Institut Deutsche Adelsforschung
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Der westfälische Adel in der Auseinandersetzung mit der Moderne 

Beobachtete Strategien der Familie v.Vincke 

Eine Woche vor dem Heiligen Abend 1844 brachten viele deutschsprachige Zeitungen folgende Todes-Nachricht aus Preußen: "Der Ober-Präsident von Westphalen, Freiherr von Vincke, welcher vor Kurzem bei einer Inspektionsreise durch einen Sturz aus dem Wagen schwere Verletzungen erhielt, ist an den Folgen derselben am 2. Dez.[ember] in Münster gestorben." [1] 

Kurz darauf schon sollte dem Verblichenen ein antikisierendes Denkmal auf der Ruhrorter Hafenmole gewidmet. Vorbereitungen dafür traf der preußische König  Friedrich Wilhelm IV. bereits im Sommer des darauffolgenden Jahres 1845 in Düsseldorf: "Am heutigen Morgen fand ungeachtet des eingetretenen schlechten Wetters große Parade über die hiesigen Garnisonstruppen Statt und II. MM. verließen darauf um 9 Uhr mit dem Dampfschiff die Stadt und setzten die Reise nach Ruhrort fort, wo Se. Majestät den Grundstein zu dem Denkmal legen wird, das dort die Ruhrgegend dem Andenken des um sie hochverdienten jüngst verstorbenen Oberpräsidenten der Provinz Westphalen, Freiherrn von Vincke, setzt." [2]

Deutlich wird hieran, daß es sich - zumindest in den Augen des preußischen Monarchen - um einen bedeutenden Adelsvertreter und Beamten gehandelt haben muß. Vincke lebte und starb dabei als ein typischer Vertreter des Adels in einer globalen Umbruchszeit, die von gesellschaftlichen, politischen und ökonomischer Veränderung geprägt war, in einer Zeit sozioökonomischer Modifikationen größeren Stils.

Und es war in der Vergangenheit und ist offensichtlich noch immer, auch im XXI. Jahrhundert, gerade Reinhart Kosellecks Sattelzeitbegriff von 1972, [3] der diese Veränderungen beschrieb und der vielfach faszinierend wirkte und wirkt auf die geschichtswissenschaftliche Forschung, die sich vor allem für Transformationen und damit den Wandel in den Lebensbedingungen einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft interessiert. Die Kontinuitäten, so scheint es, sind ohnehin für die Historiographie, von geringerer Bedeutung. Freilich ist zuzugeben, daß gerade durch einen Wandel Strukturen offenbar werden, die sonst unentdeckt geblieben wären. Und wie so oft gilt auch hier, daß die Erfahrung der Alterität des Besondere gerade am Eigenen erkennen läßt.

Dieses Prinzip legt auch die Historikerin Olga Weckenbrock M.A. ihrer Dissertation zu Grunde, die 2012 an der Universität zu Osnabrück eingereicht wurde, aber erst Ende 2014 gedruckt vorgelegt werden konnte. Die gebürtig aus Rußland stammende Verfasserin mit dem Mädchennamen Sommerfeld (*1979), zur Zeit Mitarbeiterin am Interdisziplinären Institut für Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit an ihrer niedersächsischen Promotionshochschule, ist in ihrem Thema zu Hause, denn sie befaßte sich auch bisher vor allem mit Gender-, Adels- und Generationengeschichte, ist auch schon mehrfach als Herausgeberin von adelsspezifischen Bänden hervorgetreten. 

Nun hat der Aschendorff-Verlag in Münster in Westfalen ihre akademische Qualifikationsschrift zur Dr.in phil. verlegt, die in der Reihe „Westfalen in der Vormoderne“ als Band XX. der Studien zur mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Landesgeschichte unter dem Titel „Adel auf dem Prüfstand“ erschienen ist, für 44 Euro kartoniert zu erwerben ist und 320 Seiten umfaßt.

