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Zlaty kolovrat (Das goldene Spinnrad) op. 109

Geschichte:
Das Märchen erinnert stark an den »Cinderella«-Stoff, allerdings in einer grausigen Abwandlung. Die Geschichte lässt sich in sechzehn (!) Abschnitte unterteilen (Erbens Ballade ist in sechs unterteilt), die sehr leicht in der Musik wiederzufinden sind, und die ich im Moment leider nur andeutungsweise wiedergeben kann, da mit der Originaltext von Erben in einer guten Übersetzung nicht vorliegt.

  1. Ausritt des Königs zur Jagd in den Wald.
  2. An einer Hütte macht er Halt, um Wasser zu erbitten. Das schöne Mädchen mit dem Spinnrad, Dorchen genannt, reicht ihm Wasser und setzt dann die Arbeit am Spinnrad fort.
  3. Bezaubert von ihrer Schönheit, hält der König um ihre Hand an. Er erfährt aber, dass die Stiefmutter und ihre Stiefschwester erst morgen zurückkehren und er aus diesem Grunde noch keine Einwilligung der Familie haben kann.
  4. Der König kehrt daher am nächsten Tag noch einmal zur Hütte zurück, macht der Stiefmutter seine Liebe zu Dorchen deutlich und befiehlt ihr, Dorchen auf die Königsburg zu bringen.
  5. Die Stiefmutter macht sich mit Dorchen und ihrer eigenen Tochter, die Dorchen zum Verwechseln ähnlich sieht, auf den Weg. Als sie sich in dem Wald befinden überfallen sie Dorchen, hacken ihr alle Gliemassen ab und stechen ihr die Augen aus. Diese Teile nehmen sie mit auf die Burg, den restlichen Leib lassen sie im Wald liegen. Warum sie die Teile mit auf die Burg mehmen, ist mir bis jetzt nicht klar geworden. Dies kann nur der Originaltext von Erben enthüllen.
  6. Der König fällt auf diese Täuschung hinein und rüstet zu einem Hochzeitsfest.
  7. Nach der siebentägigen Feier, erzählt er in einer Liebesznene seiner vermeintlichen Frau, dass er gegen den Feind ins Feld ziehen muss. In dieser Zeit möge sie fleissig spinnen.
  8. Dorchens Leib wird währenddessen von einem alten Mann im Wald aufgefunden. Er entsendet einen jungen Burschen auf die Königsburg und gibt ihm ein goldenes Spinnrad mit. Er soll dies gegen Dorchens Beine eintauschen. Beim zweiten Male gibt er ihm eine goldene Spindel, für Dorchens Hände und schliesslich beim dritten Mal eine goldene Kunkel für Dorchens Augen.
  9. Bei den dreimaligen Besuchen auf der Burg ist die falsche Königin jedesmal darauf aus, die schönen goldenen Dinge zu erhalten und gibt die Teile Dorchens tatsächlich heraus.
  10. Der alte Mann verfügt über ein geheimnisvolles, heilsames Wasser, mit dem er die Gliedmassen wieder mit Dorchens Leib verbinden und die toten Augen wieder zum Leben erwecken kann.
  11. Nach siegreich beendetem Feldzug kehrt der König heim.
  12. Er staunt über die drei goldenen Teile und fordert seine Frau auf, damit zu spinnen. Doch das Spinnrad vermag zu singen: in drei Strophen, die immer wieder vom König unterbrochen werden, kommt die üble Tat der Stiefmutter und ihrer Tochter an das Tageslicht.
  13. Die Mörderinnen werden von Wölfen in Stücke gerissen und das goldene Spinnrad verschwindet.
  14. Der König reitet in den Wald und findet Dorchen frisch und gesund. In grösserer Inbrunst als zuvor flammt ihre Liebe auf.
  15. Hochzeit auf der Burg.
Musik:
Wie lässt sich so etwas in ein »rundes« Werk umsetzen? Dvorak schuf eines seiner bezwingendsten Werke überhaupt! Für mich steht diese Leistung an der Spitze von Kytice. Es ist auch die einzige Dichtung, die ein glückliches Ende nimmt. Aber daran liegt das natürlich nicht: das Werk ist eine Anthologie von Dvoraks ganzem instrumentalen Schaffen. Hier ist alles vorhanden: bezwingen lyrische Passagen, knackige Marschabschnitte, tiefste Naturverbundenheit, rassige Tänze und - die Bläserakkorde, die den alten Mann charakterisieren, stehen Dvoraks geistlichem Schaffen und den einleitenden Akkorden des zweiten Satzes der 9. Sinfonie nahe. Allerdings gab es zu Anfang auch kritische Stimmen, auf die wir später eingehen. Zweifellos ist - rein musikalisch betrachtet - die »Waldtaube« wohl noch besser. Aber nicht unbedingt hinreissender. Das Werk hat die Form eines Sonatensatzes.

