Erlebnis Gottesdienst
VORWORT
In den Jahren 1992 bis 1994 habe ich im Gemeindebrief der Kirchengemeinde
St. Marien die nachfolgenden Gedanken niedergeschrieben, um meiner
Gemeinde beim Verständnis ihres Gottesdienstes zu helfen.
Als ich jetzt gebeten wurde, meine Aufzeichnungen noch einmal
als Ganzes zu veröffentlichen, bin ich diesem Wunsch gerne
gefolgt. Einiges musste allerdings abgeändert, anderes neu
geschrieben werden.
So ist aus einzelnen Gemeindebrief-Artikeln ein kleines Büchlein
entstanden, das ich den Menschen meiner Gemeinde, in der ich nunmehr
seit 18 Jahren Dienst tue, aber auch allen anderen Interessierten
übergebe.
Es handelt sich dabei um kein wissenschaftliches Werk, sondern
um meine persönlichen Erlebnisse mit dem Gottesdienst, der
für mein Leben so wichtig geworden ist wie die Luft, die
wir einatmen. Dass St. Marien auch als Kirchengebäude bei
meinen Ausführungen eine Rolle spielt, hängt damit zusammen.
Möge der Gottesdienst, wo immer und wie immer wir ihn auch
feiern, vielen zur Quelle der Freude werden!
Am 250. Todestag des "fünften Evangelisten",
Johann Sebastian Bachs
Christian Kühn
MEIN WEG ZUM GOTTESDIENST
Ich fahre nicht gerne mit dem Auto zum Gottesdienst. Wenn es sich
ermöglichen läßt, gehe ich lieber zu Fuß.
Ich brauche diesen Weg, um wirklich anzukommen und dazusein, wenn
die Feier beginnt.
Eigentlich nimmt alles für mich sogar noch viel früher
seinen Anfang, nämlich am Vorabend, wenn die Glocken den
Sonntag einläuten, wie wir auch heute noch sagen. Aber das
hängt vielleicht auch nur mit meiner persönlichen Geschichte
zusammen. Sonnabend war für uns Kinder Badetag. Die Zinkbadewanne
wurde aufgestellt, mit heißem Wasser gefüllt, und dann
wurde der Körper gründlich gereinigt (wie schon vorher
die Wohnung). Danach wartete die frische Wäsche auf uns,
die immer am Sonnabend bereit lag. Jetzt konnte der Sonntag beginnen.
Mit dem Glockenläuten am Abend haben wir ihn gleichsam empfangen.
Für 24 Stunden ruhte der Alltag mit aller überflüssigen
Arbeit. Man roch den Braten, den die Mutter für den kommenden
Tag vorbereitete und freute sich auf
die Stunden, die anders waren als die übrige Woche. Noch
heute ist für mich der Klang der Glocken am Vorabend des
Sonntags wie die Ankündigung einer neuen, freilich zeitlich
(noch) begrenzten Zeit. Und wenn ich dann in der Wochenschlussandacht
das Evangelium oder einen anderen Abschnitt aus der Bibel höre,
dann weiß ich: Nun darf ich eingehen in die Ruhe des heiligen
Tages und Gottes Segen empfangen. Diese guten Gedanken gehen oft
mit mir in die Nacht und den neuen Tag. Ich freue mich, wenn ich
die Glocken, die mich rufen und einladen, schon auf dem Wege höre.Ich
freue mich, mit anderen Menschen den Lobpreis anstimmen zu können
- manchmal treffe ich einige schon auf dem Wege und gehe mit ihnen
gemeinsam. Ich freue mich auf die Zusage Gottes in seinem Wort,
freue mich auf die Begegnung mit Christus im Heiligen Abendmahl.
Ich brauche dazu den Kirchgang, den Weg der mich zur Kirche führt,
weil ich mich nur langsam einlassen kann auf alles, was mich erwartet.
Vielleicht sollten wir wieder von den Prozessionen unserer Vorfahren
lernen, die manchmal weite Wege zurücklegten, bevor sie Ihre
heiligen Feste feierten.
Aber auch der Gottesdienst selbst ist ein Weg....
ZEICHEN AM WEG
Weit mehr als einhundert Mal wird in der Bibel vom Weg Gottes
und der Menschen gesprochen. Herausragende Ereignisse sind dabei:
dievierzigjährige Wanderung Israels durch die Wüste,
der Weg in die Verbannung nach Babylon und wieder zurück
in die Heimat. Im Neuen Testament sind der Weg Jesu von Galiläa
nach Jerusalem und schließlich sein Kreuzweg am Karfreitag
besonders hervorzuheben.
Menschen aller Zeiten haben in diesen Ereignissen ein Stück
ihres eigenen Lebensweges wiedergefunden. Der Weg gehört
zu den Urbildern,die unsere menschliche Existenz beschreiben.Alle
unsere Wege, so verschlungen und dunkel sie auch sein mögen,
enden einmal bei Gott, sagt unser Glaube. So wird dem Glaubenden
jeder Weg zum Weg des Heils: ,,All mein Gehen ist Weg zu Dir,
all Dein Geschehen geschieht mit mir. All mein Beginnen
beginnest Du, all mein Tiefinnen treibt auf Dich zu".
