So, nun kommt gleich nach dem ersten Bericht schon der zweite. Ich meine, ja, ich habe schon einiges erlebt, aber ich schreibe heute vor allen Dingen deswegen, weil ich gerade ein wenig Luft habe, und ich weiss nicht, wann ich wieder so viel Zeit haben werde, dass ich einen Bericht schreiben koennte. Also ganz sicher nicht mehr solange ich noch in Moskau bin. Lasse und ich sind echt unglaublich eingespannt und beissen die Zaehne zusammen. Wir sollten seit letztem Montag eigentlich einen Intensivkurs Deutsch fuer Anfaenger haben, nur ist folgendes dazwischengekommen: Jemand hier rief beim Chef an und fragte, ob es denn stimme, dass nun zwei Deutsche hier (gibt keine anderen als Lasse und mich) von nun an Non-violent Conflict Resolution Kurse machen wuerden. Da vor einigen Jahren ein paar Leute als Lehrer hier christlich missioniert haben, ist der Chef nach diesem Anruf in Panik geraten und hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, um herauszufinden, was wir hier wirklich wollten, oder -um uns nichts boeses zu unterstellen- ob wir auch verstanden haetten, dass wir nur eine Sprache unterrichten sollten. Alle Hebel - das waren, nun, also das war Tanya. Sie kam zu uns und erzaehlte uns, sie haette ihm versichert, dass wir sie richtig verstanden haetten, was unseren Auftrag hier anging, aber nur so unverbindlich, beilaeufig und routinemaessig, kam die Frage ...ne? . Ja. Genau. Deutsch eben. Ja, dann war Rob wieder beruhigt und hat den Startschuss fuer die Studentensuche gegeben. Am Freitag. Prima. Montag war keiner da. Macht aber nix, dann Lasse und ich sind fuer die gesamte Woche top vorbereitet und sollten doch noch Interessenten kommen - kein Problem. In einer Woche koennen sie deutsch.
Nein, im Ernst, wir arbeiten viel an unserem Unterrichtskonzept. Man traut uns zu, guten Unterricht zu geben, die Methoden und ein paar theoretische Grundlagen werden uns hier dann noch vermittelt, dann wartet Wolgograd auf uns. Dort sind sie nun schon laengst am Werbung machen. Eine Woche noch. Das sind 20 Stunden Russisch Intensiv, mindestens ebenso viele fuer die Hausaufgaben, 5 - 10 Stunden Teachers Theorie inklusive Vorbereitung und "Observing", also bereits unterrichtenden Lehrern bei ihren Englischstunden zuschauen, viele Stunden warten, Lehrbuecher durchsehen, Probeuntrricht geben, mit unseren "Guineapigs" also Versuchskaninchen, die wir uns hier unter den Lehrern und Russischschuelern besorgt haben. Jo, dat summiert sich so und wir sind echt immer recht spaet tu huus. Ach ja, manchmal gehen wir auch aus.
Samstag haben Lasse und ich uns entschlossen, in das historische Revolutionsmuseum zu gehen. Das war sehr interessant. Vermutlich waere es noch interessanter gewesen, wenn wir auch nur igrendetwas verstanden haetten. Naja gut, Bilder gucken koennen wir natuerlich auch auf Deutsch, bei dem, was dann als Erklaerung drauf stand, sind wir dann gescheitert. Naja, macht ja nichts, im Grossen und Ganzen haben wir ja kapiert, worum es geht. Wir haben auch Plakate im Souvenirladen gekauft (die wir verstanden haben, ehrlich) - fuer nur 450 Rubel. Das ist total billig. Naja, ignorieren wir einfach mal den Buchladen nebenan, den wir spaeter entdeckt haben und der die gleichen Poster fuer 54 Rubel hatte. Na, macht nichts, wir haben jetzt jedenfalls schoene Poster.
Hinterher haben wir uns mit Svetlana getroffen. Erinnert Ihr Euch? Wir haben uns in der Bahn von Berlin nach Moskau getroffen. Wir haben sie also angerufen und sind dann ein bissschen durch Moskau gelatscht. Um ihr unser niegelnagelneues Russisch zu praesentieren haben wir folgendes Spiel gespielt: Wir sagen einen Satz auf russisch und sie uebersetzt ihn ins Deutsche. Naja, es kamen so Sachen wie "Mein rosa Hund fruehstueckt mehrmals am Tag" dabei raus, hey, aber nach 2 Wochen!!! Morgen schreib ich Putin nen Brief, ihr werdet schon sehen: "Lieber Herr Putin, mein rosa Hund fruehstueckt mehrmals am Tag. Ihre Caroline". Na gut, vielleicht warte ich noch ein bisschen.