  1. Das Stück hebt leise mit den ratternden Triolen des Spinnrads an, über der sich das reiterartige Hornmotiv des Königs aufbaut. Die Holzbläser übernehmen diese schöne Melodie und - für Dvorak sehr typisch - donnert das ganze Orchester nach dieser Vorstellung das Reiterthema sehr temperamentvoll heraus. Schon dieser Anfang ist derart fesselnd, dass der Hörer in die Märchenwelt vollständig eintaucht.
  2. Und dann erklingt im Englischhorn jede entwaffnende Weise, die ich schon im Vergleich mit dem Mädchenmotiv im Wassermann gepriesen habe. Die Holzbläser übernehmen und spinnen sie weiter. In dieser schönsten Eingebung Dvoraks ist die Natur, Anmut und Lebensfreude gleichermassen eingefangen, was auch die Tonart schon zeigt: A-Dur war immer für Dvorak die Tonart des Glücks.
  3. Der dritte Abschnitt ist ein ausgedehntes, sehr melodisches und frisches Liebesthema ohne jeden Hauch von Sentimentalität, das sich auf wunderbarste Weise mit Dorchens Thema verbindet. Mit diesem Abschnitt ist sozusagen die Exposition beendet.
  4. Nach einem kurzen Abschnitt, in dem der Hörer leicht ein Gespräch erkennen kann, ertönt das Liebesthema noch ein weiteres Mal und die leise wiegende Dorchen-Weise des Englischhorns schliesst diese »Scheinwiederholung« der Exposition ab. Die sehr vielgestaltige »Durchführung« beginnt.
  5. Leise beginnen die Bässe das düstere Geschehen wie ein aufziehendes Gewitter anzukündigen: der Plan zum Mord. Nach einem kurzen, drohenden Motiv, das eine Moll-Verzerrung des Königsmotives ist, erklingt eine naturverbundene Weise, die derjenigen Dorchens ebenbürtig ist. Immer wieder unterbrochen vom drohenden Motiv, das sich schliesslich beim drittenmal im Belch zu einem schneidenden Fortissimo erhebt.
  6. Die Musik leitet über zu dem umissverständlichen Klingen des ratternden Spinnrades. Nach dem zweiten Mal singt wieder die schöne Weise, an die sich Hörnerklang und Vorgelgesang anschliessen. Das Rattern des Spinnrades verdichtet sich in einem Fortissimo zu einem straffen Marsch, der kurz und prägnant die Hochzeit andeutet.
  7. Der folgende Abschnitt wirkt wie ein Tanz mit unverkennbar slawischem Kolorit. Er könnte ebenfalls noch zu der Hochzeit gehören. Leise beginnend steigert er sich zum Forte, um dann ...
  8. ... wieder in den Wald überzuleiten, in dem Dorchens Leib liegt. Das ganze Orchester weint um das schöne Mädchen. Und alles ist eingebettet in einen Naturklang von bezwingendster Innigkeit. Vielleicht gebührt diesem Abschnitt unter den zahlreichen entwaffnenden dieses Werks die Krone.
  9. Der alte Mann: das Edle dieser Erscheinung wird durch feierliche Posaunenakkorde prägnant gezeichnet. Die nun folgenden drei Abschnitte sind eine Orchestervariation (vgl. Glinka, Kamerinskaja). Besonders plastisch ist das Gespräch des Jungen auf der Burg. Hier scheint Dvorak den Klang des gesprochenen Textes unmittelbar in sein Werk aufgenommen zu haben.
  10. Nach einer vierten, ausgedehntesten Posaunenpassage öffnet Dorchen die Augen. Auch das ist plastischer nicht in Töne zu fassen. Dieser Abschnitt leitet unmittelbar über ...