Auch unser Gottesdienst ist einem Weg auf Gott hin vergleichbar.
Und überall finden sich ,,Zeichen"an diesem Wege.So
gehen wir, wenn wir zur Kirche kommen, meist ohne uns viel Gedanken
zu machen, über die Schwelle durch eine Tür. Oft sind
Kirchentüren prächtig gestaltet. Die Tür will uns
an Jesu Wort erinnern:
Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, wird er
selig werden (Joh. 10,9), aber auch an die Mahnung: Geht hinein
durch die enge Pforte(Mt.7,13).
Manche Kirchen haben hinter der Tür einen Brunnen. Oft ist
esdie Taufe. Brunnen und Taufe erinnern uns an die Lebensquelle
und Christi Wort: Ihr seid schon rein (Joh. 15,3). Christus hat
alle Schuld von uns genommen. Wir dürfen unseren Lebensweg
als KinderGottes gehen und miteinander Gottesdienst feiern.
Die gleiche Bedeutung wie dem Brunnen kommt übrigens dem
Weihwasserbecken in der römisch-katholischen Kirche zu. Ein
paar Schritte noch, nachdem wir die Tür durchschritten haben
- und wir sind auf unserem Platz angelangt, umgeben von anderen
Christen.
Wir sind nicht alleine auf dem Wege des Glaubens. Wenn wir schwach
sind, tragen andere uns; sind wir stark, so tragen wir andere
mit. Vor uns sehen wir den Altar, der auf den Tisch hinweist,
um den sich Christus mit den Seinen zum ewigen Hochzeitsmahl sammeln
will. Darin liegt das Ziel unseres Weges durch das Leben.
Nichts ist zufällig in der Kirche, alles hat seinen Sinn,
z.B. die Kerzen: Sie weisen uns auf das ,,Licht der Welt"
hin, auf Christus (Joh. 9,5) und erinnern uns zugleich an Jesu
Wort: Ihr seid dasLichtder Welt, (Mt. 5,14). Indem sich die Kerzen
verzehren, machen sie das Dunkel hell. In der Hingabe, im Opfer,
liegt das Geheimnis allen Lebens. Oder die Blumen: Wer denkt dabei
nicht an Jesu Wort von den Lilien auf dem Felde , die schöner
gekleidet sind als Salomo in seiner Pracht (Mt. 6.28ff)? Wenn
Gott schon die Blumen, die doch bald weggeworfen werden, so wunderbar
kleidet: wieviel mehr wird er für uns sorgen und uns mit
seiner Güte und Liebe umkleiden.
So redet alles im Kirchenraum von Gottes Freundlichkeit, die uns
umfängt - auch der Raum selbst übrigens, den wir nicht
ohne Grund Kirchenschiff nennen. Er ist die Arche, die uns vor
den Fluten des Todes birgt.
Bevor also der erste Orgelton erklingt oder wir unseren Mund auftun,
werden wir im Gottesdienst auf mancherlei Weise angesprochen.
Zeichen am Wege begegnen uns.
BEGEGNUNG MIT GOTT - BEGEGNUNG MIT MIR SELBST
Der höchste Punkt der Kirche ist der Altar (wenn wir von
der Orgelempore einmal absehen). Bevor wir zum Altar kommen, müssen
wir erst drei, dann noch einmal zwei Stufen hinaufsteigen.Das
ist nicht zufällig so. Schon vor Jahrtausenden errichtete
man Heiligtümer gern auf Bergen. Denn die Berge waren nach
dem Verständnis unserer Vorfahren Orte besonderer Gottesnähe
- man glaubte, dem Himmel näher zu sein..
So betet der Psalmist: Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe? (Psalm 121). Auf einem Berge offenbarte
sich Gott dem Mose im brennenden Dornbusch (2. Mose 3), auf dem
Berge Horeb empfing Mose die steinernen Tafeln mit den Geboten
(2.Mose 19 + 20), auf dem Berg Zion wurde der Tempel errichtet
(2.Samuel 24), auf dem Berge lehrte Jesus die Seinen (Matthäus
5 - 7), auf einem Berg sahen ihn Petrus, Jakobus und Johannes
in seiner unverhüllten Herrlichkeit (Matthäus 17), auf
einen Berg zog sich Jesus zum Gebet zurück (Matthäus
14), und auch der Ort der Kreuzigung Jesu war eine Anhöhe
vor der Stadt: Golgatha (Markus 15) - um nur die wichtigsten Ereignisse
aus der Schrift zu nennen. Wir sollen uns daran erinnern lassen,
wenn wir die Stufen zum Altar hinaufsteigen.
Es gibt in unserer Kirche keine besonderen ,,heiligen Orte".