Abends waren wir dann auf einer Abschiedsparty. Hab den Jungen dort kennengelernt, der zurueck nach London fuhr. Der war sehr nett. Schade, dass er schon weg ist.
Wir sind es ja auch bald. Wir versuchen, so viel von Moskau mitzunehmen, wie wir koennen, doch das ist wirklich sehr schwierig angesichts unserer geringen Zeit, aber ein paar schoene Dinge konnten wir dank Sveta und dank Igor, unserem Lehrer, doch noch erfahren. Zum Beispiel ist da diese zauberhafte Kirche. Weiss mit goldenen Zwiebeltuermen. Ganz wunderbare, schoene, orthodoxe Kirche, muss uralt sein. Naja, ist sie auch. Gewissermassen. Sie stand da naemlich schonmal ein paar Jahrhunderte lang. Bis die Sowjets kamen, die meinten, die Kirche da ist ja quatsch, weg damit. Neue Schwimmbaeder braucht das Land! Und so bauten sie dort, wo einst diese Kirche stand, einen Swimmingpool hin. Ham ja recht. Da sind sicher mehr Leute drin gewesen. Doch hat Moskau nun einen Buergermeister, der sich widerum ueberlegt hat, ein Swimmingpool sei ja schoen und gut und so, aber Moskau werde nun 850 Jahre alt, da sollte man sich mal ueberlegen, ob die Kirche da nicht wieder hinsollte. Die Moskauer fanden das irgendwie nicht so gut. Aber der Buergermeister schon. Und deswegen hat er sich ein paar Fotos von der alten Kirche geben lassen und sie vollkommen originalgetreu wieder aufgebaut. Nix mehr Swimmingpool, jetzt wieder Kirche. Das war eine gute Idee. Sehr teuer wohl. Macht ja nichts, Russland hats ja.
Das ist aber der generelle Umgang mit historischen Staetten. Uns begegneten noch mehr. Und zwar vergangenen Dienstag. Um 12 waren Lasse und ich mit Igor verabredet. Am Bahnhof. Wir haben uns sehr gefreut, denn mit einem Mal stand Janine vor uns (sie hatte ja unseren Kurs aufgrund von Ueberforderung verlassen), geruestet, um mit uns Moskau unsicher zu machen. Wir haben uns ganz ehrlich gefreut, war schoen sie wiederzusehen. Wir haben sie auch gleich ueberredet, mit uns am Samstag nach Klin zu fahren (da kommt das Bier "Klinskaja" her und da ist ausserdem auch das Tschaikowski Museum); Igors chinesische Stundenten gehen da hin, so 70 km von Moskau entfernt, und wir duerfen mit. Prima. Unsere amerikanischen Meerschweinchen warnten uns zwar davor, sie sagten sie seien nun 8 Monate hier, und haetten die Erfahrung gemacht, die Russen seien sehr stolz auf ihre Kulturstaetten, und wenn sie was dazu sagen koennen, tun sie das auch, gnadenlos. Dann sollten wir auch damit rechnen, einen kleinen Umweg zu machen, wenn wir hinfahren, auch wenn da keine Strasse ist. Doch zu allen moeglichen Stellen, die sie uns nur zu gern zeigen werden, ist etwas zu Puschkin zu sagen, wie etwa " also, hier hatte Puschkin eine Tasse Tee" "Und hat dann ein Gedicht drueber geschrieben", fuegte das andere Meerschweinchen hinzu. Ok, aber wir wollen ja nicht hoeren. Und Janine auch nicht. Deswegen fahren wir Samstag dort hin. Mal sehen wie es wird. Vielleicht so witzig wie dieser Dienstag.
Wir warteten am Bahnhof bis halb 1. Kein Igor da. Ok, dann waren wir vielleicht falsch, dachten wir uns, und schleppten Janine in ein Fastfoodrestaurant, wo wir sie einluden. Daran haben wir gesehen, dass sie echt bodenstaendig ist, war kein Problem. Ich meine, sie war Kindermaedchen, da macht man sowas sicher schon mal mit. Vor allem wenn man seinen Job im Leichenschauhaus fuer diese Stelle aufgibt. Ich staune wirklich immer mehr. Froehlich glucksend erzaehlte sie uns, ihr Chef dort sei Suedafrikaner gewesen und haette sich in Sydney selbst zu den Selbstmordstosszeiten an Weihnachten und Ostern bei 10 Toten die Woche gelangweilt, er habe in Johannesburg schliesslich 100 am Tag gehabt. Sachen gibts... .
