Institut Deutsche Adelsforschung
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Veelens soziologische Theorie des Similimenschen

Social Engeneering mit Adels- und anderen Indikatoren

Eine Wiener Zeitung berichtete im Jahre 1894 von einem Mann aus Polen, der über Jahre hinweg seine soziale Umgebung als Similimensch betrogen hatte, nicht nur, was seine angeblich adelige Identität anlangte, sondern auch, was seine finanziellen Verhältnisse anging. [1] Sein vornehmstes Merkmal war, daß er des Öfteren von seinen (meist kurzfristigen) Lebensorten verschwand, international tätig war und ein Wanderleben führte. Denn überall, wo seine gespielte Rolle als „Adeliger“ dekonstruiert werden konnte, sah er sich in Gefahr und wechselte Räume und Bezugspersonen. Dabei spielte er als Similimensch seinen sozialen Mitwelten eine hochstehende Persönlichkeit aus der niederen Nobilität vor, die er nicht war, die er aber eben jenen Welten mithilfe bestimmter Indikatoren dennoch – zumindest eine Zeit lang – glaubhaft vermitteln konnte. Außerdem erlangte er dadurch geldwerte Vorteile von seinen Opfern, weil er das Konzept des Social Engeneering einsetzte und damit die Kunst der sozialen Beeinflussung verstand. [2]

Dazu schrieb die erwähnte Zeitung über sein Wirken in Polen, in Bayern, im Lippeschen und in Niederösterreich: „In der ersten Hälfte dieses Jahres trat in Klosterneuburg und Umgebung und zeitweilig auch in Wien ein Mann unter dem Namen Sigmund Krotowski Ritter von Stoll auf und gab sich allgemein und besonders angesehenen Leuten gegenüber für einen vermögenden Gutsbesitzer aus, dessen Eigenthum das in Russisch-Polen gelegene Landgut Dobrun sei. Der angebliche Ritter v.Krotowski war aus Deutschland gekommen, wo er sich verlobt hatte, und ein Privatier Arthur S. in Baiern, den er als Freund der Familie seiner Braut kennen gelernt und wie so manchen Andern beschwindelt hatte, begann, nachdem Krotowski geflüchtet war, Zweifel in die Person des Ritters zu setzen und sich angelegentlichst damit zu befassen, dessen Incognito zu lüften. Das gelang dem Privatier und es stellte sich heraus, daß der `Gutsbesitzer´ ein gemeingefährlicher Hochstapler war, der vor und nach seinem Gastspiel in Baiern mit der größten Dreistigkeit in alle Welt prellen ging. Sigismund Krotowski, dies der richtige Name des Industrieritters, [3] war ein Landgut-Parcelli[e]rungs-Mäkler in Lodz, wo er wegen großer Gaunereien, die er unter Anderem als `Kammerherr S.´ begangen hatte, durchgehen mußte. 

Schon dort speculi[e]rte er auf reiche Heirat und schlich sich in die Familie eines reichen Großgrundbesitzers ein, mit dessen Tochter und Erbin er sich verlobte. Zufällig entlarvte ihn ein Warschauer Kaufmann und Krotowski verschwand bei Nacht und Nebel. Die nächsten Jahre verwendete er darauf, Güterschwindeleien in Szydlow, Jermonice und Dobrun auszuführen, daneben etwa 10.000 Rubel zu veruntreuen und sich im Auslande ein neues Arbeitsgebiet zu suchen. Seine Familie wurde dabei in Mitleidenschaft gezogen, denn sie bezahlte seine Schulden, in der Hoffnung, durch die Mitgift von Sigismunds `Braut in Detmold´ bezahlt zu werden und seitdem hatte man in der Heimat seiner vergessen, wäre nicht von Zeit zu Zeit eine Anfrage um die Persönlichkeit und die Verhältnisse des `Ritters v.Krotowski´ nach Lodz gekommen. Durch seine äußeren gewandten Formen, weltmännisches Auftreten, sympathische Erscheinung, Einlaß in die besten Kreise findend, verlobte er sich in Deutschland mit einer Dame der ersten rheinischen Gesellschaft. 