Das Interesse der Verfasserin richtet sich darin auf eben jene angesprochenen Wandlungen des Adelsstandes als einer Elite, die zunehmend in der sich formierenden Moderne Konkurrenz von einem Bürgertum erhielt, welches politische Machtansprüche, aber auch ökonomische Partizipation einforderte und auch erlangen konnte, letztlich auch einen Republikanisierungs- und Demokratisierungsprozess mit in Gang setzte, der, besehen auf die Zeit einer „longue druée“, zu einem allgemeinen Bedeutungs- und Stellungsverlust „des Adels“ führte. Dies alles versucht Weckenbock anhand zweier bedeutender Biographien nachzuzeichnen und hat sich dafür die Gebrüder Ernst Freiherr v.Vincke (1738-1813) sowie Ludwig Freiherr v.Vincke (1774-1844) ausgewählt, um deren Leben und Wirken vor „entsicherter Ständegesellschaft“ (so nach einem passenden Ausdruck von Ewald Frie) zu beobachten und zu analysieren. Sie greift dabei auf Vorarbeiten aus ihrer eigenen Feder von 2008 zurück. [4] Derlei reduktionistische Vorgehensweisen sind nicht unproblematisch, besteht doch hier immer die Gefahr einer unzulässigen Verallgemeinerung des Besonderen, welches zum Allgemeinen aufgewertet wird, die in der Frage nach der geeigneten Repräsentativität gipfelt. 

Die beiden Vinckes nun, Vater und Sohn, aus altem westfälischem Adel stammend, wurden zum Untersuchungsgegenstand, weil an ihnen paradigmatisch gezeigt werden sollte, wie sich die gedachten Umbrüche  vollzogen, aber auch welche intergenerationellen Konflikte oder Auffassungswandlungen stattfanden, aber zugleich auch wie der westfälische Adel als Stand auf die Herausforderungen der Zeit reagierte. Im Vordergrund der Analyse steht bei Weckenbrock daher die Frage der Prolongierung oder eben auch Nichtprolongierung altadeliger Werte und Moralkodices sowie die Frage, ob Adeligkeit in der Arbeits- und Lebenskultur der beiden Herren eine Rolle spielte. 

Auch die Frage der ökonomisch unsicheren nachgeborenen Söhne, die kein Gut erbten, wollte Weckenbrock anschneiden und einer Untersuchung unterziehen, was konkret in der Frage mündete, ob eher standesspezifische Wege eingeschlagen wurden oder sich die jüngeren Generationen bewußt einer bürgerlichen (soll heißen dem Leistungsethos unterworfenen) Leitkultur anschlossen? Um diese Leitfragen beantworten zu können, hat sich Weckenbrock dem bekannten und beliebten soziologischen Habitusmodell von Pierre Bourdieu zugewandt und versucht darüber, kulturelle Praktiken als Ausdrucksmittel von Elitenbildung und -erhaltung zu deuten; damit verortet sie sich selbst als Vertreterin einer interdisziplinär arbeitenden geschichtlich-soziologischen „Neuen Kulturgeschichte“, [5] die bereits vielfache fruchtbare Ansätze und Analysen geliefert hat. Allerdings kombiniert sie dieses Konzept mit dem Individualakteursmodell von Alois Hahn (siehe dazu Seite 23-24 bei Weckenbrock).

Weil aber nun „Habitus“ im Bourdieuschen Sinne immer auch sozialisiert wurde, interessiert sich Weckenbrock, die ihre Magisterarbeit 2004/05 über adelswitwenökonomische Fragen schrieb, daher explizit zunächst für die  Kindheiten der beiden Verwandten, von denen zumindest der Sohn Ludwig als Kammerpräsident und schließlich als reformerischer Steinhardenbergler erster westfälischer Oberpräsident von einiger öffentlicher Bedeutung gewesen ist (Seite 128-223). Aber auch der Vater Ernst wird von Weckenbrock in seiner Bedeutung und seinen adelskulturellen Strategien als Ritterschaftsfunktionär, Domdechant, Landdrost und Diplomat geschildert (Seite 42-127). 

In diesen beiden Biographien legt die Verfasserin gemäß ihrer oben erwähnten methodischen Programmatik besonderen Wert auf die Feststellung habitueller Dimensionen, so daß sie nicht nur den Werdegang anhand von Fremd- und Selbstzeugnissen, sondern auch die jeweilige familiäre Umgebung betrachtet und mit einbezieht; dazu zählen auch Betrachtungen zur Rolle der beiden Vinckes als Ehemann und Vater vieler Kinder. Vor allem der Einbezug von Selbstzeugnissen, teils gedruckt vorliegend, teils auch erst im Vincke-Nachlaß von Weckenbrock im nordrhein-westfälischen Landesarchiv in Münster ermittelt und ausgewertet, gestattet einen geradezu intimen Einblick in die inneren Befindlichkeiten der beiden Politiker. Nach diesen beiden großen biographischen Kapiteln kann als Kernstück der Dissertation der Abschnitt „Strategien der adeligen Selbstbehauptung“ betrachtet werden (Seite 224-282), in dem unter anderem im Bereich der untersuchten Distinktionsmittel ein überaus lesenswertes Kapitel über Adelsmode im Gegensatz zur Bürgermode enthalten ist (Seite 241-248).
Weckenbrock kommt schließlich zu dem Ergebnis, daß sowohl Vater als auch Sohn Vincke zu bedeutenden persönlichen Anpassungsleistungen fähig waren, die sie auf die globalen sozioökonomischen Herausforderungen der Zeit, sowohl privat als auch in ihrem Ämtern, anwendeten. Beide erkannten beispielsweise, daß sie sich nicht mehr nur auf ihre Herkunft und die damit verbundenen Ämter verlassen konnten, sondern daß auch das genuin bürgerliche Leistungs- und Arbeitsethos zu Fachausbildungen führen mußte, wollte man noch länger reüssieren und den wachsenden Aufgaben einer zeitgemäßen Verwaltung gerecht werden. Die beiden Vinckes  waren also in der Lage gewesen, so Weckenbrock, „standesgemäß“ zu „verbürgerlichen“, ohne dabei jedoch ihre eigene Identität radikal aufgeben zu müssen. 

