Institut Deutsche Adelsforschung
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Neue religionswissenschaftliche Miszellen

Rezensionen und Reflektionen zur Religionsphilosophie, -psychologie und -soziologie

A. Einleitung

Die Religionswissenschaft hat sich bereits seit langen Jahren immer mehr und immer breiter entwickelt, um auf diese Weise mehr und mehr Aufschluß über die Erscheinungsformen, den Habitus, die innere Verfassung, die Organisation, das Weltdenkgebäude, die Führer und Gefolgschaften von religiösen Kulten zu bringen. Diese stetig zunehmende Spezialisierung ist auch verantwortlich für die Herausbildung
eigenständiger, sich von der Religionswissenschaft absetzender Fachbereiche. Hierzu zählen derzeit vor allem die Religionsökonomie, Religionsphilosophie, Religionshistorie, Religionsphänomenologie,
Religionsgeographie, Religionspsychologie, Religionssoziologie, Religionspädagogik und Religionsethnologie. Alle diese Wissenschaftsgebiete sind miteinander vernetzt und gehen teils ineinander über, wie dies bereits 1944 der Theologe Wolfgang Trillhaas (1903-1995), ein Pionier der deutschen Religionspsychologie, treffend in seiner Dissertation konstatiert hatte: "Ist doch schon die Seele nicht in ihre[n] Grenzen eingeschränkt, mit der Umwelt mannigfach verflochten, reicht sie in alle metaphysischen Tiefen hinab. Eine peinliche Beschränkung auf die psychologische Fragestellung ist gar nicht möglich. Wo es nötig schien, habe ich daher die Grenzen zur Religionsgeschichte und Soziologie, zur Philosophie und Theologie unbedenklich überschritten." [1]

Daß Religion allgemein von Bedeutung für den Menschen ist, steht außer Zweifel, denn bereits der animistische Urmensch war religiös veranlagt. Und nunmehr, in Zeiten zunehmender Globalisierung und Egalisierung finden Religionen als transzendente Angebote zur Lebenssinnfindung scheinbar wieder stärkeren Anklang. Scheinbar indes nur deshalb, weil bereits dieser letzte Satz bereits relativierbar ist: Wer das Paradigma aufstellt, Religion sei im säkularisierten XXI. Jahrhundert von erneut steigender Bedeutung, möchte die Wichtigkeit seines Forschungsschwerpunktes (und natürlich auch von Religion allgemein) herausstellen, ganz unabhängig von der tatsächlichen gesellschaftlichen Bedeutung, die sich ohnehin nie konkret und absolut erfassen läßt: Weder das Aufkommen neureligiöser oder alternativer Bewegungen noch die aufgestellten und vergleichenden Zahlen von Mitgliederstärken bestimmter religiöser Kulte können eine zuverlässig neutrale Aussage über die Religiosität einer Gesellschaft, die sich zudem stets wandelt, geben.

Auch hier gilt das dreifache Prinzip der Gleichgültigkeit, Subjektivität und der Hervorhebung: Grundsätzlich existieren aus Sicht des Religionswissenschaftlers keine wahren und unumstößlichen Sachverhalte, sondern nur gleichwertige Axiome (Gleichgültigkeit). Weiters werden religiöse Sachverhalte, Lehren oder Gruppierungen von Individuen betrachtet, die sich dafür interessieren. Das Vorhandensein bestimmter schriftlicher Untersuchungen sagt daher sowohl etwas aus über das Erkenntnisinteresse des Untersuchenden als auch über die religiösen Kulte selbst (Subjektivität) und sollte daher nicht mit der Bedeutung des religiösen Kultes verwechselt werden. [Dies geschieht indes noch häufig, z.B. bei Behauptungen wie "Der Einfluß des [religiösen] Fundamentalismus auf Europa ist zwar begrenzt, aber größer als die kirchliche Bezeichnung fundamentalistisch andeutet", die nicht nur von Laien, auch von ausgewiesenen Religionswissenschaftlern aufgestellt werden [Klaus Kienzler: Der religiöse Fundamentalismus, München, 4.Auflage 2002, Seite 36] Damit in Zusammenhang steht auch der Grad der Wahrnehmung eines religiösen Phänomens (Hervorhebung). Hier sollte man sich fragen, weshalb bestimmte Formen religiösen Lebens in der Forschung behandelt werden und welches Interesse damit verfolgt wird. Dabei gilt: Das Phänomen, welches untersucht wird, sticht hervor und exkludiert automatisch andere Sichtweisen, Blickwinkel und Themen. Dies schließt jedoch nicht aus, daß es auch in der Religionswissenschaft zu brauchbaren Ergebnissen kommen kann.

Insofern steht der vorliegende Aufsatz in der Tradition der griechischen Sophistiker und des Schweizer Arztes Théodore Flournoy, dessen Grundsatz von dem "Auschluß der Transzendenz" auch hier gilt: Die Religionspsyyhologie, wie sie hier verstanden und gehandhabt wird, hat nicht die Existenz Gottes zu beweisen oder zu widerlegen, sondern sich mit den Erscheinungsformen von Glauben bei den Menschen zu beschäftigen, ebenso mit ihren Auswirkungen und Folgen auf physiologischer wie psychologischer Ebene. [1a]  Eine solche Religionspsychologie, wie sie hier praktiziert wird, ist dem ontologischen Relativismus zuzurechnen: Sie stellt keine absolute Wahrheit dar und erforscht sie nicht, sondern sie ist den drei Grundsätzen von Gleichgültigkeit, Hervorhebung und Subjektivität verpflichtet und aus ihnen entsprungen.

