Verwandten in Etyra zu arbeiten. Vor vier Jahren kehrte er nach Haethcyn zurück und stellte fest, daß die letzte Nachricht aus Nahenje über drei Jahre alt war und das Dorf zwischenzeitlich anscheinend vom Erdboden verschluckt worden war. Händler besuchten den Ort nicht mehr, niemand wollte etwas von Nahenje wissen.

Akem Kabat, von seinen Geschäften sehr in Anspruch genommen, schickte Boten. Doch die kamen samt und sonders mit wenig glaubhaften Geschichten zurück, ohne ihren Auftrag erfüllt zu haben.

Kabat setzte nun beträchtliche Hoffnungen in diese Gruppe, die ja nicht aus Einheimischen bestand und somit (hoffentlich) von lokalem Aberglauben weniger leicht zu beeindrucken war.

Der Auftrag bestand im Grunde lediglich darin, einen Brief nach Nahenje zu bringen und mit Nachricht von dort zurückzukehren. Sollte etwas nicht in Ordnung sein (und das war ja wohl zu befürchten), sollten sie die Sache untersuchen und, wenn sie konnten, ins Reine bringen. (Kabat hatte da so seine Zweifel, was letzteres betraf, stellte aber immerhin dafür noch eine Sonderprämie in Aussicht. Sowas kam erfahrungsgemäß der Moral der Truppe zugute.)

Als Lohn für die Briefträger bot Kabat großzügige fünf Silberstücke pro Person, plus Reiseverpflegung. (Der hohe Lohn erklärte sich dadurch, daß Kabat sich viel ernstere Sorgen machte als er zugab, und falls großer Ärger auf seine Briefträger wartete, würde die Aussicht auf eine großzügige Belohnung sie hoffentlich davon abhalten, sofort das Weite zu suchen.)


Zurück im "Peter in der Fremde" versuchten die Abenteurer, weitere Informationen über Nahenjé und die Gegend, durch die ihr Weg führen würde, zu erhalten, hatten aber kaum Erfolg. Leute aus dem Umland verirrten sich eben nur höchst selten in dieses Lokal. Sie erfuhren nur, daß es in den Wäldern des nördlich MóCaire, durch die ihr Weg sie führen würde, ein paar ziemlich unbeliebte Leute gab, die sich "Wigys" nannten und vor denen man sich zu hüten habe. warum allerdings, darüber gingen die Meinungen auseinander: von "Dämonenanbeter" über "fix mit dem Messer" bis zu "sie mögen es einfach nicht, wenn man durch ihr Gebiet trampelt". "Aber fragt doch mal Tegeid, den Waldläufer in Carth -- das liegt für euch am Weg -- , der kennt sich aus!"


Der Morgen war schön, die Straße gut, Tegeid in Carth schnell gefunden. Sobald die Abenteurer Nahenjé erwähnten, fing er an zu lachen: "So, hat Kabat also wieder mal welche gefunden, die nach Nahenjé gehen wollen! Na, da bin ich gespannt, mit was für wüsten Geschichten ihr zurückkommt."

Waaas? Die Helden tauschten verunsicherte Blicke aus. "Die wievielten, bitte, sind wir?"

"Ach, die vierten oder fünften."

Tegeid, merkten sie schnell, nahm das ganze von der komischen Seite. Leute gingen in den Wald, kamen wieder und erzählten alberne Schauermärchen. Die Gruppe, interessiert an Schauermärchen, erfuhr, daß die Bewohner Nahenjés jeden Fremden ermordeten, daß das Dorf verflucht, im Sumpf versunken und vom Teufel geholt worden sei, von bösen Zauberern bewohnt und Tag und Nacht von Armeen von Untoten und Werwölfen bewacht, und so weiter. Tegeid selbst erzählte, vor fünf Jahren sei er zuletzt bis nach Nahenjé gegangen und habe nichts gefährlicheres gesehen als zwei zerlumpte Straßenräuber und eine Rotte Wildschweine -- nein,betreten habe er das Dorf nicht. Er warnte allerdings vor den Ruinenstädten der Wigys, das seien unheimliche Orte, wo alles mögliche geschehen könnte. "Aber keine dieser Städte liegt am Weg."

Die Abenteurer verließen Carth mit gemischten Gefühlen.


Am Abend des nächsten Tages erreichten sie Laginn, jenen Ort, wo sie die vielbenutzte Küstenstraße verlassen und nach Osten in die Wälder gehen würden. Hier konnten sie all die erschröcklichen Gerüchte noch einmal hören, diesmal mit voller Überzeugung vorgetragen, und der Wirt des einzigen Gasthauses im Ort konnte Geschichten über wigysche Ruinenstädte beisteuern, die der Bruder eines Freundes seines Schwagers selbst erlebt haben wollte.


Früh am nächsten Morgen wurden wieder die Bündel geschnürt, die Ausrüstung noch einmal überprüft, Thegil füllte seinen leergewordenen Weinschlauch wieder auf, und das Angebot des Dorfkrämers wurde auf Murmeln und andere Kleinodien hin untersucht. Der Händler pries vor allem seine magischen Amulette an, die angeblich vor den verschiedensten Gefahren warnen oder schützen sollten. Kojiro erwarb ein allgemeines Warnamulett, die anderen, mangels Glauben oder Kleingeld, verzichteten, obwohl der Händler sich die größte Mühe gab, dem hübschen Elfen ein Schutzamulett gegen Dryaden anzudrehen.

Schließlich war alles gepackt und geregelt und erledigt und die Abenteurer folgten dem schmalen, grasüberwucherten Weg, der eine halbe Wegstunde hinter Laginn im dichten Wald verschwand.


Die ersten drei Tage war die Straße immerhin deutlich zu erkennen, und die Abenteurer kamen gut voran, gut genug, um sich beim Wandern ausgiebig zu unterhalten. Doch von der zweiten Nacht an bemerkten die Nachtwachen Augen im dichten Gestrüpp, die sie beobachteten, aber verschwanden, sobald jemand aufstand, um nachzusehen. Die Augen machten es ihnen ungemütlich und gaben ihnen Rätsel auf, die am dritten Tag nur teilweise gelöst wurden. An diesem Tag nämlich begegnete ihnen auf dem Weg eine gestalt, die sie nur als "vermutlich menschlich" einstufen konnten, den sie trug lange, weite, faltenreiche Gewänder und Kapuze, und ihr Gesicht war so verschleiert, daß nur die Augen zu erkennen waren, und die waren seltsam. Aber das Wesen sprach mit menschlicher Stimme. Er (sie? es?) warnte die Reisenden vor den Besitzern dieser nächtlichen Augen, es seien blutrünstige Waldaffen, primitiv und boshaft, die nur auf einen geeigneten Moment für einen Überfall warteten, das Klügste sei, sie zu töten, sobald man sie erblicke. Davon abgesehen erwies sich der Schleiermensch als wenig informativ.

