Institut Deutsche Adelsforschung
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Mentefakte und Artefakte der Türkenkriege 

Neue Forschungen zum polnisch-litauischen (ukrainischen) Adelssitz Zolkiew

Im Jahre 1852 erschien in der Wiener Zeitung eine beschreibende Notiz über ein Artefakt, das in Form einer Gedenktafel, die, erstellt von einer Deputation der Gemeinden der Bezirkshauptmannschaft St. Pölten, dem niederösterreichischen Statthalter Dr. Eminger übergeben worden war und die aus der Werkstatt des Malers Theodor Petter stammte. In der Notiz heißt es deskriptiv: „Die Mitte des Bildes ziert die auf Silbergrund kalligraphirte Dedikation, umgeben von einem Kranze, in welchem die vom Herrn Statthalter besuchten Ortschaften der Bezirkshauptmannschaft St. Pölten theils allegorisch, theils durch die Hauptbeschäftigung derselben repräsentirt dargestellt sind. Die Worte der Dedikation lauten: `Dem hochverehrten Herrn Statthalter Dr. Joseph Wilh. Eminger zur Erinnerung an die Bereisung der Bezirkshauptmannschaft St. Pölten. Von den unterthänigsten Gemeinden.´ Bänder schlingen sich durch den Kranz, auf welchen die Namen der betreffenden Ortschaften zu lesen sind. Die landesfürstliche Stadt St. Pölten ist durch eine jugendliche weibliche Figur vorgestellt, die ruhig sinnend ein Schwert ihrer Rechten entgleiten läßt, unter welchem auf der Erde liegend ein zerbrochener Türkensäbel zu sehen ist. Mit der Linken stützt sie sich auf den Schild mit dem Stadtwappen, zu ihren Füßen liegt die Mauerkrone. Erzeugnisse des Garten- und Ackerbaues umringen sie, in welchen auf den damit verschlungenen Bändern die Namen Neulengbach und Hainfeld zu lesen sind. Zu beiden Seiten dieser obersten Hauptgruppe des Bildes sind in zwei Kränzen die Landschaften, das Schloß Schönbüchl, Besitz- thum des Herrn Grafen Beroldingen und Klafterbrunn, Besitzthum des Herrn Döbler, vorstellend ...“ (Nomen Nescio: Kleine Chronik, in: Wiener Zeitung, Ausgabe vom 8. Dezember 1852, Seite 3449)

Was hier beschrieben wurde, war eine identitätsbildende Maßnahme der Gedächtnis- und bewußten Erinnerungskultur, nicht nur für Eminger als Reisenden, sondern auch für die sich selbst allegorisch darstellende niederösterreichische Gemeinde St. Pölten, in deren Erinnerung die militärische Abwehr der Türkenkriege durch die mächtige Stadtmauer in den Jahren 1529 und 1683 mentefaktisch lebendig geblieben war.
Wie daraus ersichtlich ist, haben somit auch enzyklisch wahrgenommene interkulturelle Kontakte Spuren „des Anderen“ im „Eigenen“ hinterlassen. Man könnte dies auch eine Art negative Inklusion nennen. Dabei wurde das ehemals abgelehnte „Andere“ Bestandteil eigener kultureller Codices, ein Vorgang, der in der Transformationsforschung als einer von vielen allelopoietischen Übernahmeformen bereits bekannt ist (siehe dazu Hartmut Böhme / Lutz Bergemann / Martin Dönike / Albert Schirrmeister / Gorg Toepfer / Marco Walter / Julia Weitbrecht [Herausgebende]: Transformation. Ein Konzept zur Erforschung kulturellen Wandels, Paderborn 2011 ).

Auch in der interkulturell orientierten historischen Forschung spielte diese Frage bisher eine Rolle. Für viele Bereiche wurde sie bereits beantwortet. So ist „der Okzident“, wenn man denn dieses gedankliche Diametralordnungsmuster überhaupt noch als in den Geisteswissenschaften nicht sehr handhabungsfähiges und konstruiertes Stereotyp verwenden will,  maßgeblich durch „den Orient“ beeinflußt, sowohl was die europäische Moderne als auch deren Identität anlangt. Ohne Zink aus Südostasien hätte es in Europa keine Konservendosen gegeben, ohne Kupfer und Salpeter aus Südamerika keine Kabel und Kunstdünger und dergleichen mehr, von in Europa benutzten Genußmitteln wie Zuckerrohr, Kakao oder Schokolade ganz zu schweigen.

