Institut Deutsche Adelsforschung
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Adel in Schlesien und Mitteleuropa 

Literatur und Kultur von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart

Die Publikationsreihe Adel in Schlesien dokumentiert die aktualisierten Beiträge eines interdisziplinären und internationalen Forschungsprojektes, zu dem in Dresden drei Tagungen mit dem Thema „Adelskultur in Mitteleuropa“ stattfanden. 

Der dritte Sammelband weist, im Vergleich zu seinen Vorgängern, die Herrschaft, Kultur und Selbstdarstellung (Band 1) bzw. Forschungsperspektiven, Quellenkunde und Bibliographie (Band 2) zum Thema hatten, einen kulturwissenschaftlichen Schwerpunkt auf. Aufgegriffen werden vor allem Literatur- bzw. Kunstwissenschaften, aber auch die Musikwissenschaften werden bearbeitet. Die Beiträge thematisieren dabei Architektur, Bildender Kunst, Malerei, Musik und Literatur, wobei die Ordnung kaum thematisch, sondern überwiegend chronologisch erfolgt. Die Analysen werden in diesem Band Mitteleuropa und die benachbarten Gebiete, vor allem aber auf die böhmischen Länder erweitert.

Die insgesamt 30 Beiträge sind in vier Blöcken (Landschaft und sozialer Raum, Achsenzeit, „Oben bleiben“ und Adel und kulturelle „Moderne“) zusammengefasst.

Der erste Block Landschaft und sozialer Raum beschäftigt sich mit der Adelskultur in der Frühen Neuzeit. Miroslawa Czarnecka beschreibt die Entstehung einer großen Textproduktion, die der Repräsentation, Selbstverständigung und Festschreibung der abgegrenzten Position des Adels diente (53-82). Rudolf Drux verweist hingegen auf die Schwierigkeiten der sozialen Mobilität anhand des Lebens von Martin Opitz (83-94).

Eine Verbindung zwischen Sachsen und dem absolutistischen Frankreich schafft Alexander Kleine in seiner interdisziplinären Untersuchung zum Thron des Großmoguls und dem Grünen Gewölbe in Dresden. Dabei zeigt er, dass der französische Absolutismus Ludwigs XIV. als Vorbild für die Entstehung von Kunst angesehen werden kann. Ebenso findet er Parallelen zur Monadologie von Gottfried Wilhelm Leipzig (95-109).

Hans-Günter Ottenberg thematisiert die in der Musikforschung bisher kaum beachtete Frage nach den Formen und Spezifika des häuslichen Musizierens, in dem er sich dem Quellenkomplex der Dresdner Pränumerantenlisten von 1772-1787 des Carl Philipp Emanuel Bachs annahm, und stellt Überlegungen zur sozialen Schichtung des elbstädtischen Musikpublikums an. Dabei kann er zeigen, dass es sich zu etwa zweidritteln um Bürgerliche und überwiegend adelige Frauen handelte (111-122).

Tomas Konz widmet seinen Beitrag den mährischen Renaissanceschlössern, die durch ihre Gestaltung der Erinnerungskultur dienen (123-155). Auch dem Wissen bzw. Wissenswerten adeliger Familien in den Schlesischen Privatbibliotheken wird mit dem Bericht von Walter Schmitz Rechnung getragen (158-178).

Der zweite Block Um 1800- Achsenzeit führt Beiträge über Garten- und Memorialkultur, ebenso wie über das Mäzenatentum zusammen. Ina Mittelstädt zeigt auf, dass die Interpretationsmöglichkeit eines Landschaftsgartens zwischen Bürger und Adel unterschiedlich sein konnte, und es auch in der Absicht des Besitzers nicht automatisch die für das englische Vorbild typische liberale politische Intention zu finden sei (181-217).
Der während der preußischen Herrschaft in Schlesien etablierte Funktionsadel nutzte seine Residenzen mit ihren Gartenanlagen zur adeligen Repräsentation und Machtdemonstration.
Für den letzten Minister für Schlesien, Graf Karl Georg von Hoym hingegen konnte Jerzy K. Kos eine Erweiterung des Nutzen feststellen, der in der Repräsentation von Staatsgewalt liege (219-243).