Die Helden standen da und kratzten sich die Köpfe. Blutrünstige Waldaffen? Auf Sicht töten? Das klang nicht besonders gut und eigentlich nicht mal sonderlich überzeugend, zumal der Gnomin zu dem Thema jetzt einfiel, daß es in den weiten Wäldern ihrer Heimat Waldmenschen gab, die ihre Behausungen in den Kronen der großen Bäume bauten. Mórdarlach werden sie genannt,und man kann sie vielleicht primitiv nennen, aber sie sind friedlich und freundlich, wenn auch scheu.

Die Abenteurer waren sich nicht sicher, was nun von der ganzen Sache zu halten war, aber es fiel ihnen nicht weiter schwer, sich auf die alte Regel zu einigen, daß man nichts angreift, was einen selbst offensichtlich in Ruhe läßt.

Im Folgenden schenkte man seiner Umgebung erhöhte Aufmerksamkeit, erkundete auch vorsichtig einige Seitenpfade, die aber sämtlich in Tierfallen führten und wohl nur Wildwechsel waren. (Daran zu zweifeln, ist erlaubt.) So bemerkte Thegil am vierten Tag tatsächlich etwas in der Astgabelung eines hohen Baumes in der Nähe des Weges, was dort offensichtlich nicht hingehörte. Sharevi kletterte hinauf und entdeckte ein Seil aus Pflanzenmaterial und einen kleinen Vorrat an Pfeilen. Faksal untersuchte beides und meinte, ja, das sähe allerdings nach den Waldmenschen aus, die sie kannte. Das Bündel wurde zurückgelegt, nachdemThegil drei seiner kostbaren Murmeln als Zeichen des guten Willens der Reisenden hineingepackt hatte.

Sie erhielten die Murmeln in der nächsten Nacht zurück. Während Faksals Wache kündigte ein Waldmensch seinen Besuch durch Murmeln an und tauchte dann aus dem Gebüsch auf. In Gesten teilte er ihr mit, daß die Schleierleute sehr böse Wesen und dieser Wald gefährlich sei -- die netten Fremden sollten am Besten wieder gehen. Dann verschwand er wie ein Schatten.

Natürlich kehrten die Helden nicht um, und so erreichten sie am nächsten Tag Nahenjé.

rauf


2. Nahenjé

(5.6. - 7.6.1025 n.K.)

Im Verlauf des fünften Juni begann es in Strömen zu regnen, und die Wanderer waren ganz schön durchgeweicht (was Kojiro am meisten störte), als ihnen zwei große Findlinge auffielen, die rechts und links der Straße standen und eine Art Tor bildeten. Dahinter führte der Weg in eine Talsenke, in der ein Dorf lag. Das mußte das berüchtigte Nahenjé sein! Von Untoten und Werwölfen allerdings keine Spur, und die Leute, die da unten auf merkwürdig gelblich und trocken aussehenden Feldern arbeiteten, wirkten (zumindest auf diese Entfernung) eigentlich nicht wie Monster. Aber irgendetwas stimmte nicht mit ihnen, in der Art, wie sie sich bewegten, sie wirkten müde, schlaff, schauten etwas zu selten auf, sprachen nicht miteinander. Und der Regen schien sie nicht zu erreichen.

Die Abenteurer standen unschlüssig da. Sharevi sagte später, obwohl weit und breit nichts Bedrohliches zu sehen gewesen wäre und es immer noch heller Tag war, habe sie nie zuvor etwas derart Unheimliches gesehen. Aber ihr Ziel lag nun einmal dort unten, und sie waren nicht den ganzen Weg hergekommen, um sich jetzt zu verkrümeln und eine weitere wüste Geschichte zu erzählen. So gingen sie weiter.

Es gab tatsächlich eine Grenze, jenseits der es nicht regnete. Zur Sicherheit gingen sie ein paarmal hinüber und zurück. Kein Problem. Nur wenig innerhalb der Grenze weidete eine trübsinnig dreinblickende Herde magerer Kühe. Thegil führte ein kurzes, mäßig informatives Gespräch mit ihnen. (Den anderen fielen fast die Augen aus dem Kopf, als sie den Elfen muhen hörten!)

Es half alles nichts, sie mußten in den Ort hinunter, um irgendetwas herauszubekommen. Sie sprachen mit einigen Leuten, die überwigend lethargisch oder mißgelaunt waren (die meisten waren beides). Der Schmied und der Zimmermann/Schreiner des Ortes waren etwas weniger feindselig, aber konnten auch nur wenig mehr sagen, als daß "immer alles schief ginge" und daß "es" (was auch immer) "ein schrecklicher Fehler war". Das sei seit sieben Jahren so, und überhaupt sei alles völlig daneben.

Die bedrückende Atmosphäre wirkte sich bald auch auf die Abenteurer aus -- dieses ganze Dorf war ein einziges Trauerspiel, und die Abwesenheit von irgendetwas Greifbarem machte die Szenerie noch unheimlicher. Es war eine richtiggehend angenehme Abwechslung, als ihnen auf der Dorfstraße ein paar Halbstarke entgegenkamen, die offensichtlich Streit suchten -- aber nur, bis Kojiro, ein erwartungsvolles Grinsen im Gesicht, nach seinem Bihänder griff. Da fiel den Rowdies nämlich ein, daß sie eigentlich alle sehr wichtige Termine anderswo hatten.

Gegen Abend landete man schließlich im Wirtshaus, kriegte einen aussichtsreichen Anwärter auf das schlechteste Bier der bekannten Welt serviert (nur Kojiro hatte, wie üblich, schon schlimmeres erlebt), und sprach mit Brecia, der Magd, die ein verblüffendes Maß an Lebhaftigkeit zeigte: als die Abenteurer das Wirtshaus betraten, jagte sie grade mit einem Besen die Katze aus der Küche, "das Ungeheuer hat schon wieder zwei Teller zerbrochen! Bald haben wir keinen einzigen heilen Teller mehr!"

Erleichtert, jemanden zu treffen, der nicht schon scheintot war, unterhielten sich die Abenteurer mit Brecia, die, wie sie erfuhren, vor vier Jahren auf der Suche nach Arbeit ins Dorf gekommen war und es nun nicht mehr verlassen konnte. Eine unsichtbare Mauer schien die Bewohner an diesem hoffnungslosen Ort festzuhalten. Nur Caillean, sagte Brecia, könne die Grenze überqueren, aber die sei ja auch eine Hexe. Sie wohne nördlich des Dorfes, außerhalb der Grenze. Brecia war sehr mitteilsam, erzählte auch von der zwölfjährigen Tochter des Wirts, Malin, die krank sei und der keiner helfen könne.

Diese Information brachte den Elfen sofort dazu, nach dem Wirt, Cerem, zu suchen (der die Führung von Wirtschaft und Haushalt weitgehend seiner Magd überließ und seine Zeit vor allem mit Trübsal blasen verbrachte), und seine Hilfe anzubieten -- ganz abgesehen davon, daß das Berufsethos des Heilers das von ihm verlangte, konnte Thegil das Elend auch einfach nicht mehr mit ansehen. Er erhielt die Erlaubnis, Malin zu sehen, mußte aber feststellen, daß es ihm an Wissen und Erfahrung mangelte und er ihr nicht wirklich helfen konnte. Immerhin konnte er mit einem einfachen Zauber dafür sorgen, daß es ihr wenigstens vorübergehend besser ging. Das beseitigte Cerems Mißtrauen gegenüber den Fremden nachhaltig -- er liebte seine Tochter über alles. Also ließ er Thegil noch länger mit Malin sprechen, und das Mädchen erzählte von seltsamen Träumen, von einem Wolf, der von Hunden angefallen wurde, einer Stimme, die einen Fluch aussprach, einem hohen Turm vor dem Hintergrund einer Bergkette.

