Wie alles begann:
Im Jahr 2002 stieß ich bei Recherchen im Internet auf eine Seite, die internationale Briefkontakte vermittelt. Ich hinterließ mehr aus Neugier auf mögliche Reaktionen einen Eintrag in der Datenbank. Im Laufe der nächsten Wochen meldeten sich einige Personen bei mir, deren Interessen, Alter oder Absichten mit meinen nicht konform waren. Eines Tages fand ich folgende e-mail in meinem Postfach:
"Hi Bernd. I hope you are doing good. I am fine.Writing to you is a young, male Tanzanian citizen,28 years old, married with no kid. I am living in the city of Dar es salaam. I work with The Bank of Tanzania the title of Human Resources Officer. I enjoy music, reading/writing, gymnastics, travelling and exchanging ideas with other people. I query a possibility of being your penpal. Bye for now, Norbert Chunda"
Damit war mein Interesse an Norbert und seinem Land geweckt. Es entstand ein reger Schriftwechsel übers Internet ergänzt durch den Gedankenaustausch in Briefen und Telefonaten. Allein in meinem Postfach lagern inzwischen weit mehr als 200 e-mails aus Tansania.
Anfang des vergangenen Jahres wurde dann die Frage eines Tansania-Besuches erörtert. Norbert lud mich und meine Frau Jessica herzlich dazu ein, sein Heimatland zu besuchen und seine gesamte Familie kennen zu lernen. Was für mich und Jessica zunächst nur eine Schnaps-Idee war bekam nach und nach immer mehr Gestalt und irgendwann fanden wir uns in einer Gelbfieber-Impfstelle wieder. Für uns war inzwischen klar, daß wir die Chance dieses Land persönlich und unverblümt zu bereisen nicht verstreichen lassen durften.
Im August 2003 starteten wir dann mit Gulf-Air von Frankfurt über Bahrain, Abu Dhabi und Nairobi nach Dar es salaam. Wir waren der Meinung, uns gründlich auf dieses Abenteuer vorbereitet zu haben. Bereits der Landeanflug auf Dar es salaam belehrte uns eines Besseren. Was wir von oben sahen, war keine Großstadt mit 3,5 Millionen Einwohnern, wie wir es erwartet hätten. Es waren keine Hochhäuser zu sehen, man sah keine Industrieanlagen und Verkehrsnetze. Auf einer enormen Fläche standen größtenteils kleine Hütten, die meisten mit Gras- oder Blechdächern gedeckt. Norbert erwartete uns strahlend am Airport und fuhr uns mit seinem klapprigen Toyota vom Flughafen zu seinem Haus im Stadtteil Tabata. Die Straße bis kurz vor Tabata war eine der wenigen, wenn auch schlaglöchrigen, geteerten Straßen der Stadt. Die letzten Kilometer führten über bucklige Sandpisten bis vor sein Haus. da Norbert als Human Ressources Officer der Bank von Tansania zu einem der bestbezahlten Männer im Land gehört (ca. 600 US$ pro Monat, Lehrer verdienen ca. 60 US$) hatte sein Haus einen etwas gehobeneren Standard. Es gab eine Mauer um das Grundstück herum, die mitGlasscherben gespickt war, um ungebetene Gäste fern zu halten. Allerdings gab es im Haus keine Fensterscheiben, nur Gitter, kein fließendes Wasser und meistens keinen Strom. Trotz eines leichten Kulturschocks haben wir uns an alle Unannehmlichkeiten sehr schnell gewöhnt und die Gastfreundschaft im Hause Chunda sehr schnell zu schätzen gelernt. Wir begriffen auch den Wert von reinem Wasser, von Taschenlampen in der Nacht und Moskitosprays und -netzen.
