Institut Deutsche Adelsforschung
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Gäste-Forschung als Teilgebiet der Adelsforschung 

Das Beispiel des mecklenburg-strelitzschen Fürstenhofs

Sandra Lembke hat kürzlich das Buch „Hoheiten, Diplomaten und Ehrenretter. Gäste am Mecklenburg-Strelitzer Hof“ herausgebracht. [1] Das über 230 Seiten starke Paperback-Buch ist in 8 Kapitel gegliedert. Jedes dieser Kapitel behandelt die Geschichte eines adeligen Gastes am Mecklenburg-Strelitzer Hof. Das erste Kapitel „Nachbarschaftsbesuch mit Folgen“ (Seite 7-17) behandelt einen Besuch des späteren Königs, Friedrich II. von Preußen, am Hofe von Mecklenburg-Strelitz, aus dem auf kuriose Art und Weise regelmäßige Folgebesuche resultierten.

Friedrich will seinem „Nachbarn“, dem Herzog Karl Ludwig Friedrich von Mecklenburg, einen Besuch abstatten. Zunächst gestaltet sich bereits das reine Treffen sehr schwierig, da dieser nicht wie erwartet in Mirow zugegen ist, sondern in Canow weilt. Im weiteren Verlauf der Begebenheit versuchte sich der Herzog jedoch der Bewirtung des hohen Gastes mit der Geschichte eines umgekippten Wagens und eines gebrochenem Armes des Koches zunächst zu entziehen. Nachdem Friedrich letztlich doch eine karge – für die Gastfamilie jedoch machbare – Bewirtung erfuhr, werden Versprechen über Besuche an dessen Hof gemacht. Der Herzog, auch Prinz von Mirow genannt, unternimmt kurz darauf den ersten Besuch, bei dem er wie „der Kaiser höchst persönlich“ empfangen und bewirtet wird. Diesem Besuch folgen viele weitere, die mit der gesamten herzoglichen Familie unternommen wurden. Erst im Laufe der Zeit lassen diese ungleichen Nachbarschaftsbesuche wieder nach. Diese Geschichte veranschaulicht neben einer amüsanten Gegebenheit mit deren Folgen Friedrich wohl nicht rechnen konnte, auch die starke finanzielle Heterogenität, die den Adel durchzog.

Das zweite Kapitel „Ein Berg von einem Mädel auf dem Schlossberg“ (Seite 18-41) thematisiert die Besuche von Mary Adeleide of Cambridge, einer Prinzessin von Großbritannien, Irland und Hannover und späteren Duchess of Teck. Die Schwester von Erbgroßherzogin Auguste Caroline von Mecklenburg-Strelitz brach schon im Kindesalter zu Besuchen nach Deutschland auf. Die deutsche Berichterstattung über die Mutter der späteren Queen Mary ist durchweg positiv. Sie wird als sehr gesellig, sympathisch, jedoch etwas moppelig dargestellt und erfreut sich bei den Bewohnern von Neustrelitz großer Beliebtheit. Die vielen und vor allem sehr ausgedehnten Besuche, die sie im Laufe ihres Lebens am Hofe der schwesterlichen Familien macht, verdeutlichen die starke familiäre Bande, die zwischen dem deutschen Großherzogtum und der englischen Königsfamilie bestanden.

Kapitel drei „Waidmannsheil in Strelitzer Landen“ (Seite 42-54) widmet sich einer amüsanten Anekdote über den Besuch von König Wilhelm II. von Württemberg am Mecklenburg-Strelitzer Hofe. Dabei kommt dieser einer Einladung zur Jagd nach und wird mit seiner adeligen Begleitung in einem Zwischenfall auf der Straße verwickelt. Das Pferd eines Bauern, das ihren Weg kreuzt, fällt vor Schreck vor dem Automobil der adeligen Jagdgesellschaft um. Daraufhin hilft diese, das Pferd wieder aufzurichten. Doch der Bauer bleibt ob der adeligen Hilfe völlig unbeeindruckt, da dies nicht das erste Mal eines solchen Ereignisses war, und das Pferd in der Regel selbständig wieder aufsteigen würde. Neben dieser netten Geschichte erfährt der Leser jedoch auch einiges mehr über das Leben des württembergischen Königs und seine weiteren Besuche am Hofe in Mecklenburg-Strelitz.

Das vierte Kapitel „Die kleine Insel in Zeiten des Krieges“ (Seite 55-94) thematisiert das Schicksal der Fürstin Daisy von Pleß, die ihre Besuche stets still und heimlich absolvierte. Normalerweise kann sich das Volk in den Zeitungen über die Besucher am Hofe informieren. Bei dieser Besucherin ist das anders. Dies liegt an der englischen Herkunft der Fürstin, die damit aus Feindesland stammte. In Zeiten des Krieges steht sie stets unter Beobachtung und auch ihre Korrespondenz wird abgefangen. Aufsehen erregt sie, weil ihr Spionage, eine angebliche Liebesbeziehung und somit eine gewisse Mitschuld am Tod des Großherzogs Adolf Friedrich VI. unterstellt wird.

