
Überraschenderweise ist ein aktuelles Gerät davon bislang fast völlig ausgenommen: das Mobiltelefon, das inzwischen für die meisten Leute so selbstverständlich geworden ist. Natürlich kann man mit ein wenig Übung Anrufe entgegennehmen und Nummern wählen, auch wenn man das Display nicht lesen kann. Aber schon beim eingebauten Telefonbuch oder beim Empfang von SMS ist es mit der Benutzbarkeit für Sehgeschädigte vorbei, von Komfort-Funktionen wie z.B. einem Terminkalender für unterwegs ganz zu schweigen. Viele Blinde behelfen sich deshalb mit einem Taschendiktiergerät für Notizen, und nutzen nur die Grundfunktionen ihres Telefons.
Ein Freund, selbst ein blinder Programmierer, brachte deshalb im Gespräch eines Tages die Idee auf, ob man nicht das Nokia 9110 um eine Sprachausgabe erweitern könnte, so dass man zumindest die wichtigsten Fähigkeiten auch nutzen kann, ohne das Display lesen zu müssen. Ursprünglich klang dieser Einfall ziemlich verrückt, da ein 9110 für synthetische Sprache sowieso viel zu langsam wäre und es außerdem Monate dauern würde, auch nur die Informationen zusammenzutragen, um unter Geos ein eigenes Programm zur Steuerung des Telefonteils zu schreiben.
Doch Geos hielt auch hier wieder mal eine Überraschung parat: ein paar Versuche zeigten, dass es sehr einfach ist, die sowieso schon auf dem Bildschirm angezeigten Elemente einzusammeln und ihre Texte auszulesen (für Experten: gemeint sind natürlich Gen- und Vis-Objekte - unter Windows gilt diese Aufgabe dagegen als extrem schwierig). Damit war es plötzlich unnötig, das Rad neu zu erfinden - wir konnten einfach die Programme nutzen, die Nokia schon in das Telefon eingebaut hatte... und da Nokia dem Telefon eine sehr einfache Benutzeroberfläche mit übersichtlichen Bildschirmen und knappen Texten spendiert hatte, gab schon die einfache Regel "Lies den Text, auf dem gerade der Cursor steht" fast auf Anhieb ein sehr brauchbares Ergebnis, ohne "zu geschwätzig" zu werden.
Auch für die Sprachsynthese gab es eine einfache Lösung: der Sprachrecorder auf dem 9110 erlaubt es, WAV-Dateien abzuspielen, die mit nur 300 Bytes/Sekunde extrem stark komprimiert und trotzdem noch gut verständlich sind. Das erlaubt es, auf einer Speicherkarte ein Vokabular von knapp 20.000 wichtigen Worten und Namen mitzuliefern, die man vorher mit einer guten Sprachsynthese auf dem PC hat sprechen lassen.
Das waren auch schon die wichtigsten Schritte zum "sprechenden Handy" - wenn man den Communicator aufklappt, wird der aktuelle Bildschirminhalt vorgelesen, und dann jede weitere wichtige Änderung auf dem Schirm, z.B. wenn der gewählte Menüpunkt wechselt oder sich ein neues Fenster öffnet. Tastendrücke werden auf Wunsch buchstabenweise bestätigt, oder erst nach dem Eintippen eines ganzen Wortes. Damit kann man dann nahezu alle Funktionen des 9110 nutzen: SMS, Kontaktverzeichnis, Kalender, E-Mail, WAP usw. - eigentlich hat man also noch viel mehr als nur ein sprechendes Telefon.
Auf der Cebit 2001 wurde TALX 9110 zum ersten Mal der Öffentlichkeit
vorgestellt, was uns auch gleich eine Einladung zum WDR-Computerclub und
einige Zeitschriftenartikel einbrachte. Seitdem haben wir das Programm
ständig weiterentwickelt und in verschiedene Sprachen übersetzt
(im Moment sind Deutsch, Englisch und Italienisch verfügbar; Schwedisch,
Niederländisch und Französisch sind in Arbeit). Die Reaktionen
der Benutzer sind fast durchweg sehr positiv
- wer das Gerät einmal in der Hand gehabt und sprechen gehört
hat, versteht in der Regel sofort, welche Vorteile es bringt.
Wer eine noch bessere Sprachausgabe haben will, kann außerdem
eine externe "Speechbox" an das 9110 anschließen, die dann Sprache
in PC-Qualität bietet. Neuerdings kann man schließlich noch
eine sogenannte "Braillezeile" verwenden, das ist ein tragbares Gerät,
auf dem der Bildschirminhalt statt durch Sprache in Punktschrift dargestellt
wird.
Nokia hat zwar die Produktion des 9110 inzwischen eingestellt, dadurch
wird es aber gleichzeitig immer leichter, von den 9210-Umsteigern günstig
gebrauchte Geräte zu erhalten.
Das Programm TALX kostet 580 DM - das mag für typische Geos-Verhältnisse hoch erscheinen, allerdings sollte man dabei berücksichtigen, dass ein speziell für Blinde entwickeltes sprechendes Notizgerät leicht einige tausend Mark kosten kann.
Nähere Informationen gibt es auch im Internet unter http://www.talx.de, oder bei
Brand & Gröber Gbr
Dresdener Str. 2
51373 Leverkusen
mgroeber@bugcom.de