Er kaufte in Klosterneuburg aus den Mitteln seiner ihm sehr ergebenen und trotz aller Warnungen innig anhänglichen Braut, einer jungen Witwe, den Paulinenhof, den er `Hof Stoll´ nannte, kam mit ihr, die in Detmold ihre Villa hatte, aber ihre kostbare Einrichtung, Wagen, Pferde u.s.w. mit nach Wien nahm, und mit ihren beiden Kindern aus erster Ehe hie[r]her und soll, um sich der Auslieferung nach Rußland zu entziehen, das Bürgerrecht in Oesterreich erworben haben. Sein gegenwärtiger Aufenthalt ist unbekannt. Es heißt, daß der Hochstapler seinen Adel und seinen Besitz mit gefälschten Documenten nachgewiesen, und daß ein in Krakau lebender mitschuldiger Verwandter ihm die falschen Papiere beschafft  habe. Nach einem amtlichen Documente des Stadtmagistrates von Klosterneuburg war zur Zeit, als Krotowski von seiner Braut eine sehr bedeutende Summe zum Ankauf des Paulinenhofes übernommen hatte und als er sich schon für den Besitzer dieses Objectes ausgab, noch ein Herr Josef H. als Besitzer der Realität grundbücherlich eingetragen. Welche Bewandtniß es also mit diesem Hauskaufe für die künftige Gattin hatte, ist bis heute noch räthselhaft. Nach und nach ergaben die privaten und amtlichen Erhebungen, für Alle klar, nur nicht für die blind ergebene Braut, vielleicht schon jetzt seine Frau, daß er ein Betrüger ärgster Sorte ist. 

Das kaiserl. deutsche General-Consulat in Warschau gab bekannt, daß Krotowski bürgerlicher Herkunft und kein Gutsbesitzer war, sondern nur Beamter der übrigens in den Zeitungen öffentlich vor ihm warnenden Witwe Kossobudzka (Dobrun). Er war also auch nicht berechtigt, seine Verlobungsanzeige zu unterfertigen: Zygmunt Ritter Krotowski v.Stoll, Schloß Dobrun, Russisch Polen. Eine andere Auskunft von Lodz sagte, daß er sich höchstens `Industrieritter v.Stoll´ nennen dürfe, daß er gerichtlich verfolgt werde und daß der Rechtsanwalt Hofrath F. H. v.Maternicki die genaueste Auskunft über sein ritterliches Vorleben geben könne. Ein Dritter nannte ihn `einen Hochstapler ersten Ranges´, vor dem nicht genug gewarnt werden könne, und ein Vierter erzählte Stoll (Krotowski) habe von Jugend auf einen hellen Kopf und feine Manieren, aber Hang zum Leichtsinn gehabt, habe weite Reisen nach England und Amerika gemacht und habe es durch sein Auftreten verstanden, sich so lange in guter Gesellschaft zu halten, bis Leichtsinn und Leichtlebigkeit ihn zum Betruge verleiteten. Er habe für große Firmen gearbeitet und werde nun wegen Veruntreuung steckbrieflich verfolgt. 

Er war aber mit seinen Opfern nicht wählerisch und eine in Warschau lebende arme Witwe, die sich durch ihrer Hände Arbeit sauer ihr Brot verdienen mußte, prellte er durch die gröbsten Betrügereien und Wechselfälschungen um ihr letztes Baargeld [sic!]. Die Frau darbte daheim und der unverbesserliche Krotowski saß indessen in Nizza und verspielte das gestohlene Geld. In Nizza lernte er auch im Winter 1893 seine Braut kennen. Er führte sich als Cavalier ein und sandte einem Schwager seiner Braut ein Reitpferd, welches er `auf seinen Gütern in Schloß Dobrun selbst aufgezogen hatte´. Es war aber in Krakau gekauft, d. h. auf Credit, also herausgelockt! Stets lebte er auf vornehmstem Fuße und wußte alle Bedenken gegen seine Herkunft, seine Mittel und seine Unternehmungen, ernst und scherzend zu zerstreuen. 