Daß Religiosität indes ein menschliches Grundbedürfnis ist, hat Maslow in seiner Bedürfnispyramide aufgezeigt, welche die Frage nach dem Sinn des Lebens und dem Überirdischen sowie der Verankerung des Individuums als menschliches Grundbedürfnis darstellt. [2] Ferner hat ebenso Erich Fromm unterstrichen, daß Religion ein Ausweg sein kann aus dem "Dilemma der Freiheit", aus dem Zwang, Verantwortung für das Alleinsein zu übernehmen und zugleich sich als Teil einer Gemeinschaft zu fühlen. Nach Fromm bestimmen diese beiden gegensätzlichen Bestrebungen im Menschen den Anschluß von Individuen an zum Teil autoritäre religiöse Kulte, aber auch an totalitaristische sakrale oder profane Systeme [3].

Das lateinische Religio ("Glaube") ist damit eine Grundkomponente allen menschlichen Lebens, da ohne Glaube kein Individuum und keine Gemeinschaft existieren könnte. Wesentlich jedoch wird die Frage
nach dem Glauben, wenn sie nicht nur Annahmen über Ursachen oder Erscheinungsformen des Lebens einsortiert, sondern der Glaube auch Dogmen herausbildet, die Einflüsse auf die Gegenwart der
Menschen haben. Die Untersuchung religionswissenschaftlicher Fragen ist daher hochaktuell zu allen Zeiten des menschlichen Daseins und seiner Entwicklungsstufen, besonders, wenn es um spirituellen
Glauben geht, Glauben, der sich nicht in Alltäglichkeiten ergeht ("ich glaube, das das Wetter schön wird"), sondern mit dem Eingebundensein des homo sapiens in die Welt und ihre tatsächlichen oder auch nur
vermeintlichen Gesetze und Grundlagen ("ich glaube, daß Gott das Wetter erschafft") zu tun hat.

B. Besprechung von drei Neuerscheinungen

Zu drei der eingangs erwähnten religionswissesnchaftlchen Fachbereiche sollen entsprechende Novitäten auf dem Buchmarkt an dieser Stelle besprochen und vorgestellt werden. Einmal geht es zuerst um das Werk von Peter Fischer mit dem Titel "Philosophie der Religion" (künftig Fischer), welches bei Vandenhoeck & Ruprecht 2007 in Göttingen erschienen ist, als Taschenbuch 236 Seiten umfaßt und für 15,90 Euro erwerbbar ist. Zweitens wird Bezug genommen auf das quantitativ umfangreichere Buch von Susanne Heine unter dem Titel "Grundlagen der Religionspsychologie"(künftig Heine), erschienen ebenfalls bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen, allerdings bereits im Jahre 2005 welches 19,90 Euro bei  442 Seiten Gesamtumfang.

Fischer macht zunächst auf die Crux der Religionsphilosophie aufmerksam, die sich doch erheblich von anderen Philosophien unterscheidet. Sie unterliegt grundsätzlich einer starken Differenzierung, was ihre
Funktion und Instrumentalisierung anlangt. Selbstverständlich ist jede Philosophie ein Erklärungsversuch und eine Rechtfertigung für einen bestimmten Standpunkt, der zugleich einen anderen Standpunkt
ausschließt - hier greift das erwähnte Prinzip der Subjektivität und Hervorhebung. So ist auch die Religionsphilosophie diametral angelegt: Sie unterstützt in einer Form als innere Kritik seitens der Gläubigen eines religiösen Kultes die Auseinandersetzung um die jeweiligen Dogmen, die grundsätzlich nicht hinterfragt werden, aber sie kann in einer anderen Form, als äußere Kritik seitens der Nichtgläubigen, die Darstellung, den Vergleich und die Analyse von religiösen Weltdenkgebäuden untersuchen; Fischer nennt dies einerseits die substantielle und andererseits die funktionale Sichtweise (Seite 42). Aus diesem Grunde kann es sich bei der Erörterung religionsphilosophischer Fragen sowohl um eine religiös aufgeladene Philosophie als auch um eine philosophisch betrachtete Religiösität handeln. Diese Vielfalt an Ansätzen stellt Fischer in seinen Buch vor: Sowohl die verschiedenen Arten von Gottesbeweisen als auch die reduktionistischen Ansätze verschaffen dem Leser in 12 Kapiteln einen Überblick über die wichtigsten Positionen der religionsphilosophischen Forschung, die von Canterbury, Hume, Kant, Durkheim und anderen Denkern geprägt wurden. Fischers Werk kann also als Einführung in die prominentesten Grundpositionen genutzt und verstanden werden.

Ein ähnliches Ziel verfolgt auch Heine, nur daß hier die Grundpositionen aus psychologischer und nicht aus philosophischer Sicht erfolgen. Hier sind es William James, Sigmund Freud, Donald Winnicott, Paul
Pruyser, Ana Rizzuto, Ernest Becker, Antoine Vergote, Daniel Sundén, Carl Gustv Jung, Abraham Maslow, Carl Rogers, Fritz Perls, Kurt Goldstein, Gordon Allport sowie Viktor Frankl, die anhand ihrer
psychologischen Modelle zur Religion vorgestellt werden. Damit bieten sich die unterschiedlichsten Schulen auf knappem Raum gedrängt an, beispielsweise, um als Forschender beim Aufkommen einer wissenschaftlichen Forschungsarbeit und dem Formen einer Hypothese entscheiden zu könne, welche Theorie man für welche Untersuchungen benützen könnte. Denn "die Religionspsychologie" gibt es nicht, weil ähnlich wie in den Kulturwissenschaften der Kanon der qualitativen wie quantitativen Forschungsmethoden und -ansätze höchst vielfältig und nicht für jede Fragestellung anwendbar ist, vielmehr von Fall zu Fall entschieden werden muß, welche Theorien man benutzt und welche man außen vor läßt. [4] Ein ausgewähltes Literaturverzeichnis sowie ein Sach- wie Personenregister erleichtert den Zugang zum immerhin über 400 Seiten umfassenden Buchinhalt auf hervorragende Weise, wenn man Quereinstiege abseits der biographisch orientieren Hauptgliederung des Werke sucht - bei Fischer fehlen leider derartige Möglichkeiten.