Diese moderat-mutige Offenheit gegenüber neuen Ideen und Strategien mag vielleicht auch ein Grund dafür sein, daß im Jahre 1847 schließlich dem Vinckesohn das vordem angeführte projektierte Denkmal an der Ruhr tatsächlich errichtet wurde: „Um die Schiffbarmachung der Ruhr“, so ein Berichterstatter von 1865, „und um die Herstellung des Hafens in Ruhrort, der für die Stadt von so großer Wichtigkeit ist, hat sich der frühere Oberpräsident von Westphalen, Ludwig von Vincke, sehr große Verdienste erworben, und die Bewohner von Ruhrort haben ihm zu Ehren dafür aus Dankbarkeit im Jahre 1847 eine schöne Granitsäule errichtet, welche die großen Verdienste jenes ausgezeichneten Mannes auch späteren Nachkommen in´s Gedächtniß rufen wird. “ [6] 

Auch Weckenbrock hat sich an diesem Ziel der Ruhrorter 167 Jahre später an dieser memorialkulturellen Handlung beteiligt, dessen Lebensbild aber unter einer neuen kulturgeschichtlichen Fragestellung gekonnt beleuchtet. Ihre Dissertation kann daher nicht nur als gelungener Beitrag zur Vinckeforschung, sondern auch zur neuzeitlichen Adelsforschung der „Sattelzeit“ betrachtet werden. Diesem ideellen Denkmal Weckenbrocks steht auch heute noch das materielle Denkmal für den Vinckesohn zur Seite. Obgleich einst durch Kriegsbedingtheiten im zweiten Weltkrieg eingeschmolzen und erst in der jungen Bundesrepublik als Kopie wieder neu erschaffen und errichtet, steht die Säule bis heute mit der füllhorntragenden Allegorie der „Felicitas publica“ in Ruhrort, auf dem heutigen Vinckeplatz, im Dreieck zwischen Dr.-Hammacher-, Kruse- und Hafenstraße.

Diese Rezension erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung und stammt von Claus Heinrich Bill, B.A.

Annotationen:

  • [1] = Klagenfurter Zeitung (Klagenfurt), Ausgabe Nr. 100 vom 15. Dezember 1844, Seite 401
  • [2] = Österreichischer Beobachter (Wien), Ausgabe Nr. 224 vom 12. August 1845, Seite 886
  • [3] = Siehe dazu das Lemma „Sattelzeit“ bei Friedrich Jaeger (Hg.): Enzyklopädie der Neuzeit, Band XI., Stuttgart 2010, Spalte 610-613
  • [4] = Olga Weckenbrock: „... der Universität wegen und nicht des Hofes“. Die Wahrnehmung der sozialen Umwelt von Vater und Sohn von Vincke in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Heike Düselder / Olga Weckenbrock / Siegrid Westphal (Herausgebende): Adel und Umwelt. Horizonte adeliger Existenz in der Frühen Neuzeit, Köln / Weimar / Wien 2008,  Seite 313-338
  • [5] = Siehe dazu das gleichnamige Lemma bei Michael Maurer (Herausgebender): Aufriß der Historischen Wissenschaften, Band III., Stuttgart 2004, Seite 339-418 sowie bei Richard van Dülmen (Herausgebender): Fischer Lexikon Geschichte, Frankfurt am Main 1990, Seite 65-72
  • [6] = Eduard Amthor (Herausgebender): Vorwärts! Magazin für Kaufleute. Illustrirte Mittheilungen, Abhandlungen und Schilderungen aus dem Gesammtgebiete der Handelsthätigkeit, Neueste Folge, Band I., Stuttgart / Leipzig 1865, Seite 242

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