Schreibabies
und Schreikinder
Als
ehemals betroffene Mutter eines Schreibabies habe ich mich dazu
entschlossen, mit meiner ganz persönlichen Krise, die aber
dennoch so typisch ist für alle betroffenen Mütter, an die
Öffentlichkeit zu gehen.
In der Situation, in der ich mich vor 2 Jahren befand, fühlte ich mich völlig allein, und in den üblichen Babyratgebern konnte ich keine wirkliche Hilfe finden. Zwar war dort natürlich das Thema Schreibaby durchaus bekannt. Als Leser wird man aber mit den üblichen Tips und Vermutungen warum und wieso das Kind schreit, und was dagegen zu tun sein, abgespeist. Von Ratschlägen wie "Das Kind mit rhythmischen Schaukelbewegungen zu tragen" oder "nur vollgestillte Kinder sind zufriedene Kinder" fühlte ich mich auf den Arm genommen. Und die Belastung für die Partnerschaft wird, wenn überhaupt, nur am Rande gestreift.
Nach einer langen Odyssee fand ich schließlich in Nürnberg eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Schreibabies. Hier wurde zum ersten Mal gefragt, wie es mir mit der Situation geht.
Die Zeit verging, und mit meinem ehemaligen Schreibaby wurde es auch leichter. Ich wurde mir wieder des ganzen Ausmaßes der Belastung bewußt, als mein zweiter Sohn mich während eines Entwicklungsschubes wieder spüren ließ, was ich bis dahin einfach verdrängt hatte. Zu diesem Zeitpunkt entschloß ich mich, dieses Thema nicht auch an den Rand zu schieben. Ich faßte den Entschluß ein etwas anderes Buch über dieses Thema zu schreiben.
Ich möchte mit diesem Buch nicht noch einen weiteren "Ratgeber" auf den Markt werfen. Vielmehr geht es mir darum, die Problematik der ganzen Familie in dieser schwierigen Situation zu erfassen, und ausnahmsweise einmal nicht das Baby in den Mittelpunkt zu stellen.
Umfrage betroffener Eltern
Aus persönlichem Interesse, und um eine möglichst objektive Übersicht über das ganze Ausmaß der schwierigen Situation der jungen Familien zu bekommen, begann ich - nachdem ich eine grobe Rohfassung meines Buches fertiggestellt hatte - mit einer Befragung von betroffenen Familien. Anhand eines 10-seitigen Fragebogens interviewte ich 20 Mütter. Bei allen Frauen stieß ich auf großes Interesse an diesem Thema, interessanterweise auch bei den Müttern, deren Kinder heute bereits 10 Jahre und älter sind. Daran ist zu erkennen, daß das Thema Schreibaby die Familiensituation, vor allem die Mutter-Kind Beziehung auf Jahre hinaus prägt.
Dies bedeutet aber gleichzeitig, daß die schwierige Phase nicht nach 4, 6 oder nach 12 Monaten tatsächlich vorbei ist, wie manche Ratgeber glauben machen möchten. Durch meine Befragungen kristallisierten sich Zusammenhänge und Parallelen heraus, an die ich bis dahin nicht gedacht hatte. Viele meiner Erlebnisse wertete ich als rein persönliche Erfahrungen, bis ich feststellen konnte, daß diese Erlebnisse oder Gefühle bei beinahe allen Müttern eintraten.
Ich gliederte meine Befragung in drei Teilbereiche: die Persönlichkeit der Mutter vor, während, und nach der Schwangerschaft; das Baby; und die Wechselwirkung zwischen Mutter und Kind.
Während die Frauen vor ihrem Wunschkind (!) ihrem Beruf nach gingen, und auch großen Spaß an ihrer Arbeit hatten, wurde ihre Persönlichkeit nach der Geburt vollkommen von ihrem Kind absorbiert. Ohne es zunächst zu realisieren, wurden alle betroffenen Mütter im Laufe weniger Wochen von ihrem Kind vollkommen gefangengenommen. Während die Mutter eines eher ruhigen Kindes in den Ruhephasen, die durchaus 2-3 Stunden dauern können, in Ruhe essen, duschen, oder sich ausruhen kann, stehen die Mütter von Schreibabies unter Dauerstreß.