Im Rahmen der vorgestellten religionspsychologischen Schulen war Heine darauf angewiesen eine Auswahl zu treffen, weshalb nicht alle bisher angewendeten Methoden, die sich auch nicht immer für alle
Fragestellungen eignen, aufgeführt wurden. Allerdings kann Heine in Anspruch nehmen, die wichtigsten und einflußreichsten Grundlagenforschungen dazu in ihrem Band gebündelt zu haben. Die Lektüre ist
daher mit Gewinn vor allem von Wissenschaftlern zu lesen, die sich einen Überblick über die Hauptströmungslinien religionsspsychologischer Forschungswege unterrichten wollen, um sich möglicherweise durch Vergleich und Abwägung einer dieser Modelle zuzuwenden.

Im Mittelpunkt der Fragen zur Religionspyschologie stehen indes allgemein die Wege und Formen, die aus dem Menschen an sich einen homo religiosus machen. Freilich ist Religosität nur schwer zu fassen und letztlich ist jede Theorie eine Spekulation, wenn auch eine Spekulation, die weniger aus ist auf die Selbstdarstellung der Theorieentwickler, sondern eine Antwort geben will auf die Frage nach den Mechanismen, die religiöses Empfinden oder Verhalten auslösen, unterstützen und modifizieren. In ihrer Mannigfaltigkeit sind die bei Heine vorgestellten Modelle ein Zeichen für die vielfältigen Herangehensweisen an das Thema, von denen eine nicht besser oder schlechter ist als die andere.

Ein ähnliches Ziel der Darstellung und Auffächerung von Methoden und Modellen verfolgt indes auch gleichermaßen der annotierte und einordnende Reader von grundlegenden religionssoziologischen Texten, die Karl Gabriel und Hans-Richard Reuter als Herausgeber unter dem etwas verwirrenden, da nicht genau das Untersuchungsgebiet bezeichnenden Titel "Religion und Gesellschaft" (künftig Gabriel) in 2.Auflage herausgaben; es müßte eigentlich heißen "Grundlagen der Religionssoziologie" oder "Einführung in die Religionssoziologie". Erschienen ist der 397seitige Band im Schöninghverlag zu Paderborn 2010 - wie die beiden oberwähnten Werke übrigens als UTB-Taschenbuch, d.h. als "Universitäts-Taschen-Buch", welches sich vor allem an Studierende wendet und in der universitären Lehre Anwendung findet. Die erste Auflage des Gabriel erschien ibidem im Jahre 2004; als Preis wurden 18,90 Euro veranschlagt.

Auch in der Religionssoziologie finden sich Parallelen zur Religionspsychologie. Beide Fächer sind in Deutschland derzeit nicht universitär institutionalisiert und haben keinen eigenen Lehrstuhl, wenngleich religionspsychologische wie -soziologische Studien an den verschiedensten Lehrstühlen der ursprünglichen Hauptdisziplinen gelehrt und beforscht werden. Damit ist auch die Religionssozilogie wenig etabliert, teils umstritten und hat keinen festen Kanon von Forschungsmethoden, die jeweils für bestimmte Fragestellungen erst individuell zusammengestellt werden muß. Gabriel bringt in seinem Werk nun in drei Abschnitten zuerst a) klassische soziologische Texte von Emile Durkheim, Georg Simmel, Max Weber und Ernst Troeltsch, sodann in einem zweiten Abschnitt b) neoklassische Entwürfe der Soziologen Thomas Luckmann, Peter Berger, Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann dann c) Neuansätze wie die von Franz-Xaver Kaufmann, Günter Dux, Ulrich Oevermann und José Casanova sowie zuletzt c) einzelne Texte von Autoren mit Themenschwerpunkten wie die über Initiationsriten (Victor Turner), das Konzept der Zivilreligion (Robert Bellah), das Phänomen neureligiöser Bewegungen und ihrer Wirkungen auf die Gesellschaft (Eileen Barker), die Bedeutung religiösen Fundamentalismusses (Martin Riesebrodt) sowie zuletzt das gedankliche und diametral angelegte religiöse Konstrukt von "Reinheit" versus "Unreinheit" (Monika Wolhlrab-Sahrs).