Da keiner der Abenteurer wild darauf war, mehr Zeit als nötig innerhalb der Begrenzung von Nahenjé zu verbringen, packten sie am Abend ihren Kram, um die Nacht im Wald zu kampieren, Regen hin, Waldmenschen und Schleierleute her.

Doch auf dem Weg aus Nahenjé hinaus hörten sie fernes, wunderschönes Harfenspiel und sahen, als sie dem Klang folgten, den Harfner: einen jungen, schwarzhaarigen Mann in einem roten Mantel, dessen Augen ins Nirgendwo sahen. Sie standen eine Weile unentschlossen herum -- der Himmel mochte wissen, was das jetzt wieder für ein Typ war! Dann kamen sie zu dem Schluß, daß sie die Schnauze für heute einfach gestrichen voll hatten und machten sich davon. Dabei mußten sie feststellen, daß es tatsächlich so etwas wie eine unsichtbare Barriere gab, die ihnen schon jetzt das Verlassen des Ortes spürbar erschwerte. Endlich wieder draußen im nassen Wald fühlten sie sich wie aus einem schlechten Traum erwacht.

An diesem Abend diskutierten sie noch den Kenntnisstand. Ein Fluch, wie Malins Träume andeuten, schien nicht unwahrscheinlich -- aber wie und warum und vor allem, in Anbetracht der Auswirkungen: von wem? Was hatte der Wolf zu bedeuten? Warum waren auch Kinder und Zugereiste betroffen? Was war vor sieben Jahren geschehen? Vielleicht würde Caillean ihnen weiterhelfen können. Gleich am nächsten Morgen, beschlossen sie, würden sie nach der "Hexe" suchen.


Am nächsten Morgen erwachten sie mit Hunger im Bauch. Die Vorräte, die Akem Kabat ihnen mitgegeben hatte, waren aufgebraucht. Die Aussicht, in Nahenjé ein Frühstück auftreiben zu müssen, begeisterte keinen, so suchte man erst einmal nach Cailleans Behausung -- vielleicht konnte man sich ja bei ihr einladen. Doch die ausgedehnte Suche blieb erfolglos. Also, auf ins Dorf. Heute schienen die Leute noch unfreundlicher als am Vortag. Wenigstens Brecia freute sich, sie wiederzusehen und tat kurzerhand mehr Wasser zur Grütze, damit es reichte. Über den Harfner konnte sie auch Auskunft geben: das sei Talo, Caihols jüngster Sohn, "er ist völlig plemplem, aber er spielt wie ein Gott".

In diesem Dorf ging tatsächlich alles schief: die Grütze brannte an, und als man beim Essen saß, stieß Faksal versehentlich Thegils Teller vom Tisch, was Brecia mit einem düsteren "es fängt schon an" kommentierte. Die Abenteurer sahen sich betroffen an. Sharevi war so leicht aber nicht zu beeindrucken und diagnostizierte nüchtern "Autosuggestion". (Im übrigen galt für die Grütze das gleiche wie für das Bier vom Vortag).

Brecia erwähnte auch einen Tempel. Die Dörfler hatten die Existenz eines solchen bestritten. Ein Grund, auch dort man hinzugehen und sich umzuschauen. Der Tempel, verwahrlost und verfallen, befand sich in einem kleinen Gehölz. Wandbilder ließen erkennen, daß er einer Fruchtbarkeitsgöttin geweiht gewesen war. Es gab einen großen Raum mit einem Altar und zwei kleinere Räume im hinteren Teil. Das einzige wirklich Auffällige waren zwei Skelette: das einer Frau, die offensichtlich erstochen worden war, neben dem Altar, und das eines Mannes, an dem noch Fetzen dunkler Roben hingen, im hinteren Teil. Ihm hatte jemand den Schädel eingeschlagen. eine genauere Untersuchung der Räume ergab, daß hier nur eine Frau -- die Priesterin -- gewohnt hatte. Wertgegenstände fanden sich (zu Kojiros größtem Bedauern) keine. Immerhin, die ganze Chose fing langsam an, Sinn zu machen, und mit ihren Spekulationen kamen die Abenteurer der Wahrheit schon recht nahe.

Der nächste potentielle Informant auf der Liste war jetzt Talo. Sie fanden ihn schlafend in einer Hütte, die etwas abseits stand und deren Aussehen mit "schäbig" nur unzureichend beschrieben war. Talo wurde kurzerhand geweckt und interviewt. Leider erwies sich Brecias Aussage über seinen Geisteszustand als zutreffend.

Es ändere sich nie etwas, sagte er, es verginge keine Zeit, alles sei immer da, in jedem Moment, und die Luft bewege sich nicht. Keiner könne entkommen, nur der Falke fliege in der Stadt am schwarzen Wald, der rote Falke, frei, hoch im Himmel. Nachts blühe die gebrochene Blume am Tempel. Er rufe den Falken, rufe den Wolf ohne Namen und die Zeit aus dem Turm hinter den Hügeln zurück.

Ziemlich gestreßt verließen die Abenteurer Talos Hütte. Dem Streß war es wohl auch zuzuschreiben, daß Thegil die Tür versehentlich Faksal vor die Nase knallte. Nichts wie weg hier!

Den Rest des Vormittags verbrachten sie damit, nach Caillean zu suchen -- diesmal erfolgreich: Thegil und Sharevi entdeckten einen Pfad, der zu einem kleinen Haus außerhalb der Dorfgrenze führte.

Die Kräuterhexe war zu Hause und hatte anscheinend schon mit Besuch gerechnet. Ihre Version der Geschichte war folgende:

Das hier war mal das reichste Dorf zwanzig Wegstunden im Umkreis. Schwer zu glauben, nich? Der Segen der Göttin, sagten sie, aber dann vergaßen sie das. Die Früchte wuchsen ihnen in'n Mund, und sie meinten, das wär' ihr eigner Verdienst. Wenn's dem Esel zu wohl wird. Die Göttin jedenfalls ist ja wohl geduldig, aber irgendwann ist dann auch Schluß. So vor zehn Jahren fing's an, schlechter zu werden, und die Leute suchten promt wen, der an allem schuld wär. Nicht sie selbst natürlich, oh nein! Die Leute wurden eklig zu Fremden oder zu allen die irgendwie anders waren. Die Schleierleute merkten's zuerst, die sind ja nich blöd, das könn'n die sich nich leisten, und verschwanden bei Nacht und Nebel, so vor acht Jahren war das. Die Priesterin, Traie, ne vernünftige Frau, versuchte, den Leuten ins Gewissen zu reden, auch so'n paar andere, die Lütte vonner Aithe, die damals mit Caihols Jüngstem verlobt war und so. Alles für die Katz. Vor sieben Jahren hatte die Göttin dann wohl echt zuviel von dem Pack, der alte Bürgermeister, 'n echter Stinkstiefel, starb, schade nur, daß sein Sohn noch fieser ist, und am nächsten Tag kam so'n komischer Typ in Schwarz ins Dorf. Tat nichts, sagte nichts, guckte sich nur um, sprach mit Traie, wohnte wohl auch im Tempel. Jetzt hatten se einen, der an allem schuld war. Ich war in den Tagen gar nich unten, hatte zu tun, ich hab ja auf mein Fell aufzupassen, alles, was ich weiß hat mir die lütte Romelé erzählt, wie sie weg ist. Anscheinend haben sie den Fremden gelyncht und Traie gleich mit umgebracht, Lumpenpack. Und sich dafür 'n Fluch eingehandelt. Ehrlich verdient, möchte man fast sagen. Tja, und so ist's seit sieben Jahren. Ich bleib eigentlich nur hier, weil's ne Menge nützliche Kräuter im Tal gibt. Gab's immer schon, früher waren's so Heilpflanzen, heute eher Giftzeug. Paßt alles zusammen. Romelé ist in Morfran, hm, "Morfran" heißt "am schwarzen Wald", ist aber 'n ganz harmloses Städtchen.

Was die Schleierleute angeht, da sind se nich nur hier 'n bißchen panisch. Irgendne alte Abneigung, hat wohl historische Gründe.

Nach Morfran müßt ihr die Straße durchs Dorf runter und weiter drauf längs, die Straße macht dann 'n Bogen nach Norden. Ist ziemlich überwuchert, aber so nach drei Tagen ist man da.


Die Abenteurer waren schon zu drei Vierteln entschlossen, etwas zu unternehmen, und auf jeden Fall wollten sie mehr herausfinden. Caillean gab Sharevi ein Amulett, einen aus Holz geschnitzten Wieselkopf, der es ermöglichen würde, das Haus der Kräuterhexe wiederzufinden, und komplimentierte die Bande hinaus.

Was tun mit dem angebrochenen Tag? In der Nacht wollten sich die Helden noch mal am Tempel umsehen (in der Hoffnung, auf kooperative Gespenster zu treffen). Bis dahin hieß das dringlichste Problem aber: Was gibt's zu Mittag? Niemand war wild darauf, es im Dorf zu versuchen -- mochte ja sein, daß die Einwohner immer noch zu Lynchmorden neigten, und selbst Kojiro mußte zugeben, daß das Essen das Risiko nicht wert war.

Zum Glück hatten die Gnomin und die Nomadin Erfahrung im Wildnisleben und im Improvisieren und brachten mit vereinten Anstrengungen ein ordentliches Essen auf den Tisch...äh, auf die Wiese. Thegil war tief beeindruckt, während Kojiro von Regenwürmern, eingelegt in Ingwersoße, schwärmte. Den Elfen konnte er damit nicht ganz überzeugen.

Da man die Nacht durchmachen wollte, hielt man einen späten Mittagsschlaf, bis die Abenddämmerung hereinbrach. Ungesehen schlichen sie sich zum Tempel. Der Mond war schon untergegangen, und der Tempel war gruseliger, als sie ihn in Erinnerung hatten. Aus der Ferne war wieder Harfenspiel zu hören, das aufhörte, als aus dem Abend Nacht wurde.

Zuerst legten die Abenteurer sich im Altarraum auf die Lauer, aber als es auf Mitternacht ging, wurde die unheimliche Aura so stark, daß sie sich lieber in den Wohnraum der Priesterin zurückzogen.


Eine ältere, grauhaarige Frau in einem einfachen Kleid steht im Altarraum. sie scheint auf etwas zu lauschen, schüttelt den Kopf, geht zum Eingang. Es ist nicht mehr so dunkel. Ein Mann in schwarzen Roben betritt den Tempel, eilig, wechselt ein paar Worte mit der Frau, doch kein Laut ist zu hören. Bewegung auf dem Weg, der zum Tempel führt. Menschen, bekannte Gesichter, zornig und verzerrt. Hände, die Knüppel, Sensen, Heugabeln halten. Der Mann verschwindet in einen hinteren Raum. Die Frau geht zur Eingangstür. Schaut hinaus.

Die Meute kommt näher. Stoppt, als sie die Frau sieht. Verunsichert. Dann werden Waffen fester gepackt. Worte fliegen hin und her, doch die dichte Luft schluckt Geräusche. Die Menge regt sich wie ein erwachender Drache. Bösartig.

Ein Mädchen kommt angerannt, von der Seite, sie stolpert durch das Gehölz, stellt sich vor die Menge, ihr entgegen. Redet. Redet. Hält die Menge -- für einen Moment. Der Drache regt sich. Die Meute bewegt sich auf sie zu, das Mädchen, nicht älter als sechzehn, steht, bleibt stehen. Redet weiter, verzweifelt. Die Meute gewinnt Schwung. Hebt die Waffen. Ein junger Mann -- Talo -- löst sich aus der Menge. Zieht das Mädchen zur Seite. Sie verschwinden. Die Frau versucht, die Menge aufzuhalten. Hebt die Arme, ruft etwas, doch nichts geschieht. Sie muß sich zurückziehen, zurück, wird dann doch überrollt, ertrinkt in der wütenden Menge. Dann taucht der Mann aus dem Hinterzimmer auf. Sieht den Mob an mit -- Verachtung? Trauer? -- es ist schwer zu sagen. Hebt seinen Stab. Sie wollen sich auf ihn stürzen, doch plötzlich erstarren sie. Aus der Zeit genommen. Er spricht. Sie bewegen sich wieder. Auf ihn zu. Er wird zurückgedrängt, verschwindet aus dem Blickfeld. Metall blitzt.

Der Spuk endet. Es ist noch immer Nacht.


Klüger, aber ziemlich desorientiert verließen die Abenteurer den Ort des Geschehens. Auf dem Weg hinter dem Tempel begegneten sie Talo. Er stolperte wie blind über den Pfad und war nicht ansprechbar.

Die Gruppe war nicht der Ansicht, in Nahenjé noch besonders viel verloren zu haben. Sie verließen den Bereich des Dorfes und warteten die Morgendämmerung ab. Ihr nächstes Ziel war Morfran. Das Mädchen, daß sie in der Erscheinung gesehen hatten war, so nahmen sie an, Romelé gewesen -- die einzige Person, die ihnen im Moment weiterhelfen konnte. Und sie würden einen großen Bogen ums Dorf machen.

Thegil allerdings hatte versprochen, Malin noch einen Besuch abzustatten, und Kojiro fand es unverantwortlich, den Elfen allein gehen zu lassen. Über einen Feldweg schlichen die beiden sich zum Gasthaus, wurden aber von einem Frühaufsteher bemerkt, der prompt Alarm schlagen ging.

Cerem und Brecia freuten sich, die beiden zu sehen. Der Heiler kümmerte sich noch mal um Malin, doch als sie grade gehen wollten, kam Brecia an: Draußen rotteten sich ein paar wenig vertrauenerweckende Typen zusammen. "Durch die Hintertür, und rennt!"

