Institut Deutsche Adelsforschung
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Soziale Aufstiegsprozesse vom Nichtadel in den Adel 

Das Beispiel des Züricher Weichbildes im Spätmittelalter

Die Schweiz kennt als demokratisches Staatswesen keinen Adel. Der Satz ist, so richtig er zunächst auch klingen mag, dennoch nicht ganz richtig. Es existierten hier ebenso wie andernorts im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation landsässige Geschlechter, die als adelig anerkannt waren. Ergänzt wurden diese “uradeligen“ Sozialverbünde seit dem 14. Centenarium um den durch Könige und den deutschen Kaiser geschaffenen Bullenadel. Allerdings war diese „Schaffung“ nicht einfach als eine Proklamation oder eine Adel per Dekret erschaffende Handlung zu verstehen. 

Dies zeigt nun der schweizerische Historiker und Computerlinguist Stefan Frey, zur Zeit im Fürstentum Liechtenstein beschäftigt. Er hat sich jüngst mit derlei sozialen und rechtlichen Übergangsprozessen des Nichtadels in den Adel anhand der Züricher Stadtpatriziats befaßt. Dabei vermißt er in seiner nun gedruckt vorliegenden Züricher Dissertation mithilfe der vier Bourdieuschen Kapitalarten (ökonomisch, sozial, kulturell, symbolisch) die Familien, die sich anschickten, in die städtischen Führungsschichten aufzusteigen und analysiert deren Strategien zur Festigung von symbolischem Kapital. Frey führt jedoch – nach dem Vorbild einer französischen Gegenwartsforscherin und Soziologin – zusätzlich noch eine fünfte Kapitalart ein. [1]

Er nennt diese Art „adeliges Kapital“ und versteht darunter Ahnenreihen, tradierte Frühzeitigkeit (Alter), Familienverbindungen, Adelsgattungen (wie den Uradel, den Bullenadel, den Amtsadel et cetera) und bedeutende Personen des Geschlechts (Seite 14). Dieses Vorgehen erscheint zunächst bestechend, weil die fünfte Kapitalart geeignet erscheint, spezifisch Adeliges aufzunehmen und damit „das Adeligsein“ oder schlicht „die Adeligkeit“ zu repräsentieren. Doch konterkariert Frey mit diesem Schritt die von ihm vordem angenommene Einteilung, weil nun Teile der traditionellen vier Kapitalarten auf das adelige Kapital aufgeteilt werden. Dabei hätte es genügt, hier von symbolischem Kapital zu sprechen, von Ruhm und Prestige, die schließlich Adeligkeit – beziehentlich konkreter die Übereinkunft zwischen Adelsbehauptenden und Adelsanerkennenden – begründen. 

So gehört beispielsweise eine Ahnenreihe, die zumeist materialisiert auftritt (z.B. in Genealogien, als Stammtafeln, als Malereien), zum kulturellen Kapital der Artefakte, wird bei Frey aber daraus herausgelöst. Auch können „berühmte Persönlichkeiten“ nicht mit „adeligem Kapital“ gleichgesetzt werden, da diese stets nur von Nachfahren oder Verwandten in kommunikativen Situationen angeführt werden, es sich damit in erster Linie um soziale Verbindungen und daher auf die Vergangenheit gerichtetes soziales Kapital handelt. Wie hier die Grenze zwischen den Kapitalarten gezogen werden soll, wird von Frey leider nicht erklärt. Es erscheint dagegen viel eher sinnvoll zu sein, Adeligkeit als Qualität zu betrachten, die durch eine spezifische Kombination der Kapitalarten produziert werden kann. 

Eine Erklärung bleibt Frey auch für die Auswahl seiner Quellen schuldig. So untersucht er primär fünf Züricher Stadtgeschlechter, ohne anzugeben, warum er ausgerechnet diese Sozialverbünde herangezogen hat. Damit bleiben die Besonderheiten und Charakteristika unbekannt, die ihnen eigen waren und die sie in den Augen Freys dazu prädestiniert haben, untersucht zu werden. Damit fehlt auch eine Begründung, warum und welche anderen Geschlechter nicht untersucht wurden. Eine weitere Beschränkung der Arbeit besteht darin, daß Frey in seinem Vorwort Austauschprozesse generell anspricht, er jedoch de facto nur soziale Aufstiegsprozesse untersucht, nicht aber Abstiegsprozesse (die in der Adelsforschung leider bislang ohnehin nur selten aufgearbeitet worden sind). [2] 

