So, nun kommt mal wieder ein BEricht. Der erste aus Wolgograd. Es juckte mir schon in den Fingern, mal wieder zu schreiben, denn es ist schon recht viel erwaehnenswertes passiert. Das Problem jedoch ist, dass es hier ueberhaupt nicht mehr so einfach ist, an Internet zu kommen. Ich sitze hier gerade im Postzentrum; es gibt hier 5 PCs fuer verhaeltnismaessig viel Geld, die in der letzten halben Stunde komplett abgestuerzt sind. Diesen Bericht schreibe ich gerade in eine mail hinein (das seht ihr auf der Homepage natuerlich nicht), in der Hoffnung, dass mir das Vieh nicht abstuerzt und meine folgenden 1237 Seiten verloren gehen. Na toi toi toi.
Am Freitag vor unserer Abreise haben wir nochmal unsere Lehrer Ljudmila und Igor zum Essen eingeladen in ein Restaurant, das sich "Salziger Hund" nennt. Ich war sehr gespannt auf das Essen aber es war kein Hund. Schade. War trotzdem lecker. Als Ljudmila ging haben wir mit Igor viel Wodka getrunken. Das war sehr lustig. So lustig, dass er uns am Tag darauf auf seine Datscha eingeladen hat. Eine Datscha ist so eine Art Landhaus; die meisten Russen haben so eine, um mal aus der Stadt rauszukommen. Das sind so holzhaeuser mit externen Klos und kleinen Gaerten, so sie ihr Gemuese anbauen. Man faehrt also raus in so kleine Siedlungen mitten in der Pampa. Seine Schwiegereltern wollten das erste mal nach dem Winter wieder hin und da dachte sich Igor, er nimmt un mit, weil Deduschka ("Opa") ja jahrelang russischer Spion in Deutschland war und sich bestimmt freuen wuerde, wenn er mal wieder deutsch reden koennte. Das hat er. Er hat zwar lange gekramt, aber er brachte schon mal den einen oder anderen Satz zustande. Sonst mussten wir russisch reden. Das ging dann auch. Hinzu kam noch ein nettes, unschuldiges Laecheln fuer Babuschka ("Oma") und eine Flasche Wodka fuer Deduschka und sie haben uns in ihr Herz geschlossen und uns mit viel Pelmini gefuettert. Das war sehr nett bei den beiden. Igor hatte auch seinen Spass mit uns. Er rekrutierte uns dann zur Gartenarbeit bis Babuschka ihn in grosser Verlegenheit bat, uns aus dem Beet zu ziehen, denn schliesslich seien wir ja Gaeste. Das hat er dann auch, aber erst nachdem Lasse die Grosse Duschwanne umkippen sollte, weil Deduschka das ja nicht mehr kann. Zwischendurch waren wir im doerflichen Tante-Emma-Laden ein paar Sachen einkaufen. Die Eier gabs aber frisch von der einen Nachbarin und das Wasser musste dann auch noch geholt werde. ja, aber woher nur? Diese kleinen Haeuschen, die ich anfaenglich fuer geradezu luxurioese Hundehaeuschen hielt (was ja quatsch ist, denn Hundefanatismus ist ja eher eine deutsche als eine russische Eigenschaft), waren brunnen, als denen einerweise Wasser geholt werden musste. Witzige Erfahrung, ehrlich. Als Igor und Lasse dann beim Nachbarn Eier holen waren und gerade zurueck zum Auto wollten, entdeckten sie eine Oma im Graben, blutend und schlafend. Wir dachten zuerst sie sei tot, aber wir erfuhren spaeter, sie laege im graben, weil ihr Mann vor 40 Tagen gestorben war und sie seither nur Wodka getrunken hatte, nichts anderes. Nun schlief sie also. Ihr Auge blutete; offenbar ist sie irgendwo gegengekommen. Nun versuchte also die gesamte Nachbarschaft die Frau hochzustemmen und sie nach hause zu bringen bis Lasse, gross und stark, die Leute zur Seite schon und im Erste-Hilfe-Griff die Frau ins Haus trug. Igor erzaehlte dies Babuschka und Deduschka mehrmals und ich glaube das ist jetzt das Hauptgespraechsthema im Dorf. Alle waren fasziniert von der Kraft und der Technik (na, vielleicht wird Lasse jetzt ein Denkmal in der Siedlung errichtet, sowas macht man gern hier in Russland)