Die Berliner Kunsthistorikerin Sabine Jagodzinski hat sich zur Analyse dieser interkulturellen Beeinflussungen nun ein besonderes Feld ausgesucht, welches sie als militärische Memoria eines heute in der Ukraine gelegenen ehemals polnisch-litauischen Adelssitzes umreißt. Ihr Anliegen in ihrer 2012/13 an der Humboldt-Universität zu Berlin angenommenen Dissertation mit dem Titel „Die Türkenkriege im Spiegel der polnisch-litauischen Adelskultur. Kommemoration und Repräsentation bei den Zolkiewski, Sobieski und Radziwill“ (verlegt beim Jan Thorbeke Verlag zu Tübingen 2014, 258 Seiten, mit 24 großen Farbtafeln und vielen schwarzweißen Abbildungen im Text, 49 Euro) ist es, mit Hilfe der Erinnerungs- oder Gedächtnistheorie Artefakte zu untersuchen, so daß sich aus ihrer Arbeit ein interdisziplinärer Versuch ergibt, geschichtliche Theorien mit kunstgeschichtlichen Untersuchungsformen zu einer gekonnten Melange zu verbinden. Jagodzinski zeigt dabei auf, wie das ehedem „Feindliche“ in „das Eigene“ integriert wurde, was in Zolkiew über Schmucklelemente an der Architektur, über osmanische Beutezelte — die bei eigenen Festen zur Vergrößerung von Gästeräumen benützt wurden — oder die Plazierung von Gemälden geschah. So wurde nach und nach das vormals „Angstmachende“ ins „Eigene“ integriert, wenn auch sehr unterschiedlich rezipiert, überall jedoch transformiert, so daß es der Wiederherstellung gefährdeten Kohärenzgefühls dienlich sein konnte. Künstlerische Artefakte dienten auf diese Weise und durch die Verarbeitung und je eigene kultürliche Aneignung einer Reinigung und Integration traumatischer Erlebnisse durch Modifikation in einer selbstgesteuerten Krisenausgangsphase (nach Erika Schuchardt). 

Daß dabei sogar negative Erfahrungen — wie der Gefallenentod — später zu positivem Gedenken im Sinne einer gedächtniskulturellen Maßnahme zur Erhaltung von Memoria und zur Installierung von genealogischen Balke´scher Gründungserzählungen transformiert werden konnte, belegt eindrucksvoll Jagodzinskis Analyse des Sarkophags von Stanislaw Zolkiewski (1620/21).  Aber nicht nur das Bild ehemaliger militärischer „Gegner“ wandelte sich in der Memoriapolitik der Zolkiewer Gutsherren aus den drei behandelten Familien Zolkiewski, Sobieski und Radziwill, auch das Bild der eigenen Vorfahren wurde von den Epochen der Nachgeborenen je unterschiedlich interpretiert und konstruiert.

Bemerkenswert und prüfenswert ist Jagodzinskis Ansatz zur Schaffung eines neuen Begriffes in der Erinnerungs- und Gedächtnisforschung. Sie schlägt dazu das Wort „Kommemorationsort“ vor, der für manche Entitäten passender erscheine als der von Pierre Nora eingeführte Terminus technicus „Erinnerungsort“. „Kommemorationsorte“ seien nach Jagodzinski (Seite 130-131) zwar auch Orte aktiver Erinnerung, aber sie seien nicht national wie diese gebunden, sondern hätten viel kleinere und flexiblere Bezugsgruppen (z.B. die Adelsrepubliken). Dieser Einwand ist nicht ganz von der Hand zu weisen, da das Konzept der Erinnerungsorte in der Tat bislang stets national verankert wurde (siehe dazu  Andreas Gipper: Erinnerungsort, in Stephan Günzel [Hg]: Lexikon der Raumphilosophie, Darmstadt 2012, Seite 104-105). Dieser Umstand wirft tatsächlich die Frage auf, wie in der geisteswissenschaftlichen Forschung mit anderen als national aufgeladenen Erinnerungsorten verfahren werden soll. Außerdem seien, so Jagodzinski weiter in ihrer Ablehung des Begriffes „Erinnerungsort“ für Zolkiew, teils die zu erinnernden Ereignisse sehr nah am Erlebnishorizont der Erinnernden, also in Form kollektiver Gedächtnisinhalte verankert. Mindestens der zweite Grund erscheint aber irrelevant. So war in den frühen 2010er Jahren auch noch die Berliner Mauer ein Erinnerungsort der kombinierten BRD-DDR-Geschichte, den viele Zeitgenoss*Innen noch selbst miterlebt haben. Das spricht nicht gegen die Berliner Mauer als deutsch-deutschen Erinnerungsort.