Jaroslaw Jarzewiczs Beitrag über das Mausoleum der Familie Raczynski thematisiert die Memorialkultur in Polen um 1800, die nicht für die Öffentlichkeit, sondern für den privaten Kreis gedacht war (245-258).

Caroline Starnberg widmet ihren Beitrag der adeligen Kunstförderung durch die „Gesellschaft patriotischer Kunstfreunde“ (259-271).

Wie die Kulturpraktik des Mäzenatentums zur gewünschten Aussöhnung zwischen den Nationen Polen und Preußen genutzt wurde, kann Uta Kaiser am Beispiel von Graf Raczynski aufzeigen (275-295).

Das 19. und 20. Jahrhundert werden im dritten Block mit dem Titel Oben bleiben thematisiert. Dabei leiten Silke Marburg und Josef Matzerath in die kulturwissenschaftlichen Aspekte der Adelsforschung, wie etwa Mythen, Normierungen, Rituale und Symbole ein und beschreiben wie wichtig neben dem Oben bleiben in der Moderne auch das Zusammenbleiben geworden ist (299-311).

Gunter Heinickel kann einen Wandel in den Diskursen um eine Adelsreform und eine mögliche Bildung einer neuen Aristokratie, die zwischen Volk und König eine Art Schiedsrichterrolle übernehmen sollte, aufzeigen und die Wahrnehmung bzw. Resonanz in der Öffentlichkeit verdeutlichen (313-342).

Den Schicksalen von Familien verstoßener Adeliger widmet sich Günter J. Vaupel in seinem biographischen Beitrag über Hermann Graf von Pückler-Muskau und dessen in kein Muster zusammenfassender, literarischen Korrespondenz (343-363).

Jürgen Joachimsthaler thematisiert das schwierige Verhältnis zwischen Adel und Bürgertum, das sich in der Zeit des bürgerlichen Adelsdiskurses entwickelte ebenso wie die beidseitige Abgrenzung der zwei Gruppen, der Adel nach unten sowie die nichtadelige Bevölkerung nach oben. Von dieser wird der Adel als Negativschablone wahrgenommen, der eine ständige Grenzüberschreitung in allen Lebenslagen lebte. (356-383).

Auch der folgende, von Jürgen Joachimsthaler verfasste Beitrag, nimmt Bezug auf den Wandel der Adelsstruktur und dem zunehmenden Bedeutungsverlust, dem der Adel unterworfen ist. Dabei spielt die Spannung zwischen einem besseren Früher und dem tatsächlichem Jetzt eine wichtige Rolle, die auch in der Literatur verarbeitet wird. Zur Sprache kommen ebenso deutsch-polnische Konflikte (385-432).

Die Problematiken der deutsch-polnischen Konflikte und derer zwischen Adel und Bürgertum werden von Isabela Surynt aufgegriffen und um die Gruppe der Juden erweitert. Es findet eine Ab- und Ausgrenzung des „Anderen bzw. Fremden“ statt, die auf der Bürgerlichkeit basiert und die Gruppen des Adels, der Juden und der Polen betrifft (433-445).

Irma Kozina zeigt, wie die Palastarchitektur des oberschlesischen Adels als nationale Haltung der europäischen Aristokratie im 19. Jahrhundert gedeutet werden kann (447-456).

Der kürzeste Beitrag in diesem Sammelband stammt von Michael Heinemann. Auf sechs Seiten gibt der Autor einen gelungenen Einblick in die Darstellung und Charaktersierung des Adels in der Oper (457-462).

