Eine kurze Philosophie des Tragens

In unserer sogenannten westlichen Zivilisation werden Kinder üblicherweise im Kinderwagen transportiert. Die wagenschiebende Mutter ist ein vertrautes Bild, das von niemandem in Frage gestellt wird - ebensowenig wie das laute Schreien des darin liegenden Säuglings. Babies schreien eben. Das muß aber nicht sein! Wenn Mutter Natur gewollt hätte, daß wir unsere Kinder durch die Gegend schieben, hätte sie sicher dafür gesorgt, daß wir als Nachgeburt einen Kinderwagen zur Welt bringen und uns außerdem fertig asphaltierte Straßen dazu geschenkt.
Hat sie aber nicht!
Dafür gab sie aber jeder Menschenmutter schöne breite Hüften, auf denen ihr Kind problemlos "reiten" kann. Mit ein bißchen Übung geht das sogar ganz ohne irgendeine Hilfe, aber in Zusammenhang mit dem Tragetuch klappt das perfekt: das Kind ist zufrieden, und Mama hat die Hände frei: zum Telefonieren, Kartoffelschälen oder zum Erstellen einer Webseite, so wie ich gerade.



Und nicht nur die Hände: Frei wird vor allem auch der Kopf! Nichttragende Mütter, die den Anspruch haben, ihr Kind nicht schreien zu lassen (und dieser das Kind ernst nehmende Erziehungsansatz setzt sich ja zum Glück immer mehr durch), haben das Problem, daß sie zu nichts anderem mehr kommen, denn ständig müssen sie (meist verbalen) Kontakt mit ihrem auf der Krabbeldecke oder in der Wippe liegendem Baby halten, ein Liedchen singen etwa oder mit dem Kind schwatzen, sonst wird es ungnädig. Ich hatte z.B. öfter versucht, den Abwasch zu erledigen oder zu kochen, während mein Sohn in seiner Wippe lag. Solange mein Gesicht ihm zugewandt war und ich mit ihm sprach, war auch alles in Ordnung. Aber kaum drehte ich mich um, um meine Arbeit zu tun, ging kurze Zeit später das Geschrei los. Auch das Ablenken mit Spielzeug bot keine Lösung, denn sobald die Rassel meinem Sohn aus der Hand fiel oder einfach uninteressant wurde, gab es wieder Geschrei. Am Ende hatte ich keine meiner beiden Aufgaben (das Kind betreuen und die Hausarbeit erledigen) zufriedenstellend bewältigt. Wenn mein Sohn jetzt im Tuch sitzt, kann ich getrost meiner jeweiligen Tätigkeit nachgehen, ohne überlegen zu müssen: was ist mit dem Kind? Wie beschäftige ich es? Er verfolgt fasziniert die sich buchstäblich (durch meine Bewegungen) um ihn drehende Welt, die er aus der Sicherheit des Körperkontaktes heraus auch nicht mehr als Bedrohung empfindet. Und wenn es ihm zuviel wird, macht er einfach die Augen zu und schläft ein.

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Nicht, daß das mit dem Tragen nun so etwas völlig Neues und Revolutionäres wäre - schließlich werden Babies seit Anbeginn der Menscheit getragen. Und obwohl in den letzten 120 Jahren bei uns ja leider Kinderwagen und -bettchen die üblichen Aufbewahrungsorte für Babies sind, sieht man ja auch hierzulande inzwischen wieder Eltern ihre Babies tragen, zwar in oft herzlich ungeeigneten, gesundheitsschädlichen Tragehilfen, aber der Tragegedanke ist nichts Exotisches mehr.
Könnte man denken.
Die Blicke allerdings, die tragenden Eltern unterwegs zugeworfen werden, sprechen eine andere Sprache. Und es bleibt ja längst nicht nur bei Blicken.

"Ziemlich stramm um den Po, nicht?"
"Nicht, daß es gleich unten rausrutscht!"
"Kann denn dem Kindchen da drin nichts passieren?"
"Aber nur kurz, dann wieder zurück in den Wagen, das ist schlecht für den Rücken!"

Soweit nur eine kleine Auswahl der (freundlicheren!) Kommentare, die mir und meinem Mann so begeneten, wenn wir mit Kind im Tuch unterwegs waren.

Nun ist es ja eine Sache, ob jemand das Tragen einfach nur ungewohnt findet und sich deshalb nicht darauf einlassen mag, oder ob (wie in obigen Zitaten ja schon anklingend) ernsthafte medizinische Einwände erhoben werden, wie etwa der, daß beim Tragen im Tuch der kindliche Rücken zu stark gekrümmt sei, daß es unbedingt platt auf dem Rücken im Kinderwagen liegen müsse. Dies ist wohl der häufigste Einwand gegen das Tragen. Wie aber z. B. Frau Dr. Evelin Kirkilionis in ihrem Buch "Ein Baby will getragen sein" (siehe Literaturverzeichnis) feststellt, ist er eine Mär. Aufrecht getragen zu werden schadet auch dem jungen Säugling nicht - das Gegenteil ist der Fall: die kindliche Wirbelsäule hat noch nicht die typische Doppel-S-Form wie die eines Erwachsenen, sondern ist rund (dieser Zustand wird in der Medizin als "Kyphose" bezeichnet, der runde Rücken als "kyphotisch"). Das bedeutet, daß der gerundeten Wirbelsäule des Babies das Sitzen im Tuch, wo der Rücken ja leicht gerundet ist, sehr viel eher entgegenkommt als das Liegen im Bettchen, wo der Rücken sich nicht natürlich runden kann.