Im Gegensatz zu Heine bringt Gabriel einen weit besseren Einleitungsteil zu jedem religionssoziologischen Autor, der neben einer Kleinvita vor allem auch das theoretische Konzept des jeweiligen Verfassers kurz in Grundzügen vorstellt. Dies erleichtert dem wissenschaftlichen Neuling den Zugang erheblich. Auch eine (freilich subjektive) Beurteilung über den religionssoziologischen Wert und die Einordnung eines Konzeptes werden in diesen jeweils vorgeschalteten Einleitungsabschnitten abgedruckt, bevor Auszüge aus zentralen Texten der Jahre 1900 bis 2003 folgen. In dieser Beziehung ist es bedauerlich, daß der aktuelle Forschungs- und Literaturstand in der zweiten Auflage, die sieben Jahre später (2010) erschien, nicht eingearbeitet wurde. Dennoch und trotz dieses Mankos versammelt Gabriel wichtige Texte, an denen Religionssoziologen nicht vorbeikommen, wenn sie sich aktuell mit den Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Religion befassen, beispielsweise mit religiösem Fundamentalismus oder Konversionen und Bekehrungen zu charismatisch-schwärmerisch angelegten religiösen Kulten. [5]

C. Behavioristische Religionspsychologie

Die Entscheidung eines Menschen für einen bestimmten religiösen Kult ist indes, um hier ein Beispiel für eine bestimmte Fragestellung zu nennen, von vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Einer dieser
Faktoren ist die Identitätsdiffusion, die als Voraussetzung des aktiven Bekenntnisses zu einer Religionsgemeinschaft gelten kann. Die aus der Adoleszenzforschung bekannte Unsicherheit des Konfliktes
zwischen Selbstverwirklichung und Gemeinschaft (siehe oben auch bei Fromm) tritt indes nicht nur bei Jugendlichen auf, sondern auch bei Erwachsenen, die ständig oder auch nur zeitweise keine Strategien besitzen, ihrem Leben einen Sinn zu verleihen. In diese Momente der Sinnentleerung stößt die Religion vor, mithin "etwas, an das man glauben kann". Dies muß nicht Gott sein, sondern kann auch eine andere Ursache-Wirkung-Paarung aufweisen. Beispielhaft dafür können die Methoden der New-Age Bewegung herangezogen werden: Tarotkarten, Edelsteine, Strahlenneutralisierer, Auraphotographie, Amulette, Glückszahlen, Horoskope, Channeling, Reinkarnationstherapie und dergleichen mehr sind damit sämtlich Ausflüsse ein und derselben Sehnsucht - der Sehnsucht nach dem Einssein und dem eudämonistischen Leben und der Sehnsucht danach, an etwas Glauben zu verschenken. Glauben und damit Religion ist die Erzeugung einer Gewißheit vom Standpunkt des jeweiligen Menschen aus. Er glaubt, weil er glauben will und ihm diese oder jene Glaubensansicht am meisten einleuchtet oder ihn am meisten berührt. Glaube ist aktiv und erfordert daher eine Stellungnahme, eine durchaus problematische Aufgabe in Zeiten, in denen tausende von Sinnangeboten "den Markt der Lebessinnsuche" geradezu überfluten. [6]

An dieser Stelle soll nun noch das religionspsychologische Modell des Behaviorismus vorgestellt werden. Dies ist ein Modell, daß bei Heine nur am Rande (Seite 433) erwähnt wird. Es ist eklektisch angelegt und verknüpft das Phänomen der Religion mit den Grundlagen der behavioristischen Lernpsychologie, [7] stellt also im Prinzip eine "behavioristische Religionspsychologie" dar. Es geht davon aus, daß der
Mensch die ganze Zeit seines Lebens bis zum Tode ein Wesen in statu nascendi ist, mithin nie auslernt.

Mithilfe dieses Modells kann zwar nicht erklärt werden, was Religion ist, aber es werden Erklärungsversuche unternommen zur Frage, wie Menschen sich unter dem Einfluß von Religion verhalten. Es macht
deutlich, welche Mechanismen greifen, wenn der Mensch religiös wird und ist. Dieses Modell geht davon aus, daß Religion in psychologischer Hinsicht vor allem ein Lernprozeß ist wie überhaupt das Handeln
eines Individuums in vielen Erscheinungsformen, sofern sie nicht instinkt- oder gefühlsgesteuert sind, das Ergebnis von Lernerfahrungen sind. Von "Lernen" spricht man indes jedes Mal, wenn ein neues
Verhalten zu beobachten ist, daß aus Erfahrung und Übung erwächst. [8]

Schon das heranwachsende Kind, aber auch der Jugendliche und der Mensch als Erwachsener und im Alter lernt fortwährend und richtet danach sein Handeln nach drei Faktoren aus: a) Erfahrungen, b)
Gefühlen und c) dem Verstand. Unausgemacht bleibt indes, in welchen Anteilen diese drei Faktoren die Entscheidungen im Leben eines Menschen beeinflussen; darauf weisen auch etliche Theoretiker hin, die
sich den Behaviorimus, wie z.B. Sundén (1908-1993), zum Teil ihrer Religionspsychologie machten oder, wie z.B. der Religionsführer Bhagwan (1931-1990) oder der Psychologe Maslow (1908-1970) ganz ablehnten, weil sie die reine Außenprägung des Menschen durch seine Umwelt als zu dogmatisch verwarfen.

Somit kann in der Tat von einer ausschließlich lernpsychologischen Festlegung auch des homo religiosus nicht die Rede sein, womit das vorliegende Modell seine Grenzen findet. Dennoch bietet die
Theorie einen Ansatz, um religiöses Verhalten und religiöse Dezisionen nachvollziehbar zu machen. Dabei begegnet der Mensch mit seinem individuellen Kenntnisstand an Erlerntem und auch einer gewissen
Reife in seiner emotionalen wie sozialen Kompetenz der Religion. Diese wurde von ihren Urhebern bemerkenswerterweise auf die gleichen Ebene gestellt wie die übrigen Lebensbereiche. Reize oder Stimuli
lösen dabei nach diesem Modell Reaktionen oder Responsen aus. Das macht sich die Religion zunutze und verwendet Konditionierungen, insbesondere negative und positive Verstärkungen. Unter die negativen Verstärkungen fallen dabei die Androhung von Nachteilen (Hölle, Schwefelpfuhl, Verdammung, Seelenqual, Verwehrung des ewigen Lebens), zu den positiven Verstärkungen dahingegen zählt das Versprechen von Vorteilen (Paradies, Ewiges Leben, Gottesnähe oder Mitgotteinssein).