In einer heiklen Situation, als man ihm einmal vorwarf, er würde noch mit den Behörden zu thun [sic!] bekommen , äußerte sich der freche Bursche, das könne er sich durch seine Bekanntschaften richten. Bald mit anmaßendem Stolz, bald mit gut gespielter Frömmelei, immer mit Lug und Trug richtete er seine Opfer, ganze Familien zu Grunde. Er bezeichnete einmal Alles, was gegen ihn vorgebracht wurde, als Verleumdung und schrieb: `Meinen Feinden wird es nicht gelingen, mich unglücklich zu machen´. 

Der eingangs erwähnte bairische Privatier S., der sich um die Entlarvung des gefährlichen internationalen Industrieritters große Verdienste erworben hat, ist allein um mehr als 26.000 Mark geschädigt. In Detmold hat die Staatsanwaltschaft Krotowski auf eine Depesche des Polizeimeisters von Lodz arreti[e]rt und vier Tage in Haft behalten, dann wurde er auf eine Caution, die seine Braut für ihn erlegte, freigelassen und brannte nach Oesterreich durch, um in Klosterneuburg die dunkle Sache mit dem Hauskauf zu beginnen. Wie immer `Sigismund Krotowski Ritter v.Stoll´ künftighin aufzutreten gedenke, ob mit seiner Braut, ob als Ehemann oder ledig, diese Zeilen mögen zur nachdrücklichen Warnung dienen, daß er ein gerichtsbekannter Verbrecher und einer der gefährlichsten Hochstapler ist.“ [4]

Umfängliche Berichte über Similimenschen – so wie diese Narration über Sigmund Krotowski – sind in den historischen Quellen äußert vielfältig zu eruieren und oftmals von einer Detailfreudigkeit, die es ermöglicht, nicht nur, wie in einem aktuellen Forschungsprojekt in unserem Hause, quantitative Untersuchungen mehrerer hundert Fälle dieser Art durchzuführen, sondern sich auch einer reizvoll erscheinenden Konfrontation der Praxis mit der Theorie zu widmen. Solch eine Verknüpfung bietet sich nun mit dem Werk über die Theorie der Hochstapelei der Dipl.-Soziologin Sonja Veelen von der hessischen Universität Marburg an, die einige grundlegenden Gedanken ihres Spezialgebietes sowohl in ihrer ungedruckten Diplomarbeit (2007) und der publizierten Buchform derselben (2012) dargelegt hat als auch noch in ihrer laufenden Promotion darlegen wird. 

Und in der Tat kann ihr Buch „Hochstapler. Wie sie uns täuschen. Eine soziologische Analyse“ [5] als wichtiger neuer Beitrag zu einer Theorie der Similimenschen verstanden und betrachtet werden. [6] Nun ist zwar das Thema in der populären Literatur wie in der Filmkunst oder im Theater ein beliebtes Sujet, erscheinen doch vielfach einzelne „Geschichten“, die aufgrund ihres exotistisch-exemplarischen oder auch lokalkoloritischen Charakters gern gesehene Lektüren sind. [7] Und natürlich hat sich auch die Kriminologie mit dieser Gruppe befaßt. In der übrigen Wissenschaft ist das Thema aber eher wenig behandelt worden, sieht man einmal von der Literaturwissenschaft und der Psychologie über Pseudolog*innen ab. [8] 

Beispielhaft sei allerdings auf Siegel (1962) verwiesen, der in seiner rechtswissenschaftlichen Dissertation eine Typologie von Similimenschen entworfen hat, dabei aber weniger juristisch als mehr psychopathologische Erkenntnisse gewonnen hat. Er kam außerdem zu dem Ergebnis, daß es einfach sei, eine Tattypologie zu erstellen, schwerer indes, eine Tätertypologie zu entwerfen. Dennoch hält er Similimänner (Frauen spielen bei ihm keine Rolle) grundsätzlich für „pathologische Lügner“ und „Charakterverbrecher“. [9]

Veelen nun geht das Thema sozialwissenschaftlich an und interessiert sich vor allem für die Wechselwirkungen zwischen Tätern (auch bei ihr spielen erstaunlicherweise Frauen keine Rolle) [10] und Opfern sowie dem sozialen Setting, in denen Similimenschen als Grenzfiguren in sozialen Räumen agieren. [11] Veelen legt dabei offen, welche Strategien verwendet wurden, welche Effekte griffen, welche „Gefahren“ zur Aufdeckung der Klandestinität bestanden und wie die Opakheit aufgehoben werden konnte. 