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Getragenwerden ist aber auch noch aus anderen Gründen gesund: so unterstützt das (richtige!) Tragen die natürliche Spreiz-Anhock-Stellung der Beine (siehe Foto), wodurch der richtige Sitz des Hüftgelenkes in der Gelenkpfanne sichergestellt wird; dies beugt einer so genannten Hüftdysplasie vor, bei der das noch knorpelige Hüftgelenk eben nicht korrekt in der Pfanne sitzt. Tragen wird laut Dr. Kirkilionis von vielen Ärzten sogar als Therapie für eine bereits bestehende Hüftdysplasie empfohlen und z.B. als dem Breitwickeln als Behandlung ebenbürtig angesehen - d.h. häufiges Tragen im Tragetuch ersetzt die unbequeme Spreizhose!
Außerdem regt das Getragenwerden, wo das Baby jede Bewegung des Tragenden mitmacht (langsames und schnelleres Laufen, Bücken, Drehen, Treppensteigen etc.), der Gleichgewichtssinn (das proprio-vestibuläre System) ähnlich angeregt wie bereits während der Schwangerschaft im Bauch der Mutter, wodurch dem Baby eine Vielzahl von Bewegungsreizen vermittelt wird, die es sonst niemals aus eigener Kraft so früh erleben könnte. Damit macht es bereits wichtige Erfahrungen, die ihm später beim Krabbeln oder Laufenlernen helfen können. Womit ein weiterer Einwand gegen das Tragen entkräftet wäre: nämlich daß getragene Babies, was Bewegungsfreude und -fertigkeit angeht, ihren nicht getragenen Altersgenossen unterlegen seien.
Zwar fangen getragene Babies wirklich etwas später mit Umdrehen und Krabbeln an als nicht getragene, dafür erlernen sie diese Fähigkeiten aber dann meist schneller und leichter, aufgrund ihrer passiven Bewegungserfahrung.

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Oft, wenn wir irgendwo zu Besuch sind und unser Sohn wegen der fremden Menschen und der ungewohnten Umgebung unruhig wird und wir ihn ins Tuch packen, sind die Anwesenden immer sehr verwundert, wie augenblicklich er sich beruhigt, selbst wenn er vorher aufs Heftigste geschrieen hatte. Jemand drückte diese Verwunderung treffend aus mit dem Satz: "Das ist ja ein richtiges Zaubertuch!"
Aber kann eine so eindeutige Reaktion des Babies nur auf Zauberei beruhen? Die beruhigende Wirkung des Tragetuchs deutet doch viel eher darauf hin, da0 das Baby mit jeder Faser seines Körpers erwartet, getragen zu werden!
Tatsächlich ist diese Erwartung genetisch festgelegt. Schon 1970 prägte der Biologe Bernhard Hassenstein den Begriff des Traglings. Bis dahin hatte man in der Biologie nur zwischen zwei Jungentypen unterschieden, dem Nesthocker und dem Nestflüchter. Damit wurden jedoch nicht die Arten von Jungtieren erfaßt, die weder sofort auf eigenen Beinen stehen noch blind im Nest zurückbleiben. So etwa wie Primatenjungen: sie sind "aktive" Traglinge, die sich im Fell der Mutter anklammern. Vermutlich war dies auch einmal dem urmenschlichen Säugling möglich. Je unbehaarter jedoch der Mensch im Laufe seiner Stammesgeschichte wurde, desto schwieriger wurde das Anklammern. Jetzt mußte die (z.B. beim Urmenschen Australopithecus noch sehr viel ausgeprägtere) Hüfte als "Reitsitz" herhalten, und irgendwann benötigte die Mutter dann eine Schlinge als Hilfe - der menschliche Säugling war zum passiven Tragling geworden und das Tragetuch trat seinen Siegeszug an, durch alle Kulturen und Völker der Erde. Bis Queen Victoria eine Vorliebe für den gerade erst erfundenen Kinderwagen entwickelte und ihn damit hoffähig machte. Seitdem wundern sich Mütter, was ihren satten, sauberen Babies denn bloß fehlen könnte, daß sie so schreien müssen in ihrem hübschen Kinderwagen??

Aber auch, wenn man wissenschaftliche Erkenntnisse außer Acht läßt, überzeugt das Tragetuch - weil es schlichtweg so praktisch ist! Überall kann das Baby mit dabeisein: auf Festen, im Urlaub (sei es am Strand oder auf einer Bergwanderung) in der Kunstausstellung, bei der schnöden Hausarbeit (die Dein Baby vielleicht sogar sehr amüsant findet!). Das Ein- und Aussteigen in Bus und Bahn ist mit dem getragenen Baby kein Problem, und auch das Spießrutenlaufen beim samstäglichen Statdbummel entfällt ohne sperrigen Kinderwagen. Dein Baby wird nicht, wie so oft im Wagen, schreien, sondern friedlich schlafen oder, wenn es schon größer ist, mit großen Augen alles beobachten. Und, wie mir eine Mutter aus Wien schrieb, die ihre 16 Monate alte Tochter immer noch trägt: "Manchmal krieg ich auch noch ein Bussi, das würd bei einem Kinderwagen nicht gehen"! Wenn das keine tragenden Argumente sind?
Eine Frage bleibt: wenn das Tragen so gut ist für Mutter und Kind, warum ist es dann noch nicht weiter verbreitet? Ganz einfach: Viele Eltern sind verunsichert und fragen sich

Diese Seite soll dazu beitragen, solche und ähnliche Fragen zu beantworten, um so möglichst vielen Eltern Mut zum Tragen zu machen, und ganz besonders Dir!
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