Die aus dem gewöhnlichen Leben sozialisierten Verstärker, die das Kind bereits bei seinen Eltern kennenlernt und später auch als Erwachsener in allen sozialen Beziehungen, die von Hierarchieunterschieden
geprägt sind (z.B. am Arbeitsplatz, in einem Verein, einer Gruppierung oder einer Partei), anwendet, werden schließlich, wenn sich der spirituell entwickelnde Mensch für die Frage der Religion interessiert,
aus dem Profanleben in das Sakralleben übernommen. Beide arbeiten nach denselben Prinzipien. Das Göttliche ist vollkommen und muß nichts lernen, der Mensch aber steht zwischen Gut und Böse und muß
sich entscheiden, beispielsweise zwischen Gott und Teufel (Christizismus), Ahura Mazda und Angra Maynu (Zoroastrismus) oder Allah und Scheitan (Islam). Vor allem muß er lernen mit den Konsequenzen seiner Entscheidung umzugehen. Religionen nun mahnen den Menschen an seine Unvollkommenheit und an sein Unvermögen allein Erlösung zu finden oder reinste Eudämonie zu leben. Religionen aber verkünden Erlösung als letztes Ziel, auch wenn es sich in unterschiedlichster Weise verwirklichen soll, teils ist damit eine Selbsterlösung (Buddhismus), teils eine Ich-Erlösung (Rajneeshismus), teils eine Gottesnähe (Christizismus), teils eine Gottesmitarbeiterschaft (Eckankar), teils aber auch eine Mitgottverschmelzung (Mormonismus) verbunden.

Der Weg zu dieser Erlösung läßt sich aber nur durch Lernprozesse erreichen, durch das Beobachten von Ursache und Wirkung, von Reiz und Reaktion, Stimulus und Response. Religionen behaupten nun
allerdings per se, daß sie bereits über Reizreaktionsmuster Kenntnisse verfügen. Ihre Strategie ist es, vorzugeben und zu behaupten, sie würden die Folgen einer Entscheidung kennen. Für sie gilt allein der
Grundsatz "In hoc signo vinces", womit sie bereits im Vorfeld einen bestimmten Kanon von Lernprozessen vorausbestimmen. Hierzu ein Beispiel aus dem Christizismus:

  • "Was nun den Zustand der Seele zwischen dem Tod und der Auferstehung betrifft - siehe, mir ist von einem Engel kundgetan worden, daß der Geist eines jeden Menschen, sobald er aus diesem      sterblichen Leib geschieden ist, ja, der Geist eines jeden Menschen, sei er gut oder böse, zu dem Gott heimgeführt wird, der ihm das Leben gegeben hat. Und dann wird es sich begeben: Der Geist      derjenigen, die rechtschaffen sind, wird in einen Zustand des Glücklichseins aufgenommen, den man Paradies nennt, einen Zustand der Ruhe, einen Zustand des Friedens, wo er von all seinen      Beunruhigungen und von allem Kummer und aller Sorge ausruhen wird. Und dann wird es sich begeben: Der Geist der Schlechten, ja, derer, die böse sind - denn siehe, sie haben kein Teil und kein      Maß des Geistes des Herrn; denn siehe, sie haben sich lieber böse Werke als gute erwählt; darum ist der Geist des Teufels in sie gekommen und hat von ihrem Haus Besitz ergriffen, der wird in die      äußere Finsternis hinausgestoßen; dort wird es Weinen und Wehklagen und Zähneknirschen geben, und dies wegen ihres eigenen Übeltuns, denn sie werden nach dem Willen des Teufels in      Gefangenschaft geführt." [9]
An diesem beliebigen Beispiel, welches sich auch bei anderen religiösen Kulten vielfach wiederfindet, wird deutlich, daß die Verfasser (in diesem Falle sich von Gott inspiriert fühlende Aufschreiber)
behavioristische Intentionen hegten: Der Reiz "Rechtschaffenheit" wird mit der automatisch folgenden Gottesreaktion "Paradies" verknüpft, der Reiz "Schlechtigkeit" wird mit der Gottesreaktion "Finsternis"
kombiniert. Zwischen "Stimulus" und "Response" wird eine enge Korrelation hergestellt, die zudem noch durch Korrepetierungen und massenpsychologische Effekte (Gruppendynamik) von Vermutungen über Wirklichkeitsannahmen und Wahrnehmungen zu einem Wahrheitsstatus übergehen.

Der Gläubige und auch der potentiell Bekehrungswillige wird also durch einen schwellenstadienhaften Lernprozeß, der sich über das Kennenlernen von Reizreaktionsmustern a) in den Buchreligionen mithilfe der Heiligen Schriften und b) allgemein mithilfe der gemeinschaftlichen Gottesfeiern und damit des Gruppenverhaltens stattfindet, instrumentell (oder operant) konditioniert. Hier wird deutlich, daß das Hereinwachsen eines potentiellen Gläubigen und Neubekehrten in einen religiösen Kult vor allem durch Wiederholung und Übung stattfindet, durch unbewußtes Erlernen und Übernehmen von Verhaltensweisen, wie sie die Gruppe, auf die man sich bezieht, aufzeigt und vorlebt.