Sie analysiert kurzum die Frage, wie Similimenschentum funktioniert und warum es funktioniert. Dies ist auch für die kulturwissenschaftliche Historiographie von Belang, tangiert dies doch die Frage des oben erwähnten Klosterneuburger Beispiels in erheblichem Maße, auch wenn die Adelsforschung diesen Bereich als ein scheinbar uninteressantes Gegenphänomen zum „wahren“ Adel bisher ausgeklammert hat. Umso erfreulicher ist der Theorieansatz von Veelen, die  verschiedene Bedingungen und Strategien zur Analyse des Themas abstrahiert hat. Ihr Buch gliedert sich in vier Teile, die sich mit der Definition eines männlichen Similimenschen, mit seinen Grundtechniken, mit einer Filmanalyse und einem qualitativen („Experten-“) Interview mit einem ehemaligen Similimenschen aufteilt. Die beiden ersten Teile sind dabei theorieorientiert, die beiden letzten Teile überprüfen und ergänzen die zuerst gemachten Annahmen in praktischen Beispielen. 

Vor allem der zweite Teil mit den Grundtechniken des Social Engeneering ist dabei speziell für die historische Adelsforschung von Interesse. Auch wenn Veelen betont, daß sie nur Grundtechniken aufzeigen könne, weil das Gelingen einer Simili-Handlung auch von viel Intuition und damit auch von rational nicht faßbaren Umstände abhängig sei, so bietet sich ihr Werkzeugkasten und Analysesetting dennoch sehr gut für die Abstrahierung historischer Fälle. Denn auch auf den Fall Krotowski läßt sich ihr Modell anwenden. Veelen geht dabei davon aus, daß Similimenschen soziologischen (d.h. einen dreigeteilten ökonomischen, kulturellen und sozialen) Kapitalbesitz vortäuschen müssen, ohne ihn zu besitzen (Seite 29-39). 

Dies visibilisieren sie nach Veelen vor allem über Habitus und Lebensstil (Seite 34). Da Similimenschen nicht der von ihnen imitierten Schicht angehören, müssen sie sich aber zuerst durch Beobachtung des Vorbildes Distinktionsmerkmale aneignen. Bei Krotowski war dies vermutlich einfacher als bei anderen Similimenschen. Denn als Gütermakler hatte er vermutlich bereits mehrfach Umgang mit Träger*innen der zu imitierenden Schicht. Tatsächlich gelang es ihm dann über Manieren und Schmeicheleien gegenüber seiner Braut Geldzahlungen zu erhalten. Diese investierte er vor allem in Habitus und Lebensstil, um über den Besitz oder das Eigentum am Paulinenhof schließlich dem gesellschaftlichen Bild eines Adeligen immer ähnlicher zu werden. Er umgab sich ferner nach dem Muster eines symbolischen Interaktionismus mit Zeichen, die nicht überprüfbar waren, weil er höchst monil war und daher öfters auch eine Publikums-Segregation vornahm. [12] So sorgte er durch Flucht und mehrfachen Ortswechsel dafür, daß er seine Rolle stets neu erfinden und überschreiben konnte, weil er unterschiedliche Personen als Publikum (und Mitspielende) seiner Taten auswählte. 