Also, dann wir haben die Metropole Moskau verlassen, um die Weiten Russlands kennenzulernen. Frohen Mutes stiegen wir am letzten Aprilsonntag in die Bahn (ich weiss nicht, welches Datum, ich verliere hier meinen gedanklichen Kalender und meine hr, auf der das Datum drausteht ist ausch schrott). Uns wurde gesagt, wir duerften auf gar keinen Fall "Platzkart" (ja, das ist ein russisches Wort) - Plaetze nehmen, sondern so Kabinen, damit die Sachen nicht geklaut werden, das taten wir. Mit uns im Abteil war ein Ehepaar, das sich vorgenommen hatte, uns russisch beizubringen "ich verstehe nicht" war kein ausreichender Grund, ihre Vortraege einzustellen. Aber sie waren nett. Ich habe allerdings in der Tat russisch geredet, zwar aeusserst gebrochen, doch immerhin. Ein etwa 40 bis 50jaeriger mit sehr starker Wodkafahne wollte mir naemlich anhand meines Koerpers zeigen, wo mein Herz ist. Mit grossem Interesse lauschte ich dem russischen Wort fuer Herz und wiederholte es brav, bevor ich mich nach hinten wandt und ihm sagte "ach, und das ist uebrigens mein Freund Lasse, er lernt auch russisch" Hach, da war der mann ganz entzueckt. Was habe Lasse doch fuer eine wunderbare Freundin, die solle er sich blos halten und viele Kinder machen. Das war doch ein ganz netter Mann :-)))
Das andere merkwuerdige war, als der Zug losfuhr, spielten sie erstmal im Zug Marschmusik, bis Moskau hinter uns lag. Damit kamen Lasse und ich ja gar nicht klar und die Russen lachten ueber unsere Verwunderung. Das sei soch bitte das normalste der Welt.
Die Bahnfahrt war sehr lustig. Lasse kam in das Abteil und zog mich von der Pritsch runter, weil er mir unbedingt was zeigen musste. Ich dachte, na was kann das sein, immerhin fuhren wir ja sozusagen an allem vorbei und da wuerde ich sicher nicht mehr das aus dem Fenster sehen, was er kurz zuvor beobachtete. Nein, das Objekt seiner begeisterung war keineswegs ausserhalb des Zuges. Durch einen Tuerschlitz konnten wir bei unseren nachbarn auf die Pritsche gucken udn was sahen wir: Ein kleines Kind, schlafend, mit Kopf auf dem Kissen aber mit dem Heck noch immer in der Hocke. Poschi hing also gross in der Luft. Sowas goldiges. Ja, ihr lieben, da bin sogar ich weich geworden. Wir konnten unsere Blicke von dem Ding kaum abwenden. Spaeter schloss ich Freundschaft mit dem etwa 3jaehrigen maedchen. Sie hiess Alicia. Kleine Kinder, bzw nur kleine Maedchen glaub ich, werden gelegentlich Knopka genannt, also Knopf - jetzt versteh ich warum. Ganz klein war sie und absolut begeistert von der Fahrt.
In Wolgograd
angekommen haben wir unsere Wohnung bekommen, die sehr sehr schoen ist. Ein
Zimmer, Kueche und Bad in einem sogenannten
Cruschtschow-Haus, also, naja, Neubau. Sobald toiletten nicht mehr 2 Raeume
(also ein bad und ein Klo) sind, sondern eines, und die Decken neidriger haengen,
spricht man von einem Chruschtschow-Bau. Bei uns wuerde man vor allem Plattenbauten
als Chruschtschow-bauten bezeichnen, aber hier sind die beiden eben genannten
elemente die wesentlichen Merkmale. Stalin-haeuser sind eher der aeltere Stil.
So und Wolgograd?
Die Stadt hat es in sich: Sie besteht im Grunde nur aus einer etwa 100 km
langen Strasse mit vielen Nebenstrassen. Ok, an der
breitesten Stelle, dem Zentrum, ist die Stadt schon 10 km breit und hat deswegen
auch noch 2 Parallelstrassen zum "Prospekt Lenina" (Also, die
Lenin-Allee). die Stadt verlaeuft also direkt entlang des Flusses, der Wolga.