Was die beiden taten. Bald hatten sie eine wütende Meute auf den Fersen (und ein starkes Gefühl von DéjÓ-vu), erreichten aber noch rechtzeitig die Dorfgrenze, für deren Existenz sie ausnahmsweise einmal sehr dankbar waren -- auch wenn Kojiro dieses Mal gegen die "unsichtbare Mauer" rannte und sich unsichtbare blaue Flecke holte.

Es war halb sechs Uhr morgens am siebten Juni, als sie auf die Straße nach Morfran (oder das, was von ihr übrig war) stießen.

rauf


3. Morfran

(7.6. - 10.6.1025 n.K.)

Die Abenteurer hatten es eilig, aus dem verfluchten Dorf wegzukommen und wanderten den ganzen Tag. Gegen Abend erreichten sie bewohnte Gegenden. Die Straße nach Morfran führte durch eine Menge kleiner Bauerndörfer, die alle so richtig fröhlich, lebendig und sympathisch waren. Am Abend des neunten Juni kamen sie endlich nach Morfran.

Morfran erwies sich als nicht mehr als ein mit einer Palisade (Kojiro rümpfte die Nase) umgebener Marktflecken. Romelé zu finden, sollte also nicht schwer werden.

Tatsächlich war es noch einfacher als sie dachten. Tagsüber war Markt gewesen, und jetzt, am Abend, gab es in der Stadt noch einigen Auftrieb. Es gab Gaukler und Musikanten, doch die meisten Zuschauer zog ein Schaukampf an: ein Lokalchampion gegen jemanden aus dem nächsten Dorf. Der erste Mensch, den die Abenteurer zu fassen bekomen, stammte aus Morfran, hatte auf den Lokalchamp gesetzt und war überzeugt, daß der Fremde keinen Punkt machen würde. Er behielt recht, Und der Lokalchampion war -- Romelé. Sie ließ sich feiern, stiftete eine Runde Freibier, und machte sich dann unaufällig vom Acker. Den Abenteurern gelang es, ihr auf den Fersen zu bleiben.

Romelé bewohnte ein Zimmer in der "Blauen Katze" und war zuerst weit davon entfernt, sich mit irgendwelchen dahergelaufenen Dummköpfen abzugeben, schon gar nicht mit welchen, die etwas über Nahenjé wissen wollten. Schließlich gelang es Sharevi und Thegil -- beide mit beträchtlicher Wortgewandtheit und gewinnender Persönlichkeit gesegnet -- die Kämpferin davon zu überzeugen, daß sie genau die richtigen Leute wären, um die Geschichte zu erfahren.

Ich träume immer noch davon. Jede Nacht, Es passiert immer wieder. Wie alle auf dem Dorfplatz standen und redeten. Über das Unwetter. Und über den Tod von Eltas. Und daß der Fremde, dieser schwarzgekleidete Druide, daran schuld sei. Dann rief Tordes "da ist er!" und sie wollten gehen und "ihn zur Rechenschaft ziehen", sagten sie. "Es ihm zeigen." Ich sagte, sie seien alle verückt geworden, aber sie gingen tatsächlich, bewaffneten sich und jagten den Druiden bis vor den Tempel. Traie stellte sich ihnen entgegen und ich fürchtete, daß sie sie umbringen würden. Sie stand so allein inmitten dieses Wahnsinns. Ich hielt das nicht aus. Ich habe gelernt, die Klappe aufzureißen, wenn mir etwas nicht paßt, mich durchzusetzen. Also stellte ich mich vor die Leute, um sie zu Verstand zu bringen. Ich glaubte ehrlich, ich könnte das. Aber sie haßten den Fremden so sehr, sie haßten jeden, der etwas anderes tat oder sagte oder war als sie. Das verstand ich in dem Moment. Ich verstand, daß sie auch mich töten würden, wenn ich ihnen nicht aus dem Weg ging. Aber ich konnte nicht weggehen. Dann kam Talo auf mich zugestürzt und riß mich zur Seite. Ich weiß, daß er das getan hat, weil er mich mochte, um mich zu retten, aber ich haßte ihn dafür, denn so konnte ich gar nichts tun, nur zusehen. Jeizo tötete die Priesterin. Dann erschien der Druide. Ich dachte, er wäre auf und davon. Und er verfluchte Nahenje... Ich erinnere mich an seine Worte, ich höre sie immer wieder. Er sagte, "Fluch und Verdammnis diesem Ort! Sturm und Dürre auf euren Feldern. Fluch euch und euren Kindern, Hunger, Elend und Krankheit, auf daß ihr, euer Schicksal bejammernd, in euren Häusern sitzen sollt, unwillig zu bleiben, unfähig zu gehen, von heute bis ans Ende aller Zeit! So soll es sein, das schwöre ich bei meinem Namen und den Zeichen von Jené!"

Ich verließ das Dorf drei Tage später. Ich war die einzige.


Romelés Bericht beantwortete zwar einige Fragen, warf aber um so mehr neue auf. Wie funktioniert so ein Fluch eigentlich? Was kann man dagegen machen? Wer war der schwarzgekleidete Mann gewesen? Ein Druide? Zumindest Faksal war nicht völlig überzeugt. Und wer, oder was, zum Geier, war 'Jené'? Gab es in diesem Ort einen Gelehrten, den man mit solchen Fragen löchern konnte? Romelé konnte der Gruppe einen gewissen Mirzarim Jeman empfehlen. Man ließ sich den Weg beschreiben und plante, gleich am nächsten Morgen bei Mirzarim auf der Matte zu stehen.


Was man um sieben Uhr früh auch tat. Sharevi läutete die Türglocke, fand Gefallen an dem Klang und läutete gleich nochmal, ehe Thegil, dem in diesem Moment dämmerte, daß manche Leute es nicht schätzen, um sieben durch die Türklingel geweckt zu werden, sie daran hindern konnte. Nach einer Weile öffnete sich die Tür, und ein zerknautscht aussehender alter Mann im Morgenrock blinzelte die Abenteurer an. Thegil rettete die Situation, indem er nur kurz sagte, sie hätten ein Anliegen, aber ob sie vielleicht erst mal was fürs Frühstück besorgen sollten? Der Alte nickte nur und knallte die Tür wieder zu, man besorgte Frühstück und ließ es sich was kosten, obwohl der Zustand der Geldbeutel der Gruppe gewissermaßen beunruhigend war.

Eine gute Stunde später standen sie erneut vor Mirzarims Tür. Der war dieses Mal schon besser gelaunt, bat die Abenteurer herein und setzte ihnen ein duftendes Getränk vor, das der weitgereiste Kojiro sofort als Kaffee identifizierte -- echten Kaffee, nicht diesen aufgebrühten Waldboden, der unter dem Namen "Kaffee" in Haethcyn grade groß in Mode war.

