Ich erfreue mich heute bester Laune, da dachte ich mir, diese Gelegenheit sollte ich doch mal wahrnehmen und Euch mit einem weiteren Teil meines Romans begluecken.
Ich komme gerade vom Schachklub. Ja, ich wollte mich hier mal so umsozialisieren. Also, irgendwie irgendwen irgendwodurch kennenlernen und mit irgendwelchen Opas russisch schnacken. Aber es ist ja irgendwie immer anders als man sich das denkt. Ich meine, es waere doch unglaublich witzig, wenn ich hier einem Schachklub beitreten wuerde. Hab ich mir ueberlegt. Tja, also dann habe ich mir meine Kumpelin Katja geschnappt und bin dann in den Schaklub reingetapft. Das letzte mal war die Tuer zu, heute war sie offen und man roch den Schweissgeruch bis auf die Strasse. prima, dacht ich mir, das gibt mir das Gefuehl, in einem Spartklub zu sein, damit erfuelle ich mein Soll und muss doch nicht Sport machen, bzw. Schwimmen gehen (was allerdings dahingehend bloed waere, da ich mir gerade eine rosa Badekappe gekauft habe und guter Dinge bin und mich allein aufgrund dieses Kaufs fuer eine reine Sportskanone halte) Gut, drin war ich also und - naja, gut, - hach was solls, es waren Leute, wie man sie sich in einem Schachklub vorstellt. Dicke Brillen, fettige Haare, unter den Achseln nasse Hemden, sabbernd und nicht in der Lage, einem in die Augen zu sehen, wenn sie mit einem reden. Naja, man muss ja nicht gleich so abweisend sein, das sind ja auch nette Leute, mit denen man sicher eine lustige Zeit verbingen kann. Also los. Ich bin sogleich gefragt worden, in welchem Level ich spielte. Tja, keine Ahnung. Also - wie viele Jahre denn und gegen wen? Deutsche Bundesliga? nee, gegen Mama halt. Dann waren sie gnadenlos, die Krieger. sie haben mich jemandem gegenuebergesetzte, der mich 3mal vernichtet hat. Ich war stolz, weil ich mich innerhalb dieser 3mal echt verbessert habe. ich habe ihn einmal Schach gestellt (und dabei meine Dame verloren) UND er musste ein paarmal laenger als 10 Sekunden nachdenken ehe er einen genialen Zug tat. Naja, gut, tut mir leid, Mamaliga reicht eben nicht. Ich glaub er war ganz froh als ich ging, denn nach meinen ewig dauernden Zuegen ist ihm irgendwann langweilig geworden.
Ich jedenfalls war guter Dinge, als ich diesen Ort verliess und beschloss, dieses Etablissemnt zu meiden, mein eigenes Schachspiel fuer 2 Euro 50 zu kaufen und Lasse wieder zu zwingen, gegen mich zu spielen.
Ok, ich hatte letztes mal versprochen, noch ueber den 9. Mai zu erzaehlen. Aber was genau hab ich vergessen. Denn eigentlich war das nicht gar zu spektakulaer. Lasse und ich haben das erste mal in Wolgograd den Wecker gestellt, weil uns gesagt wurde, um 8 Uhr morgens sei die Kranzniederlegung am Mamaew Kurgan, an der Rodina Mat. Also, Kurz dazu: Die groesste Statue der Welt ist nicht etwa die Freihietsstatue, sondern die Mutterland-Statue hier, die Rodina Mat (habe ich darueber schon berichtet?). Ich war letzten Sonntag mit meinen Freunden Anton und Katja dort und das war wirklich merkwuerdig. Ich meine, absolut faszinierend und erfurchteinfloessend aber es ist einfach sehr bitter, dass man staendig von Kriegsdenkmaelern und -tonbaendern umgeben ist. Aber hierzu schlage ich vor, dass Ihr unsere Fotos