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Vysehrad

Vysehrad bedeutet »hohe Burg«. Diese Burg, oder besser gesagt, was von ihr übrig geblieben ist, befindet sich auf einem markanten Felsen südlich der Neustadt, direkt an der Moldau. Es ist heute noch einer der wichtigsten Orte in Prag, für einige vielleicht sogar der wichtigste. Der Wohnsitz der sagenhaften Libuse. Durch ihre Prohezeihung soll von dieser Stelle aus die Gründung der Stadt Prag stattgefunden haben. Wahrscheinlich war schon zu Smetanas Zeit bekannt, dass der Vysehrad erst nach der Prager Burg im 11. Jahrhundert mehr als 100 Jahre nach der Prager Burg erbaut wurde. Auch war ihm möglicherweise schon bekannt, dass sich die sogenannte Grüneberger Handschrift, durch die Libuses Existenz historisch untermauert schien, eine geniale Fälschung war. Sage und Historie sind zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben müssen. Wir wollen es auch hier nicht noch einmal ausbreiten, denn Libuse kommt in dieser sinfonischen Dichtung gar nicht vor. Obwohl die Musik förmlich vor den Augen des Hörers Bilder assoziiert, ist der »Inhalt« des Werkes nicht sehr präzise formuliert. Und das ist gerade das Spannende. Smetana deutet vielmehr ein »Programm« an, das vorwiegend Stimmungen zum Gegenstand hat:

  1. Zu Beginn hören wir die Harfenklänge des sagenhaften Sängers Lumir, der dem Hörer von Vysehrad erzählt. Gleich in den ersten Takten erklingt jenes markante Vysehrad-Motiv, das wie eine idee fixe alle sechs Dichtungen miteinander verbindet, und aus dem sich auch das Thema zusammensetzt. Dieser erste Teil der Dichtung klingt wirklich historisch, wie aus grauer Vorzeit. Die Harfenklänge Lumirs verbinden sich mit den dumpfen Klängen der Waffen. Am Ende der Exposition (in der Tat ist Vysehrad ein Sonatensatz!), aber erst am Ende, erstrahlt die Burg förmlich vor den Augen des Hörers in den hellsten Farben. Zu welchem Leben hat sich das »graue« Vysehrad-Motiv gewandelt. Die »Schlussgruppe« ist jenes fliessende Motiv der Moldau, dem wir in Libuses grosser Arie aus dem ersten Akt der Oper begegnen, und das in der gleichen Weise die Dichtung »Vltava« beendet.
  2. Der Mittelteil erinnert an die bewegte Geschichte der Burg. Das Vysehrad-Motiv wird nach allen Regeln der Kunst zergliedert und aus ihm entsteht ein Feuerwerk neuer Motive. Wie viele Empfindungen sind in diesem kurzen Abschnitt eingefangen. Mal erinnert eine Passage an einen Kampf, die nächste strahlt grosse Ruhe aus, die dritte gleicht einem Triumph. Die »Durchführung« endet mit einem Festmarsch, der - wie könnte es anders sein - ebenfalls aus dem Vysehrad-Motiv entstanden ist. Dann, nach einem peitschenden Beckenschlag, kracht die Burg förmlich vor den Augen des Hörers zusammen. Smetana benutzt dabei eine absteigende Folge von Akkorden, die sich keiner Tonart zuordnen lassen.
    Historisch ist Vysehrad durch die Hussitenkriege zerstört worden. Mir ist nicht klar (und Smetana hat sich darüber nicht geäussert), ob der Festmarsch an irgendeine wichtige Bedeutung gebunden ist. Ein Festmarsch der »Sieger«. Der Taboriten? Vielleicht. Es könnte natürlich einmal mehr ein Ausdruck der Freiheit durch die Entstehung der ersten Republik gemeint sein. Aber das ist nur eine Vermutung.
  3. Wieder erklingen die »grauen« Harfenakkorde von Lumir, wie schon zu Beginn der Exposition. Am Ende der Reprise erstrahlt Vysehrad noch einmal in voller Pracht. Aber es ist nur noch eine Erinnerung, und die Musik zeigt keineswegs mehr die hellen Farben wie am Ende des 1. Teils. Die Erinnerung verblasst. Und dann hört der Betrachter - ganz leise - wieder das Fliessen der Moldau. Und genauso leise hört er wieder die Harfe Lumirs, die leise verklingt und allmählich verblasst. Noch ein letztes Mal, wie aus einer fernen Welt, erklingt das Vysehrad-Motiv.
Was für ein packendes Stück! Ähnlich wie in Dalibor hat Smetana hier aus einer einzigen motivischen Keimzelle das ganze Werk gebaut. Bisweilen habe ich gelesen, dass ihm in der Nacht seiner Ertaubung das Vysehrad-Motiv eingefallen sei. Ob es stimmt, ist eigentlich nebensächlich. Aber dennoch: ich glaube das nicht. Die Anfänge zu dieser Dichtung reichen in die Zeit der Oper Libussa zurück.


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Heiko Schroeder 2004-11-27