2 Was ist
Spielen?
Im Alltag ist es in der Regeln nicht
schwer zu erkennen, wenn es sich bei
einem Ereignis um ein Spiel handelt. So beinhaltet in der
Umgangssprache der
Begriff Spielen einerseits die Bedeutung “nutzlose Tätigkeit”,
andererseits steht es als Synonym für “Entspannung”,
“Ablenkung vom Ernst des Lebens” und “Ausgleich für die
Anstrengungen des Alltags” (Baer, 1995, S. 15). Eine Definition des
Begriffes Spiel ist hingegen bisher keinen Wissenschaftler, der sich
mit dem
Thema Spiel beschäftigt hat, gelungen.
Das Spielen ist nicht nur älter als
die Kultur, sondern die Kultur
entstammt dem Spiel, wie Huizinga in seinem empfehlenswerten Buch “Homo
Ludens” (Der spielende Mensch) anhand von zahlreichen Beispielen
verdeutlicht (Huizinga, 1958). In jeder menschlichen Kultur wird
gespielt, egal
wie abgeschottet diese Kultur auch von der Außenwelt ist. Kultur
setzt aber
menschliche Gesellschaft voraus, während auch Tiere, die keine
Kultur besitzen,
spielen, so balgen sich z.B. Hunde aus Spaß, befolgen dabei aber
u.a. die
Regel, sich nicht gegenseitig das Ohr abzubeißen. Durch das
Spielen
unterscheiden sich somit die Lebewesen von mechanischen Wesen, denn
Spielen ist
unvernünftig. So können alle Bestandteile der menschlichen
Kultur auf das
Spielen zurückgeführt werden. Eine Gerichtsverhandlung ist
ein ausgezeichnetes
Beispiel hierfür. Der Gerichtssaal ist ein geweihter und
begrenzter Platz, mit
seinen eigenen Regeln in dem Rangunterschiede aufgehoben werden. Der
Richter
tritt dabei aus seinem gewöhnlichen Leben, was dadurch
dokumentiert wird, das
er eine Verkleidung, die Robe, anlegt. Inhalt der Verhandlung ist
schließlich
der Kampf zweier Parteien, Anklage und Verteidigung, bei der es um das
Gewinnen
geht. Heute haben Gerichtsverhandlungen natürlich nur spielerische
Züge, aber
sie sind kein Spiel mehr, da der Ausfall einer Verhandlung
natürlich Einfluß
auf die Realität hat. Wie aber alle anderen Bestandteile der
menschlichen
Kultur, liegen seine Wurzeln im Spiel.
So steht das Spiel in unserer Auffassung
dem Ernst gegenüber. Hiermit
soll nicht gesagt werden, das man nicht durchaus ernsthaft spielen
kann, nur
das das Ergebnis eines Spiels keine lebenswichtigen Konsequenzen
für das
Darsein hat. Objektiv ist das Spielergebnis unwesentlich und
gleichgültig. Nur
für Teilnehmer, wie Spieler und Zuschauer, die sich in die
Sphäre des Spiels
begeben und dessen Regeln annehmen ist der Ausgang wichtig. “Beim
Spielen
tun wir so, als ob etwas der Fall wäre: Wir erfinden, wir
würfeln, wir pokern
hoch oder niedrig und konstruieren dabei Scheinwelten” (Meyer/Paradies,
1994, S. 10). So spielen bei einem professionellen Fußballspiel
lediglich die
Zuschauer, da es für sie objektiv um nichts geht. Für sie
geht es lediglich um
die Ehre und sie versuchen durch Schimpfgesänge und Beleidigungen
der Gegner,
diese herabzusetzen. Die Fußballspieler hingegen spielen nicht.
Bei ihnen geht
es objektiv um etwas, nämlich ihren Beruf.
Sehr wesentlich ist bei allem Spiel,
daß man sich vor anderen seines
Gelingens rühmen kann. Bei Spielen von zwei Parteien geht es immer
darum zu
gewinnen, besser zu sein als der Gegner. Jeder Sieg
vergegenwärtigt für den
Spieler den Triumph der guten Mächte über die bösen und
das Heil der Gruppe,
die ihn erringt. Beim Spiel geht es also um Tugend, Ehre, Adel und
Ruhm. So
streben die Menschen, wie Aristoteles sagt, nach Ehre, um sich von
ihrer
eigenen Tugend zu überzeugen. Die menschliche Natur strebt stehst
nach Höheren,
mag dies Höhere nun irdische Ehre und Überlegenheit oder ein
Sieg über das
Irdische sein. Die angeborene Funktion aber, durch die der Mensch
dieses
Streben verwirklicht, ist Spielen. Hierbei werden beim Spielen,
Spielregeln von
allen Teilnehmern anerkannt, die ein Gelingen ebenso möglich
machen, wie ein
Versagen, einen Gewinn ebenso wie einen Verlust. Sein Charakter als
Tätigkeit
im Rahmen fester Regeln bringt das Spiel in die Nähe des
Religiösen, als
Ausdruck des immer Waltenden und Bestehenden. Spiel und Religion binden
die
Teilnehmer in eine Gruppe, sondern diese von der Welt ab und schaffen
einen
eigenen Raum. Als Beispiel seien hier die Olympischen Spiele, mit ihren
zahlreichen
Symbolen, wie die olympischen Ringe, dem olympischen Feuer, der
olympischen
Einmarschzeremonie usw., genannt. Zum anderen rückt das Moment des
Zwecklosen,
die Freude, die Unabhängigkeit davon, ob ein Ziel angestrebt und
erreicht wird
oder nicht das Spiel in die Nähe des Schöpferischen und
Künstlerischen. So ist
der Mensch, nach Schiller, nur dort ganz Mensch, wo er spielt.