Selbst wenn das Baby einmal schläft - was üblicherweise nicht länger als ½ Std. am Stück ist - hören sie es schreien. An Ausruhen ist nicht zu denken, wenn das Baby nach 10 Minuten wieder hochschreckt, und losschreit. Um es einmal stark übertrieben auszudrücken: nach einiger Zeit haben Mütter von Schreibabies einen Verfolgungswahn von schreienden Babies. Sie zucken beim kleinsten Meckern ihres Kindes zusammen, und reagieren auf harmlose Situationen sehr stark. Sie geraten innerlich regelrecht in Panik, bekommen Schweißausbrüche, und sind immer in Hab-acht-Stellung. Die Mütter stehen unter einem enormen Druck, der von außen auf sie einwirkt - und den sie sich innerlich machen.
Reaktionen der Mutter
Die betroffenen Mütter sind an der Grenze ihrer psychischen und körperlichen Leistungsfähigkeit, 24 Stunden täglich. Obwohl sie wissen, daß sie wirklich alles für ihr Kind tun, schmerzt es dennoch sehr, wenn eine außenstehende Person direkt oder indirekt Kritik übt. Obwohl man noch nie in seinem Leben so gearbeitet hat, gibt es dennoch für diese Leistung nicht die geringste Anerkennung.
Im Laufe der Monate mit einem Schreibaby schleichen sich dann auch noch Gefühle wie Aggression, Wut, Frust, bis hin zur Depression ein. Jede Mutter wird solche Gefühle von sich kennen, und man kann sie im ersten Moment auch akzeptieren, und verstehen. In ihrem ganz persönlichen Mutterbild haben diese Gefühle bei den Frauen aber keinen Platz. Sie versuchen diese Gefühle zu verdrängen, und bemühen sich um Geduld, Gelassenheit und um liebevolle Zuwendung zu ihrem Kind, das sie eigentlich am liebsten aus dem Fenster werfen würden. Obwohl sie der Verzweiflung nahe sind, und sie ihren Emotionen am liebsten laut schreiend Luft machen würden, beißen sie die Zähne zusammen, und tragen ihr Kind die 238 Nacht durch die Wohnung, und lassen es stundenlang an ihrer Brust nuckeln.
Dieses Verhalten wird in allen Babyratgebern, und Zeitschriften unterstützt. Die Eltern werden damit getröstet, daß es mit spätestens 12 Monaten vorbei sei. Und das ihr Kind ein Recht auf diese Zuwendung habe.
Ich möchte die Ansätze dieser modernen Erziehung keinesfalls angreifen, und erst recht möchte ich nicht zu den Erziehungsmethoden der früheren Generationen zurückkehren. Jedes Kind hat das Recht auf Zuwendung, Aufmerksamkeit, und die Erfüllung seiner Bedürfnisse. Es gibt aber kein ungeschriebenes Gesetz, das besagt, daß Eltern bis zur Aufgabe ihrer Persönlichkeit für ihr Kind zu Verfügung stehen müssen.
Im Verhältnis zu ihrem Schreibaby sind die Mütter nach einigen Monaten so unsicher, daß sie nicht mehr wissen, was objektiv betrachtet noch normal ist. Irgendwann fügen sie sich der Situation, ihr Kind dauerzustillen, es jede Nacht durch die Wohnung zu tragen, oder es stundenlang im Tragetuch zu schleppen - weil man heute weiß, daß dies das Optimale für Kinder ist.