Aber es gibt Stätten, die von der Offenbarung Gottes in der
Geschichte mehr künden als andere. Der Altar ist eine solche
Stätte, zumal uns von hier aus auch Sonntag für Sonntag
Christus in den Gestalten von Brot und Wein dargereicht wird.
Die Begegnung mit dem Heiligen war für unsere Vorfahren alles
andere als selbstverständlich. Sie blieb ein unverdientes,
wunderbares Geschenk besonderer Gnade. Darum verneigten sie sich,
wenn sie den Kirchenraum betraten, knieten nieder vor dem Gott,
der sich ihnen nahen wollte (wie wir heute noch beim Empfang des
Hl. Mahls) und bekannten ihm an der ,,untersten Stufe"ihre
Unwürdigkeit (siehe Evangelisches Gesangbuch Nr. 123 Vers
11).
Im Lichte der Gottesbegegnung begegnen wir uns aber auch selber.
Die Dunkelheiten und Ungereimtheiten unseres Lebens werden dann
besonders deutlich. Vor Gott ist auch der Beste von uns viel zu
klein und gering, als dass er sich vor ihm erheben dürfte.
In diesem Zusammenhang sollten wir einmal Tersteegens Lied ,,Gott
ist gegenwärtig" durchmeditieren (EG Nr. 165). Wir beugen
uns vor dem heiligen Gott und bekennen ihm unsere Schuld in der
Gewissheit, dass er uns aufhebt und die Tür zu seinem liebenden
Herzen aufschließt. Dies ist der Grund, weshalb am Anfang
der erneuerten Agende das Rüstgebet steht. Mit dem Rüstgebet
sprechen wir aus, wer wir wirklich sind, und schenken Gott zugleich
unser Vertrauen, dass er uns dennoch annimmt und Schuld vergibt,
ehe wir (lobpreisend mit einem Psalm) hinaufsteigen zu seinem
Altar.
WIR KOMMEN ZU GOTT - GOTT KOMMT ZU UNS
"Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen",
sagt der Sohn, den wir den Verlorenen nennen und der doch zum
Geretteten wird. Und wenig später heißt es in demselben
Gleichnis: ,,Als er aber noch weit entfernt war, sah ihn sein
Vater, und es jammerte ihn; er lief und fiel ihm um den Hals und
küsste ihn."
In diesen beiden Sätzen wird das Geschehen im Gottesdienst
vortrefflich zusammengefasst: Gottesdienst ist der Weg des Menschen
nach Hause zu seinem himmlischen Vater. Gottesdienst ist aber
ebenso Gottes Weg zu uns. Die Glocken, die zum Gottesdienst einladen,rufen
nicht nur die Gemeinde zusammen; sie künden zugleich auch
von diesem wunderbaren Geschehen.
Der Gottesdienst im engeren Sinne beginnt mit dem Stillen Gebet.
Im Stillen Gebet öffnen wir uns für das Kommende. Dann
erklingt die Orgel und der Gesang der Gemeinde. Musik ist ein
himmlisches Gut, sagt Luther. Sie weist uns auf den nie endenden
Lobgesang der himmlischen Mächte hin, an dem wir Anteil haben
dürfen. Musik erinnert uns an das verlorene Paradies, das
sich uns im Gottesdienst aufs neue öffnet. Sie kündet
vom allmächtigen und barmherzigen Gott, der sich uns naht.
Wie der verlorene Sohn treten wir, eingedenk unseres schuldhaften
Wesens, vor diesen Gott und bitten um sein Erbarmen, in der Gewissheit,
dass Gottes Liebe zu uns größer ist als sein gerechtes
Gericht. Wir tun dies nach Möglichkeit an der untersten Stufe
vor dem Altarraum und bringen damit zum Ausdruck, wie weit wir
uns von Gott entfernt haben. Angemessen wäre auch das Knien
während des Bekenntnisses unserer Schuld. Mit dem Knien machen
wir uns klein vor dem Heiligen, der sich uns naht (wie später
noch einmal beim Empfang des Heiligen Mahls).
Gewiss, dass Gott uns aufhebt und aufs neue erhöht, steigt
der Pastor die Stufen hinauf zum Altar, während der Chor
oder die Gemeinde einen Psalm (lntroitus) singt.
Dem Psalm folgt das Kyrie. Nur wenige wissen, dass dieser Ruf
einmal eine politische Provokation war. "Kyrie eleison"
rief man dem Kaiser entgegen, wenn er in die Stadt einzog. Wenn
die Christen diesen Ruf in der Kirche laut werden lassen, dann
bekennen sie damit: Christus ist unser Herr. Er ist größer
als alle Herren der Welt. Und sie bringen zum Ausdruck: Dieser
Herr kommt zu uns, unsichtbar zwar, aber nicht weniger wirklich
als einst der Kaiser, um uns Schutz und Rettung zu bringen. Wenn
wir das Kyrie in griechischer Sprache singen, so, um daran zu
erinnern, dass Kirche nicht erst heute beginnt, sondern schon
vor uns war, als man - vor dem Latein - noch Griechisch sprach.