Am Beispiel des deutschen Kaiserpaares, Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria wird im Kapitel „Kurzvisiten bei besten Hohenzollernwetter“ (Seite 95- 113) aufgezeigt, wie aufwendig die Vorbereitungen auf hohen Besuch am Hofe sind. Das Neustrelitzer Volk will seinem Kaiser einen unvergesslichen Empfang bereiten und scheut weder Kosten noch Mühen. Beschrieben werden vor allem die beiden Besuche zu den Trauerfeiern von Großherzog Friedrich Wilhelm II. und seinem Nachfolger Großherzog Adolf Friedrich V.. Dies ist der letzte Besuch des Kaisers in Neustrelitz, bevor der Erste Weltkrieg ausbricht und der Kaiser letztlich ins Exil in die Niederlande geht.

In Anlehnung an das zweite Kapitel wird im Folgenden vor allem die innige Beziehung zwischen Großherzogin Augusta Carolina und der späteren Queen Mary thematisiert, die „Mehr eine Tochter denn eine Nichte“ (Seite 114-156) gewesen ist. Die Großherzogin war bei ihrer Geburt zugegen, und hat regen Anteil an Marys Leben. Diese wiederum machte viele Besuche in Neustrelitz, und das auch nach ihrer Hochzeit mit Prinz George, wodurch sie zur Princess of Wales wurde. Ihre Tante zahlte sogar die Aussteuer, weil Marys Familie finanziell nicht sehr gut aufgestellt war. Auch als Königin von Großbritannien besucht Mary ihre Tante weitere zwei Mal. Zu beider Bedauern können diese Besuche dann jedoch nicht mehr rein privat stattfinden, da eine gewisse Etikette beim hohen Besuch einer englischen Königin bewahrt werden muss.

Im siebenten Kapitel „Der Prinz aus dem Land der schwarzen Berge“ (Seite 157-187) wird der Fehltritt der 19-jährigen Herzogin Marie, Tochter von Erbgroßherzogin Elisabeth, beschrieben, die sich von einem einfachen Lakaien hat schwängern lassen. Um den Skandal möglichst gering und die Schwangerschaft geheim zuhalten, werden diese und ihre Schwester zur „Kur geschickt“, doch nichtsdestotrotz wurde die Öffentlichkeit aufgrund eines unklugen Schachzugs der großherzoglichen Familie informiert. Für Maries Schwester wird durch die Hochzeit mit dem montenegrinischen Kronprinzen Schadensbegrenzung betrieben. Für Marie hingegen bleibt nur ein Graf, der einen vom Papst gekauften Titel trägt. Letzten Endes bleibt diese Ehe auch nicht bestehen. Marie kann mir ihrer Tochter an den großherzoglichen Hof zurückkehren, ihre Schwester Jutta hingegen blieb in ihrer unglücklichen Ehe gefangen.

Das achte Kapitel „Der Diplomat, der in Frauenkleider kam“ (Seite 188- 217) illustriert die Besuche des französischen Gesandten Chevalier d´Éton am russischen Zarenhof, um sich Zutritt zu Kaiserin Elisabeth zu verschaffen und einen Brief mit der Bitte des französischen Königs um eine Allianz, zu überbringen. Sein Weg von Frankreich nach Russland führt ihn aufgrund seines schottischen Begleiters am Mecklenburg-Strelitzer Hof vorbei. Prinzessin Sophie Charlotte nahm ihm dort, in der Annahme, er sei eine Frau, das Versprechen ab, ebenso einen Brief an ihre Freundin zu überbringen, die am russischen Zarenhof weilte. Dort verlieben sich die beiden ineinander, was der Zarin missfällt, da sie selbst ein Auge auf den Chevalier geworfen hat, nachdem er sich als Mann offenbarte. Neben der nun beschriebenen tragischen Liebesgeschichte, die letztlich auch wieder an den Hof der großherzoglichen Familie führt, da sich die Freundin am Hofe Elisabeths nicht weiter sicher fühlt und den Schutz in Deutschland sucht, zeichnet sie ein Bild eines Mannes, der seine Umgebung über sein wahres Geschlecht bis zum letzten Atemzug im Unklaren zu lassen fähig war. Die Autorin nutzt geschickt eine Vielzahl von Zitaten, die sie in den Text mit einbindet, sodass die Kapitel sehr kurzweilig und angenehm zu lesen sind.

Ihr gelingt allgemein ein tolles Buch, das dem Leser die Lebensweise des Adels näher zu bringen vermag. Neben der adeligen Homogenität, werden vor allem auch verwandtschaftliche Beziehungen ohne komplizierten Stammbaumcharakter verständlich und interessant dargestellt. Außerdem erfährt der Leser einen Einblick in das Selbstverständnis des Adels und die daraus folgenden Handlungsweisen. Das Buch ist reich bebildert und lohnt sich sowohl für Geschichts- bzw. Adelsinteressierte, als auch für solche, die sich für Veränderungen der Gesellschaft interessieren.

Diese Rezension erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung und wurde von unserer Praktikantin Nicola Felka M.A. B.Sc. (Maintal) im Dezember 2015 verfaßt.

Annotationen: 

  • [1] = Erschienen im Steffen-Verlag, Berlin 2013, ISBN: 978-3942477604, Preis: 14,95 Euro

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