5.4 Zwei Beispiele für “Spielen in der Schule”

 

Im folgenden werde ich zwei Beispiele für das schaffen von Spielsituationen im Rahmen der Schule erläutern. Entschieden habe ich mich für die Erläuterung des Planspiels und des Pausenhofspiels. Hierbei handelt es sich um eindeutige Gegensätze im Schulalltag. Das Planspiel findet im Unterricht statt und ist stark reglementiert, während das Pausenhofspiel in der Pause stattfindet und nur wenigen Regeln von Seiten der Lehrer unterliegt, so sind lediglich elementare Dinge, wie Gewalt und Stehlen, verboten.  Hiermit möchte ich die vielschichtigen Möglichkeiten von Spielen in der Schule verdeutlichen.

 

 

5.4.1 Das Planspiel

 

“Als Urform des Planspiels werden in der Literatur zur Entwicklung der Planspielidee Kriegsspiele angeführt, die schon im Jahre 3000 v. Chr. entstanden sein sollen” (Kaiser / Kaminsky, 1997, S. 163), um kriegerische Situationen am Spielbrett vorauszuplanen. Es wurde dabei versucht, die gegnerischen Schritte nach eigenen Aktionen, vorauszusehen, um für den Ernstfall geeignete Gegenmaßnahmen treffen zu können. Diese Spielidee wurde dann auf wirtschaftliche und administrative Bereiche übertragen, wie “Investitionsentscheidungen, Katastrophenübungen zum Supergau, polizeilicher Umgang mit Bürgerinitiativen usw. ... um Erkenntnisse über schwache Stellen in der Verwaltung zu erhalten, um Personal zu schulen usw. Erst recht spät (in den 60´er Jahren!) wurde die Planspiel-Technik für die Schulen entdeckt, und zwar zuerst in sozialkundlichen Fächern (Politik, Arbeitslehre, Wirtschaftswissenschaften, usw.)” (Meyer, 1997, S. 366) .

 

Im Planspiel müssen von den Spielern gewisse Rollen übernommen werden, die Aktiv in Auseinandersetzungen mit den anderen Spielern ausgefüllt werden, was die Verwandtschaft des Planspiels zum Rollenspiel deutlich macht. Der Unterschied liegt lediglich darin, daß das Planspiel komplexer und stärker verregelt ist und mehr Medien und Materialien in diese Spielform eingeführt werden. Hilbert Meyer bezeichnet Planspiele aus diesem Grund auch als “ ... komplex gemachte Rollenspiele mit klaren Interessengegensätzen und hohem Entscheidungsdruck “ (Meyer, 1997, S. 366).

 

Die Grundlage jedes Planspiels ist ein durch den Spielverlauf in Gang gesetzter Simulationsprozeß. Dabei  besteht das Planspiel im wesentlichen aus zwei Komponenten, dem Modell und das Spiel. Mit dem Modell wird der Spielrahmen festgelegt und somit die Basis für das Spielgeschehen geschaffen. Jedoch kann das Planspiel, das liegt im Wesen des Modells begründet, nicht die ganze Wirklichkeit aufgreifen. Die Spieler übernehmen im Planspiel Rollen, mit denen sie sich identifizieren und erkennen während des Planspiels, dessen Regeln, als Regeln der Wirklichkeit, an. Die Form des Spiels ermöglicht den Spielern, im Rahmen des Modells, Spielentscheidungen zu treffen, wobei der Sachverhalt dynamisiert wird (Kaiser / Kaminsky, 1997, S. 164-165). Dabei muß beachtet werden, das Planspiele für die Sekundarstufe I und II eher schlicht und überschaubar konzipiert sein müssen, um die Schüler nicht zu überfordern (Klippert, 1996, S. 20). “Was Planspiele in der Schule leisten können, wird letztlich überall benötigt - gerade heute. Planen und Entscheiden, Disponieren, Kommunizieren und Zusammenarbeiten, Argumentieren und Verhandeln, Probleme analysieren und Probleme lösen” (Klippert, 1996, S. 20).

 

Im folgenden möchte ich kurz in Stichworten einen möglichen Verlauf für ein Planspiel in der Schule  darlegen.

 

 

1) Spieleinführung

 

- Das Planspiel wird vorgestellt

- Die Spielgruppen werden gebildet (eventuell sollte eine Verteilung nach Losverfahren erfolgen, da argumentatorisch starke Schüler gerne in eine Gruppe gehen)

 

 

2) Informations- / Lesephase

 

- Die Gruppentische und die Rollenschilder werden aufgestellt

- Arbeitskarten werden verteilt, auf denen steht, was für Aufgaben und Möglichkeiten der jeweilige Schüler hat

- Die Schüler beraten sich

- Es werden Seiten mit Sachinformationen für die Rollen ausgeteilt

 

 


3) Meinungsbildung / Strategieplanung

 

- Die Gruppen besprechen ihre Situation und wie sie ihre Ziele erreichen können. Es werden die Taktik und Handlungsalternativen geplant.

