Dvoraks Siebte, op. 70, in d-moll ist - ungeachtet seiner grossartigen Neunten - mindestens mit dieser zusammen als sein Meisterwerk zu betrachten. Man hat oft festgestellt, dass er wohl in dieser Sinfonie zu sehr Brahms Wünschen gefolgt sei, und gerade in diesem Werk die nationalen Elemente sehr zurücktreten. Ich konnte diesem Einwand nie viel abgewinnen. Es sind Marginalien, die mit der reinen Qualität eines Werkes gar nichts zu tun haben. Wer hier zu wenig »Eigenständigkeit« spürt, hat sich mit dem Werk nicht wirklich auseinandergesetzt und ausserdem ganz im Sinne Leonhard Bernsteins: »Ein guter Komponist klaut etwas Gutes.«
Aber Dvorak klaut nichts, sondern hat sich während dieser Komposition auf das Intensivste - lediglich mit Beethoven auseinandergesetzt. Dieses ist ganz besonders im ersten Satz zu erkennen, dem vielleicht besten Sonatensatz Dvoraks. Den Satz trägt ein sehr düsteres »Schicksalsmotiv«, das um den Grundton kreiselt und das später im »Wassermann« in ganz ähnlicher Form eingesetzt wird. Am Schluss gibt es eine derart gewaltige dramatische Steigerung, wie sie eigentlich nur bei Beethoven bekannt ist. Der zweite Satz scheint den lyrisch bezwingenden zweiten Satz der Sechsten übertreffen zu wollen. So einen Satz kann nur Dvorak schreiben. Wer vermag hier allen Ernstes Brahms zu erkennen? Dvorak äusserte sich in einem Brief an Simrock in einer sehr glücklichen Stimmung und Freude darüber, dass ihm ein so herrlicher Satz gelinge. Das Scherzo ist ein weiterer Höhepunkt in Dvoraks sinfonischem Schaffen: ein formvollendetes, sehr pikantes und mit Recht auch berühmtes Stück Musik, sehr slawischen Einschlags. Der vierte Satz ist der merkwürdigste in Dvoraks sinfonischem Schaffen: ein schrilles Thema von beissendem Spott lässt dem Hörer eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Dergleichen hat man in den Sinfonien Dvoraks noch nicht gehört, wird es aber noch in den sinfonischen Dichtungen des Kytice Zyklusses. Das »triumphale« Seitenthema, das wieder beethovensche Nähe spüren lässt, hat der Sinfonie auch den Namen »Triumphale Sinfonie« gegeben. Unter dieser Bezeichnung liess sich das Werk gut vermarkten, aber der Begriff ist nicht besonders glücklich gewählt: er täuscht vor, dass der letzte Satz der eigentlich wichtige sei, was aber nicht der Fall ist. Dvorak folgte hier Bruckner nicht, sondern - wie gesagt - Beethoven. Die Coda zählt zu den dramatischsten unter den abendländischen Sinfonien.
Ich habe hier bewusst mit Superlativen nicht gespart. Dvorak äusserte nach seiner Fertigstellung, dass das Werk womöglich länger brauchen werde, um von dem Publikum in seinem ganzen Wert erkannt zu werden. England begriff es sofort. Er selbst war mit diesem genialen Wurf sehr zufrieden: in einem humorigen Brief an Simrock äusserte er »dass in unserer Familie wieder ein neues Opus (ein Bube) mehr ist! Also sehen Sie, eine neue Sinfonie und ein Bube dazu. Was sagen Sie zu dieser Schöpferkraft?«.
Man hat viel Zeit damit vergeudet, zu ergründen, was mit Dvorak wohl los gewesen sei, dass er ein solch »düsteres« Werk komponiert habe: und gab sich sinnlosen Spekulationen hin, die mit dem Rang des Werkes nichts zu tun haben. Natürlich wollte Dvorak eine wirklich »gute« Sinfonie schreiben, die auch Brahms schätzen würde. Er ist ihm in den Ecksätzen jedoch weniger gefolgt als Beethoven. Die beiden Mittelsätze sind echtester Dvorak. Und Brahms war sehr zufrieden. Vielleicht hat er auch diesmal gedacht, was er einst als kurze sympathische Antwort einem anderen Meister schrieb: »Leider nicht von mir.«