Next: Sarka
Up: Smetana: Ma vlast (Mein
Previous: Vysehrad
Contents
Das berühmteste Orchesterwerk Smetanas, ist - ähnlich seiner zweiten
Oper - für den ersten Kontakt am zugänglichsten. Zum einen liegt
das an dem sehr griffigen »Programm«, das zwar auch nur Stimmungen
und keine »Handlungen« aufweist, aber viel klarer die einzelnen
Bilder voneinander trennt, während sie bei Vysherad meiner
Ansicht nach enger miteinander verwoben sind.
Ein anderer Grund ist aber auch der, dass das Thema in Wirklichkeit
jedem Hörer buchstäblich von Kindesbeinen auf bekannt ist! Wenn mein
Leser die »Moldau« kennt, so lasse er bei der strahlenden Schlussversion
des Moldauthemas in Dur einfach einmal den punktierten Rhythmus und
den Auftakt weg. Und was kommt dann zum Vorschein? Jawohl, »alle
meine Entchen«. Und zwar fast das ganze Lied scheint hier
verarbeitet worden zu sein. Das also ist das so typisch tschechische
Moldauthema? Wie man sieht:
Einen schönen Gedanken zu haben ist noch nichts so Besonderes. Aber
einen Gedanken hübsch durchführen und etwas Großes daraus zu machen,
das ist gerade das Schwerste, das gerade ist - Kunst. (Antonin Dvorak)
Das Programm der Moldau ist sicherlich den meisten Lesern bekannt,
so dass wir uns hier kürzer fassen können als bei Vysehrad:
- Einleitung: Die aus Vysehrad und Libuse bekannten »fliessenden«
Motive erscheinen zunächst in einer Flöte, zu der sich dann eine zweite
hinzugesellt. Es sind die beiden Quellflüsse der Moldau im Böhmerwald.
- Teil A: Die zierlichen fliessenden Figuren der Einleitung vereinigen
sich zu einer einzigen grossen fliessenden Figur in den Streichern.
Die Moldau ist geboren. Erste Darbietung des Moldauliedes in Moll.
- Teil B1: Abteilung der Waldhörner. Jagd. Die Abteilung endet mit den
Fliessfiguren der Moldau.
- Teil B2: Eine Polka rauscht auf: Bauernhochzeit. Die Abteilung endet
wieder mit den Fliessfiguren der Moldau.
- Teil B3: Nachts auf der Moldau. Der eigentlich der Romantik weniger
verbundene realistische Smetana erinnert in dieser besonders schönen
Stelle an tschechische Märchen (die sonst in seinem Werk so gut wie
keine Rolle spielen). Das schleierhafte entrückte Bild tanzender Nixen
auf den Wassern ist ein Vorläufer zu Dvoraks Dichtung Vodnik
(Der Wassermann), der Oper Rusalka sowieso und, wenn auch
weniger offensichtlich, Janaceks »Schlaues Füchslein« (Intermezzo
im ersten Akt, Terynka).
- Teil A: Das wirbelnde Wasser führt erneut zum Moldaulied, das schliesslich
unmittelbar
- Teil C: in die donnernden Wasser der Johannisschnellen einmündet.
Dieser Abschnitt ist meiner Ansicht nach nicht nur ein fantastisches
Gegengewicht zu den B-Teilen, sondern auch der orginellste. Ähnlich
dem Mittelteil von Vysehrad wird das Moldauthema zergliedert,
oder besser gesagt, zerrissen. Die Tropfen fliegen dem Höhrer als
Motivfetzen des Moldauliedes förmlich um die Ohren. Schliesslich beruhigt
sich die Gischt und
- Teil A: die Moldau fliesst »ruhig und majestätisch« auf die Stadt
Prag zu. Das Moldaulied ertönt in einem strahlenden Dur: eine Hommage
an die Stadt. Sie fliesst an dem Vysehrad vorbei (Vysehrad-Thema!)
und es ist erstaunlich, wie sich dieses rhythmisch ganz anders geartete
Thema in die Musik eingliedert.
- Schluss: Das Moldaulied geht langsam wieder in die Fliessfigur über
und die Moldau entschwindet in einem Diminuendo den Blicken des Betrachters
(und mündet bei Melnik in die Elbe).
Wie gesagt: die Bilder sind ganz klar voneinander zu unterscheiden,
nicht nur dem Inhalt, sondern auch dem Stile nach. Das Ganze ist ein
Rondo. Und noch etwas Anderes mag auffallen: gewisse Ähnlichkeit der
Konzeption mit Beethovens Pastorale.
Für Smetana war die Moldau auch eine Selbstbestätigung. »Nach nur
19 Tagen vollendet«, schrieb er begeistert. Der traurige Hintergrund
des Ganzen findet sich als Eintrag am Rand auf der letzten Partiturseite:
»ich bin völlig taub«.
Next: Sarka
Up: Smetana: Ma vlast (Mein
Previous: Vysehrad
Contents
Heiko Schroeder
2004-11-27