Nach dem Frühstück überließ Mirzarim einem nur halb sichtbaren dienstbaren Geist den Abwasch und wandte sich den Problemen der Gruppe zu. Von Nahenje wußte er so gut wie nichts, da er erst seit vier Jahren in der Stadt wohnte. Die Abenteurer bekamen eine kleine bis mittlere Vorlesung über Fluchkunde, die Energetik und Dynamik von Flüchen, die Manifestation des Imaginären und ähnliche Nettigkeiten. Die wichtigste Information -- vom Standpunkt der Gruppe aus -- war, daß jeder Fluch gezwungenermaßen die Möglichkeit enthalten muß, ihn auf nicht-magische Weise zu lösen. Mirzarim mußte allerdings zugeben, daß auch er in diesem Fluch die Hintertür nicht entdecken konnte. Wenn es eine gab, meinte er, mußte sie entweder mit dem 'Ende aller Zeit' zu tun haben (ein reichlich dicker Brocken im Fluch eines Wanderzauberers!) oder mit dem, was Zauberkundige die 'Bindung' eines Fluches nennen, in diesem Fall der 'Name' und die 'Zeichen von Jené'. Aber Jené? Mirzarim meinte, den Namen schon einmal gehört zu haben und stellte mit Unterstützung von Sharevi und Thegil eine kleine Recherche in seinem Bücherbestand an. Die Ergebnisse waren bestenfalls als wüst zu bezeichnen. Jené war eine Kultstätte, ein Kloster, eine Akademie oder ein Tempel von Druiden, Magiern oder Dämonenanbetern, der vor längerer Zeit gegründet und vor ebenfalls längerer Zeit verfallen, verlassen oder vom Erdboden verschluckt worden war. Sie befand sich irgendwo im Norden, und ihr Gründer war (angeblich) ein Druide namens Yen Kinon.

"Hört sich ja mächtig interessant an" meinte Mirzarim dazu. Die Helden wußten nicht genau, ob sie sich dieser Ansicht anschließen sollten. Es hörte sich eher nach Ärger an -- aber jetzt nach Haethcyn zurückzukehren und Akem Kabat die ganze häßliche Wahrheit zu sagen, war auch keine erfreuliche Aussicht. Also faßte man den kühnen Entschluß, in das unbekannte Land im Norden zu reisen und nach Jené zu fragen.

Mirzarim gefiel die Idee offensichtlich, und als die Helden vorsichtig über ihre leeren Beutel klagten, erklärte er sich sogar bereit, nicht nur als zahlender Auftraggeber zu fungieren, sondern den Jené-Forschern sogar einen Spesenvorschuß zu gewähren -- vorausgesetzt, diese unterschrieben einen anständigen Vertrag!

Die Helden waren einverstanden, und Mirzarim setzte den Vertrag auf der Stelle auf.

Hiermit bestätigen wir,
      Kojiro
      Sharevi Dharo Kerit
      Faksal Brösam
      Thegil
am zehnten Juni 1025 nach Gründung der Stadt Kyla von Mirzarim Jeman aus Morfran 8 (acht) Silberstücke Vorschuß für eine Expedition ins nördliche Meall Breac auf der Suche nach einem Ort, genannt Jené, erhalten zu haben.

Wir geloben, so direkt, wie es uns möglich ist, zu diesem Ort und zurück zu reisen, und Mirzarim Jeman Bericht über unsere Reise zu erstatten.

Dieses Papier unterschrieben alle -- Thegil als letzter und mit bösen Vorahnungen. Tatsächlich war kaum zu übersehen, daß Geschäftstüchtigkeit keine hervorstechende Eigenschaft der Gruppe war -- der Vertrag verpflichtete sie zu einer Expedition, die mit acht Silberstücken nicht annährend zu bezahlen sein würde, und Mirzarim Jeman zu gar nichts.

Mirzarim händigte ihnen die acht Silberstücke aus (weniger als der Preis eines Ponys), gab ihnen eine kurze Wegbeschreibung ("die Straße durch Morfran trifft in nördlicher Richtung nach zwei Tagen auf den Hochlandweg und führt dann weiter nach Norden"), und danach gab es eigentlich keinen Grund mehr, nicht gleich aufzubrechen. Schnell wurden noch ein paar Notrationen gekauft, die Ausrüstung fahrtentauglich gemacht (Kochgeschirr, Wasserflasche, Zeltbahn? keine Zeltbahn) und dann ging's los.

Inzwischen war heller Nachmittag, und es war heiß. Kojiro war der einzige, den das nicht störte (im Gegenteil), aber Sharevi wurde es bald zuviel: Sie hob in einer allseits bekannten Geste den Daumen, und tatsächlich hielt nach einer Weile ein Fuhrwerk an, auf das Sharevi, Faksal und ein vollgestopfter Elfenrucksack noch draufpaßten. Thegil und Kojiro mußten laufen, aber der Wagen zockelte gemütlich dahin, und muntere Reden begleiteten sie. So ging es bis zum frühen Abend, dann mußten sie wieder auf Schusters Rappen umsatteln, und machten wenig später Bekanntschaft mit einer Institution, die sie ihre gesamte Reise lang verfolgen sollte: Dem Wegzoll.

Wegzoll bestand darin, daß entlang irgendeiner harmlosen öffentlichen Straße der lokale Baron kleine Häuschen mit ein oder zwei gelangweilten Gestalten davor aufstellte, die anscheinend berechtigt, beauftragt oder sonst etwas waren, harmlosen Reisenden Geld abzunehmen. Zum Glück hatte der Bauer, mit dem sie gefahren waren, die Abenteurer vorgewarnt und ihnen auch erzählt, daß von Druiden und Barden nur der König selbst Zoll nehmen durfte -- aber Thegil und Kojiro mußten feststellen, wie schnell so ein Silberpenny futsch ist. Das konnte ja noch heiter werden...

Man schlug sein Lager neben der Straße auf und kaufte am nächsten Bauernhof etwas zu essen, nachden Thegil unheilvoll von 'Jagdrechten' gemurmelt hatte -- ein Begriff, der vor allem Sharevi erst einmal erklärt werden mußte.

rauf


4. Wegkreuz

(11./12. 6. 1025 n.K.)

Mulikuturelle Verwirrungen bereicherten auch die weitere Reise, ob es nun um 'ordentliche' Hunde oder das Heiratsalter von Elfen ging. Kojiro bekam erklkärt, daß im Winter Schnee liegt (so ein kaltes, weißes Zeug, wie es das auch auf hohen Bergen gibt), oder man entdeckte, daß der achtzigjährige Thegil nach menschlichen Maßstäben grade sechzehn war.

Gegen Mittag wurden Hitze und Staub auf der Straße unerträglich. Zum Glück lag ein sehr passendes Dorf namens Rubha am Wegrand, wo man die heißesten Stunden hinter einem kühlen Bier verbringen konnte. Faksal betätigte sich derweil konstruktiv: Sie erfuhr, daß etwas außerhalb des Dorfes ein Druide lebte, machte diesen ausfindig und erkundigte sich nach Jené. Der junge Druide hatte von Jené gehört -- als dem berühmten abschreckenden Beispiel. Wo dieser Ort sein könnte, außer vielleicht vom Chaos verschluckt, wußte er nicht.