Die anfängliche Fremdheit des neuen Verhaltens schwindet bei dem Neubekehrten mit der Zeit, er übernimmt automatisch und "nebenbei" die Verhaltensweisen der neuen Gruppierung, oder kurz: Er wird sozialisiert und lernt dazu, bis die neuen gruppalen Verhaltensweisen und damit auch Dogmen des Denkens und Handelns in das Individuum übergegangen sind. [10] Diese Effekte können indes seitens der Religionsführenden noch durch die mehr oder minder starke Anwendung von Mind-Control-Methoden nach dem BITE-Modell (Behavior-, Information-, Thought- sowie Emotional-Control) nach Steven Hassan noch verstärkt werden. [11]

Wohin allgemein besehen Konditionierungen führen und welche Form sie besitzen, ist je nach religiösem Kult unterschiedlich. Bei der Hare-Krishna-Bewegung beispielsweise würde man nur dann vom weltlichen Bewußtsein befreit, wenn man streng asketisch und sexuell abstinent leben würde [12], im Rajneeshismus und im Muehlinismus dahingegen könnte man die Befreiung vom weltlichen Bewußtsein nur dann erlangen, wenn man Libertinage und sexuelle Aktivität ungehindert von moralischen Normen ausleben würde. [13] Doch in beiden Fällen werden behavioristische Methoden angewendet.

Allerdings ist der Erfolg dieser Methoden nicht allein vom Lernen abhängig: Atheisten sind, wenn sie sich mit Religionen beschäftigen, zwar auch diesen Reiz- und Reaktionsmustern ausgesetzt, aber diese
Kenntnis veranlaßt sie doch nicht zwangsläufig zu einer Verhaltenssteuerung im Sinne des jeweiligen religiösen Kultes. Es muß daher auch noch persönliche Momente geben, die Menschen veranlassen, sich zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft zu bekehren oder ihr fernzubleiben. Denn nur diejenigen Personen, bei denen ein bestimmter religiöser Stimulus (soll heißen eine bestimmte religiöse Behauptung) in eine vorbereitete gedankliche oder emotionale Struktur eindringt, kann er Wirkung zeigen. Dem Nichtchristen fehlt der Glaube an die Präponderanz des Gottes der Bibel, folglich fehlt ihm auch der Glaube an "Himmel" und "Hölle". Es hängt daher im Wesentlichen von der Voreinstellung des Menschen ab, ob der Stimulus von ihm auch als ein Stimulus wahrgenommen und von Responsen auslöst.

Immerhin aber konfrontieren religiöse Kulte den Menschen bewußt mit Stimuli, die an den Fundamenten des menschlichen Seins rütteln, der Frage nach dem Woher und Wohin, nach dem Sinn des Lebens,
nach den Jenseitsvorstellungen, nach dem Sinn von Leid und Unglück, Krieg und Krankheit. Mithilfe dieser allgemeinen, weil alle Menschen angehenden Fragen wollen religiöse Kulte behavioristische
Reizreaktionsmuster auslösen und Menschen konditionieren, teils weil sie ehrlich davon überzeugt sind, die "wahren" Antworten auf diese letzten Fragen zu besitzen, teils auch nur, weil sie Macht erringen
möchten - die Unterscheidung dieser beiden Ziele geht gelegentlich fließend ineinander über.

Unverkennbar aber ist, daß religiöse Kulte mit speziellen Strategien ihren jeweiligen Stimulus bei potentiellen und auch bereits seienden Gläubigen zu implantieren suchen, beispielsweise mit den erwähnten Gedankenmustermodifikationen, aber auch durch massen- und werbepsychologische Methoden und Anwendungen. [14] Warum sich indes Menschen nur einer einzigen Religionsgemeinschaft anschließen und nicht einer anderen Gruppe, ist wohl wesentlich von der bisherigen Sozialisation dieser Person im Einzelfall abhängig, der durch die eigenen momentanen Bedürfnisse und Erwartungen, durch persönliche Begegnungen mit Gläubigen im lokalen Lebensalltag sowie durch persönliche Krisen und Identitätsdiffusionen geprägt wird.

D. Das ABCdarium religiöser Kulte als Erfassungskategorie

In diesem Zusammenhang interessant ist das ABCdarium religiöser Kulte, das hiermit erstmals in dieser Zusammenstellung vorgelegt werden soll und welches aus 23 Punkten besteht. Es ist nach Trillhaas einem übergreifenden Religionsbegriff aus der Sicht einer externen Stellung gewidmet und nicht aus dem einem religiösen Kult selbst mit dem Zweck entsprungen, einen anderen religiösen Kult zu diffamieren, sich von ihm abzugrenzen oder ihn abzuwerten. [15] Mithilfe dieser Punkteliste, die ihre Anregung in den sogenannten "Sektenchecklisten" der großen christizistischen Kirchen  [16] und in der Religionsforschung fand, [17] kann ein fragliches Sinnangebot als religiöser Kult einigermaßen exakt erfaßt, beschrieben und kategorisiert werden. Existenz oder Nichtexistenz sowie die geringere oder stärkere Intensität eines bestimmten Merkmals läßt dann anschließend auch Rückschlüsse auf die Bedeutung des religiösen Kultes und die Einbindung ihrer Mitglieder in den Gruppenkult zu: Personell und individuell beachtenswert sind dabei die Wechselwirkungen der Zweierbeziehung zwischen Führer und Gefolgschaft, die sich ebenfals über diese Merkmalszusammenstellung deskriptiv erfassen lassen. Demnach werden religiöse Kulte im Allgemeinen durch folgende Faktoren - in unterschiedlichem Maße - bedingt, wobei nicht alle dieser hier erwähnten Punkte in religiösen Kulten vorhanden sein müssen.