Bevor wir jedoch
ins Fastfoodrestaurant gingen, entschlossen wir uns, auch ohne Igor zum Lenin
Mausoleum zu gehen. Das macht naemlich um 1 zu. 5 Tage die Woche hat das Ding
von 10 bis 13 Uhr geoeffnet und es ist nicht zu fassen, wie dann der Baer
steppt. Die Guten sperren naemlich zu diesem Anlass den gesamten, ja, Ihr
lest richtig, den gesamten Roten Platz ab und lassen eine kleine Schleuse
am hintersten Rand offen. Ich meine, klar, Lenin koennte ja auch ploetzlich
auf die Idee kommen, aufzustehen und wegzulaufen, da muss man sich ja ein
wenig Raum schaffen, um ihn einzufangen und schoen wieder zurueck in den Sarg
zu legen. Das dumme ist, dass Rucksaecke, Fotokameras etc. nicht mit auf den
Roten Platz mitgenommen werden duerfen, die muessen draussen auf der Strasse
bleiben (Mein Gedanke: "???????"). Janine erklaerte sich bereit,
auf unsere Taschen aufzupassen, das war echt cool. Sie sagte sie habe noch
oefter die Gelegenheit, ihn zu sehen, sie verbraechte dort schliesslich noch
3 Jahre (also in Moskau). Also gingen Lasse und ich rein ins Spektakel, das
ja eigentlich keines ist, denn es ist ja tot, das Spektakel, aber wie sich
herausstellen sollte irgendwie doch eines ist: Ich dachte, es sei so, dass
man in so einen nett geschmueckten Raum kommt und einen Sarg anguckt und denkt
"Na Mensch, da ist Lenin also drin, wie der wohl jetzt aussieht?".
Aber nein. Ganz oder gar nicht, denken sich die Russen. Man kommt also rein
in die schwarze Tiefe und wird in in einen dunklen Gang geleitet. Ich erinnere
mich nicht mehr, ob da auch Musik zu hoeren war, denn die Stimmung war beklemmend,
aber man war sofort irgendwie benommen. Der Gang verlief nach Rechts. In jeder
Ecke stand, finster dreinguckend und von oben dumpf beleuchtet ein Soldat.
Wie Todesengel, die einen abholen kommen. Im Hauptraum angekommen ist nichts
von wegen Sarg. Ich meine, ja, einen Sarg gibts da, der ebenfalls irgendwie
gelblich beleuchtet wird, aber der ist glaesern. Darin liegt im schicken Anzug
- Lenin. Der echte. Wir dachten zuerst es ist eine Puppe aber nee, das ist
der konservierte Originalkoerper. Vollkommen ekelhaft. Ich mein, wir hatten
Glueck. Er hat am 22.4. Geburtstag und wird einen Monat vorher immer in seine
Konservierungsmittel getunkt, damit er den auch ganz huebsch erleben kann.
Lange durften wir nicht davor stehen bleiben, wir wurden von den Soldaten
weitergeleitet und sind bald darauf wieder am Tageslicht angelangt. Boah,
war das ein Erlebnis. Ich weiss auch nicht. Ich meine, es ist wie eine Geisterbahn,
aber dort gehen sie normalerweise mit Grundschulklassen rein. Das ist doch
verrueckt! Die Kinder kriegen doch alle Alptraeume! Oder? Naja, faszinierend
ist das schon, aber sicher nichts fuer Fischkoepfe.
Janine musste noch ein wenig laenger auf uns warten, denn wir mussten den
gesamten Roten Platz umkreisen, bis wir wieder zu ihr zurueck kamen. Voellig
verrueckt.
Uebrigens; wusstet ihr, dass der Rote Platz eigentlich gar nicht Roter Platz heisst, sondern einfach nur konstant falsch uebersetzt bzw. interpretiert wurde? Das erzaehlten uns unsere Russischlehrer. Denn das Wort fuer rot war mal identisch mit dem Wort fuer schoen. Heute unterscheiden sie sich ein bisschen voneinander. Gemeint war aber die Bezeichnung "Schoener Platz". Ich dachte immer die Kommunisten haetten den so getauft. Ist aber quatsch. Witzig, oder?