Nach einigen Tagen der Aklimatisierung im 30° heißen und schwülem Dar es salaam setztem wir gemeinsam mit Norbert und Geofrey Mbala, einem Freund der Familie, unsere Reise in Richtung der ursprünglichen Heimat Norberts, Mpanda, fort. Die Reise führte uns 18 Stunden mit der TaZaRa-Eisenbahn Richtung Westen bis Mbeya, kurz vor der sambesischen Grenze. Von dort fuhren wir während der nächsten 2 Tage in völlig überfüllten Bussen über Sumbawanga bis nach Mpanda.
Die Zeit, die wir in Mpanda verbrachten war von den verschiedensten Eindrücken geprägt. Wir besuchten viele mit Norbert verwandte Familien und waren von der Gastfreundschaft dieser Menschen überwältigt. In ihren einfachen Lehmhütten bereiteten sie uns für dortige Verhältnisse fürstliche Menus. Wir bekamen Huhn, frischen Fisch, Ugali, Reis, Cassava, etc. vorgesetzt und wussten gleichzeitig, daß die Zeit, die für die Bereitung des Essens verschwendet wurde, durch Abwesenheit von der Arbeit zu einem erheblichen Lohnausfall führte. Wir staunten über die Fröhlichkeit der Kinder, die in den staubigen Straßen barfuß und in zerschlissenen Kleidern mit einem Ball aus zusammengebundenen alten Plastiktüten Fußball spielten oder alte, rostige Fahrradfelgen mit einem Stock über die Wege rollten. Wir lernten Mgangas (Medizinfrauen) kennen und besuchten auch das örtliche Hospital. In 150 Betten werden dort unter armseligsten Bedingungen die Kranken aus einem Einzugsgebiet mit 400 000 Menschen versorgt. Es gibt dort keine Beatmungsbetten und nur einen O.P.. Einen Zahnarzt gibt es genau so wenig wie einen Krankenwagen. Wir trafen uns in Mpanda noch mit einem weiteren Bruder, einer kleinen Nichte und dem Vater von Norbert, die eine 8-stündige Reise auf der Ladefläche eines Pick-Ups auf sich nahen, um uns zu sehen und uns mit Gastgeschenken zu bedenken. Wir wurden von Menschen mit den verschiedensten Dingen beschenkt, die zu dem Zeitpunkt noch nicht wußten, wo sie das Essen für den nächsten Tag herbekommen sollten. Wir konnten einem Bruder Norberts, der als in einem entferntem Dorf angestellter Tischler seine Frau und seine Töchter nur selten sehen konnte, durch eine mitgebrachte Spende von 50 US$ die Selbständigkeit ermöglichen, so daß nun die Versorgung seiner Familie gesichert ist.
Jessica und ich sahen ein, daß es uns Europäern unendlich viel besser geht als den Menschen in Tansania, insbesondere in Mpanda. Wir besprachen mit Norbert auf der Heimreise nach Dar es salaam, wie man den Menschen in Mpanda helfen, wie man Ihnen eine bessere Zukunft in Aussicht stellen könnte. Wir kamen gemeinsam überein, daß die beste und nachhaltigste Hilfe nur darin bestehen kann, den Kindern Mpandas die Chance auf eine bessere Schulbildung zu geben, Ein Sekundarschulabschluß bedeutet für die Kinder Mpandas nicht nur eine vorzeigbare Qualifikation, sondern eine Eintrittskarte in die Welt der arbeitenden oder studierenden Menschen in Tansania und damit die Möglichkeit einen gut bezahlten Job zu bekommen. Mit dem verdienten Geld kann dann die gesamte Großfamilie versorgt , medizinische Behandlungen finanziert und eigene Kinder, Nichten und Neffen zur Schule geschickt werden.
Nach einigen weiteren Tagen in Dar es salaam und auf Sansibar sind wir nach fast 4 Wochen zurückgekehrt und haben etwas später diesen Verein gegründet um unsere in Tansania geschmiedeten Pläne in die Tat umzusetzen.
Bernd Maaß, 1. Vorsitzender DiADEM e.V. |