ABCdarium religiöser Kulte (entwickelt im Dezember 2010 im Institut Deutsche Adelsforschung)

  • Absolutionismus - Behauptung, der Kult könne Sünde durch bestimmte Rituale tilgen
  • Auserwähltheit - Elitäre Behauptung, nur die Mitglieder der Gruppe könnten einem Weltschlußario entgehen
  • Charismatismus - Diametralität - Annahme der Existenz von Weltkräften gemäß dem Dichotompaar von Gut und Böse
  • Dogmatismus - Existenz von festgefügten und von Führern angelegten Heiligen Schriften
  • Eskomptierung - Existenz einer eschatologischen Sichtweise und Propagierung einer kommenden Weltvertilgung
  • Eternisierung - Anspruch auf Gültigkeit des kultischen Kanons für die Ewigkeit (Reinkarnation, Ewiges Leben)
  • Führerkult - Erwartung der Gefolgschaft für einen Stifter, Fehrer, Guru, Meister, Guru
  • Generalisierung - Behauptung des Wissens und der Methodens zur Lösung aller persönlichen wie globalen Probleme
  • Hegemonialität - Auflösung des Individuums zugunsten der Wandlung zu Funktionsglied der Gruppe
  • Heilsaussicht - Versprechen auf Glück, Erfolg, Erfüllung, Lebenssinn, Gemeinschaft, Gesundheit
  • Hierarchie - Existenz von gestuften Statusverhältnissen vom Novizen bis zum Meister
  • Initiationismus - Vermittlung eines Zeremoniells zur Einweihung in die Lehre der Gruppe
  • Kontrolle - Private und kultische Bereiche des Individuums werden reglementiert oder überwacht [18]
  • Mangelhaftigkeit - Behauptung, jeder Mensch sei per se sündig und bedürfe einer Sühne oder Vervollkommnung [19]
  • Märtyrertum - Erfüllungsfindung durch masochistische Opfer- und Verfolgtseins-Phantasien
  • Missionierung - Ausbildung und Aktivierung von Sendlingen und Proselytenmachern für Nichtgläubige
  • Mystizismus - Förderung von psychedelischen Rauschzuständen durch Drogen, Meditation, Musik, Mantren, Tanz.
  • Obskurantismus - Kritik von Dritten wird als Verleumdung, Verfälschung und Verfolgung der Wahrheit verstanden
  • Semiotik - Pflege einer systeminternen Gruppensprache mit Redewendungen, Zeichen, Begriffen, Ritualen
  • Theosophie - Behauptung der Führung, Verbindungen zu einer Göttlichkeit zu besitzen
  • Theozentrik - Behauptung der Existenz einer personalen oder apersonalen Göttlichkeit, die im Mittelpunkt des Kultes steht
  • Totalitarismus - Ablehnung von inhaltlichen Diskussionen und autoritäre Organisationsstrukturen
  • Wahrheitsanspruch - Behauptung auf den Besitz der einzigen und wirklichen Wahrheit
E. Erweitertes BITE-Modell (entwickelt im Dezember 2010 im Institut Deutsche Adelsforschung)

Zum oben einführend erwähnten Punkt der Kontrolle im ABCdarium ist es im Übrigen lohnenswert, auf die einzelnen Aspekte dieses Faktors zu verweisen und damit auf das bereits erwähnte BITE-Modell von Steven Hassan, allerdings in erweiterter Form, einzugehen, da es, unabhängig davon, ob mit den dort erwähnten Methoden eine sogenannte "Gehirnwäsche" (Brainwashing) möglich ist oder nicht, einen Rahmen anbieten für die Klassifikation von religiösen Kulten in Bezug auf die Frage der Anpassung ihrer Mitglieder an die in der Gruppe geltende Doktrin. Dies trifft indes nicht nur auf Sakralgruppen zu, sondern gilt teils auch im Profanbereich, beispielsweise bei Frauenvereinigungen und Männerbünden, Militärs, Paramilitärs, Vereinen, Parteien oder auch rein virtuellen Gemeinschaften im Welznetz. Im Einzelnen sind dies folgende Methoden: [20]

I. Verhaltenskontrolle

I.1. Kontrolle der körperlichen Bedürfnisse

  • Art, Dauer und Umfang der sozialen Begegnungen
  • Vorschriften oder Empfehlungen zu Kleidung, Farben, Frisuren
  • Empfehlung, Entzug, Gewährung oder Verbot bestimmter oder aller Nahrungsmittel
  • Schlafentzug und Schlafregulierung
  • Herstellung pekuniärer Abhängigkeiten
  • Reglementierung der Zeit für Entspannung, Unterhaltung, Ferien
I.2. Kontrolle des Lebenszeitbudgets
  • Einladungen zur Teilnahme an Kultzeremonien und -veranstaltungen
  • Einbindung in die Organisationsstruktur und Übertragung von Kleinstämtern an Novizen
  • Verpflichtung zur Durcharbeitung schriftlicher Materialien oder zum Bezug von Kursen
  • Priorität des Kultes bei der Zeiteinteilung
I.3. Kontrolle der Lebensveränderungen
  • Empfehlungen zu Lebensmodifikationen wie Arbeitsplatz-, Partner- oder Wohnortwechsel
  • Vorschriften zur Lebensführung auf bestimmte von der Führung legitimierte Formen
  • Vorschriften zur Berichterstattung über Tätigkeiten bei der Führung
I.4. Kontrolle infolge operanter Konditionierung
  • Lockung mit Belohnungen als positive behavioristische Verstärkung
  • Drohung mit Bestrafungen als negative Verstärkung
I.5. Kontrolle der Individualethik durch die Hegemonie der Gruppenethik
  • Zurückdrängung des Individuums und seiner freien Entfaltungsmöglichkeiten
  • Vorrang der Gruppennormen vor Selbstverwirklichung
  • Filterung der Selbstwahrnehmung durch die Gruppennorm
  • Forderung nach Gehorsam und Erzeugung von Abhängigkeiten
  • Ausbildung sozialer Machtmechanismen seitens der Führung gegenüber den Kultmitgliedern durch Experten-, Belohnungs- und Bestrafungsmacht sowie Durchsetzung von psychischen, physischen oder materiellen Sanktionen sowie der Einsatz von psychischen, physischen oder materiellen Gratifikationen. [21]
II. Informationskontrolle