Gleichwohl stellt Frey einen interessanten Katalog zusammen, der sich zwar an den üblichen Mentalitätskernen des mittelalterlich-frühneuzeitlichen Adels im europäischen Raum orientiert, aber doch – entsprechend der beabsichtigen städtischen Orientierung urban begrenzt – sehr konkret ausgelotet wird. [3] Neben Adels- und Wappenbriefen als performatorischen und adelsbegründenden Schriftakten traten den eingangs erwähnten Grundlagen des Adeligseins noch lebensstil- und lebensweltorientierte Faktoren hinzu. Diese Faktoren waren lokal unterschiedlich. Für Zürich erforschte Frey die Wichtigkeit des Besitzes von städtischen Wohntürmen, das Konnubium mit altadeligen Geschlechtern, den Erwerb von Grundbesitz und Gerichtsherrschaften, den Erwerb von Ritterwürden (Rittererhebungen, die in Zürich noch bis 1521 durchgeführt wurden) sowie die Produktion memorialer Medien in Form von Wappenmalereien, Reliefs, Stiftungen, Kapellen und Erbbegräbnissen. Freys anschließende lobenswerte Analyse von Eigen- und Fremdwahrnehmung legt außerdem den Anspruch der neuen Stadtgeschlechter auf ihre adeligen und Führungsqualitäten dar, der unter anderem über künstliche Verlängerungen ihrer eigenen Familientradition und Genealogien hergestellt worden ist (Seite 89). 

Zu dieser Eigenwahrnehmung gehörte auch die Verwendung des adeligen Turnierhelms statt des bürgerlichen Stechhelms in den Familienwappen. Bei der Fremdwahrnehmung fragt Frey lobenswerterweise auch nach den Ansichten der sozialen Mitwelten, da sie schließlich zur Hälfte (durch Akzeptanz des behaupteten Adels) für die Existenz von Adel mitverantwortlich waren. [4] Frey zählt hierzu die vier Dimensionen der Titualturen, des Heiratskreises, der Stifts- und der Turnierfähigkeit.

Das Ergebnis seiner Studie ist indes nicht einheitlich: Wohl wurden den neuen Familien, die aus dem Bürgertum in den Adel aufstiegen, Titulaturen zuerkannt und sie konnten auch entsprechende Heiraten absolvieren, allein stifts- und turnierfähig waren die Familien (auch wenn einzelne Vertreter durchaus Domherren geworden sind) nicht. Aus diesem Befund kann Frey schließen, daß es nicht möglich ist, Nichtadel und Adel strikt voneinander zu trennen. Vielmehr gab es eine „Grauzone“. Diese könnte man in Ergänzung zu Frey, der die Bewohner*innen dieser Zone als „Nicht-ganz-Adel“ (Seite 155) klassifiziert, in adelsräumlicher Sicht als „Peripherie“ bezeichnen. 

Freys Arbeit ist daher dezidiert kritisch mit dem Adelsbegriff umgegangen und hat die Zwischenstufen ausgeleuchtet, die auch für künftige Forschungen hoffentlich entsprechende Beachtung finden werden. Adel wird eben nicht nur behauptet, er muß auch akzeptiert werden, um überhaupt bestehen zu können. Freys Arbeit hat auch hierzu einen wichtigen Beitrag geliefert, der hoffentlich in der künftigen Adelsforschung mehr beachtet wird; es genügt vielfach nicht, nur den Adel – schlicht komplexitäts- und kontingenzreduziert – lediglich als autopoietischen „Meister der Sichtbarkeit“ zu betrachten. [5]