Iveta Ruckova-Zla beschreibt die kontinuierliche und traditionsreiche Verknüpfung zwischen dem kulturellen Geschehen und der Adelsfamilie Lichtnowsky. Dabei findet sich jedoch auch eine satirische Literarisierung des Familienmitglieds Felix Lichnowsky (462-472).

Ines Täuber gibt erste Forschungstendenzen zum Thema Porträts des sächsischen Landadels und deren Kopien. Dabei verweist sie bereits auf die politische und gesellschaftliche Funktion der Porträts als Kommunikationsplattform (473-487).
Anschließend an die Kunst und Funktion der Porträts thematisiert Katja Hofmann die Problematik der Fotographie. Ein Medium, das gleichermaßen von Adel und Bürgertum verwendet wurde und damit nicht an die Funktionen des Porträts anknüpfen konnte. (490-506).

Der vierte Block Adel und kulturelle „Moderne“ umfasst acht Beiträge. Den Anfang macht Ludgar Udolph mit seinem Beitrag über die gleichermaßen vom Adel als auch vom Bürgertum genutzte Domäne des Mäzenatentums in Böhmen. Dabei kann der Autor aufzeigen, dass die einst dem Adel vorbehaltene Machtdemonstration durch das Mäzenatentum nun auch von zu Geld gekommenen Kleinbürgern ausgefüllt werden kann und dies in einer erfolgreicheren Form stattfinden kann (509-537).

Jan Andres thematisiert den Adelsdiskurs um 1900, der sich mit der Funktion des Adels und einer mögliche Neuorganisation eines neues Adels beschäftigt, der vor allem im Kreis um den Lyriker Stefan Georg stattfand. (539-568). Helmut Mottel ergänzt die Thematik der Adelsreformen vor dem Hintergrund des preußischen Orden Pour le Mérite (567-585).
Frank Almai und Ulrich Fröschle analysieren die Biographie des Schriftstellers Heinar Schillings vor dem Hintergrund des adeligen Transformationsprozesses (587-605).
Erwin Rotermund beschreibt die Darstellungen des preußischen Adels in der Literatur und gibt dabei einen Einblick in verschiedene Adelsbilder (607-619).

Radmila Svarickova-Slabakova kann in ihrem Beitrag aufzeigen, dass in Tschechien mit dem Begriff des Adels überwiegend negative Eigenschaften, wie rauben, stehlen, und das Emporkommen auf Kosten anderer verbunden werden. Assoziationen, die sich bis heute in der Bevölkerung verfestigt zu haben scheinen. (621-634).
Daran anknüpfend zeichnet Zdenek Hazdra die Biographien der Brüder Frantisek, Antonin und Zdenek Borek-Dohalsky, Mitglieder eines tschechischen Grafengeschlechtes, ab und verdeutlicht deren demokratisches- republikanisches Engagement zu Zeiten der NS-Okkupation in Tschechien. Dabei vergisst der Autor nicht zu erwähnen, dass die drei Brüder nicht die einzigen Adeligen waren, die sich in den Dienst der Demokratie stellten (635-658).

Abschließend bearbeiten Walter Schmitz und Ludgar Udolph die Stellung des Adels in den Werken des tschechischen Autoren Ota Filip (659-677).

Insgesamt wird das Thema Adel auf über 700 Seiten mit Hilfe einer Vielzahl von Ebenen und Blickrichtungen untersucht. Dabei zeigen die sehr breitgefächerten Analysen, was in der Adelsforschung (noch) alles möglich ist.

Die bibliographischen Daten lauten: Schmitz, Walter/ Stüben, Jens/ Weber, Matthias (Hrsg.): Adel in Schlesien. Band 3: Adel in Schlesien und Mitteleuropa. Literatur und Kultur von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart, München 2013, Oldenburg Verlag. Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa. Band 48, ISBN: 978-3-486-71854-6, 714 Seiten, Preis: 49,80 Euro.

Diese Rezension wurde verfaßt von Nicola Felka (M.A., B.Sc.).
 


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