Ähnliches gilt auch für die hebräischen Relikte
(Halleluja, Amen). Sie weisen uns auf die allerersten Gemeinden
in Jerusalem und Galiläa hin und die Wurzeln unseres Gottesdienstes,
die bis ins Judentum zurückreichen.
Seit dem 5. Jahrhundert wird in den Fest- und Sonntagsgottesdiensten
(mit Ausnahme der Fastenzeit) das Gloria (,,Ehre sei Gott In der
Höhe") angestimmt. Das Gloria weist auf die Menschwerdung
Christi hin - bekanntlich sangen die Engel das Gloria in der Heiligen
Nacht und verkündigten damit die Geburt unseres Erlösers.
Durch das Gloria wird jeder Gottesdienst zu einem kleinen Weihnachtsfest.
Wir bezeugen: Der Herr hat sein Volk besucht. Christus, den wir
lobpreisen, ist mitten unter uns.
GOTT KOMMT ZU UNS IN SEINEM WORT
Der erste Teil des Gottesdienstes schließt mit einem kurzen
Gebet ab. In diesem Gebet, der Kollekte, wird in wenigen Worten
das Besondere des jeweiligen Gottesdienstes zum Ausdruck gebracht.
Gott wird in der Anrede an sein Heilshandeln erinnert. Dann folgt
eine kurze Bitte, die wir durch Christus, der mit dem Vater und
dem Heiligen Geist von Ewigkeit zu Ewigkeit herrscht, vor Gott
tragen.
Dem Kollektengebet folgen mehrere Lesungen aus der Heiligen Schrift.
In seinem Wort will Gott bei uns einkehren. Die Lesungen wollen
nicht nur mit dem Verstand,sondern mit dem Herzen aufgenommen
werden. Sie wollen in unserem Innersten zu leuchten beginnen und
uns verwandeln. Meistens werden zuerst Gedanken aus dem Alten
Testament oder den Briefen der Apostel (oder auch beides) zur
Sprache gebracht, danach das Evangelium des betreffenden Sonntags.
Zwischen den Lesungen singt die Gemeinde das Halleluja und erinnert
sich damit daran, dass Christus von den Toten auferstanden ist
und in seinem Wort bei ihr Wohnung nehmen will. Sie empfängt
den Auferstandenen, indem sie ihm lobpreisend entgegen zieht -
wie die Menschen, als er in Jerusalem Einzug hielt.
Die Kirche hat seit alter Zeit dem Evangelium einen besonderen
Rang eingeräumt: die Gemeinde erhebt sich, während sie
bei den anderen Lesungen sitzen bleibt. Im Evangelium vernimmt
sie die Stimme Christi selbst. Darum beschließen wir das
Evangelium noch heute mit den Worten: "Ehre sei Dir, Herr.
Lob sei
Dir, Christus".
DER WEG GOTTES ZU UNSIN DER PREDIGT -
UNSER WEG ZU GOTT IM ANTWORTENDEN GLAUBEN
Das Wort Gottes ist der eine Pfeiler, der den Gottesdienst trägt,
der andere ist das Heilige Abendmahl. Alle anderen Teile des Gottesdienstes
sind vergleichbar den Ketten oder Tragseilen einer Brücke.
Das Bild einer Brücke für den Gottesdienst passt auch
insofern gut, als der Gottesdienst uns über die Abgründe
menschlicher Existenz tragen will. Wer über eine Brücke
geht und nach unten schaut, wird nicht selten von dem Abgrund
magisch angezogen. Wer jedoch nach oben blickt, in den Himmel,
der nimmt den Abgrund unter seinen Füßen überhaupt
nicht wahr.
In seinem Wort will Gott uns begegnen. Das gilt auch für
die Predigt. Wer in der Predigt nur eine kluge, gut durchdachte
und durchformulierte Rede erwartet, hat den Sinn der Predigt noch
nicht verstanden. Predigen ist auch ein "Handwerk",
das erlernt sein will. Aber ein guter Aufbau und eine vorzügliche
Rhetorik beim Vortrag, an der man sich erfreuen kann, sind nicht
mehr als das "Transportmittel", über das Gott zu
uns kommen und mit uns reden will. Letzteres kann auch durch eine
rhetorisch schwache, hilflos erscheinende Ansprache geschehen,
ohne dass ich damit jenen Predigern das Wort reden möchte,
die sich nicht mit dem nötigen Fleiß auf den Sonntag
vorbereiten. Kein anderes pastorales Wirken erfordert soviel Sorgfalt
wie die Vorbereitung der Predigt (von der Seelsorge vielleicht
einmal abgesehen). Diese Arbeit kann eigentlich nur dann gut gelingen,
wenn der Pastor eine dafür betende Gemeinde hinter sich weiß.
Ich persönlich verstehe die Predigt zu allererst als Zuspruch.
Wie ich der Gemeinde mit dem Brot und dem Wein Christus darreiche,
so möchte ich ihr auch das Wort Gottes darreichen, damit
ihr Hunger nach Leben gestillt wird. Das ist freilich nur dann
möglich, wenn Hunger nach dem Worte Gottes auch vorhanden
ist.
