3 Ursachenhypothesen (Warum spielt der Mensch?)

 

Ähnlich schwierig wie die Definition des Terminus “Spielen”, ist die Suche nach dem Grund, warum der Mensch spielt. Ich habe im folgenden die wichtigsten Theorien zusammengefaßt.

 

1) Kraftüberschußtheorie

 

Nach dem Buch “Principles of Psychology” aus dem Jahre 1855 von Herbert Spencer, sind alle Aktivitäten und Energien eines Lebewesens zweckgebunden. Sie dienen der Aufrechterhaltung des organischen Gleichgewichts und der Arterhaltung. Da höhere Lebewesen ihre Kraft hierfür nicht mehr ausschließlich benötigen, haben sie einen Kraftüberschuß, den sie mit Hilfe des Spiels abbauen (Pfeifer, 1990, S.82).

 

2) Erholungsfunktion

 

Schon Aristoteles und Platon fanden, daß das Spiel der Erholung von geistiger Anstrengung dient und somit der Arbeit zuträglich ist. “ Dieser Grundgedanke vom Primat der Arbeit wurde immer wieder in der späteren Diskussion aufgegriffen und blühte dann ,vor allem unter dem Einfluß der Entwicklung der Industriegesellschaft, voll auf” (Pfeifer, 1990, S. 79).  Schiller schrieb, das der Mensch einen Stofftrieb und einen Formtrieb hat, und daß das Spiel zwischen diesen beiden Polen, der triebhaften Begierde und der moralischen Nötigung,  liegt und somit Spannungen abbaut. “Denn um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt, nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt” (Schiller, Zit. nach Pfeifer, 1990, S. 80). Piaget schrieb in der “Psychoanalytischen Kindertherapie”, daß das Spiel eine Eigentherapie des Kindes ist. In der realen Welt wird das Kind von den Erwachsenen dominiert und muß sich ihnen Beugen. Im Spiel kann das Kind die Regeln aufstellen und dominieren (Pfeifer, 1990, S. 86). Auch “Schaller und Lazarus schreiben dem Spiel eine Erholungsfunktion zu, den während des Spiels können sich ermüdete Systeme ausruhen und neue Kräfte sammeln” (Oerter, 1995, S. 250). Denn im Spiel fühlt man “... sich optimal beansprucht, der Handlungsablauf geht glatt und flüssig vonstatten, die Konzentration erfolgt von selbst, das Zeiterleben wird weitgehend ausgeschaltet, und man erlebt sich nicht mehr abgehoben von der Tätigkeit, sondern geht in ihr auf” (Oerter, 1995, S. 251).

 


3) Abreaktion von Trieben

 

Nach der Katharsistheorie von Carr hat das Spiel eine die Seele reinigende Funktion (Pfeifer, 1990, S. 86). Die Tiefenpsychologie sieht im Spiel das Lust- und Wiederholungsprinzip, das Homöstatische Prinzip im seelischen Haushalt, wie Freud es nennt. Der Mensch will unlustvolle Erfahrungen in der Realität durch das Spiel kompensieren (z.B. das herausschreien des ganzen Frustes als Zuschauer eines Fußballspiels) oder unlustvolle Erfahrungen durch das Spiel verarbeiten (z.B. das Nachspielen eines Zahnarztbesuches).  Spielen ist nach dieser Theorie also ein Reflex auf vorige Ereignisse (Assimilation) (Pfeifer, 1990, S. 87-88). Das Spiel steht somit unter dem Zwang triebhafter Bedürfnisspannungen, wie Freud in seinem Buch “Jenseits des Lustprinzips” schreibt (Scheuerl, 1994, S. 70).

 

4) Selbstausbildung (Probehandeln)

 

Spielen dient nach Hilbert Meyer auch der Selbstausbildung. So kann man im Spiel u.a. Methodenbewußtsein, Selbstdisziplin, soziale Kompetenz und Produktorientierung erlernen, ohne besondere lebensbeeinflußende Konsequenzen bei Fehlern befürchten zu müssen (Meyer, 1997, S. 345). So sieht B. Otto im Spiel auch die Möglichkeit des Kindes Anlagen für das Leben zu entwickeln, denn “Je reiner man die Kindheit dem Spiel bewahrt hat, umso besser wird der erwachsene für die Arbeit des Lebens vorbereitet sein” (Scheuerl, 1994, S. 27-28). So meint auch Gross, daß im Spiel wichtige Leistungen eingeübt werden und Funktionen ausgebildet werden (Oerter, 1995, S. 50).

 

5) Aktivierungszirkel

 

Nach dem Motivationspsychologen Heckhausen bezieht das Spiel seinen besonderen Reiz durch den Aktivierungszirkel, den ständigen Wechsel von Spannung, Abbau der Spannung, Spannung, Abbau der Spannung, Spannung usw. (Oerter, 1995, S. 262 - 263).

 

6) Das Spiel ist eine nicht hinterfragbare Urform als Selbstzweck und Selbstwert

 

Wie Huizinga (1958) in seinen Buch “Homo Ludens”, wie bereits erwähnt, eindrucksvoll nachweist, gibt es Spiele in allen menschlichen Kulturen, ebenso wie in der Tierwelt. Er weist in seinem Werk nach, das die Kultur des Menschen aus dem Spiel hervorgegangen ist. Das Spiel gab es vor der Kultur, da Kultur eine menschliche Gesellschaft braucht. Das Spiel ist somit folglich eine Urform des menschlichen Lebens, das sich weder definieren noch erklären läßt.

 

Weiter mit: Begründung für die Notwendigkeit des Spielens in der Schule unter Berücksichtigung möglicher Probleme

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