Veelen bezieht sich damit jedoch nicht nur auf Grundtechniken, sondern besonders auch auf die Theater-Metapher des nordamerikanischen Soziologen Erving Goffman (Seite 53-65), der als Vorläufer der Performanzforschung in den Kulturwissenschaften gelten kann. Was heute die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte mit der Theorie der Performanz fortentwickelt hat, [13] hat seine Ursprünge in dem einfacheren Konzept von Goffman, der bei Akteur*innen im sozialen Raum Rollen annimmt, weil sie wie Schauspielnde agieren würden – mit Ausdrucksmitteln, Requisiten, Vorderbühne, Hinterbühne und Fassaden. [14] Tatsächlich läßt sich dies auch bei Krotowski verifizieren. Seine Rolle beinhaltete die Vorderbühne des Interieurs und Exterieurs des Paulinenhofes, die Kontrolle der Hinterbühne durch gefälschte Adelsdokumente, durch den deklarativen Sprechakt seines behaupteten Adelsnamens (Lüge) und durch die Fassaden (z.B. das angeblich heimatliche Reitpferd). Veelen nennt in ihrer Theorie sodann aber auch noch sechs Notfall-Strategien, mit denen Similimenschen Gefährdungen ihre Darstellungen zu neutralisieren suchen: Offenheit, Russisches Roulette, Empörung, Scheinbeichte, Gefühlsfalle und das Chamäleonprinzip (Seite 73-77). [15] 

Krotowski hat mindestens eine dieser Strategien angewendet; dazu zählte die Empörung (bei Veelen Seite 74-75), bei der er den Vorwurf der gefälschten Identität mit einem mentalen (wenngleich risikoreichen) Kräftemessen und einem Gegenangriff zurückwies, indem er Autorität und eine siegesgewisse Selbstsicherheit ausstrahlte („Er bezeichnete einmal Alles, was gegen ihn vorgebracht wurde, als Verleumdung“). Veelen erörtert ferner auf ihrer Theoroieebene (Seite 79-84) sechs Manipulationsstrategien (Reziprozität, Konsistenz, soziale Bewährtheit, Sympathie, Knappheit, Autorität), die sich wiederum auch bei Krotowski beobachten lassen (sein Verhältnis zu der für sein „wahres“ Handeln unzugänglichen und adelsaffinen Braut). 

Auch auf den Schutz und die Aufrechterhaltung der Simili-Handlung durch das Publikum (Seite 67-72) und die Lüge als weitere Strategie zur Simulation der soziologischen Kapitalarten (nach Bourdieu) geht Veelen ausführlich ein (Seite 85-91), wenngleich sie, in der Theatermetapher verbleibend, von der Lüge als einer Requisite spricht. Die Lüge aber kann keine Requisite sein, weil Requisiten stets artefaktisch waren, [16] Lügen aber mentefaktische Sprechakte darstellten, die keine Materialität besaßen und eben deswegen so einfach funktionieren konnten. Sie mußten sich im Moment des Behauptens nicht beweisen, sondern zeichneten sich auf der Bühne der Similimenschen eben gerade durch Immaterialität aus.

Dennoch gilt, daß Veelens Theorie einen wichtigen Grundbaustein für die künftige Untersuchung von historischen Similimenschen liefert, auch wenn dieser Soziotyp ihrer Auffassung gemäß wohl nicht gänzlich ergründet werden könne. Veelen, die öfters erkennbar zwischen Analyse und Faszination changiert (sie dankt beispielsweise auf Seite 181 ihren personalisierten Untersuchungsgegenständen), hat darüber hinaus in einem Forschungsausblick angeregt, ihre Theorie um Analysen der Persistenz einer Scheinkarriere, [17] die soziale Schichtzugehörigkeit und die teils aktive Rolle der Opfer sowie die möglichen Kontinuitäten und Diskontinuitäten durch die Zeitläufte zu ergänzen. 

In der Tat warten hier noch Fragen, die auf Veelens Gedanken aufbauend, wohl bemerkenswerte Einblicke auch in die Bedeutung des Typs der Similimenschen für die historische Adelsforschung versprechen. Immerhin zeigte sich im Fall Krotowski, daß er offenbar Personen höherer Gesellschaftsschichten als Zielgruppe besaß. Ob dies auch in vielen anderen Fällen so war, müssen erst weitere Analysen ergeben – Veelens Grundrüstzeug ist dafür allemal ein geeignetes Werkzeug.