Am Nachmittag wurde weitergewandert, und als die Sonne im Westen stand, erreichten die Abenteurer das Wegkreuz: Die Kreuzung der Nordstraße mit dem in Ost-West-Richtung verlaufenden Hochlandweg. Das Wegkreuz überraschte sie (außer Sharevi, die auf dem Weg nach Haethcyn schon einmal den gesamten Hochlandweg entlanggereist war), es handelte sich nämlich nicht nur um eine einfache Straßenkreuzung, sondern um eine kleine Ortschaft, die den Reisenden allen möglichen Service bot. Das Gasthaus 'Zum Wegkreuz' und seine Bratkartoffeln waren der Gruppe von anderen Reisenden schon wärmstens empfohlen worden. Essen und Getränke wurden in einem Garten serviert, der im Schatten großer Lindenbäume lag. Faksal belegte vier Plätze und bestellte dreieinhalb Portionen Bratkartoffeln (ob die Umsitzenden wohl guckten? vom Kellner ganz zu schweigen!), während die anderen sich um die Unterkunft und das Gepäck kümmerten. Dabei wurde Sharevi Zeugin einer höchst befremdlichen Szene: Die Diener zweier Barone stritten sich in der Rezeption darum, wessen Herrn das größere der beiden Gästehäuser gebührte. Die spinnen, die Südländer!

Der Abend wurde sehr nett. Sharevi schloß Bekanntschaft mit einer Gruppe von Schauspielern, die zum Jahrmarkt nach Dea Camh reisten und improvisierte mit ihnen zur allgemeinen Gaudi Nonsens-Stücke. Thegil versuchte, mit einer Gruppe von Zwergen ins Gespräch zu kommen, aber die erwiesen sich dem Elfen gegenüber als nicht sehr kommunikativ. Kojiro hatte mehr Glück. Er erkundigte sich erst mal nach dem Preis eines guten Schlachtbeils (die Antwort, 'fünf Goldstücke -- dafür kriegst du dann aber auch was ordentliches' haute ihn halbwegs vom Hocker), und fragte dann nach Jené. Tatsächlich konnte einer der Zwerge damit etwas anfangen: Einen Ort dieses Namens gebe es auf der Westseite der Grauen Berge.

Faksal, erschöpft von der Wanderung, haute sich früh aufs Ohr, während Thegil und Kojiro nach über den 'Markt' -- einen Ring von Buden und Ständen -- bummelten.


Am nächsten Morgen wurde, wie üblich, früh aufgestanden. Aus Gründen der Sparsamkeit verzichtete man auf ein Frühstück im Gasthaus, sondern sah sich lieber noch mal auf dem Markt um. Hier war schon Betrieb. Faksal und Sharevi unterhielten sich längere Zeit mit dem Schuster Gefrin, der zwar jede Menge Tratsch kannte, nicht aber einen Ort namens Jené.

Auch das Badehaus hatte schon auf, eine Gelegenheit, die sich Sharevi und Thegil nicht entgehen ließen. Die anderen beiden wollten zwar auch nicht dreckig bleiben, nahmen sich aber mit dem See vorlieb. (Kalt!!!)

Der Morgen verging mit dem Abklappern der Stände, Gesprächen mit anderen Reisenden und miteinander... zum Beispiel über Eigentumsbegriffe und übers Plündern. (Au weiah!). Man entdeckte, daß es hier einen Schreiber gab, und erfuhr von diesem, daß es grade auf dem Hochlandweg gebräuchlich sei, zum Beispiel reisenden Händlern Briefe mitzugeben, die eigentlich immer ankämen. Die Abenteurer nutzten diese Gelegenheit, um ihrem Auftraggeber einen Bericht über den Stand der Dinge zu schicken.

Das Dorf Nahenje wurde vor sieben Jahren von einem Magier verflucht, den die Dorfbewohner im Begriff waren zu töten. Seit dieser Zeit sind die Dorfbewohner sehr lethargisch geworden. Sie können das Dorf nicht mehr verlassen. Die meisten sind Fremden gegenüber sehr feindselig. Wahrscheinlich kam der Magier aus Jené. Wir sind jetzt auf der Suche danach.

Mit besten Grüßen verbleibend...

Daß diese paar Worte dreißig Kupferpfennige wert waren, konnten die Abenteurer ja gerade noch verkraften, aber daß der Schreiber für ein paar Tropfen Wachs, die er auf den Brief tröpfelte, noch zwanzig Kupfer dazu verlangte, erschien doch recht unverschämt.

Anschließend trennte man sich: Thegil versuchte, beim Krämer seine Murmelsammlung zu ergänzen, Kojiro hing rum, Faksal machte noch ein Nickerchen (mußte wohl das warme Wetter sein), und Sharevi machte sich daran, die Wirtsleute in bezug auf Jené zu interviewen. Und der Tag ging nicht so friedlich weiter, wie er angefangen hatte.


Sharevi, in der Rezeption stehend, sieht den Schleiermenschen als erste. Sie interessiert sich nicht dafür. Warum sollte sie auch.


Thegil und Kojiro kommt die verschleierte Gestalt entgegen, als sie zum Wirtshaus zurückgehen wollen. Sie gucken ihr nach, sonst gibt's ja im Moment nichts zu sehen. Und so sehen sie auch, daß der Schleiermensch von einem großen, breiten Typen angehalten wird, der den Verschleierten beschuldigt, sein Pferd verhext zu haben. Der Fremde versucht wortlos, dem anderen -- der dem Anschein nach Händler ist -- aus dem Weg zu gehen. Es bildet sich bereits eine Menschenmenge.

Der Händler will den Fremden (der übrigens eine Spanne kleiner und wahrscheinlich nur halb so schwer ist) bei der Schulter packen -- und findet sich einige Meter entfernt auf dem Hosenboden wieder. Kojiro hat so etwas schon mal gesehen. Thegil ist das neu.

Der Händler zetert, "er hat mein Pferd verhext, mein gutes Pferd, seht euch seine Augen an, er hat den Bösen Blick!" Die Augen des Schleiermenschen sind wirklich seltsam. Die Menge grummelt.

Oh nein, denken Thegil und Kojiro, nicht schon wieder!

Doch schon wieder.

Dieweil hört Sharevi das Gezeter und will doch mal gucken.

"Du hast den Gaul gestern saufen lassen, bis er fast platzte", sagt der verschleierte Fremde kalt und hörbar, die Hände hat er dabei in den Ärmeln verborgen. Den beiden Kämpfern schwant Böses.

"Hexerei... Böser Blick... mein bestes Pferd... Schleierleute... ", die Menge ist feindselig. Jemand wirft eine Handvoll Erde und Kies nach dem Fremden. Dann fliegt mehr, zuerst Erde und herumliegende Abfälle, aber es liegen auch Steine herum, und der Fremde steht mit dem Rücken zur Bude des Schreibers.

Inzwischen reicht die Lautstärke des Aufruhrs sogar aus, um Faksal zu wecken, nur die Ordnungsmacht, vertreten durch etliche Krieger in den Farben des DeamÓr (Königs), die gestern noch überall rumlungerten, läßt sich nicht blicken.

Schon fliegen die ersten Steine.

Sharevi kommt an und sieht nichts, so klettert sie kurz entschlossen auf das Dach der nächsten Bude.