Seinem Untersuchungsgegenstand bescheinigt Frey zudem Erfolg. Der Einfluß der „Junker“ – diese in offiziellen städtischen Dokumenten auftretende Züricher Bezeichnung ist nicht mit dem norddeutsch-ostelbischen Begriff zu verwechseln [6] – auf die städtische Politik (er untersucht ihre Beteiligung an Tagsatzungsgesandtschaften, Vogteien und im Militär) war groß. Freys an der Universität Zürich als erweiterte Lizenziatsarbeit angenommene Dissertation (er folgt hier dem weit verbreiteten und kommoden Weg, eine kleinere wissenschaftliche Qualifikationsarbeit zu einer vom thematischen Feld her gleichen Doktorarbeit auszubauen) ist zudem, abschließend betrachtet, für eine deutschsprachige akademische Qualifikationsschrift bemerkenswert gesetzt und gestaltet. Der Satz ist durchgehend zweispaltig, die Anmerkungen und Quellennachweise wurden in Endnotenform gegossen, die ganze Arbeit wurde zudem stark farbig bebildert. Diese Konzeption des Chronosverlages Zürich, in dem der Band erschienen ist, erinnert an kunstgeschichtliche Ausstellungskataloge und macht den Band gut lesbar, auch für ein populäres Publikum. [7]

Diese Rezension stammt von Claus Heinrich Bill M.A. B.A. und erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung.

Annotationen: 

  • [1] = Siehe dazu Monique de Saint Martin: Der Adel. Soziologie eines Standes, Konstanz 2003.
  • [2] = Dies änderten z.B. Marcus Funck: Adelsarmut, in: Eckart Conze (Hg.): Kleines Lexikon des Adels, München 2005, Seite 18-19 sowie Johanna Mirjam Singer: Arme adlige Frauen im Deutschen Kaiserreich, Tübingen 2016.
  • [3] = Siehe dazu das Modell Dilcher (1990) bei Claus Heinrich Bill: Rechtliche Grundmerkmale vormodernen Adels, in: Institut Deutsche Adelsforschung (Hg.): Bildatlas zur deutschen Adelsgeschichte 1 – Adelsgrafiken als Beitrag zur komplexreduzierten Aufbereitung von für die Adelsforschung dienlichen Theorien und Modellen, Sønderborg på øen Als 2017, Seite 42-43. sowie b) das Modell Oexle (1990) bei Claus Heinrich Bill: Mentale Grundmerkmale vormodernen Adels, in: Ibidem, Seite 44-45.
  • [4] = Siehe dazu das Modell Bill (2017) bei Claus Heinrich Bill: Adel als Meister der Sichtbarkeit, in: Institut Deutsche Adelsforschung (Hg.): Bildatlas zur deutschen Adelsgeschichte 1 – Adelsgrafiken als Beitrag zur komplexreduzierten Aufbereitung von für die Adelsforschung dienlichen Theorien und Modellen, Sønderborg på øen Als 2017, Seite 36-37 sowie Claus Heinrich Bill: Indikatoren der Sichtbarkeit des Adels, in: Ibidem, Seite 38-39.
  • [5] = So bei Angela Damisch: Repräsentation des Hauses und der Familie. Adlige Erinnerungskulturen, in: Eva Labouvie (Hg.): Adel in Sachsen-Anhalt. Historische Kultur zwischen Repräsentation, Unternehmertum und Familie, Köln / Weimar / Wien 2007, Seite 184. Sie geht (am Beispiel von sepulkralkulturellen Phänomenen), ebenso wie viele andere Adelshistoriker*innen, davon aus, daß allein bereits die seitens des Adels produzierten Repräsentationsmedien faktographisch „Adeligkeit“ – unter Verneinung jeder Reziprozität und jeder Allelopoiese – erschaffen würden. Zur dagegen prozeßorientiert und nicht faktographisch angelegten Allelopoiese siehe Hartmut Böhme: Einladung zur Transformation, in: Hartmut Böhme / Lutz Bergemann / Martin Dönike / Albert Schirrmeister / Georg Toepfer / Marco Walter / Julia Weitbrecht (Hg.): Transformation. Ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels Paderborn 2011, Seite 7-37.
  • [6] = Siehe dazu Manfred Jatzlauk: Junker, in: Friedrich Jaeger (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Band VI., Stuttgart 2007, Spalte 188-190 sowie Heinz Reif: Die Junker, in: Etienne François / Hagen Schulze (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte, Band 1, München 2001, Seite 520-536.
  • [7] = Stefan Frey: Fromme feste Junker – Neuer Stadtadel im spätmittelalterlichen Zürich, Zürich 2017, 216 Seiten, erschienen als Band LXXXIV der Reihe der „Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich“, 106 Abbilldungen, Preis: 43,00 Euro, ISBN: 978-3-0340-1377-2. 

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