bzw. ggf. Postkarten abwartet, ok? jedenfalls sollte dort die Kranzniederlegung durch die Veteranen sein. Spannendes Spektakel. Leider haben wir es verschlafen. Dafuer sind wir dann zum Hafen gegangen und dort steppte der Baer noch viel mehr als am 1. Mai. Das ist echt das wichtigste Fest hier in Russland. Unglaublich viele Volkschoere und Volkstaenze durch Gruppen in einfach jeder Altersklasse. Unglaublich schoene Trachten und eine wahnsinnig faszinierende Atmosphaere. Ich habe dort sehr serh viele Stunden verbracht. nachmittags waren Andrew, Lasse und ich in Wolschski zu einer Party eingeladen. Wir sind also mit dem hier bekanntesten Verkehrsmittel, der Marschroutka (sowas wie ein grosser VW-Bus fuer 15 Personen, so schnell wie ein Auto) 1 Stunde lang dort hingefahren und haben Schenja kennengelernt. Von diesem verrueckten Kerl werde ich sicher nochmal erzaehlen, deswegen nenne ich ihn mal schon beim Namen. Auf jeden Fall ist dieser Mensch ohne Ende verpeilt und als wir dort waren gab er bekannt, es gebe eine Planaenderung: Die Party faende in der Wohnung seines Freundes statt. Ich stellte ihm also die obligatorische Frage, ob es dort Katzen gebe und zu meinem grossen Leidewesen gab es dort eine. Somit trat ich imselben Moment meinen heimweg an. Das war mein kleines Abenteuer in Dolschski. dennoch ist es nicht schlimm, der Weg war keineswegs umsonst. Auf dem hinweg hatte ich einen kleinen Fischkopf vor mir, der sich mit einem Mann unterhielt (auf Russisch - ich verstand fast alles) und es war urkomisch, er erzaehlte naemlich er wolle Soldat werden mit einem tollen Maschinengewehr und Banditen jagen und damit viel Geld verdienen, um sich einen Jeep zu kaufen. Als sein Gespraechspartner ihn dann jedoch einen Kapitalisten nannte, aenderte er seine Zukunftsplaene und wollte dann zur Miliz gehen und dort Banditen jagen und total stark sein. Mit mir flirtete er indem er mir einen schlag nach dem anderen zu verpassen versuchte und sich dann kichern in den schoss seiner Mutter vergrub; ich habe ihm nicht begreiflich machen koennen, dass er das nur mit Banditen und nicht mit schoenen netten wunderbaren Jungend Damen machen konnte.
Ok, auf jeden Fall fuehrte der Weg auch ueber den Wolga-Staudamm, ein wahnsinnig riesiges Ding, das als Wasserkraftwerk die Stadt mit Strom versorgt. Unglaublich, echt. Wieder im Zentrum angekommen habe ich mir dann noch ein bisschen Kultur angesehen und einen fetten Sonnenbrand bekommen.
Ach ja, jetzt ist mir eingefallen, was ich eigentlich erzaehlen wollte: tags zuvor probten Soldaten der Stadt die 9.Mai-Parade: Daran nahmen etwa 300 sichtlich lustlose Wehdienstleistende teil und als Kontrastprogramm Ultramotivierte Sondertruppler, das war wie Teckleberry bei Policeakademie: 100 in grauer Uniform und blauem Barrett gekleidete, schwarz bemalte Verrueckte stuermten mit ihren Maschinengewehren feuernd und freudig kaempferisch bruellend den Platz und fuehrten Nachkampftechniken vor, steckten sich gegenseitig in brand und demonstrierten dann wie sie dann damit verfahren und dann taten sie sowas wie einen von ihnen an Fuessen und armend heben und einen Bordstein auf seinem Bauch zertruemmern. Jo. Das war, na sagen wir, anschaulich.