Unglaublich schoen, ehrlich, haett ich nicht gedacht. Allerdings ein
einziges Denkmal, die ganze Stadt. Ueberall sind Lenins, Stauen, Buesten,
Bilder, Plakate, Soldaten, Generaele, Monumente. Wenige km von unserer
Wohnung am Lenin-Platz (wo eine mehere Meter hohe lenin-Statue steht) ist
die Rodina Mat - also Mutter Russland. Das Ding ist - das muss man sich mal
vorstellen - 85 m hoch. Eine riesige Frau, die sich nach hinten drecht und
ein Schwert hochhaelt. Auf einem Huegel, es ist unglaublich. Die groesste
Statue in Europa, aber ich habe nie von ihr gehoert. Wirklcih unglaublich.
Jedes Jahr am 9. Mai, also dem Tag des Sieges, kommen die Veteranen und legen
dort Kraenze nieder. da bleibt kein Auge trocken. Nein, diese Stadt ist wirklich
verrueckt. Ueberhaeuft von Erinnerungen an den 2. Weltkrieg.
Wolgograd war komplett dem Erdboden gleichgemacht, aber sie haben sich bemueht,
die Innenstadt getreu dem Original wieder nachzubauen. Nur eben mit den Nationalhelden.
Ich meine, ohne Ende Interessant, blos schwer fuer mich, erhobenen Hauptes
durch die Strassen zu gehen. Hier wehen sehr viele rote fahnen und ansonsten
ist die Stadt sehr sehr gruen. Nicht von Natur aus; wir befinden usn hier
auf trockenem, subtropischen Gebiet, aber durch Menschenhand sehr serh gruen
gemacht. Viele Wassermelonen soll es hier geben, aber die kommen wohl erst
im juli.
Darueber hinaus
sind die Menschen hier wesentlich aufgeschlossener als in Moskau. Ich meine,
die Auslaender hier kann man wohl an zwei Haenden
abzaehlen, deswegen freuen sie sich, sich mit einem auszutauschen. Am ersten
tag sind wir hier schon mit mehr Russen in Kontakt gekommen als im ganzen
Monat in moskau.
Die anderen Lehrer der Schule Language Link sind auch sehr nett. Mit einem von ihnen verbringen wir den Hauptteil unserer Zeit. Er heisst Andrew und kommt aus Englad. Wir haben sehr viel Spass mit ihm und darueber hinaus hilft er uns auch sehr viel in Bezug auf Tips und Tricks wie man hier zu was kommt.
nun zu den eigenheiten oder soll ich lieber sagen - zu den Eigenartigkeiten? Das ist keineswegs ueberheblich oder diskriminierend gemeint, es ist nur so, dass es hier einiges gibt, das ich verstehen lernen muss: Striptease sind hier das normalste der Welt; wann immer man eine Bar betritt, darf man sich nicht erschrecken; es ist keine schmuddelbar. Die Russen, vor allem die weiblichen Geschlechts, entledigen sich einfach sehr gern ihrer Kleidung und finden nichts anstoessiges daran. Wird die Party langweilig - zack, zieht eine sich aus uns tanzt, dann gibts wieder ein bisschen action. Mehr nicht. Kein problem. Ebenso normal scheint es, sich nach einer reichlich mit Essen und Trinken versorgten Party Prostituierte zu holen. Ich pflege mir nach dem Essen ein bisschen Schoki zu holen; bei vielen hier scheint das andere jedoch netter, na, vielleicht verdaulicher zu sein. Also, das habe ich live noch nicht gesehen; vielleicht schnacken die hier auch nur, aber ich muss schon sagen; fuer ein voelkchen, das mich am liebsten erschlagen wuede, wenn ich die Vermutung aeussere, der sei vielleicht Galuboij (= hellblau = schwul/ rosawij = rosa = lesbisch) ist das schon sehr offenherzig.
Nun, wie auch
immer; ich will zum Ende kommen. Wir haben hier also den 1. Mai erlebt, den
tag der Arbeit, den 5. mai, Ostern und den 9. mai, Tag des Sieges, ueber den
ich doch lieber naechstes mal erzaehlen werde, denn so langsam verliere ich
meine konzentration, und es war alles sehr spannend und interessant. Wir haben
Volksfeste kennengelernt mit viel Schaschlik und vielfaeltigen Volkstaenzen
und ich freue mich sehr auf die Fotos.
Ok, meine
Lieben, wie gesagt: Mehr das naechste mal. bitte seid nicht traurig, wenn
ich mich allzu viele mails schreiben kann; wie gesagt, es
gestaltet sich hier eher schwierig. Aber ich denke nach wie vor ganz viel
an euch und freue mich, von euch zu hoeren!
Liebe Gruesse aus Wolgograd!
Caroline