Diese Rezension stammt von Claus Heinrich Bill M.A. B.A. und erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung.

Annotationen: 

  • [1] = Das Wort „ Similimensch“ wurde hier übernommen aus einem Essay von Walter Turszinsky: Talmikavaliere, in: Neues Wiener Journal (Wien), Nr. 6111 vom 27. Oktober 1910, Seite 1. Es bezeichnet in seinem Sinne unechte Identitäten sich vornehm gebender Persönlichkeiten bei gleichzeitigem eigenem niedrigerem sozialen Status oder Rang. Sie galten als ihren legitimen und allgemein sozial und staatlich anerkannten Vorbildern – dem Adel – nicht als gleichwertig, sondern nur, wie ein Glasstein im Gegensatz zu einem Edelstein, als similarisch oder gleich aussehend (abgeleitet aus lat. similis für ähnlich). Auch wenn mit dem Begriff eine Stigmatisierung verbunden sein könnte, weil er die Annahme einschließen könnte, daß der ganze Mensch „unecht“ sei, obgleich es in diesem Zusammenhang einer zumeist nur temporären und nicht lebenslänglichen Adelsvorspiegelung nur sein Verhalten ist), soll er hier ausschließlich als ein weder positiv noch negativ bewerteter historischer Begriff benützt werden.
  • [2] = Siehe dazu Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 5. Auflage 2007, Seite 78 (Lemma „Beeinflussung“).
  • [3] = Zu diesem historischen Terminus siehe Claus Heinrich Bill: Industrieritter, in: Institut Deutsche Adelsforschung (Hg.): Kulturwissenschaftliches Wörterbuch, Lieferung 1, Sønderborg på øen Als 2010, Seite 26-30.
  • [4] = Nomen Nescio: Ein zweiter Chevalier Hoffmann, in: Neues Wiener Journal (Wien), Nr. 356 vom  20. Oktober 1894, Seite 6.
  • [5] = Erschienen im Tectum Verlag, Marburg an der Lahn 2012, Bindung: Paperback (broschiert), 218 Seiten, Preis: 24,90 Euro, ISBN-Nummer: 978-3-8288-2932-9.
  • [6] = Leider unterscheidet sich die unpublizierte Diplomarbeit (2007) mindestens in kleinen Teilen von der in der Sprache insgesamt populärer gehalten Fassung der Buchpublikation (2012). Die Diplomarbeit trug den Titel „Techniken zur Herstellung gefälschter Identität. Eine soziologische Analyse der Hochstapelei“, so daß allein im Titelvergleich erkennbar ist, daß die Buchpublikation für eine breitere Leser*innenschaft gedacht war, um Anschluß an deren Lebenswelten zu finden. Inhaltlich werden darin nun aber auch leider teilweise andere Begriffe benutzt. So ist der noch in der Diplomarbeit verwendete Begriff der „Schmeichelei durch suggerierte Persönlichkeitserhöhung“ (zitiert nach Sonja Veelen: Techniken zur Herstellung gefälschter Identität. Eine soziologische Analyse der Hochstapelei, Marburg 2007, Seite 67) im Buch nicht mehr zu finden (Veelen nennt dies Phänomen im Buch „Lift-Effekt“ auf Seite 161). Dieses Phänomen beschreibt das positive Gefühl von Opfern aus sozial „niedrigeren“ Mitwelten, daß sie empfinden konnten, wenn Angehörige von als „höher“ eingestuften Ständen Umgang mit ihnen pflegten oder sie gar um Hilfe baten. Ähnlich dazu auch die Abglanztheorie Thorstein Bundle Veblens, der annimmt, daß Helfer*innen oder Nahestehende „großer Herrschaften“ allein durch die Nähe zu „Höhergestellten“ eine Selbstwerterhöhung erfahren konnten. Siehe dazu Thorstein Bundle Veblen: Theorie der feinen Leute, Köln 1958, Seite 86-88. Zur Selbstwerterhöhung