Zwei Tage vorher besuchten wir dann den Stadtteil Sarepta, wo der Wolga-Don-Kanal beginnt. In diesem Stadtteil befindet sich die deutsche Siedlung mit einer evangelischen Kirche und einer deutschen Bibliothek. Sergej, ein Russe, der sehr gut deutsch spricht, hat uns dort hingebracht, weil es dort einen Gespraechskreis auf deutsch gibt. Das war ein ganz wunderbares Erlebnis: Etwa 20 Leute im Alter zwischen 13 und 25 waren dort, hochmotiviert, doch leider variierten ihre Sprachfaehigkeit von ueberhaupt keinen bis hin zu fluessig und einwandfrei. Geleitet wurde diese Veranstaltung von 2 deutschen Zivis, ueber die ich mich sehr gern nochmal auslassen will. Zunaechst schreibe ich mal eine passage aus dem Text ab, den sie bekommen habe (ich habe das Ding mitgehen lassen, weil ich dieses Abenteuer nicht unkommentiert lassen wollte):
"Nach dreieinhalb Jahren untersuchungshaft erhob der Generalstaatsanwalt von gross-Berlin im Januar 1966 Anklage und beschuldigte den Matrosen, "vorsaetzlich und zum Teil gemeinschaftlich fortgesetzt handelnd, die Grundlagen der Arbeiter- und Bauernmacht und die oeffentliche Sicherheit durch staatsgefaehrdende Gewaltakte angegriffen zu haben". Vorgehalten wurde ihm zudem, dass er im Fluechtlingslager Marienfelde bei den ueblichen Befragungen durch deutsche und alliierte Geheimdienste Auskunft ueber seine Arbeit bei der Weissen Flotte gegeben haette. Die Anklageschrift bekam Bodo K. erst kurz vor der Verhandlung zu Gesicht. Das Gericht zeigte sich weder von der tatsache beeindruckt, dass er zum Zeitpunkt der Flucht noch nicht volljaehrig war, noch davon, dass er sich dem Fluchtunternehmen lediglich angeschlossen hatte. Am 26. Februar 1966 wurde er wegen "illegalen Verlassens der DDR in tateinheit mit dem Unternehmen eines staatsgefaehrdenden Gewaltaktes" sowie wegen "Nachrichtenuebermittlung" zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Auch die "fortgesetzte Vorbereitung" seiner Flucht und die "Hetzartikel" in den West-Berliner Zeitungen wurden ihm angelastet usw.
Jo. Ich weiss ja nicht, was Ihr denkt, aber ich halte den Text fuer absolut geeignet und er gegebenen Situation angemessen. Noch viel toller war dann aber die darauf folgende Diskussion, geleitet von unseren lieben Deutschen. "Ja, also, der Artikel geht also um, also handelt von, aeh, Freiheit und aeh, Flucht. Nun sagt mal, was gibt es denn fuer Gruende aus seinem Land zu fluechten --- aha, ja, wir halten also fest: Krieg, weil es einem im eigenen Land nicht gefaellt oder wenn man sich ein besseres Leben im anderen Land erhofft. Ja. Und was denkt ihr - haben die Tschetschenen, die hier sind ein besseres Leben? Was habt ihr denn so fuer Erfahrungen mit Kaukasiern? Du, xy, sag mal was!" Der Junge erroetet und ihm schiessen vor Verlegenheit und schuechternheit Traenen in die Augen. Er stammelt etwas von seiner Cousine, die einen Aserbeidschaner geheiratet hat und ueber die Konflikte, die diese Ehe hatte, als er vom wuetenden Zivi unterbrochen wurde "AHA! Du denkst also, alle Kaukasier seien Terroristen!" Der Junge - nun komplett eingeschuechtert - verstummt und schuettelt nur hilfesuchend den Kopf. Dan kommt der andere Zivi und beginnt, im starken saechsischen Dialekt eines seiner noch zahlreich folgenden Beispiele Anzufuehren. Dieses beispiel handelte von den Juden in Deutschland im Dritten Reich und wie unwahr die damalige Propaganda war. Er widerum wurde wieder vom ersten Zivi unterbrochen, der einen anderen Russen drannahm und ihn fragte, was er denn ueber Kaukasier denke. Auch der andere erzaehlte nur, dass er lediglich mal Kaukasier im Streit mit Russen auf dem Markt gesehen habe. "AHA!" stellte der Zivi fest "auch du denkst also alle Tschetschenen seinen terroristen" und so ging es noch eine ganze Weile weiter, bis er feststellte, dass sie ueberzogen hatten und er dann ganz schnell und leise, damit auch alle das verstehen, was er zum besten gibt (na, sicherheitshalber hat er es dann auch nochmal auf russisch uebersetzt, sonst wuerde es paedagogisch ja voellig wertlos sein) ein Schlusswort zum Besten gab: " Liebe Freunde, Ihr muesst mit offenen Augen neuen Kulturen Begegnen, andere Kulturen sind etwas so wunderbares, seid nicht so ablehnend, sondern versucht, auf die Fremden zuzugehen, dadurch werden viele Konflikte in dieser Welt geloest." Ich glaube ich bin seitdem etwas menschlicher geworden, wahrlich, auch ich als Deutsche habe auf diesem Treffen meine Lektion verstanden und fuehle mich jetzt in der Verantwortung, kulturelle Diskrepanzen zwischen Russen und Tschetschenen zu kompensieren, jawohl.