Diese Anregungen mögen auf Kinder mit normalen Ansprüchen zutreffen. Ein Baby, das von Anfang an einen 3-Stunden-Rhythmus hatte, wird seine Mutter nicht in die Zwangslage bringen, es stundenlang an der Brust zu haben. Ein Baby, das tagsüber Nickerchen von 1-2 Stunden hält, muß nicht dauernd getragen werden.
Mit einem Schreibaby sollten die Erziehungsziele neu definiert werden. Mit einem Schreibaby ist es nicht tragbar, ausschließlich nach Bedarf zu stillen. Es bedeutet nicht zwangläufig einen Eingriff in die persönliche Entfaltung des Kindes, wenn ihm ein 3 Stunden Rhythmus vorgegeben wird. Die durchaus positiven Ansätze der heutigen Kindererziehung - an der wir alle uns mehr oder weniger bewußt orientieren - können zu leicht zu einem Bumerang werden. Nur leider wird einem das nicht gesagt.
Und so kämpfen sich tagtäglich Mütter mit ihren Schreibabies durch den Tag, ohne dabei auf ihre eigenen wichtigsten Bedürfnisse zu achten: auf genügend Ruhe, auf ihre eigenen Gefühle, auf Hunger, oder auf den Luxus, einmal einige Seiten in einem guten Buch zu lesen.
Was tun ?
Die folgende Auflistung klingt im Angesicht eines brüllenden Säuglings wie blanker Hohn. Hätte ich die Patentlösung zur Beruhigung von Schreibabies, wäre ich sehr glücklich. Ich kann nur wiedergeben, was ich mir selbst erarbeitet habe, und was mir von befragten Müttern mitgegeben wurde. Das Problem Schreibaby definiert sich also nicht so sehr in der Frage: Wie stelle ich mein Kind ruhig? Sondern vielmehr bedeutet es: Was kann ich tun, damit ich nicht zusammenbreche?
Um Mißverständnissen vorzubeugen: ich möchte in keinster Weise dafür propagieren, Babies stundenlang schreien zu lassen, oder sie mit Gewalt zum ruhigsein zu zwingen. Ein Schreibaby braucht die Zuwendung und Zärtlichkeit seiner Eltern. Aber das Gleichgewicht zwischen Eltern und Kind sollte möglichst ausgewogen sein. Mütter, die unter Dauerstreß mit ihrem Kind stehen, müssen ihre Emotionen irgendwo abreagieren können.
Wenn eine verzweifelte Mutter versucht, sich bei Bekannten oder Familie Luft zu machen, erntet sie leider häufig Unverständnis und Zurechtweisung. Welcher Ehemann, welche Nachbarin, welche Schwiegermutter glaubt tatsächlich, das Recht zu haben, hier zu urteilen? Statt die Mütter nach Kräften zu unterstützen, ihnen zumindest verbal Kraft zu geben, sie nicht allein zu lassen, werden die Mütter hier von außen mit dem konfrontiert, was sie ohnehin schon selbst denken:
Daß sie Versager sind, daß sie einfach zu dumm sind, um mit ihrem Baby klarzukommen, daß sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle haben, und zu unreif sind. Da dieses Verhalten der Gesellschaft leider an der Tagesordnung ist, ist es meiner Meinung nach von äußerster Wichtigkeit, hier vor allem den betroffenen Frauen den Mut zu geben, sich zu wehren. Ihnen zu zeigen, was sie tagtäglich leisten, und daß sie nicht klein, dumm und schwach sind, sondern im Gegenteil ihre Stärke tagtäglich aufs Neue beweisen.
Jede einzelne meiner Befragungen hat mir wieder neuen Mut gegeben, und hat mich entgültig davon überzeugt, daß es absolut notwendig ist, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen. Die betroffenen Frauen sind nur eine Gruppe der Außenseiter, zu denen unsere Gesellschaft jeden stempelt, der nicht "topfit" und "motiviert" ist. Die Erfahrungen, von denen die Mütter berichteten, lesen sich zum Teil wie ein schlechter Witz:
Da konnte z.B. eine 37jährige Mutter erzählen,
daß ihr Schreibaby mit ihrem Alter in Verbindung gebracht
wurde.
