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Contents
- Geschichte:
- Das Märchen erinnert stark an den »Cinderella«-Stoff,
allerdings in einer grausigen Abwandlung. Die Geschichte lässt sich
in sechzehn (!) Abschnitte unterteilen (Erbens Ballade ist in sechs
unterteilt), die sehr leicht in der Musik wiederzufinden sind, und
die ich im Moment leider nur andeutungsweise wiedergeben kann, da
mit der Originaltext von Erben in einer guten Übersetzung nicht vorliegt.
- Ausritt des Königs zur Jagd in den Wald.
- An einer Hütte macht er Halt, um Wasser zu erbitten. Das schöne Mädchen
mit dem Spinnrad, Dorchen genannt, reicht ihm Wasser und setzt dann
die Arbeit am Spinnrad fort.
- Bezaubert von ihrer Schönheit, hält der König um ihre Hand an. Er
erfährt aber, dass die Stiefmutter und ihre Stiefschwester erst morgen
zurückkehren und er aus diesem Grunde noch keine Einwilligung der
Familie haben kann.
- Der König kehrt daher am nächsten Tag noch einmal zur Hütte zurück,
macht der Stiefmutter seine Liebe zu Dorchen deutlich und befiehlt
ihr, Dorchen auf die Königsburg zu bringen.
- Die Stiefmutter macht sich mit Dorchen und ihrer eigenen Tochter,
die Dorchen zum Verwechseln ähnlich sieht, auf den Weg. Als sie sich
in dem Wald befinden überfallen sie Dorchen, hacken ihr alle Gliemassen
ab und stechen ihr die Augen aus. Diese Teile nehmen sie mit auf die
Burg, den restlichen Leib lassen sie im Wald liegen. Warum sie die
Teile mit auf die Burg mehmen, ist mir bis jetzt nicht klar geworden.
Dies kann nur der Originaltext von Erben enthüllen.
- Der König fällt auf diese Täuschung hinein und rüstet zu einem Hochzeitsfest.
- Nach der siebentägigen Feier, erzählt er in einer Liebesznene seiner
vermeintlichen Frau, dass er gegen den Feind ins Feld ziehen muss.
In dieser Zeit möge sie fleissig spinnen.
- Dorchens Leib wird währenddessen von einem alten Mann im Wald aufgefunden.
Er entsendet einen jungen Burschen auf die Königsburg und gibt ihm
ein goldenes Spinnrad mit. Er soll dies gegen Dorchens Beine eintauschen.
Beim zweiten Male gibt er ihm eine goldene Spindel, für Dorchens Hände
und schliesslich beim dritten Mal eine goldene Kunkel für Dorchens
Augen.
- Bei den dreimaligen Besuchen auf der Burg ist die falsche Königin
jedesmal darauf aus, die schönen goldenen Dinge zu erhalten und gibt
die Teile Dorchens tatsächlich heraus.
- Der alte Mann verfügt über ein geheimnisvolles, heilsames Wasser,
mit dem er die Gliedmassen wieder mit Dorchens Leib verbinden und
die toten Augen wieder zum Leben erwecken kann.
- Nach siegreich beendetem Feldzug kehrt der König heim.
- Er staunt über die drei goldenen Teile und fordert seine Frau auf,
damit zu spinnen. Doch das Spinnrad vermag zu singen: in drei Strophen,
die immer wieder vom König unterbrochen werden, kommt die üble Tat
der Stiefmutter und ihrer Tochter an das Tageslicht.
- Die Mörderinnen werden von Wölfen in Stücke gerissen und das goldene
Spinnrad verschwindet.
- Der König reitet in den Wald und findet Dorchen frisch und gesund.
In grösserer Inbrunst als zuvor flammt ihre Liebe auf.
- Hochzeit auf der Burg.
- Musik:
- Wie lässt sich so etwas in ein »rundes« Werk umsetzen?
Dvorak schuf eines seiner bezwingendsten Werke überhaupt! Für mich
steht diese Leistung an der Spitze von Kytice. Es ist auch
die einzige Dichtung, die ein glückliches Ende nimmt. Aber daran liegt
das natürlich nicht: das Werk ist eine Anthologie von Dvoraks ganzem
instrumentalen Schaffen. Hier ist alles vorhanden: bezwingen lyrische
Passagen, knackige Marschabschnitte, tiefste Naturverbundenheit, rassige
Tänze und - die Bläserakkorde, die den alten Mann charakterisieren,
stehen Dvoraks geistlichem Schaffen und den einleitenden Akkorden
des zweiten Satzes der 9. Sinfonie nahe. Allerdings gab es zu Anfang
auch kritische Stimmen, auf die wir später eingehen. Zweifellos ist
- rein musikalisch betrachtet - die »Waldtaube« wohl noch besser.