-  Die Eckdaten werden protokolliert

- Der Lehrer beobachtet und hilft nur wenn es nötig ist

 

 

4) Interaktion zwischen den Gruppen

 

- Briefe werden geschrieben, Anfragen anderer Gruppen beantwortet und Diskussionen mit anderen Gruppen werden durchgeführt. Dabei teilt sich die Gruppe auf

- Es wird ein schriftliches Protokoll geführt

- Ereigniskarten schaffen immer neue Situationen im Spiel

 

 

5) Vorbereitung der Konferenz

 

- Besinnungs- und Bilanzierungsphase des Spiels in den Gruppen

- Vorbereitung der Konferenz, an der alle Spieler teilnehmen, um eine Lösung zu verhandeln

- Festlegung der Argumente und Taktik für die Konferenz

- Die Gruppensprecher für die Konferenz werden bestimmt

 

 

6) Durchführung der Konferenz

 

- Der Lehrer übernimmt die Leitung der Konferenz als “Bürgermeister”

- Die jeweiligen Gruppen sitzen zusammen

- Die Gruppensprecher legen ihre Position dar

- Eine Aussprache mit der Suche nach Kompromissen wird durchgeführt

- Die Konferenz wird nach 30 Minuten beendet

 

 


7) Spielauswertung

 

- Der Spielverlauf wird bewertet und Kritik geäußert

- Den Schülern wird die Möglichkeit für ein spontanes Feedback gegeben

- Die einzelnen Spielzüge werden anhand des Protokolls betrachtet (Methodenreflexion)

- Fachliche Defizite werden Aufgegriffen

 

 

5.4.2 Spielort Pausenhof

 

In Gesprächen über mögliche Verbesserungen des Schulalltags, führt die Pausensituation eher ein Schattendasein. Für viele Lehrer ist sie lediglich eine willkommene Erholungspause zwischen zwei Unterrichtseinheiten. Das die Schüler wissen, was sie in der Pause machen soll, das sie eine Spielfähigkeit besitzen, wird dabei häufig vorausgesetzt. Dies ist aber leider oftmalig falsch. So kennen Kinder, wie ich in diesem Text bereits ausgeführt habe, nur noch wenige Bewegungsspiele (Koenen, 1990, S. 14-15). So führt die Pausensituation bei Kindern und Jugendlichen nicht selten zum Aufbau von Frustrationen und Aggressionen, die den Unterricht in der nächsten Stunde behindern.

 

Ziel sollte es aber sein, die 10-20 Minuten des Spielens in der Pause zur Abreaktion und nicht zum Aufbau von Aggressionen zu nutzen. Außerdem können in der Pause Selbständigkeit, Bewegungslust, Initiative, soziales Verhalten, Kreativität usw. geübt werden. Leider gibt es in vielen Schulen nur wenige differenzierende Spielmöglichkeiten, ebenso wie Schüler häufig, wie eben erläutert, über eine unzureichende Spielfähigkeit verfügen. Diese Spielfähigkeit muß erst entwickelt werden. Aus diesem Grund muß eine “vorbereitende Umgebung” nach Montessori mit anregenden Umfeld und genügend Materialien zur Verfügung stehen.

 

Maria Montessori entwickelte spezielle Spiel- und Beschäftigungsmaterialien, mit denen u.a. Sinnesfunktionen geschult wurden. Diese mußten einen Aufforderungscharakter haben und eine kindliche Selbstkontrolle ermöglichen. Es gab Spiele zum Unterscheiden von Farben, Formen, Maßen, Klängen, Oberflächenstrukturen, Gewichten, Gerüchen und Wärmeabstufungen.  So gab es ein Spiel mit einer Reihe von Glöckchen, die nach ihrer Klangart in die richtige Reihenfolge gebracht werden mußte. Da alle Glöckchen gleich aussahen und sich gleich anfühlten, mußte sich das Kind alleine auf sein Gehör verlassen, um die Aufgabe zu lösen. Entsprechend waren alle Spiele aufgebaut, sie waren immer nur mit Hilfe eines speziellen Sinnes zu lösen, so daß dieser beim Spielen automatisch geschult wurde. So waren z.B. auch verschiedene Gerüche in gleichaussehenden Dosen untergebracht, so daß der Geruchssinn geschult werden konnte. Bei den Spielen war insgesamt eine Abstufung vorgesehen, so daß Kinder erst leichte z.B. Farbunterschiede einzuordnen hatten und später erst schwerere. Bei Tast- und Geräuschübungen wurden die Augen geschlossen, damit diese durch den visuellen Sinn nicht abgelenkt wurden (Zimmer, 1999, S. 169-174). Dabei hält sich der Erzieher völlig zurück, das Ideal ist das “pädagogische Nichtstun” (Scheuerl, 1994, S. 36-40).

 

Man könnte Anregungen für Spiele in einem Spielebuch von Schülern, Lehrern und Eltern sammeln lassen. Dies kann dann als Anregung in der Klasse ausgelegt werden. Ebenso kann man an der Schule einen Spieletag durchführen. Geräte könnten im Werkunterricht hergestellt werden, ebenso wie Eltern helfen könnten.

 

Anregungen für Spiele könnten z.B. sein:

 

- Geräte für Körpererfahrungen, wie Kletterstativ, Rutsche, Wippe, Schaukeln und Strickleiter

 

- Spiele mit Bällen, wie kleine Tore für Fußballspiele (geht schon mit Pappkartons), eine Wurfwand und Basketballkörbe

 

- Schlägerspiele, wie eine Tischtennisplatte und eine Badmintonbahn

 

- Bewegungsspiele, wie eine Umgebung für eine Bahn zum Inlineskating

 

- “Alte Spiele”, wie Fangen, Murmeln, Steinchen, Gummitwist, Hüpfspiele und Fußtick

 

- Ein Jugendraum für ältere Kinder und Jugendliche, den diese selbst gestalten können, mit u.a. einer Musikanlage, Postern, unterschiedlichen Sitzmöglichkeiten, wie ein Sofa und Sesseln usw.
 

 

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