Vor (oder gelegentlich auch nach) der Predigt spricht die Gemeinde
das Glaubensbekenntnis. Sie reiht sich damit ein in die Christenheit
aller Zeiten, über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Denn das
Glaubensbekenntnis, besser: die drei altkirchlichen Glaubensbekenntnisse
- das apostolische, nicänische und athanasianische (wegen
seiner Länge kaum einmal in die Liturgie aufgenommen) - gehören
allen Christen. Deshalb habe ich auch eine Abneigung gegen alle
Formulierungen, die von den Bekenntnissen der Väter abweichen,
wenn sie im Gottesdienst benutzt werden. Dies sind Privatbekenntnisse,
aber nicht Bekenntnisse der Kirche.
Wenn ich nun aber nicht alles verstehe...?, mag dieser oder jener,
diese oder jene einwenden. Die Kirche ist immer größer
als der einzelne. Das gilt auch für ihr Bekenntnis. Wir dürfen
also nicht ungeduldig werden, wenn wir nicht alles begreifen.
Aber es gibt ein Wachsen im Glauben. Je mehr ich mich mit dem
Wort Gottes befasse, umso mehr werde ich auch in das Bekenntnis
der Kirche hineinwachsen. Das Bekenntnis wird zu meiner persönlichen
Antwort auf den Ruf Gottes und das Evangelium Christi werden.
DAS GEBET - DER PRIESTERLICHE DIENST ALLER GLÄUBIGEN
Solange es Kirche gibt, sind die Christen betend vor Gott hingetreten
und haben ihm alles, was sie und die Welt bewegte, fürbittend
dargebracht. Sie sind damit der jüdischen Tradition gefolgt.
Allerdings bedurften sie keines Hohenpriesters mehr und keiner
Opfer, die ihre Bitten begleiteten, weil für sie Christus
Hoherpriester und Opfer zugleich war. Deshalb enden noch heute
alle unsere Gebete: "...durch Jesus Christus, unseren Herrn".
,,So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet,
Fürbitte und Danksagung für alle Menschen", lesen
wir im ersten Brief an Timotheus (2,1).
Die Fürbitte ist und bleibt der vornehmste Beitrag der Christen
für Kirche, Welt und Menschen mit ihren unterschiedlichsten
Nöten. Mit der Fürbitte kommen wir unserer Berufung
zum allgemeinen Priestertum aller Gläubigen nach.
In unseren Gottesdiensten steht die Fürbitte zwischen der
Verkündigung und der Feier des Heiligen Mahles, in der Regel
eng verbunden mit den Abkündigungen, wo auf aktuelle Anlässe
hingewiesen werden kann, die dann fürbittend aufgenommen
werden. Die Fürbitte ist (in anderer Weise als das Glaubensbekenntnis)
Antwort auf das gehörte Wort Gottes, das von der Liebe und
Güte unseres himmlischen Vaters und unseres Heilandes zeugt
und uns ermutigen will, nun unsererseits vor Gott hinzutreten,
seiner Hilfe und seines Beistandes gewiss, um diese Liebe und
Güte danach im Heiligen Mahl leibhaft zu erfahren.
In vielen Gemeinden ist die Fürbitte außerdem aufs
engste verbunden mit dem Dankopfer, in dem wir Gott von dem zurückbringen,
was er uns anvertraut hat.
Auch die Fürbitte ist ja letztlich ein Zurückbringen
einer uns anvertrauten göttlichen Gabe.
HEILIGES MAHL: MENSCHWERDUNG GOTTES - VERGOTTUNG DES MENSCHEN
Gott begegnet uns im Gottesdienst auf mancherlei Weise. Die persönlichste
Begegnung aber ist wohl die Begegnung mit ihm im Heiligen Abendmahl,
wenn wir hinaufgestiegen sind zum ,,Berg Gottes", am Altar
niederknien und unsere leeren Hände öffnen für
Christus,dersich uns schenkt im Brot und im Wein. Die Feier des
Heiligen Mahls - auch Eucharistie (Danksagung) genannt - ist der
letzte Höhepunkt des Gottesdienstes. Sie nimmt uns hinein
in das Geheimnis der Menschwerdung Gottes, der Kreuzigung unseres
Erlösers und der Auferstehung Christi. Sie ist Vergegenwärtigung
der großen Heilsereignisse, die christliche Gemeinde erst
stiften.
Die Feier dieses Geheimnisses hat so viele Dimensionen, dass Menschen
viele Bücher darüber schreiben könnten (und auch
geschrieben haben), ohne sich zu wiederholen. Und doch wird niemand
begreifen, was hier im letzten vorgeht, es sei denn, er kommt
und lässt an sich geschehen, was sich am Altar vollzieht.
Nicht unser Verstand ist jetzt gefordert, sondern das Herz. Wer
sein Herz auftut, wer nach Christus verlangt, dem wird zuteil,
wonach er sich sehnt. Schon ein Kind kann esfassen,besser vielleicht
sogar als mancher Erwachsene, dem sein Verstand im Wege steht.