Genaug davon, ich war ziemlich sauer. Da haben sich unsere Leute mal wieder glaenzend danebenbenommen.
Tja, das war meine letzte Ferienwoche. Diese Woche hatte ich wieder Russischkurs und Lasse und ich haben nun die ganze Wohnung mit unterschiedlich grosen und kleinen Zetteln und auch Postern gepflastert, auf denen sich zahlreiche Verben in jeglicher Form befinden, alle Bezeichungen von Moebeln und Gegenstaenden und was man damit macht. Unser Erfolgserlebnis besteht nun zunaechst sprachtheoretisch darin, dass wir Wortstaemme erkennen koennen und sie mit den entsprechenden Prae- und Suffixen einordnen koennen, auch wenn sie neu sind und praktisch, dass wir uns so langsam so richtig gut unterhalten koennen: Gestern haben uns Antons Eltern zum Essen eingeladen und hey - ich bin unterbrochen worden!!! Das ist so cool, denn das bedeutet ich rede zuviel und das wiederum bedeutet ich kann reden!! Das ist unglaublich cool! Ich kann mich auf russisch unterhalten! Also, gebrochen zwar, aber ich kann ganz gut klarmachen, was ich will. Und Lasse auch. Das war uebrigens ein sehr sehr netter Abend; wir hatten viel Spass. Auf dem Heimweg haben wir ein Taxi genommen, weil am 11 keine oeffentlichen Verkenhrmittel mehr fahren. Wir stiegen also ins Taxi und wurden sogleich freundlich vom Fahrer empfangen. " Ah, Deutsche! Prima! ICh mag Deutsche! Ich bin Armenier!" "Na, sehr erfreut! Woran haben Sie erkannt, dass wir Deutsche sind? Wir haben uns doch gar nicht unterhalten" "AAAH! Ihr denkt wohl ich bin Spion, was?" Und er brach in lautes Gelachter aus als ich mich wehrte "Nein nein..." Doch da hatte er schon Lasse seine Hand ausgestreckt und sagte "Ah, Schutka!" (Witz) und konnte sich noch immer kaum einkriegen vor Lachen und fuhr schlangenlinien. Dann erzaehlte er ein bisschen von seinen Nachbarn, die in Dresden und LEipzig waren. Ich bat ihn, ein wenig langsamer zu reden, doch er verstand nur "langsamer" und trat auf die Bremse. "Was? LAngsamer? Ihr seid wohl besoffen, was? Uahahahaha!" Und dann ist er nurnoch Schritt gefahren, entweder aus Ruecksicht oder weil er Bock hatte, sich mehr mit uns zu amuesieren. Er fragte uns, was wir studierten und als wir sagten Politik brach er wieder in Gelaechter aus und freut sich "Yo, prima! Und wenn ihr wieder nach Deutschland zurueckgeht und Praesident werdet, dann holt mich ab und engagiert mich als Fahrer, dann fahr ich einen deutschen Mercedes hahahaha!" Der war echt witzig.
Ok, Ihr Lieben, Schluss fuer heute. Entschuldigt bitte die Rechtschreibfehler - es sind keine. Ich musste nur schnell tippen, weil der komisch besoffene Typ hier neben mir eine Kassette ans Ohr redet, weil er mitbekommen hat, dass ich auf deutsch schreibe. Witzige Leute hier, echt. Also, seid ganz lieb gegruesst!
Eure Caroline