Eine 20jährige Mutter wiederum erzählte, daß
sie offensichtlich nach Meinung ihrer Umwelt zu jung sei, um mit
ihrem Baby zurechtzukommen.
Da gibt es Ehemänner, die versuchen, ihrer Frau
ihre eigene Mutter als Vorbild aufzuzeigen, die ja schließlich
mit 6 Kindern klargekommen sei.
Da haben die schreienden Kinder Hunger, volle Windeln,
und die Mütter sind offensichtlich zu dumm dies zu bemerken.
Leider kann ich keiner verzweifelten Mutter den ultimativen Ratschlag geben, der ihr in ihrer ganz persönlichen Situation weiterhelfen würde. Ich hoffe aber, mit meinem Buch, in dem ich meine eigenen und die Erfahrungen einiger anderer Frauen zusammenfasse, einen Mutmacher für Betroffene oder ehemals Betroffene zu schreiben. So konnte ich für mich selbst feststellen, daß es mir viel Kraft gab, mich mit gleichfalls betroffenen Eltern auszutauschen, statt verzweifelt in Babyratgebern nach Rezepten zu suchen.
Nachdem ich nun meine Fragebogenaktion abgeschlossen habe, arbeite ich derzeit an dieser Auswertung, und an der Rohfassung meines Manuskriptes. Im Anschluß daran werde ich mit Fachpersonen - z.B. Gynäkologen, Psychotherapeuten, Kinderpsychologen, Kinderärzten, alternativen Medizinern, Hebammen, Forschern auf dem Gebiet der Regulationsstörung bei Babies kontaktieren, da ich mit diesen Personen über einige medizinische Details Rücksprache halten möchte.
Seit ich dieses Thema im Internet veröffentlicht habe, haben sich immer wieder Eltern bei mir gemeldet, die mir ihre verzweifelte Situation mit ihrem Baby schilderten. Ich freue mich sehr, über die Offenheit und den Mut dieser Eltern, sich an eine ihnen fremden Person zu wenden. Ich bin gerne bereit, betroffenen Eltern anhand meiner eigenen Erfahrungen weiterzuhelfen. Ich habe auch eine kleine Auswahl von Kontakten oder Adressen/Anlaufstellen, die ich Interessierten gern weitergeben kann.
Ich hoffe, mein Buch in den nächsten 3-6 Monaten fertigstellen zu können. Da ich derzeit hauptberuflich Mutter von zwei Kleinkindern bin, geht meine Arbeit manchmal nicht so rasch voran, wie ich es mir wünschen würde.
Die Zusammenarbeit mit Eltern von Schreibabies macht mir sehr viel Spaß, da es mich immer wieder tief beeindruckt, zu sehen, zu welchen Leistungen Eltern fähig sind. So zermürbend und kräftezehrend gerade das erste Jahr mit einem schreienden Baby ist, bedeutet diese Erfahrung aber dennoch eine Chance, sich selbst auf eine Weise zu erfahren, die uns sonst nicht möglich gewesen wäre. Wir spüren unsere eigenen Grenzen, und sehen, daß wir darüber hinaus wachsen können.
Ich wünsche allen Eltern von derzeitigen Schreibabies ruhige Nächte, und vor allem gute Nerven.
Ich würde mich über Kontakte zu Journalisten freuen, die sich im Rahmen einer Zeitschrift oder Zeitung für dieses Thema interessieren. Außerdem bin ich auch noch auf der Suche nach einem Verlag, der Interesse an diesem Thema, bzw. an meinem Buch hat.
E-Mail:
mim.thoene@gmx.net
Wenn
sie viele nützliche Informationen über das Thema Kinder und
Familie wollen, schauen Sie auch mal im Kidnet
vorbei !
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