Beethoven schrieb als Opus 21 seine erste, Dvorak ist mit seinem Opus 24 bereits bei der Nummer 5. So unterschiedlich können Entwicklungen grosser Meister sein. Diese Sinfonie in F-Dur, die Hans von Bülow gewidmet ist, zählt bereits mit Recht zu den »Grossen« Sinfonien und man hat sie - nicht nur der verwandten Tonart wegen - mit Beethovens 6. Sinfonie verglichen und sie »Pastorale« getauft. Von der Vierten trennt dieser grosse Schritt nur ein einziges Jahr. Als Dvorak sich als Sinfoniker bereits einen Namen gemacht hat, gefiel Simrock unter den »Schubladensinfonien« diese Sinfonie so sehr, dass er sie mit der irreführend hohen Opuszahl 76 als Nr. 3 herausbrachte, um der Welt vorzutäuschen, dass es sich hierbei um das neueste Werk des Meisters handle.
In dieser Sinfonie weist der langsame zweite Satz, der wie eine Ballade aus alter Zeit wirkt, einen unverkennbar Dvorakschen Stimmungsgehalt auf. Interessant ist auch, dass in dieser Sinfonie ein attaca-Übergang zum dritten Satz erfolgt, dessen Einleitung eine unmittelbare Fortsetzung des zweiten Satzes ist. Diese Einleitung führt den Hörer aber auf ein rassiges Dorffest mit einem der pfeffrigsten Tänze, die Dvorak schrieb.
Dem ersten Satz aber gebührt die Krone unter allen bisherigen Sinfoniesätzen Dvoraks: das so innig naturverbundene Klarinettenmotiv gehört zu den entwaffnendsten Eingebungen Dvoraks. Der ganze Satz ist ein Naturbild von einem so unwiderstehlichen Zauber und genialer Instrumentation, dass dieser Satz allein schon Grund genug ist, sich mit dieser Sinfonie intensiv auseinanderzusetzen.
Die obligatorische »Gewitterszene« webt Dvorak in den vierten Satz mit ein. Das düstere »Sturmthema« wendet sich doch alsbald in einen Jubel, gefolgt von zwei lyrischen Seitenmotiven, von denen das dritte eine engere Verbindung zum ersten Satz darstellt. Nach einer kunstvollen Durchführung leitet in der Reprise dieses Motiv direkt in die Coda über, wo sich wieder der Zauber des ersten Satzes entfaltet. Und nun steigert sich die Musik zu dem wohl strahlendsten Schluss aller Dvorak-Sinfonien: in einem gewaltigen Anlauf, der von dem Hauptthema des vierten Satzes dominiert wird, schmettert das hohe Blech das herrliche Hauptthema des ersten heraus und verleiht diesem hinreissenden Werk einen Schluss, der an innerem Glanz und äusserem Schwung nicht zu überbieten ist.
Mag die Fünfte auch noch ein Übergangswerk zu den grossen Sinfonien sein. Ihre Klangwelt nimmt den Hörer bei guter Wiedergabe so sehr gefangen, dass sie zu den typischsten und wichtigsten Werken des Meisters gezählt werden muss. Ihre Uraufführung fand 1879 statt, allerdings noch ohne, dass sie Simrock so richtig wahrnahm.