Ganz anders geartet als die Siebte ist die Achte, op. 88, in G-Dur. Dvorak schrieb sie als Dank für die Erlangung der Ehrendoktorwürde der Universität in Cambridge, was der Sinfonie auch den Beinamen »Englische Sinfonie« eintrug.
Der ansonsten hervorragende Wilhelm Zentner hat mich als Jugendlicher mit seiner Kritik erstaunt, als er dem Inhalt nach schrieb, dass die »Achte« die Form der Sinfonie verlasse und mehr der sinfonischen Dichtung zuzuordnen sei. Sie sei nicht so sehr bekannt geworden und habe einen imporvisatorischen Charakter. Noch unpassender, ja sogar völlig unsachlich erscheint mir heute immer noch die Kritk George Bernard Shaws, die Sinfonie eigne sich vorzüglich für sommerlich ländliche Feste. Leider bleiben hier wie auch im Zusammenhang mit so manchem Werk Mendelssohns Shaws Betrachtungen äusserst marginal und - bei aller grössten Wertschätzung dieses genialen Spötters: als Musikkritiker wäre mehr Tiefe und weniger Voreingenommenheit wünschenswert gewesen.
Tatsächlich weicht die Achte von der Formvollendung der Siebten ab. Der erste Satz ist wieder ein slawisches Naturbild und ganz in einen sehr leicht erkennbares Sonatenschema eingebunden. Ein schöner sonnendurchfluteter Satz, mit einer harmonisch sehr kühnen Überleitung in die Reprise. Ob der zweite Satz nun tatsächlich »der Beste« ist, wie sich Wilhelm Zentner ausdrückt, möchte ich nicht diskutieren. Es ist jedenfalls wieder einer der originellsten und schönsten langsamen Sätze mit einem steten Schwanken zwischen Dur und Moll, besonders innerhalb des von den Klarinetten getragenen zweiten Teils des Hauptthemas. Der Mittelteil ist bewegter und schärfer akzentuiert. Etwas gefällig mit melodisch weiten Schwüngen kommt das Scherzo daher. Das Trio verarbeitet eine schöne Melodie, aber ohne rhythmischen Kontrast. Das bewegte, rassige Ende ist ein Vorgriff auf den kommenden Satz hin. Dieser dritte Satz ist etwas zu bekannt. Im Vergleich zu den herrlichen Mittelsätzen der beiden vorangegangenen Sinfonien wirkt er wenig spektakulär und Shaws Kritik mag an dieser Stelle durchaus angebracht sein. Der vierte Satz ist wieder äusserst merkwürdig. Dvorak schafft hier etwas Neues: die Verbindung eines Variationssatzes mit einer Sonatensatzstruktur. Der Satz beginnt mit einem kräftigen Marschthema, dass wie ein gewaltiger Ruf in die Stille hallt. Leise, ganz leise ist dann das Variationsthema zu hören. Die erste Variation ist schon bewegter, bevor sich dann - wie es kommen muss - dieses Thema als krachender Tanz entpuppt und den Hörer von den Sitzen reisst. Im Mittelteil hat Dvorak eine weitere, weichere Variation untergebracht, bevor sich der Tanz erneut die Bahn bricht und in die »Durchführung« überleitet. Diese wird von einem sehr prägnanten slawischen Marschthema beherrscht, das konstvoll, aber nicht geschwätzig durchgeführt wird und in das marschartige Thema der Einleitung übergeht und damit die Reprise erreicht. Diese »Reprise« beherrscht ganz allein das Variationsthema, aber jetzt als Orchestervariation im Sinne eines Glinka oder Borodin. Die Coda - geradezu zwingend - ist natürlich wieder der krachende Tanz, der das ganze Werk einem wirbelnden Ende zuführt.
Es fällt sicherlich auf, wie ausführlich hier der vierte Satz beschrieben wurde. Damit soll abermals nicht etwa ausgedrückt werden, dass auf ihm das Schwergewicht liegt, sondern es soll vielmehr deutlich werden, wie sehr sich der Meister bei diesem Satz Gedanken gemacht hat. Auf den ersten Blick mag es gerade dieser Satz sein, der wie eine Improviation wirkt. Er ist es aber ganz und gar nicht. Dvorak probiert hier etwas ganz Neues aus, drei Formen unter einem Dach zu vereinen. Es mag sein, dass sich einige Hörer daran stören, dass die Musik an einigen Stellen (vor allem beim Einsatz des krachenden Tanzes) zu vorhersagbar erscheint. Manch andere vermeinen zu »viel Effekte« zu hören: eine Einstellung, die Dvorak aber völlig abgeht. In diesem Punkte folgt er Smetana ohne Wenn und Aber: Ehrlichkeit in der Musik ist das höchste Gebot.
Dennoch: die Achte übertrifft die Siebte nicht, ist aber viel bekannter, was man ihr sehr gönnen darf. Wie die Sechste auch, ist sie ein Werk des Glücks, allerdings harmonisch deutlich experimenteller. Wenn sie dennoch einigen Hörern etwas blasser erscheint, so liegt dies vielleicht an den Mittelsätzen, besonders dem dritten. Der zweite gehört ganz sicherlich in eine Reihe mit den langsamen Sätzen seiner Vorgänger. Aber der dritte ist meiner Ansicht nach den Scherzi der Vorgänger nicht ebenbürtig. Die Ecksätze sind allerdings durchaus prägnanter und leichter in der Form zu durchschauen als die Ecksätze der Sechsten.