siehe das entsprechenden Lemma „Selbstwertgefühl“ bei Jürgen Bengel / Lisa Lyssenko: Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter, Köln 2012, Seite 58-61 sowie bei Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 5. Auflage 2007, Seite 787. Bezogen auf die historische Adelsforschung bedeutete dies, daß die Theorie davon ausgeht, daß nichtadelige Personen vorwiegend dienender Berufe, die Adeligkeit simulierenden Similimenschen (wenn auch nur scheinbar) aus einer persönlichen Verlegenheit heraus „helfen“ konnten, sich durch den Umgang mit diesen Adeligen in ihrer Persönlichkeit geehrt und aufgewertet fühlten. Historische Similimenschen mit Adelsrollen leisteten damit für ihre Opfer, die ihnen Geld liehen oder Waren oder Dienstleistungen erbrachten, eine Gegenleistung im sozialen Feld. Similimenschen zahlten ihren Opfern (will man bei einem materialistischen Blickwinkel bleiben) in einer Form von Reziprozität mit der immateriellen Währung der Anerkennung. Siehe dazu auch weiterführend Axel Honneth: Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, Frankfurt am Main 1994, Seite 211.
  • [7] = Beispielhaft dazu Bernhard Spring: Hallescher Hochstapler aus Magdeburg. Carl Grosse war ein notorischer Schwindler, aber erfolgreicher Autor in der Goethe-Zeit, in: Mitteldeutsche Zeitung (Halle an der Saale), Jahrgang XXV., Ausgabe vom 25. Februar 2014, Seite 10 / Rachel van Kooij: Menschenfresser George. Das abenteuerliche Leben eines Hochstaplers, Wien 2012 (351 Seiten). 
  • [8] = Siehe dazu exemplarisch a) Wieland Schwanebeck (Hrsg.): Über Hochstapelei. Perspektiven auf eine kulturelle Praxis, Berlin 2014 (226 Seiten), b) Dorothea Mummendey / Hans Mummendey (Hg.). Mehr Schein als Sein. Hochstapelei in Literatur, Film, Musik, Kunst und Wissenschaft, Münster 2015 (92 Seiten), c) Manfred F. R. Kets de Vries: Führer, Narren, Hochstapler. Essays über die Psychologie der Führung, Stuttgart 1998 (Anm.: psychoanalytisch orientiert). 
  • [9] = Stefan T. Siegel (*1943): Der Hochstapler und seine Tat. Phänomenologische und typologische Untersuchungen, Freiburg im Breisgau 1975, XLIV und 159 Seiten (Inaugural-Dissertation an der Universität Freiburg im Breisgau 1975).
  • [10] = Daß (namentlich Adels-) Simili-Taten historisch besehen auch von diversen Frauen verübt worden waren, bezeugen zahllose Belege. Siehe dazu die hier nur exemplarisch genannten Fälle der Simili-Gräfin von F. (Neue Schlesische Zeitung,  Teschen, Nr. 127 vom 22. Dezember 1907, Seite 3), der Simili-Gräfin von C. (Vorarlberger Volksblatt, Bregenz, Nr. 91 vom 23. April 1914, Seite 4), der Simili-Gräfin von L. (Arbeiter-Zeitung, Wien, Nr. 74 vom 15. März 1897, Seite 3), der Simili-Gräfin von NN. (Vorarlberger Volksblatt, Bregenz, Nr. 162 vom 19. Juli 1894, Seite 898), einer weiteren Simili-Gräfin von NN. (Banater Deutsche Zeitung, Timisoara-Temeschburg, Nr. 45 vom 15. Feber 1941, Seite 7), noch einer Simili-Gräfin von C. (Arbeiter-Zeitung, Wien, Nr. 201 vom 21. November 1899, Seite 4), einer zweiten Simili-Gräfin von L. (Das Vaterland, Wien, Nr. 286 vom 16. October 1882, Seite 4) und der Simili-Gräfin von A. (Volksblatt für Stadt und Land,  Wien, Nr. 43 vom 22. Oktober 1874, Seite 7).