Ich meine, so
abwaegig ist das mit dem Umtaufen auch nicht. Ein paar Beispiele: Es gibt
in der Naehe des Kreml eine Art Obelisk, auf dem mal die Namen einer Zarendynastie
standen. Lenin fand das bloed, Revolutionaere gehoerten dort hin, deswegen
hat er die Zarennamen weggemacht und an ihre Stelle Marx, Engels, Bakunin,
Liebknecht etc. einmeisseln lassen. Na, also wenn das nicht wild ist. Stalin
hatte eine aehnliche Idee. Es gab naemlich eine Statue von Gogol im Zentrum
eines grossen Boulevards in Moskau. Die schaute aber zu ernst drein, Stalin
mochte vor allem Gogols Komoedien. Also liess er die Statue zu Gogols Haus
bringen und liess eine neue, laechelnde errichten, unter die er schrieb "Von
Stalin persoenlich an Gogol ausgehaendigt" (das ist jetzt kein Zitat,
nur sinngemaess wiedergegeben). Nur schien Stalin zu hoffen, die Nachwelt
wuerde es nicht merken, dass zu diesem Zeitpunkt Gogol schon mehrere Dekaden
tot war und die Statue deswegen schwierig haette in Empfang nehmen koennen.
Nun, das ist aber wohl eine Mentalitaet und kein Tick. Denn Jelzin trug diese
fort: Im Kreml befand sich ein "Ewiges Feuer fuer einen unbekannten Soldaten"
aus dem 2. Weltkrieg. So ganz schick mit Wachen und Wachabloesungen und so.
Daneben ein Denkmal bestehend aus Marmorbloecken, auf denen bedeutende Staedte
Russlands, ehemalige Kampf- und Ruhestaetten der Helden des Krieges aufgraviert
sind. Heutzutage ist das Denkmal aber ausserhalb des Kremls; Chruschtschow
hatte es errichtet und in bzw. nach der Perestroika hatte man erstmal keine
Lust mehr, dieserlei kommunistischer Denkmaeler vor der Nase zu haben. Deswegen
sollte das mal schnell an einen anderen Ort geschafft werden. Es ist wirklich
wirklich verrueckt. Geschichten dieser Art haeufen sich in Unmengen. Ich hoffe,
diese auserwaehlten Anekdoten richtig wiedergegeben zu haben, aber ich glaub
schon. Igor hat sie uns ganz ruecksichtsvoll auf Englisch erzaehlt.
Er (Igor) war uebrigens so gegen 2 aufgetaucht und liess dann unseren Stadtrundgang doch noch stattfinden. Der Grund fuer seine Abwesenheit war, dass er zu schnekll gefahren ist und von der Miliz gestoppt wurde. Mit einem Strafzettel oder einer Abmahnung war es dann leider nicht getan; die haben ihn noch eine halbe Stunde lang belehrt. Dann kam er zu unserem Treffpunkt, gerade als wir schon 5 Minuten weg waren (die Bahnhofsfegerin hat ihm erzaehlt, dass da drei Auslaender eine Halbe Stunde lang gestanden haben). Dann musste er zurueck zur Schule, um uns ueber Janines Handy zu kontaktieren und einen neuen Treffpunkt auszumachen. Armer Igor.
Seit heute sind wir wieder 3 Leute im Intensivkurs. Nachdem uns Janine vor etwa einer Woche verlassen hatte, waren nurnoch Lasse und ich da; nun ist aber Vivian dazugekommen. Sie hats echt schwer, weil wir durch unsere 2 Wochen schon einen erheblichen Vorsprung haben. Sie kommt aus London und ist Journalistin, aber so in unserem Alter glaube ich. Sehr nett.
Eine letzte Sache will ich noch erwaehnen: Mein Weltbild ist zerstoert. Nicht nur der Rote Platz ist kein echter roter, sondern ein schoener Platz und dann noch das: MIR heisst zwar Frieden, aber nicht ausschliesslich. Mehr noch heisst dieses Wort Welt. Welt und Frieden sind also sozusagen ein Wort auf Russisch. Was bedeutet das bitte fuer unser Weltbild? Was bedeutet es im Zuge der zunehmenden Genialitaet Tolstois? Hat er wirklich Krieg und Frieden geschrieben, oder meinte er vielmehr "Die Welt der Kriege" oder aehnliches? Meine Guete! Was fuer Schaetze werde ich hier noch ausbuddeln?
Na gut, das war jetzt schon wieder ein kleiner Einblick in meine Abenteuer, mal sehen, wann der naechste kommt. Ich danke Euch sehr fuer Eure mails und die Post in meinem Gaestebuch! Ich habe mich sehr darueber gefreut und freue mich auf weitere!
Ganz liebe Gruesse
aus dem schoenen Moskau
Eure Caro