  11. ... zur Heimkehr des Königs. An dieser Stelle wird die aussermusikalische Deutung des Werkes auf interessante Weise vielschichtig: mag es für die Geschichte der Ausdruck des Sieges sein, für den Hörer ist das, was sich jetzt jubelnd anschliesst, eher die Freudenfeier der Wiedererweckung Dorchens. Dvorak steigert das Hörnermotiv in einem gewaltigen Fortissimo in den slawischen Hochzeitstanz, und dann in den Hochzeitsmarsch hinein.
  12. Das goldene Spinnrad beginnt zu singen. Plastisch ist zu erkennen, wie der König ständig unterbricht. Am Schluss schliesslich ...
  13. ... kommt es zum Aufschrei des Zorns. Die gellenden Stösse des hohen Blechs lassen nur schemenhaft erahnen, was mit den Mörderinnen passiert. Dvorak huscht mit Bedacht über diese Stelle hinweg und überlässt dies der Fantasie des Hörers.
  14. Viel wesentlicher ist für den Komponisten das glückliche Ende. Hier beginnt die kurze »Reprise«, die zum Teil Elemente der Durchführung enthält. Zuerst folgt jene Passage, die damals das Orchester um Dorchen weinen liess. Wie völlig ins Glückliche verändert klingt diese Stelle jetzt. Es schliesst sich das Liebeslied aus der Exposition an, nur diesmal inbrünstig gesteigert. Es leitet im Fortissimo ...
  15. ... in den gewaltigen Schlussabschnitt über, der den Hörer bei guter Wiedergabe kaum auf den Sitzen lässt. Das Hornmotiv wird von Dvorak in einer Art Furiant dargeboten (allerdings ohne Wechsel der Taktarten), dass die Fetzen nur so fliegen. Auf eindrucksvolle Weise wird hier dem Hörer detulich gemacht, was alles in den Motiven, die dieses bezaubernde Werk tragen, wirklich steckt.
Kritik:
Obwohl Dvorak für dieses Werk und seine beiden Vorgänger 1897 den Preis der böhmischen Akademie erhielt, gab es besorgte Stimmen. Das Werk erschien manchen zu ausladend und - für Nichttschechen - nicht in allen Punkten nachvollziehbar. Josef SUK ging sogar so weit, durch Striche das »Werk zu retten«, und man darf ihm dabei die besten Absichten zuschreiben. Besonders die zentrale Szene, die Orchestervariation des alten Mannes, wurde deutlich gekürzt. Doch zeigte sich hier wie auch bei dem Versuch, das Klavierkonzert »konzertanter« zu gestalten, dass sich Dvoraks Musik nicht bearbeiten lässt. Angesichts der gigantischen Ausmasse einiger Dichtungen von Richard STRAUSS erscheint die Befürchtung, das Werk »wäre zu lang« etwas skurril. Der Vorwurf, einiger »Motivwiederholungen ohne Entwicklung« lässt die Tatsache ausser acht, dass hier bewusst Orchestervariationen eingesetzt werden: wer hätte sich je über »leere Motivwiederholungen« in BORODINs Steppenskizze beklagt?
Eigene Erfahrungen:
Ist es notwendig, dass ein Hörer eine Geschichte in dieser Musik erkennt? Gegner der Programmusik führen ins Feld, dass Musik für sich spricht und keiner aussermusikalischen Deutung bedarf. Das ist auch für das »goldene Spinnrad« richtig. Aber, ich glaube, dass sich eine Geschichte hier wirklich aufdrängt. Dies ist allein durch die plastische Zeichnung des Spinnrads, der Texpassage des Jungen kaum zu umgehen. In so fern spricht die Musik auch in diesem Fall für sich. Muss der Hörer aber die wirkliche Geschichte kennen? Nein. Wie sich bei Hörversuchen mit Kindern in der heutigen Zeit herausstellt, ist eine eigene Geschichte mit dieser Musik leicht zu erstellen. Das Ergebnis hat oft erstaunlich viel mit der tatsächlichen Textvorlage zu tun.
Form:
Die Form dieses Werkes, dem oft gerade in diesem Punkt einige Vorbehalte gemacht wurden, sehr interessant. Die Abbildung macht deutlich, aus welchem Grund die Striche bei der Burgszene besonders nachteilig wirken müssen: es ist die zentrale Stelle des gesamten Werks.


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Heiko Schroeder 2004-11-27