Darum ist es nicht recht, dass Christen Kinder von dieser Feier
ausschließen.
Die Feier des Heiligen Mahls ist das Fest der Getauften, das Fest
der Jünger und Jüngerinnen, das Fest der Gemeinde. Jeder,
der zur Gemeinde gehört und mit Christus eins werden möchte,
ist eingeladen.
Im Heiligen Mahl neigt Gott. sich in Christus zu uns herab, um
uns zu erheben. Christus geht ein in unser oft sehr armseliges
Leben und vergottet uns durch seine Gegenwart - eine uns vielleicht
sehr fremde, in der morgenländischen Kirche aber durchaus
geläufige Vorstellung.
DAS HOCHGEBET (PRÄFATION) - DER GROSSE LOBPREIS
Alle Briefe im Neuen Testament, die dem Apostel Paulus zugeschrieben
werden, beginnen - von einer Ausnahme abgesehen - mit einem Lobpreis
oder Dank gegen Gott. Das ist gewiß nicht zufällig
so. Alles, was wir sind und haben, jede menschliche Begegnung,
jedes geistige oder geistliche Wachstum, jede Regung unserer Glieder,
jeder Atemzug, den wir tun dürfen, ist ein Geschenk unseres
Gottes. Alles verdanken wir unserem Schöpfer und Erlöser
- außer der Sünde. Loben heißt Leben.
So hat es seinen tiefen Sinn, dass auch die Abendmahlsfeier in
unseren Gottesdiensten mit einem Lobpreis eröffnet wird,
der in manchen Kirchen der gesamten Abendmahlsfeier den Namen
gegeben hat: Eucharistie - Danksagung.
Das Hochgebet wird nach Möglichkeit gesungen. Kein Geringerer
als Mozart hielt die uralte Melodie, die auch wir noch verwenden,
für das Schönste, was die Musik hervorgebracht hat.
Manche Pastoren gebrauchen auch noch die älteste uns bekannte
Gebetshaltung, wenn sie den Lobpreis anstimmen. Sie heben die
Hände Christus entgegen und öffnen sich auf diese Weise
mit ihrem ganzen Leib für die himmlischen Gaben. Ihre Gestalt
wird symbolisch zum Kelch, der mit himmlischem Segen gefüllt
werden soll. In den gesungenen Worten wird Gott durch Christus
als heiliger Herr, allmächtiger Vater und ewiger Gott verherrlicht,
dem allein die Ehre zukommt, die wir lobpreisend darbringen. Dabei
wissen sich die Beter eingebunden in den Lobpreis der ganzen Schöpfung,
der sichtbaren und unsichtbaren Mächte und Kräfte. Ja,
unser Lobgesang ist nichts anderes als Teilhabe an dem nie endenden
Lobpreis des Kosmos, dem wir uns zuordnen. Damit erlangen wir
unsere eigentliche Bestimmung zurück: Verherrlichung des
dreieinigen Gottes.
IM GOTTESDIENST ERFAHREN UND BEKENNEN WIR GOTTES HEILIGKEIT
Das Alte Testament (Jes. 6) berichtet von einer wunderbaren Vision
des Propheten Jesaja im Tempel: Er darf Gott schauen. Und er hört
den Lobgesang der Engel: "Heilig, heilig, heilig ist der
Herr Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll". Die Heiligkeit
Gottes - vergleichbar vielleicht der Strahlung einer Sonne (wenn
es überhaupt einen Vergleich gibt) - lässt den Propheten
vergehen. Erst eine Reinigung seines Wesens vom Himmel her bewahrt
ihn davor. Die Kirche hat diesen Engelsgesang, auch Sanctus oder
Trishagion genannt, schon sehr früh in ihre eucharistischen
Feiern aufgenommen. Sie bringt damit zum Ausdruck: Der gleiche
heilige Gott, den Jesaja im Tempel schauen durfte, kommt in der
Abendmahlsfeier durch Christus mit dem Brot und dem Wein auf uns
zu, ja, geht in uns ein, durchdringt und verändert unser
Wesen. Als in Christus Geheiligte werden wir durch Gottes Heiligkeit
nicht vernichtet, sondern zum Leben erweckt. Wir dürfen einstimmen
in den Lobgesang der Engel und damit die Ehre Gottes ausbreiten
und hinaustragen in diese Weit. Der Herr Zebaoth (d. h. der Herr
der himmlischen Heerscharen, also der Engel) ist auch unser Gott.
