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Z ceskych luhu a haju (Aus Böhmens Hain und Flur)

Für mich zählt diese Dichtung allein von ihrer Instrumentation, aber auch von der Form, zum Bezwingendsten, was Smetana geschaffen hat. Ich werde mich hüten zu sagen, ob mir dieses Stück nun »besser« als die Moldau gefällt, auf jeden Fall ist die Form für mich interessanter. Es ist das Jahr 1875, in dem er seine frühlingshafteste Oper, Hubicka, schuf, und sehr viel von dem Geist Hubickas ist auch in dieser Dichtung vertreten. Schon allein der Titel hat ähnlich wie das Wort posterarodni bei Hubicka den ünübersetzbaren Beiklang des Einfachen, obgleich das Werk selbst filigran gearbeitet ist. Ähnlich Hubicka erscheint mir Aus Böhmens Hain und Flur wie eine Anthologie tschechischer Musik. Beide Werke sind stark naturverbunden. Einmal mehr ist die Nähe von Beethovens Pastorale spürbar (ähnlich Vltava). Nach der Übersiedlung nach Jabkenice begann Smetana die Natur intensiv in seine Werke einzubinden.

Obwohl Fachleute keinen Qualitätsunterschied zu Vltava sehen, ist doch diese Dichtung nicht so berühmt geworden. Sie ist in der Tat noch zugänglicher als Vltava, aber auch insofern anspruchsvoller, als sie von allen Dichtungen des ursprünglichen Vlast (Aus Böhmens Hain und Flur war ursprünglich als Abschluss gedacht) das am wenigsten präzise formulierte »Programm« besitzt. Das Werk besteht aus zwei Abschnitten, die selbst wieder unterteilt sind:

Abschnitt 1:

  1. Auf die ersten Takte des Werkes passt die Überschrift zu Beethovens erstem Satz der Pastorale. In hellen Farben wird in einer, den »Fliessfiguren« der Moldau verwandten Gruppe, die Empfindung bei dem Anblick der Natur dem Hörer nahegebracht. Die Melodie wird leiser und mündet in eine Wellenbewegung, gleich der Empfindung beim Anblick sich bewegenden Grases.
  2. Ein kurzes Gebet leitet den zweiten Teil ein. Dann »pfeift« Smetana eines seiner schönsten Eingebungen leise vor sich hin. Die Melodie endet in einer kleinen Andeutung des Vysehrad-Motivs.
  3. Nun beginnt der originellste Teil: »im Hain säuselt ein Wind«. Hier passt ein Satz, der eigentlich zum Schaffen Debussys gehört: die Natur ist selbst Musik geworden. Das Säuseln beginnt in den höchsten Tönen in den Streichern, nach und nach gesellen sich weitere hinzu, bis die tausend Stimmen der Natur gleich einem Waldweben eingefangen sind. Aus diesem Teppich dringen, allmählich immer deutlicher, die Hörner in den Vordergrund.
  4. Smetana erfindet eine zweite, sehr schöne Melodie, die zunächst den Hörnern vorbehalten ist und dann beim dritten Anlauf als vollständiges Lied das ganze Orchester erfasst.
Übergang:

Mit dem letzten Ton des Hornliedes, ertönen einige wenige Takte einer Polka (Beethoven, 3. Satz!). Noch einmal wendet sich Smetana dem Hornlied zu, so als wollte er sich erinnern »wie es noch ging«. Da fahren wieder einige Takte der Polka dazwischen. Schon etwas deutlicher. Noch ein Versuch, sich an das Hornied zu erinnern. Doch - keine Chance. Die Polka ertönt laut und ganz nah und ehe sich der Dichter versieht, ist er

Abschnitt 2

  1. in dem schönsten Landfest, das er sich wünschen kann. Der Hörer wird von der krachenden Polka förmlich mitgerissen. Im Mittelteil eine drittes Lied. Wieder kracht die Polka los. Noch einmal ertönt das Lied. Abermals kracht es los und jetzt wirbelt das Lied in die Polka mit hinein, an die flirrenden Bewegungen im ersten Teil erinnernd.
  2. Und siehe da: auf einmal ist das Hornlied wieder präsent. Doch ohne dass es ganz vollendet werden kann, wirbelt das dritte Lied wieder los und in einem gewaltigen Anlauf mündet dieser Abschnitt
  3. in die Fliessfigur der Grasbewegung vom Beginn. Doch jetzt in einer Lautstärke, als ob die ganze Natur in Bewegung geraten ist. In den hellsten Farben strahlt das Gebet vom Beginn hinein und in einem flirrenden Crescendo rast die Musik auf die Terzenschleifer des Schlusses hin.
Diese Dichtung war aus sehr verständlichen Gründen von Anbeginn ein grosser Erfolg in Böhmen. Diese Musik ist Freude in ihrer reinsten Form. Und das, obwohl der Komponist an einer Heilung seiner Taubheit allmählich zu zweifeln begann. Faszinierend ist hier, wie die einzelnen Tänze und Motive auseinander hervorgehen und am Schluss in kunstvollster Form ineinander verwirbelt werden. Zum Platzen voller Musik. Aber das Werk gerät zu keinem Augenblick aus den Fugen.


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Heiko Schroeder 2004-11-27