  • [11] = Siehe dazu Rudolf Schlögl: Themenschwerpunkt Grenzfiguren. Einführung, in: Christoph Conrad / Ute Frevert / Paul Nolte (Hg.): Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaften, Jahrgang XXXIX., Heft Nr. 3 (Juli-September), Göttingen 2013, Seite 284.
  • [12] = Zum symbolischen Interaktionismus siehe u.a. die entsprechenden Lemmata bei Uwe Flick / Ernst von Kardorff / Ines Steinke (Hg.): Qualitative Forschung, Reinbek 9. Auflage 2012, Seite 136-150; Dieter Frey / Siegfried Greif (Hg.): Sozialpsychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen, Weinheim 4. Auflage 1997, Seite 81-87; Georg Kneer / Markus Schroer (Hg.): Handbuch Soziologische Theorien, Wiesbaden 2009, Seite 345-367; Günter Bentele / Hans-Bernd Brosius / Otfried Jarren (Hg.): Lexikon Kommunikations- und Medienwissenschaft, Heidelberg 2. Auflage 2014, Seite 333; Günter Endruweit: Wörterbuch der Soziologie, Konstanz 3. Auflage 2014, Seite 525-528; Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 5. Auflage 2007, Seite 877-878. 
  • [13] = Siehe dazu die Bemerkungen zur Cultural Performance als mediale Praxis bei Markus Fauser: Einfüürung in die Kulturwissenschaft, Darmstadt 2003, Seite 81-87 sowie sie Ausführungen zum Performance-Konzept bei Gisela Welz / Ramona Lenz (Hg.): Von Alltagswelt bis Zwischenraum. Eine kleine kulturanthropologische Enzyklopädie, Münster 2005, Seite 100-103.
  • [14] = Siehe dazu Erving Goffman:  Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag, München 1969, 255 Seiten. Goffman ging darin jedoch davon aus, daß der Unterschied zwischen Theater und „wahrem“ Leben u.a. darin gelegen habe, daß im Theater das Publikum nicht mitspielen würde. Aus seiner Zeit heraus mag Goffman damit Recht haben, allein aus späterer Sicht ist das „wahre“ Leben durchaus auch mit dem Format des Improvisationstheaters zu vergleichen. Denn hierbei spielte das Publikum sehr wohl eine das Theaterstück mitgestaltende und aktive Rolle.
  • [15] = Verwirrend ist dabei, daß Veelen in ihrem beigefügten (ansonsten sehr lobenswerten) Glossar (Seite 183-190) noch eine weitere (d.h. siebente) Notfallstrategie nennt (den Bluff), im Haupttext darauf aber an entsprechender Stelle nicht eingeht. Es bleibt mithin leider unklar, ob der Bluff (Seite 183) nur als minderwertige Strategie von ihr betrachtet wird oder welchen Grund es hat, daß sie ihn im Haupttext nicht aufführt.
  • [16] = Pierer (1862) umschreibt damit zeitgenössisch „alle kleinen Utensilien, welche zur Aufführung eines Schauspiels od. einer Oper, eines Ballets etc. nöthig sind. Die Herbeischaffung, derselben besorgt ein Diener (Requisiteur) od. Dienerin (Requisitrice).“ Zitiert nach Pierer's Universal-Lexikon, Band XIV., Altenburg 1862, Seite 54. Daß die Lüge kein gegenständliches Requisit war, ging demgemäß auch allein daraus hervor, daß Schauspielende zu deren performativem Gebrauch keiner Requisitrice bedürfen, weil sie sie selbst infolge bloßen Sprechens ausführen konnten.
  • [17] = Siehe dazu Vera Schneider: Kriminelle Karrieren, in: Renate Volbert / Max Steller (Hg.): Handbuch der Rechtspsychologie, Göttingen 2008, Seite 58-61. Schneider unterscheidet bei derartigen Verläufen die Aspekte Prävalenz, Persistenz, Frequenz und Intensität.
 

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