Auch wenn wir dankbar bekennen dürfen, dass Christus unser
Bruder wurde, sollten wir darüber niemals vergessen, dass
er zugleich der Heilige bleibt, vor dem Jesaja erschrak. ,,Ich
glaube, dass Jesus Christus, wahrhaftiger Gott, vom Vater in Ewigkeit
geboren, und auch wahrhaftiger Mensch, von der Jungfrau Maria
geboren, sei mein Herr" bekennen wir mit dem zweiten Artikel
unseres Glaubens. Beides will festgehalten werden: wahrhaftiger
Gott und auch wahrhaftiger Mensch. Beides findet im liturgischen
Vollzug des Gottesdienstes seinen Niederschlag. Das Sanctus erinnert
uns vor allem an die Heiligkeit Gottes, während andere liturgische
Stücke mehr seine Menschwerdung betonen.
DIE EINSETZUNG DES HEILIGEN ABENDMAHLS - DER WEG CHRISTI ZU
UNS
Dem "Sanctus" folgte früher einmal noch vor den
Einsetzungsworten das Vaterunser als Tischgebet. Dies war eine
lutherische Eigenart, die die Einsetzungsworte möglichst
eng mit der Austeilung verbinden wollte. Luther hätte es
am liebsten gesehen, wenn sofort nach dem Brot-Wort das gesegnete
Brot ausgeteilt worden wäre, noch bevor das Kelchwort gesprochen
und der "Kelch des Heils" weitergereicht wurde. Diese
Form hat sich jedoch nie durchgesetzt. Heute sind wir weitgehend
zu der altkirchlichen und in allen anderen Konfessionen üblichen
Ordnung zurückgekehrt, das Vaterunser der Einsetzung folgen
zu lassen.
Die Stiftungsworte werden in der Regel mit segnender Hand über
den Elementen gesprochen, Christi Verheißung zutrauend,
dass er ,,in, mit und unter den Elementen" gegenwärtig
sein und sich uns schenken will. Wie dies geschieht, bleibt sein
Geheimnis (Sakrament). Aber dass Christus sich uns mit den Elementen
des Abendmahls schenkt, ist fester Glaubensbestandteil unserer
Kirche. Neuere exegetische Untersuchungen belegen, dass dies auch
die Evangelisten und Paulus so verstanden. Wir empfangen also
mit dem Brot und dem Wein auf wunderbare, nicht näher zu
erklärende Weise, Christus selbst. Brot und Wein sind konstitutiv
für das Abendmahl. Das heißt, diese Elemente können
nicht durch andere ersetzt werden (etwa Wein durch Traubensaft,
wie
es häufiger in verschiedenen evangelischen Gemeinden mit
Rücksicht auf alkoholkranke Menschen geschieht). Jesu Testament
kann nicht einfach abgeändert werden. Menschen, die keinen
Alkohol zu sich nehmen dürfen, aus welchen Gründen auch
immer, sollen wissen, dass auch in dem Brot allein der ganze Christus
gegenwärtig ist. Sie verzichten auf den Kelch und verneigen
sich vor ihm.
Die in unserem Land meistens verwendeten Hostien sind richtiges
Brot, gebacken aus Weizen, Wasser, Salz und manchmal ein wenig
Olivenöl - nur dass dieses Brot gepresst wurde, um Krümel
zu vermeiden. Alle diese Elemente haben in der Bibel ihre tiefe
Bedeutung. Wo es angebracht scheint, kann aber auch normales Weizenbrot
verwendet werden, das gebrochen wird und von dem jeder an den
Altar Hinzutretende ein Stück erhält.
Manche(r) hat aus hygienischen oder ästhetischen Gründen
Schwierigkeiten, aus einem Kelch zu trinken. Darum setzt sich
in unserer Kirche immer mehr durch, das Brot in den Wein zu tauchen,
wie in der morgenländischen Kirche allgemein üblich.
In besonderen Zeiten werden die Einsetzungsworte (verba testamenti)
mit Gebeten umgeben, dem sogenannten Kanon. Wir flehen mit der
Einsetzung Gottes Geist auf die Gaben und die Gemeinde herab (Epiklese)
und gedenken an Jesu Tod und Auferstehung (Anamnese). Schön
wäre es, wenn wir auch das Brotbrechen als Symbol für
das Zerbrechen des Leibes Jesu am Kreuz zurückgewinnen könnten.
UNTER GOTTES SEGEN GEHEN WIR UNSEREN WEG
Der Empfang der heiligen Speise im Sakrament des Abendmahls ist
neben der Predigt der zweite Höhepunkt des Gottesdienstes.
Auf unserer Wanderung durch das Leben der Ewigkeit entgegen dürfen
wir am Altar Gottes einen Augenblick ausruhen und uns stärken
lassen für unseren weiteren Weg. Christus ist bei uns, Christus
geht mit uns, was auch immer kommen mag. Aber wie die drei Jünger
vom Berg der Verklärung wieder umkehren mussten in die ,,Niederungen
des Lebens" (Matthäus 17), so wartet auch auf uns nach
der kurzen Stärkung am Altar wieder der Alltag, in dem sich
unser Glaube bewähren will. Wir preisen Gott mit unserem
Lied und danken ihm, dass er unter den Gestalten von Brot und
Wein in unser armes, oft kümmerliches, schuldverhaftetes
Leben eingekehrt ist, ehe wir uns erheben und unter seinen Segen
stellen.
