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Blanik ist ein Berg in Südböhmen, in dem der Sage nach, sich die letzten
hussitischen Streiter zurückgezogen haben. Die schlafenden Kämpen
werden, sobald das Böhmerland wieder in Gefahr ist, erwachen und erneut
das Land befreien. Soweit ist dieser sagenhafte Berg also ein Symbol
der Hoffnung. Der ewige Vergleich mit dem deutschen Kyffhäuser hinkt
in meinen Augen etwas, da - wenigstens heutzutage - die meisten
von uns mit dem Kyffhäuser nur noch wenig verbinden.
Historisch ist das Ganze sehr viel trauriger ausgegangen. Von 15000
Taboriten haben nur 2000 die Schlacht bei Lipany (Jiri z Podebrad)
überlebt. Der Rest ist einem schmählichen Verrat zum Opfer gefallen.
Doch das ändert an der Hoffnung nichts, die sich mit der Sage verbindet.
Smetana musste mit Blanik die sehr schwierige Aufgabe lösen,
einen Abschluss zu finden, der Z ceskych luhu a haju als reinster
Ausdruck von Freude mindestens gleichwertig ist. Ansonsten wären sowohl
Tabor und Blanik nur ein, wenn auch sehr bedeutsames,
»Anhängsel« gewesen. Andererseits musste die Aussage über die
hussitischen Elemente der Libuse-Prophezeihung noch hinausgehen.
Tabor hatte bisher das vierte Bild von Libuse mit neuen
Mitteln deutlicher ausgeführt. Eine in sich völlig eigenständige Dichtung,
die aber im Zusammenhang mit dem ganzen Zyklus unbedingt eine Fortsetzung
erfordert (ganz im Gegensatz zu den anderen Dichtungen).
Smetana löste die Aufgabe geradezu brilliant. Während der Hussitenchoral
die erste Dichtung, Tabor, beherrscht, ist das Material von
Blanik durch den zweiten, »moldauartigen« Teil bestimmt,
aus dem Smetana in ganz ähnlicher Weise wie bei der Verwendung des
Chorals in Libuse, einen Marsch entwickelt, zu dem das ganze Volk
aufmarschiert. Dabei gelang es ihm, Teile aus den anderen Dichtungen
mit zu integrieren, besonders Vysehrad. Was für eine Leistung.
Zumal das ursprüngliche Konzept eine nochmalige Verwendung des Hussitenmaterials
nicht vorsah. Die Dichtung ist im Vergleich zu Tabor wesentlich
griffiger und lässt sich in einzelne Abschnitte unterteilen:
- Die Dichtung beginnt so wie Tabor endete. Der Choral wird jedoch
nicht mit voller Wucht dargeboten, sondern ist bereits durch die lockere
Instrumentation aufgehellt. In einer etwas länglichen, tapsenden Episode
sieht der Hörer die letzten Taboriten im Berg Blanik verschwinden.
- Der zweite Abschnitt vermittelt einen Eindruck der Landschaft um den
Blanik heutzutage. Und hier erweist sich Smetana wieder als
einer der begnadetsten Melodiefinder. In der Oboe klingt ein Hirtenlied
auf, das von einer anderen gleich einem Echo, aber leicht abgewandelt,
erwidert wird. Beide Lieder werden (gleich dem säuselnden Wind in
Z ceskych luhu a haju) ineinander verwoben.
- Da bricht wieder die Erinnerung an die Hussitenkriege los. Zwar heller
instrumentiert, aber noch schmerzlicher als in Tabor. Von einer
Glorifizierung der Ereignisse kann hier wirklich nicht die Rede sein.
Im Gegenteil.
- Aus den abklingenden, zitternden Akkorden des dritten Abschnitts ringt
sich der Blanikmarsch förmlich los. Zuerst hören wir nur die ersten
Takte in Moll. Im dritten Anlauf »riskiert« das Horn ein Dur,
kommt damit aber nicht weit. Der Versuch geht abermals in den Zitterakkorden
unter. Nächster Versuch. Andere Tonart. Und siehe da, es funktioniert.
Leise, fast zaghaft, nehmen die Holzbläser den Marsch auf und entwickeln
ihn so weit, dass er beim nächsten Mal, melodisch gefestigt, aber
immer noch leise in ganzer Länge vorgeführt werden kann. Plötzlich
fährt ganz zaghaft, so als wollte es sagen »sieh mal, ich bin Dir
doch verwandt«, das liebliche Hirtenlied dazwischen. Das bringt
den Stein ins Rollen. In einer aufsteigenden Figur wird der Marsch
vom ganzen Orchester geschmettert.
- Nach einem ruhigen Zwischenspiel, hangelt sich abermals der Marsch
mit seinen ersten vier Noten mit einem Crescendo in eine höhere Tonlage
und jetzt bricht der Marsch in Moll los. Aber dieses Moll ist nicht
trübe. Der Marsch wird von flirrenden Figuren durchzogen, wie sie
aus Z ceskych luhu a haju bekannt sind und rast immer schneller
dahin, sich nach Dur wendend. Die Musik mündet in ein wahrhaft glanzvollen
Schluss:
- Noch ein letztes Mal zieht donnernd der Choral »Da ihr Gottes Kämpfer
seid« vorüber. Doch jetzt hat er allen Schrecken verloren. Fast
wie ein triumphierendes Denkmal erscheint er jetzt. Und nach einer
kurzen Überleitung plötzlich das Vysehrad-Thema in seinen strahlendsten
Farben da. Wieder braust der Marsch auf, jetzt aber wie der Schluss
in Z ceskych luhu a haju wirbelnd und verbindet sich mit dem
Vysehrad-Thema zu einer Einheit. Mit schmetternden Fanfarenakkorden
endet das Werk.
Gewiss ist Blanik vielleicht die national am stärksten gefärbte der
Dichtungen. Als Dichtung gehört sie sicherlich in dieser Gattung
in die erste Reihe.
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Heiko Schroeder
2004-11-27