Und dann hat der Fremde auf einmal zwei Dolche in den Händen, holt tief Luft und schreit, daß es Kojiro halb aus den Stiefeln und Sharevi halb vom Dach fegt, und greift an.

In der ersten Reihe der Steinewerfer sinkt einer zu Boden, schreit wie am Spieß, Blut fließt auf das zertretene Gras.

Ein Stein trifft den Fremden am Kopf -- Thegil rechnet mit technischem K.O., aber der Fremde schwankt nicht einmal.

Dieses Bild bietet sich Sharevi, und es gefällt ihr nicht. Sie erinnert sich an ein Lied, das ihre Mutter ihr beigebracht hat, ein Zauberlied -- es war zwar nicht für eine Situation wie diese gedacht, könnte sich aber doch als nützlich erweisen. Sie konzentriert sich und beginnt zu singen.

Die Chancen des Fremden stehen schlecht. Es sind zu viele Gegner, um mit ihnen fertigzuwerden. Zu viele, um durchzubrechen. Und zu viele wahrscheinlich auch, um sie in die Flucht zu schlagen. Er schreit wieder. Diesmal fegt es Kojiro ganz aus den Stiefeln.

Faksal erscheint, aber niemand nimmt sich die Zeit, ihr zu erklären, was eigentlich los ist.

Und Sharevi findet den Ton, findet das Lied, findet die Magie, singt ein Schlaflied aus ihrer Heimat, leitet die Magie hindurch...

Der Aufruhr erstirbt.

Nur drei Leute, darunter der Händler, widerstehen der Magie, beschließen aber, daß es klüger ist, jetzt abzuhauen. Sharevi springt vom Wagen und entscheidet sich, den Schleiermenschen zu wecken und ihn aufzufordern,. sich davonzumachen, bevor die anderen wach werden.

Diesen Moment sucht sich die Ordnungsmacht für ihr Erscheinen aus. Typisch.

Zwei Krieger greifen sich den Verschleierten, der noch ziemlich benommen ist, und der Hauptmann fragt Sharevi, was sie mit der ganzen Sache zu tun habe. Sharevi läßt eine weitschweifige Erklärung los (Quintessenz: Ich habe keine Ahnung was überhaupt los ist), und wieselt davon, um Leute zu wecken -- vor allem Thegil, der könnte hier gebraucht werden. Der Hauptmann ist kurzzeitig verwirrt, dann läßt er diese seltsame Frau doch lieber erst mal ins Wachhaus bringen.

Thegil kümmert sich nach einer schnellen Reorientierung um den Verletzten, der ein wirklich dringender Kandidat für magische Heilung ist. Die Wachen wecken derweil den Rest vom Fest und fragen die Einheimischen aus.

Sharevi stellt schnell fest, daß die Wache einen Mordsrespekt vor ihr hat -- um nicht zu sagen, die Hosen voll. Also beruhigt sie den jungen Mann erst mal und redet bei der Gelegenheit auch gleich noch Kojiro aus der Affäre, der sich früher am Tag doch wohl ein wenig zu enthusiastisch zum Thema "Plündern" geäußert hat: "der ist völlig harmlos, führt nur gerne große Reden... kleine Kinder machen das ja bekanntlich auch gerne..." Gut, daß der Söldner das nicht hört! Am Ende ist der Ordnungshüter auf jeden Fall schon überzeugt, daß ein so nettes Mädchen wie Sharevi mit so einer üblen Geschichte gewiß nichts zu tun hat.

Der Rest der Gruppe wird schließlich auch aufgesammelt und höflich ins Wachhaus eskortiert. Grade als sie das Haus betreten, hören sie einen markerschütternden Schrei, und zumindest Thegil macht sich doch Sorgen um den Schleiermenschen. Die Abenteurer schildern, was passiert ist. Ihre Aussagen werden zu Protokoll genommen, nein, es ist nicht nötig, daß sie bleiben, die Protokolle reichen, sie müssen nur noch unterschreiben. Zu schade, daß keiner von ihnen die Landessprache lesen kann...

Diesmal hat nicht nur Thegil Bedenken. Er und Sharevi lassen sich nochmal vorlesen, was sie gesagt haben sollen. Sharevi ist schließlich der Ansicht, daß es wohl stimmt, und unterschreibt. Thegil dagegen ist völlig sicher, daß es zwar inhaltlich schon das gesagt hat, was der Schreiber grade rezititert -- aber mit ganz anderen Worten. Man muß kein Elf mit geringem Vertrauen in menschliche Gesetze und Gesetzeshüter sein, um da Unheil zu wittern. Ob die Protokolle nicht in einer ihm bekannten Sprache abgefaßt werden könnten? Nein, das sei gegen die Vorschriften, Amtssprache sei nun einmal das Tai Breaca. Das ich baldigst lernen werde, schwört sich Thegil. Aber was jetzt tun? Ob es erlaubt sei, eine Abschrift in Hochelfisch beizulegen? Nach einigen nachdenklichen Blicken wird ihm das gestattet. Thegil schreibt also seine Aussage noch einmal nieder -- und unterschreibt das in der Amtssprache abgefaßte Protokoll mit "beachten sie bitte auch die beiliegende Abschrift -- Thegil". "Die Elfen mit ihren endlosen Namen!" knurrt der Schreiber.

Anschließend sollen sie den Schleiermenschen noch eben schnell in einer Gegenüberstellung identifizieren. Nicht, daß ihnen das einleuchtet, aber um des lieben Friedens willen lassen sie sich in den Keller begleiten, durch zwei schwere Türen, bis sie vor einer vergitterten Zelle stehen, in der ein entschleierter Schleiermensch angekettet ist. Sharevi ist es, der auffällt, daß dieser Schleiermensch weiblichen Geschlechts ist. (Die Wachen hatten das noch ger nicht gemerkt, Motto: Schleierleute sehen eh alle gleich aus.) Und Sharevi ist sich auch ziemlich sicher, daß die Frau, als sie sie vor etwa zwei Stunden zuletzt gesehen hatte, erheblich weniger durch die Mangel gedreht aussah.

"Ja, das ist sie schon."

Und insgesamt sieht sie so wütend aus, daß die Abenteurer den Eindruck haben, als würde sie, wäre sie nicht gefesselt und hinter Gittern, sämtliche Anwesenden mit Zähnen und Klauen in ihre Bestandteile zerlegen. Und das mit größtem Vergnügen. Auch die Wachen haben es recht eilig, den Keller wieder zu verlassen.


Um elf Uhr vormittags saßen die Abenteurer neben dem Wegkreuz am See und waren in reichlich gedrückter Stimmung. Die Wahrsagerin, mit der sie noch hatten sprechen wollen, hatte sie praktisch rausgeworfen, und die Ereignisse des Vormittags schlugen ihnen allen schwer auf den Magen. Aber was hätten sie tun sollen?

Das Problem wurde, von Einlagen des Galgenhumors unterbrochen, diskutiert, als sie weiter nach Norden wanderten. Ihr nächstes Ziel war Tir Magha, der Hauptsitz der Magiergilde im Norden von Meall Breac. Wenn es irgendwo Informationen über Jené gab, dann wohl dort.

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