Aber nicht unbedingt hinreissender. Das Werk hat die Form eines Sonatensatzes.
- Das Stück hebt leise mit den ratternden Triolen des Spinnrads an,
über der sich das reiterartige Hornmotiv des Königs aufbaut. Die Holzbläser
übernehmen diese schöne Melodie und - für Dvorak sehr typisch -
donnert das ganze Orchester nach dieser Vorstellung das Reiterthema
sehr temperamentvoll heraus. Schon dieser Anfang ist derart fesselnd,
dass der Hörer in die Märchenwelt vollständig eintaucht.
- Und dann erklingt im Englischhorn jede entwaffnende Weise, die ich
schon im Vergleich mit dem Mädchenmotiv im Wassermann gepriesen habe.
Die Holzbläser übernehmen und spinnen sie weiter. In dieser schönsten
Eingebung Dvoraks ist die Natur, Anmut und Lebensfreude gleichermassen
eingefangen, was auch die Tonart schon zeigt: A-Dur war immer für
Dvorak die Tonart des Glücks.
- Der dritte Abschnitt ist ein ausgedehntes, sehr melodisches und frisches
Liebesthema ohne jeden Hauch von Sentimentalität, das sich auf wunderbarste
Weise mit Dorchens Thema verbindet. Mit diesem Abschnitt ist sozusagen
die Exposition beendet.
- Nach einem kurzen Abschnitt, in dem der Hörer leicht ein Gespräch
erkennen kann, ertönt das Liebesthema noch ein weiteres Mal und die
leise wiegende Dorchen-Weise des Englischhorns schliesst diese »Scheinwiederholung«
der Exposition ab. Die sehr vielgestaltige »Durchführung« beginnt.
- Leise beginnen die Bässe das düstere Geschehen wie ein aufziehendes
Gewitter anzukündigen: der Plan zum Mord. Nach einem kurzen, drohenden
Motiv, das eine Moll-Verzerrung des Königsmotives ist, erklingt eine
naturverbundene Weise, die derjenigen Dorchens ebenbürtig ist. Immer
wieder unterbrochen vom drohenden Motiv, das sich schliesslich beim
drittenmal im Belch zu einem schneidenden Fortissimo erhebt.
- Die Musik leitet über zu dem umissverständlichen Klingen des ratternden
Spinnrades. Nach dem zweiten Mal singt wieder die schöne Weise, an
die sich Hörnerklang und Vorgelgesang anschliessen. Das Rattern des
Spinnrades verdichtet sich in einem Fortissimo zu einem straffen Marsch,
der kurz und prägnant die Hochzeit andeutet.
- Der folgende Abschnitt wirkt wie ein Tanz mit unverkennbar slawischem
Kolorit. Er könnte ebenfalls noch zu der Hochzeit gehören. Leise beginnend
steigert er sich zum Forte, um dann ...
- ... wieder in den Wald überzuleiten, in dem Dorchens Leib liegt.
Das ganze Orchester weint um das schöne Mädchen. Und alles ist eingebettet
in einen Naturklang von bezwingendster Innigkeit. Vielleicht gebührt
diesem Abschnitt unter den zahlreichen entwaffnenden dieses Werks
die Krone.
- Der alte Mann: das Edle dieser Erscheinung wird durch feierliche Posaunenakkorde
prägnant gezeichnet. Die nun folgenden drei Abschnitte sind eine Orchestervariation
(vgl. Glinka, Kamerinskaja). Besonders plastisch ist das Gespräch
des Jungen auf der Burg. Hier scheint Dvorak den Klang des gesprochenen
Textes unmittelbar in sein Werk aufgenommen zu haben.
- Nach einer vierten, ausgedehntesten Posaunenpassage öffnet Dorchen
die Augen. Auch das ist plastischer nicht in Töne zu fassen. Dieser
Abschnitt leitet unmittelbar über ...
