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Sarka

Sarka ist ein tschechisches Analogon zu der deutschen Penthesilea-Sage (Kleist). Das recht blutrünstige Geschehen soll sich in einem wilden Felsengelände abgespielt haben, das sich im äussersten Nordwesten der Stadt Prag befindet (Divoka Sarka). Über den gleichen Stoff schrieben Leos Janacek und Zdenek Fibich eine gleichnamige Oper. Die sehr dramatische Handlung ist für die Opernbühne auch wie geschaffen. Dennoch waren beide Opern nur mässig erfolgreich.
Die Bedeutung als nationales Symbol ist vielleicht etwas schwieriger zu verstehen. Schon an früherer Stelle habe ich darauf hingewiesen, dass Frauen bei der nationalen Wiedergeburt eine sehr bedeutende Rolle gespielt haben. Bozena Nemcova war Initiatorin einer sehr natürlichen Emanzipationsbewegung. Karolina Svetla, Eliska Krasnohorska und viele andere Librettistinnen wurden bereits genannt. Auch auf die Auffälligkeit, dass auf der Musikbühne, mehr als in anderen Kulturen Frauen die bedeutendsten Figuren sind (Smetana, Janacek), wurde schon hingewiesen. Vieles lässt sich davon mit dem Symbol Sarka in Verbindung bringen, ohne die grausige Begebenheit natürlich als Anleitung zu verstehen.

Von allen Dichtungen von Ma vlast, ist diese, die kürzeste, am engsten an ein Programm gebunden und hat als einzige eine »Handlung« zum Gegenstand. Im Vergleich zu den vorangegangenen Dichtungen zeigt sich hier ein völlig anderer Stil.

  1. Die Dichtung beginnt mit einem stilisierten Zornesausbruch (Hintergrund ist eine unglückliche Affäre, durch welche die Amazonenkönigin der gesamten Männerwelt Rache geschworen hat), wobei sich das Vysehrad-Thema als aufsteigende Figur mit nur geringer Abänderung erkennen lässt. Die Musik beruhigt sich etwas, um mit einer knappen, schönen Figur die als »Köder« an einen Baum gefesselte Amazonin Sarka selbst vorzustellen, bis nach einem weiteren Ausbruch wilder Entschlossenheit die Musik
  2. in einen leisen Soldatenmarsch hineinwirbelt. Der Prinz Ctirad mit seinen Streitern nähert sich. Am Ende dieses Abschnitts entdecken die Männer die Amazonin und eine heftige, fragende Figur beendet den Teil.
  3. Zwischen Sarka und Ctirad kommt es zu einem kurzen Gespräch. Man meint die einzelnen Worte förmlich zu hören. Ctirad verliebt sich in die schöne Sarka und es folgt eine Liebeszene mit ebenfalls opernhaften Zügen.
  4. Das Fest. Ctirad und Sarka feiern Hochzeit im Wald. Eine rassige, aber auch herrlich unbeholfene Polka beherrscht die Szene. Und nach und nach fällt von den Kämpen einer nach dem anderen vor Trunkenheit in einen tiefen Schlaf (sehr witzig: die Schnarchgeräusche im Fagott).
  5. Als auch der letzte Recke eingeschlafen ist, gibt Sarka mit ihrem Horn ein kurzes Signal und langsam schleichen sich die Amazonen heran. Es läuft einem kalt den Rücken herunter wie breit und genüsslich die Musik in einem grossen Crescendo die Schadenfreude der Amazonen schildert, bis schliesslich das Gemetzel losgeht. Smetana verwendet eine beissende, »fiese« Abart des Hochzeitstanzes und die brutale männermordende Szene findet einen wuchtigen Abschluss.
Wilhelm Zentner schreibt in seinem Konzertführer, das Smetana die blutrünstige Geschichte nicht sonderlich lag. Man

könne zwar die Begebenheiten beim besten Willen heraushören, aber der Hörer bleibt innerlich unbeteiligt.
Ja, Gott sei Dank ist das so! In der Tat ist die musikalische Aussage in dieser Dichtung extrem kurz und prägnant. Der blutrünstige Schluss wird alles andere als voyeuristisch ausgebreitet. Es ist ein Bild, das in eine Sage schauen lässt, ohne den Hörer als Akteur zu beteiligen. Das Orchester als Opernbühne. In keiner anderen Dichtung »sprechen« die Instrumente so wie hier. Trotz seiner musikalischen Reichhaltigkeit zeigt Dichtung eine enorme Disziplin der Beschränkung auf das Wesentliche (keine Note zuviel, keine zuwenig).


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Heiko Schroeder 2004-11-27