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Tabor

»Meinen Hörern wird diese Dichtung grau in grau vorkommen. Aber ich wollte sie so haben.«

In der Tat. Die hochinteressante Dichtung beginnt sogar grauschwarz, mit dumpfen Schlägen des Chorals »Da ihr Gottes Kämpfer seid«. Man könnte an eine Szene denken, in der die taboritischen Kämpen mit Fackeln an ihrem Heerführer Ziszka vorbeiziehen und jeder den Beginn des Chorales als Losung murmelt.

Dieser dorische Hussitenchoral ist von der Melodie in seinem ersten Teil äusserst spartanisch angelegt und daher umso reizvoller. Der zweite Teil erinnert an das Moldaulied, ist aber alles andere als versöhnlich. Aus diesem Material baut Smetana die gewaltige sinfonische Dichtung auf, die im eigentlichen Sinne gar keinem Programm unterworfen ist. In der Tat ist es sogar schwierig, sie in einzelne Abschnitte aufzuteilen.

Ebensowenig ist Tabor Schlachtenmusik, obwohl im Mittelteil tatsächlich Kämpfe »geschildert« werden. Es ist eine Erinnerung an eine bewegte, grausame, aber auch sehr wichtige Zeit der tschechischen Geschichte. Immer wieder hört man die donnernden Schläge des Chorals. Wie schon in Vltava und Vysehrad wird das thematische Material zergliedert und als Baumaterial für neue Motive herangezogen. In keiner anderen Dichtung sind die Dissozanzen so zahlreich wie hier, weshalb das Stück allein harmonisch äusserst interessant ist.

Es könnte sein, dass dem Hörer der donnernde Choral zu dominant ist, oder ihm sogar auch auf die Nerven geht. Genau das ist auch beabsichtigt. Besonders am Schluss, wo die ersten Takte des Chorals in permanentem Ostinato bei gleichbleibender (grosser Lautstärke) des ganzen Orchesters wiederholt werden.

Obwohl dieser Choral bereits die letzten drei Bilder der Prophezeihung der Libuse beherrscht, hielt es Smetana für wichtig, die Bedeutung dieses nationalen Symbols durch eine eigene Dichtung noch deutlicher zu unterstreichen. Was bei Libuse eher verklärt erscheint, kommt in dieser Dichtung deutlich zum Ausdruck: die ungeheure Grausamkeit, mit der die Taboriten ihre Ziele verfolgten. Die Musik ist keineswegs eine Glorifizierung der Ereignisse, ebensowenig eine Anklage. Sie ist eine Erinnerung.
An dieser Stelle hatte ich ursprünglich geplant, genauer darauf einzugehen. Dies geschah jedoch schon in der Einleitung zu Ma vlast und in einigen Abschnitten bei Libuse. Genauere Details werden daher auf den Anhang C verlagert. Der Besuch der Stadt Tabor (tsch. =Lager) lohnt sich auf jeden Fall! Der hussitische Teil der Altstadt ist nahezu vollständig erhalten.


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Heiko Schroeder 2004-11-27