- ... zur Heimkehr des Königs. An dieser Stelle wird die aussermusikalische
Deutung des Werkes auf interessante Weise vielschichtig: mag es für
die Geschichte der Ausdruck des Sieges sein, für den Hörer ist das,
was sich jetzt jubelnd anschliesst, eher die Freudenfeier der Wiedererweckung
Dorchens. Dvorak steigert das Hörnermotiv in einem gewaltigen Fortissimo
in den slawischen Hochzeitstanz, und dann in den Hochzeitsmarsch hinein.
- Das goldene Spinnrad beginnt zu singen. Plastisch ist zu erkennen,
wie der König ständig unterbricht. Am Schluss schliesslich ...
- ... kommt es zum Aufschrei des Zorns. Die gellenden Stösse des
hohen Blechs lassen nur schemenhaft erahnen, was mit den Mörderinnen
passiert. Dvorak huscht mit Bedacht über diese Stelle hinweg und überlässt
dies der Fantasie des Hörers.
- Viel wesentlicher ist für den Komponisten das glückliche Ende. Hier
beginnt die kurze »Reprise«, die zum Teil Elemente der Durchführung
enthält. Zuerst folgt jene Passage, die damals das Orchester um Dorchen
weinen liess. Wie völlig ins Glückliche verändert klingt diese Stelle
jetzt. Es schliesst sich das Liebeslied aus der Exposition an, nur
diesmal inbrünstig gesteigert. Es leitet im Fortissimo ...
- ... in den gewaltigen Schlussabschnitt über, der den Hörer bei
guter Wiedergabe kaum auf den Sitzen lässt. Das Hornmotiv wird von
Dvorak in einer Art Furiant dargeboten (allerdings ohne Wechsel der
Taktarten), dass die Fetzen nur so fliegen. Auf eindrucksvolle Weise
wird hier dem Hörer detulich gemacht, was alles in den Motiven, die
dieses bezaubernde Werk tragen, wirklich steckt.
- Kritik:
- Obwohl Dvorak für dieses Werk und seine beiden Vorgänger
1897 den Preis der böhmischen Akademie erhielt, gab es besorgte Stimmen.
Das Werk erschien manchen zu ausladend und - für Nichttschechen -
nicht in allen Punkten nachvollziehbar. Josef SUK ging sogar
so weit, durch Striche das »Werk zu retten«, und man darf ihm
dabei die besten Absichten zuschreiben. Besonders die zentrale Szene,
die Orchestervariation des alten Mannes, wurde deutlich gekürzt. Doch
zeigte sich hier wie auch bei dem Versuch, das Klavierkonzert »konzertanter«
zu gestalten, dass sich Dvoraks Musik nicht bearbeiten lässt. Angesichts
der gigantischen Ausmasse einiger Dichtungen von Richard STRAUSS
erscheint die Befürchtung, das Werk »wäre zu lang« etwas skurril.
Der Vorwurf, einiger »Motivwiederholungen ohne Entwicklung« lässt
die Tatsache ausser acht, dass hier bewusst Orchestervariationen eingesetzt
werden: wer hätte sich je über »leere Motivwiederholungen« in
BORODINs Steppenskizze beklagt?
- Eigene Erfahrungen:
- Ist es notwendig, dass ein Hörer eine Geschichte
in dieser Musik erkennt? Gegner der Programmusik führen ins Feld,
dass Musik für sich spricht und keiner aussermusikalischen Deutung
bedarf. Das ist auch für das »goldene Spinnrad« richtig. Aber,
ich glaube, dass sich eine Geschichte hier wirklich aufdrängt. Dies
ist allein durch die plastische Zeichnung des Spinnrads, der Texpassage
des Jungen kaum zu umgehen. In so fern spricht die Musik auch in diesem
Fall für sich. Muss der Hörer aber die wirkliche Geschichte
kennen? Nein. Wie sich bei Hörversuchen mit Kindern in der heutigen
Zeit herausstellt, ist eine eigene Geschichte mit dieser Musik
leicht zu erstellen. Das Ergebnis hat oft erstaunlich viel mit der
tatsächlichen Textvorlage zu tun.
- Form:
- Die Form dieses Werkes, dem oft gerade in diesem Punkt einige
Vorbehalte gemacht wurden, sehr interessant. Die Abbildung macht
deutlich, aus welchem Grund die Striche bei der Burgszene besonders
nachteilig wirken müssen: es ist die zentrale Stelle des gesamten
Werks.
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Heiko Schroeder
2004-11-27