Kritisch zu bemerken bleibt zum Schluß auch noch, daß Jagodzinski leider nicht das oberwähnte Allelopoiesemodell benutzt hat, um die Art der Transformationen „des Anderen“ zu untersuchen, was bei der großen Tiefe des Modells mit mehreren Dimensionen sicherlich eine deutlichere Unterscheidung in den einzelnen Rezeptionsarten gebracht hätte. Weiters kann Jagodzinski nicht plausibel nachweisen, weshalb sie den Adelsitz Zolkiew für ihre „sondenartige“ Untersuchtung ausgewählt hat, außer, daß sie anführt, daß es über verschiedene Zeiten Artefakte geben würde, die eine Untersuchung ermöglichten. Auf die mögliche Bedeutung in historischer oder kunsthistorischer Sicht geht sie nicht ein. Hier dann trotzdem noch im Titel von „polnisch-litauischer Adelskultur“ zu sprechen, erscheint irreführend. 

Auch der im Buch verwendete Begriff der Kommemoration erschient verfehlt. Kommemoration bezeichnet  gemäß dem Duden eine „Fürbitte in der katholischen Messe“ oder eine „kirchliche Gedächtnisfeier“ (Duden Rechtschreibung, Mannheim / Wien / Zürich 19.Auflage 1986, Seite 392). Dies ist aber in dem Buch mit dem Begriff gar nicht gemeint, sondern gemeint ist vielmehr die profanweltliche Memoria oder Gedächtniskultur(Siehe dazu das Lemma „Gedächtnis (Memoria)“ bei Friedrich Jaeger (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Band IV., Stuttgart 2006, Spalte 234-242).

Da hilft es auch nichts, wenn  Jagodzinski behauptet (Seite 9), daß Memoria ein Teil der Kommermoration sei. Dies erscheint unpassend (wenngleich konstruktivistisch möglich), vielmehr ergibt es mehr Sinn, die Kommemorationen als Teil der Memoria zu bezeichnen, weil Maßnahmen der Erinnerungsstiftung und -erhaltung nicht nur religiös konnotiert sein mußten. Das zeigt Jagodzinski selbst schließlich daran, daß sie sich auch mit nichtkirchlichen und areligiösen Artefakten aus den Türkenkriegen befaßt, z.B. mit Pferdedecken oder goldenen Ketten (Seite 105). Aber selbst auch die in Kirchen aufgestellten Grabmäler und Epitaphien, die die Verfasserin der Arbeit ebenfalls behandelt (Seite 80), sind keine „kirchliche Gedächtnisfeier“, sie sind — bestenfalls — sakrale Gedächtnismittel.

Unverkennbar ist jedoch, daß  Jagodzinski mit ihrer Arbeit insgesamt eine Schnittstelle zwischen Erinnerungsforschung und Kunsthistorie in gekonnter Weise miteinander verknüpft hat. So kann ihre akademische Qualifikationsstudie Beispiel sein für weitere Analysen in ähnlicher Richtung, die interdisziplinär zwei — ohnehin verwandte — Wissenschaftsrichtungen noch enger miteinander verknüpfen kann. Zu wünschen ist daher für die Zukunft, daß auch andere „türkengefahrliche“ ebenso wie „türkenkriegliche“ Erinnerungsorte als Hybridisierungen zwischen historischen Artefakten und Mentefakten ebenso in ähnlicher Manier untersucht werden könnten; von der Wirkung auf das Allegorieverständnis Sankt Pöltens und das damit verbundene kommunale Selbstverständnis zur Mitte des XIX. Jahrhunderts war bereits oben die Rede.

Diese Rezension, verfaßt von B.A. Claus Heinrich Bill, erscheint zugleich in unserer instutseigenen Zeitschrift für deutsche Adelsforschung.


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