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- Geschichte:
- Nein, eine Naturidylle ist diese Geschichte nicht. Eine
dem materiellen Glück verfallene Frau hat ihren Mann vergiftet. Aus
seinem Grabe wächst ein Baum, in dem eine Waldtaube nistet. Die junge
Frau verliebt sich albald in einen Burschen. Es wird eine rauschende
Hochzeit gefeiert. Doch die Waldtaube erinnert durch ihr Gurren an
das scheussliche Verbrechen und treibt sie in rasende Verzweiflung
die schliesslich mit dem Freitod endet.
- Musik:
- Das Werk ist ein grosser Marcia Funebre in Rondoform. Anders
als das im Grunde lebensfrohe »Goldene Spinnrad« fühlt man sich
hier - die Hochzeitszene ausgenommen - an keiner Stelle des Werkes
»wohl«. Wunderbar gemacht, aber in seiner ganzen Wirkung unheimlich.
Gustav MAHLER schätzte es sehr. Janacek leitete die Uraufführung,
Mahler dirigierte die Wiener Erstaufführung. Von Dvorak wurde es klar
in sieben Abschnitte geteilt. Mir liegen die genauen Unterteilungen
nicht vor, und daher komme ich auch nur auf sechs, die aber klar erkennbar
sind:
- Das Werk beginnt, darin dem »Wassermann« ähnlich, mit einem Beharren
auf dem Grundton. Bedrohliche Bässe und dumpfe Paunkenschläge umreissen
die rhythmische Struktur des Hauptthemas. Dieses ist ein langsamer,
sehr düsterer Trauermarsch in c-moll:
Das schlechte Gewissen. Alle Noten sind mit Ausnahme von
(punktierte Viertel) und nachfolgendem
(Achtelnote) als Viertel
aufzufassen. In seiner Fortsetzung wendet sich das Motiv wie ein durchdringender
Lichtschein nach C-Dur. Es ist so, als würde die Musik sagen wollen:
»Es ist ja alles nicht so schlimm.« Doch das schlechte Gesissen
kehrt wieder. Eine klagende Weise setzt ein und das Vorbeischwirren
der Taube vermag man deutlich zu hören. Dann erhebt sich das schlechte
Gewissen zum Forte und ebbt auf seinem Höhepunkt plötzlich ab.
- Aus der ferne klingt das naive, fröhliche Pfeifen eines jungen Burschen
daher. Die Frau kämpft mit ihrem immer wieder aufsteigenden schlechten
Gewissen. Doch das Orchester hilft ihr dabei, die düsteren Gedanken
beiseite zu stossen.
- Übermütig wird Hochzeit gefeiert. Dvorak schreibt hier einen sehr
originellen tschechischen Tanz im 3/4 Takt in der Form eines Trios
mit sehr farbigen engen Tonschritten. Der Tanz geht im Trio in einen
Liebeswalzer über, der sich ebenfalls zu voller Lautstärke steigert.
Anschliessend setzt wieder der Tanz ein.
- Die ruhige Fortsetzung wirkt wiederum wie eine Vertonung von Text,
der »Und so lebten sie fort, bis in die Ewigkeit.« lauten könnte.
Aber nein ...
- ... Leise ist das Gurren der Taube zu vernehmen. Und da ist
es wieder: das schlechte Gewissen. die Frau versucht es zu überwinden,
aber die Taube gurrt immer unnachgiebiger und treibt die Frau schliesslich
zu ihrer Verzweiflungstat.
- Wieder die unheimliche Stille wie am Beginn. Wieder die Paukenschläge.
Wieder der Trauermarsch. Und das Gurren der Taube. Das Ganze wird
in der Weiterentwicklung von Dvorak filigran verwoben und erzeugt
eine seltsame unwirkliche Atmosphäre wie von bläulich fahlem Licht
durchdrungen. Dieser ausgedehntere Abschnitt steht der Rusalka so
nahe wie keine andere Stelle aus irgendeiner der vorangegangenen Dichtungen.
Dvoraks Musik erreicht hier impressionistische Züge. Leise verklingt
das Traumgebilde und das Gurren der Taube verklingt ... Kein
krachender Schluss wie beim »Spinnrad«. Sondern Stille. »Üb
immer treu und Redlichkeit.«
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Heiko Schroeder
2004-11-27