Da die menschliche Kultur aber dem Spiel
entstammt, ist es eben nicht
möglich, dies genau zu definieren. Bei Definitionen greift man
immer auf
bereits zuvor definierte Begriffe, Axiome, zurück. Da das Spielen
aber ein
Urphänomen ist, können wir hier auf keine bekannten Axiome
zurückgreifen.
Spielen ist also ein gegebenes und hinzunehmendes, die Struktur der
gesamten
Erscheinung mitbestimmendes Prinzip, das sich zwar nicht definieren,
wohl aber
beschreiben und identifizieren läßt (Pöschko, S.5).
Spielen ist, nach Hilbert
Meyer (1997, S. 342-343), ein Urphänomen, das durch neun zentrale
wiederkehrende Merkmale beschrieben werden kann.
1) Spielen erfordert einen freien
Raum, weil es frei von fremden
Zwecken ist. Das Spiel hat keinen Zweck in sich selbst; wir spielen
um zu
spielen, nicht um zu überleben. “Es ist dadurch von der Arbeit,
vom
Kampfe ums Dasein, von der Not und der Sorge, vom Ernst und den
objektiven
Wert- und Zweckordnungen abgehoben” (Scheuerl, 1994, S. 67).
2) Spielen ist in sich zielgerichtet.
Das Spiel produziert eine
eigene Dynamik, die die Spieler vorwärts treibt, die aber keinen
Endpunkt hat.
Spiele können immer weitergehen bzw. neu begonnen werden.
“Während Arbeit
und Kampf erledigt sein wollen, während jedes triebhafte
Bedürfnis seinen
eigenen Tod will, will das Spiel Ewigkeit. Seine Bewegungen streben
nach
möglichster Ausdehnung in der Zeit, gegebenenfalls um dieser
Ausdehnung willen
auch nach ständiger Selbstwiederholung” (Scheuerl, 1994, S. 72).
3) Spielen findet in einer Scheinwelt
statt. Ein Spiel findet in
einer eigenen Spiele-Welt statt, die durch Phantasie und Spielmaterial
hergestellt wird. “Jeder Rückfall in die Realität verdirbt
(oder
gefährdet) das Spiel und denaturiert seine Phänomene”
(Scheuerl, 1994, S.
80)
4) Spielabläufe sind mehrdeutig
und offen. Die Spannung besteht
darin, das der Verlauf und das Ergebnis nicht vorhergesagt werden
können. Entscheidend
ist die subjektive Offenheit des Spiels. “Die Freiheit des Spiels
besteht
geradezu darin, daß jede Festlegung und Fesselung an einen
eindeutigen
Aktionstunnel fehlt” (Scheuerl, 1994, S. 87). Das Spiel verlangt aber
eine maßvolle Spannung. “Spannungslosigkeit wäre der Tod
für das Spiel.
Andererseits würde eine zu hohe Spannung sogleich einen auf
Beendigung der
Spannung gerichteten Befriedigungsversuch hervorrufen, der die
Ambivalenz
überwältigen müßte” (Scheuerl, 1994, S. 88).
5) Spielen schafft eine handelnde
Auseinandersetzung mit den
Mitspielern oder dem Objekt. Das Spielen setzt eine Aktivität
der Spieler
voraus, die konkrete Erfahrungen über den Spielgegenstand, die
Mitspieler und
über sich selbst zulassen.
6) Spielen erfordert Anerkennung von
Spielregeln.
7) Im Spiel müssen gleiche
Rechte- und Gewinn- oder
Beteiligungschancen für alle Mitglieder bestehen, außer
es werden nach den
Regeln Vorteile eingeräumt.
8) Spiele erfüllen sich in der
Gegenwart. Hier und jetzt sollen
Lösungen herauskommen
9) Spielen macht Spaß.
“Versuche die verschiedenen Spielformen zu
ordnen, gruppieren sich
in den meisten Theorien um vier bis fünf Hauptkategorien:
Funktions-,
Konstruktions-, Imitations-, Rollen- und Regelspiele. Andere
Einteilungen
richten sich nach Erfahrungs- und Praxisfeldern, in denen typische
Formen
vorherrschen (Tierspiel, Kinder-, Jugend-, Erwachsenenspiele,
Wettkampf-,
Glücksspiel und darstellende Spiele, kultische Spiele,
Liebesspiele,
Planspiele, Lernspiele). Eine strenge Systematik ist bisher nicht
gelungen,
dazu sind die Spielphänomene zu variantenreich,
allgegenwärtig und ineinander
übergehend. Ebenso wie Abgrenzungen nach außen (etwa gegen
Arbeit, Ernst,
Kampf, Kunst), weil sie monoperspektivisch irreführende
Kontrastschatten
erzeugen” (Scheuerl, 1985, S. 611).