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Vodnik (Der Wassermann) op. 107

Geschichte:
Der Wassermann verliebt sich in ein Mädchen und zieht es zu sich hinab. Nachdem sich Nachwuchs eingestellt hat, verlässt ihn das Mädchen. Der Wassermann glaubt sich verraten und schwört bittere Rache. Er tötet das Kind und wirft dem Mädchen Kopf und Leib vor die Füsse.
Musik:
Der Wassermann wird oft mit der Musik zu Rusalkaverglichen. Meiner Ansicht nach trifft dies aber vor allem für das Umfeld der Geschichte zu, was aber eine Marginalität sein dürfte. Das Stück ist ein diabolisch, düsteres Scherzo im 2/4-Takt. Äusserst interessant ist gleich der Beginn, der wohl zum Unheimlichsten gehört, was Dvorak schrieb: das Stück scheint sich zunächst vom Ton $ h$ nicht lösen zu können und das spätere Thema wird allein mit diesem einen Ton als rhythmische Figur abgesteckt, wobei die flirrenden Verzierungen unmissverständlich deutlich machen, dass der Wassermann ein böses Wesen ist. Eindeutig h-moll. Das dann aus dieser Figur aufsteigende Thema wandelt sich in eine fast »verführerisch liebliche« Form nach Dur. Aber wie ist das gemacht? Das Thema besteht selbst wieder aus zwei Motiven, die wie zwei scheinbare (!) Spiegelbilder geschaffen sind: das erste Motiv ist absteigend $ \underbrace{h-h-h}_{erster  Teil}-\underbrace{h-a-g-a-h}_{zweiter  Teil}$ , das zweite aufsteigend $ h-h-h-h-c-d-e-h$. Das erste Motiv könnte immer noch als h-moll durchgehen und es bleibt weiterhin Anker des Bösen. Die verführerische »Gemeinheit« aber, die das Spiegelbildliche durchbricht, liegt in dem hell nach oben steigenden zweiten Teil der zweiten Figur: statt des zurücklaufenden c, wie es eigentlich sein müsste, wird ein e gesetzt1.2. Der Natur nach h-moll erscheint also das teuflische Wesen in der so gar nicht benachbarten Tonart C-Dur, erhebt sich aus dem Wasser und erscheint an der Oberfläche durch einen wuchtigen Marsch des vollen Orchesters. Aber die düstere Komponente bleibt stets gegenwärtig. In der Musik ist ein ständiges Schwanken zwischen Dur und Moll hörbar.
Nachdem Dvorak dem Hörer den Wassermann vorgestellt hat, betritt das Mädchen die Bühne des Geschehens. Ein stärkerer Kontrast ist kaum denkbar: zaghaft beginnen die Holzbläser mit einer wiegenden Weise, in der Anmut und Liebe und Natorverbundenheit so bezwingend eingefangen ist, dass sie zum Schönsten gehört, was Dvorak geschaffen hat. Hier ist von der Musik her die Nähe zu Rusalka am deutlichsten spürbar, vielleicht aber mehr noch die Nähe zum Motiv des Mädchens in der späteren Dichtung »Das goldene Spinnrad«. Wer genau hinhört, wird aber auch eine starke Bindung an das Thema des Wassermanns erkennen: auch das Thema des Mädchens kreist um einen einzigen Ton, ja, es scheint sogar seine Substanz aus dem Wassermannmotiv zu erhalten. Schliesslich wird auch das Mädchen durch das volle Orchester in den wärmsten Farben dargeboten.
Nach dieser »Exposition« sozusagen, ist das folgende Geschehen der Musik unmittelbar zu entnehmen. Das Motiv des Mädchens wirkt in dem vorwiegend düsteren Szenario als das einzige Licht. Die durchgehende Verwendung des 2/4-Taktes scheint auch hier die Natur zu symbolisieren, wie es bereits in dem ersten Teil des vorangegangenen Zyklusses »Natur, Leben und Liebe« von Dvorak vorgenommen wurde.


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Heiko Schroeder 2004-11-27