Der Segen, der uns am Schluss des Gottesdienstes noch einmal auf
eine andere Weise vergewissert, dass Gott mit uns hinausgeht in
unser Leben, begleitet uns in den kommenden Stunden und Tagen.
Als Gesegnete packen wir unsere Aufgaben an und reichen den Segen,
der uns zuteil wurde, an andere weiter.
Wir selber werden zum Segen.
Wir beenden den Gottesdienst, indem wir noch einmal der Musik
lauschen und Gott in der Stille danken für das Wunder der
Erneuerung, das wir hier in der Kirche in der Gemeinschaft mit
den anderen Christen erfahren durften.
ANHANG
KONFIRMANDEN - ABENDMAHL
Wie sicher aufgefallen ist, nehmen seit einigen Sonntagen auch
Kinder, die im Konfirmanden-Unterricht sind, am Abendmahl teil.
Zur Erklärung der Gedanken, die dem, für unsere Gemeinde
neuen - erfreulichen - Geschehen unter anderem zugrunde liegen,
sollen hier Auszüge aus einer Handreichung der Kirchenleitung
der NEK vom April 1978 wiedergegeben werden, die diese den Gemeinden
empfohlen hatte. Sie trägt den Titel: "Teilnahme von
Kindern am Heiligen Abendmahl".
Im Heiligen Abendmahl lädt Jesus Christus die Seinen zur
Gemeinschaft mit sich und untereinander ein. Er gibt sich selbst
unter Brot und Wein und schenkt seiner Gemeinde Versöhnung,
Hoffnung und Freude. Es ist die Aufgabe der Kirche, diese Einladung
Jesu an alle Getauften weiterzugeben. Das Heilige Abendmahl ist
die Feier derer, die durch die Taufe ein für allemal in die
Gemeinde als Leib Christi eingegliedert sind. Die Gabe des Heiligen
Abendmahls will im Glauben empfangen werden. Nach reformatorischer
Tradition, die sich auf 1. Kor. 11 beruft, schließt dies
die Fähigkeit ein, zwischen dem Heiligen Abendmahl und gewöhnlichem
Essen und Trinken zu unterscheiden. Deswegen hat sich die lutherische
Kirche zu allen Zeiten besonders um die Hinführung zum Heiligen
Abendmahl bemüht und Regelungen der Zulassung damit verbunden.
Glaube, der die Gabe des Heiligen Abendmahls empfängt und
die Fähigkeit der Unterscheidung einschließt, ist auch
Kindern möglich. Kinder, die getauft sind, können nicht
grundsätzlich von der Teilnahme am Heiligen Abendmahl ausgeschlossen
werden. Auch lassen weder die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen
Kirche noch die frühreformatorischen Kirchenordnungen eine
Bindung der Erstzulassung an ein bestimmtes Lebensalter erkennen.
Glaube verlangt auch bei Kindern Verstehen. Die erwachsenen Christen
sind dafür verantwortlich, das Verstehen der Kinder zu fördern
und das Hineinwachsen in den Gottesdienst und in die Mahlfeier
zu begleiten. Was Gemeinschaft mit Jesus Christus, Versöhnung,
Hoffnung und Freude bedeuten, nimmt das Kind schrittweise und
seinem Alter entsprechend auf. Es ist ein Irrtum zu meinen, man
könne nur das bejahen und praktizieren, was man lehrmäßig
verstanden hat. Vielmehr gehen einübendes Verhalten und Erleben
dem verstehenden Erfassen häufig voraus. Auch der Wille zum
Verstehen entwickelt sich oft nur, wenn das Gefühl zugleich
angesprochen wird. Für
Kinder gilt dies in besonderem Maße. Auch wenn sie Begriffe
wie Sünde, Opfertod Christi und Rechtfertigung noch nicht
voll verstehen, kann ihnen deutlich werden, dass Gott Versöhnung,
Hoffnung und Freude schenkt. Ihre größere emotionale
Offenheit macht gerade Kindern Erfahrungen der Gegenwart des Heils
im Erlebnis des Gottesdienstes möglich. Nicht zuletzt um
ihretwillen ist daher eine Gestaltung des Gottesdienstes anzustreben,
die durch Sehen, Hören oder Bewegung das Festliche hervorhebt
und die Kinder in die Freude einer zur Abendmahlsfeier versammelten
Gemeinde hineinnimmt. Es bestehen somit keine grundsätzlichen
Bedenken, getaufte Kinder am Heiligen Abendmahl teilnehmen zu
lassen, wenn dies begehrt wird und nach Unterweisung
seelsorgerlich verantwortet werden kann. Im Bewusstsein vieler
Gemeindeglieder und in den kirchlichen Ordnungen ist die generelle
Zulassung zum Heiligen Abendmahl ein wesentlicher Inhalt der Konfirmation.
Dieses Verständnis der Konfirmation wird nicht aufgehoben,
wenn Konfirmanden bereits am Heiligen Abendmahl teilgenommen haben.
Christian Kühn
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