II.1. Täuschung

  • Verschweigung von Informationen
  • Selektierung von Informationen
  • Verformung von Informationen durch Lüge
II.2. Beschränkung der Informationsfreiheit
  • Externe Informationen werden im Zugang reglementiert oder negativ als Kritikasterei besetzt dargestellt
  • Empfehlung zur Nutzung bestimmter Medien (kultkonforme Bücher. Artikel, Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen, Radio)
  • Einschränkung zur Nutzung bestimmter Medien oder Medieninhalte
  • Verbot zur Nutzung bestimmter Medien (kultkonforme Bücher. Artikel, Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen, Radio)
  • Unterdrückung der Reflektionsfähigkeit durch Zeitbudgetkontrolle (Dauerbeschäftigung)
  • Differente Informationsbereitstellung für Kultangehörige einerseits und Externe andererseits
  • Aufbau einer Wissenshierarchie unter verschiedenen Statusstufen innerhlab des Kultes
  • Befugnis zur Informationsaufnahme wird von der Führung gesteuert oder beeinflußt
II.3. Förderung der Denunziation oder Gebot zur Denunziation
  • Gegenseitige Überwachung der Mitglieder
  • Meldepflicht für nonkonforme Gedanken, Gefühle und Taten an die Führung
II.4. Gebrauch kulteigener Informationen
  • Rezeption von Büchern, Traktaten, Rundschreiben, Zeitschriften, Audio- und Videomaterial et cetera
  • Selektive Benützung von externen Zitaten im Kult, die aus dem Zusammenhang ihrer Entstehung gerissen werden
II.5. Operante Konditionierung durch informationelle Bestrafung
  • Ermittlung und Erstellung von Dossiers mit Informationen über nonkonformes Verhalten eines Individuums zur Herstellung einer Identitätsdiffusion
  • Benützung dieser auf die Vergangenheit bezogenen Informationen zur Manipulation des Individuums ohne Vergebungsaussicht
III. Gedankenkontrolle

III.1. Grupennorm und Gruppenethik werden als Dogma betrachtet

  • Konstruktion eines Weltdenkgebäudes und Weltbildes, das als Wirklichkeit wahrgenommen wird
  • Dichotomisierung im Schwarz -Weiss-Denken: Gut gegen Böse, Kultmitglieder versus Nichtkultmitglieder, "Wir" wider "sie"
  • Behauptung, es gäbe kein Glück oder keine Erfüllung außerhalb des Kultes.
  • Androhung von erheblichen und einschneidenden Folgen beim Verlassen des Kultes
  • Androhung des Abbruchs der sozialen Beziehungen mit potentiellen Austeigern
  • Behauptung der Kultführung, Aussteiger seien von "Feinden" Verführte oder litten an einem Mangel an psychischer Stärke
  • Behauptung, daß Fehler nicht bei der Kultlehre oder der Führung, sondern nur beim Mitglied selbst zu suchen seien
III.2. Einführung einer kulteigenen Sprachregelung
  • Erfindung und Etablierung kulteigener Worte, Bezeichnungen, Definitionen, Semiotiken und Wortbedeutungen
  • Neubegriffsverleihung vorhandener Worte, Bezeichnungen, Definitionen, Semiotiken und Wortbedeutungen
III.3. Dichotomisierung in "reine" und "unreine" Gedanken
  • Forderung, nur "reine" Gedanken zuzulassen, da "unreine" Gedanken die Heilswerwartung mildern oder aufheben könnten
  • Anregung zur Selbstkontrolle bei der Verwendung von Gedanken, Worten, Bezeichnungen, Definitionen, Semiotiken und Wortbedeutungen
  • Fremdkontrolle durch die Gruppennorm bei der Verwendung von Gedanken, Worten, Bezeichnungen, Definitionen, Semiotiken und Wortbedeutungen
  • Verortung des eigenen Kultes auf Seiten der "Gutheit" und dadurch Abwertung anderer religiöser Kulte
III.4. Einfache Gedankenstop-Techniken
  • Ablehnung von Ratio, Analyse, Kritik und Vernunft bei der Betrachtung des Kultes, deren Lehre und Führung.
  • Benützung von Abwehrmechanismen bei Angriffen und Kritik von außen oder innen durch Identifikation mit Autoritäten, Isolierung infolge Kompartmentbildung, Kompensation und Reaktionsbildung von eigenen "Fehlern" durch Überbetonung bestimmter eigener Eigenschaften, Phantasie, Projektion, Regression, Sublimierung, Verdrängung, Verleugnung und Verschiebung [22]
IV. Gefühlskontrolle

IV.1. Instrumenatlisierung von Schuldbewusstsein

  • Herbeiführung von Schuldbewußtsein beim Kultmitglied bezüglich der Identität des Individuums in den Bereichen der eigenen Lebensführung, Familie, Vergangenheit, Beziehungen, Gedanken, Gefühle und Handlungen
  • Benützung von sozialem oder historischem Schuldbewußtsein mit Verpflichtung zur Sühne gegenüber dem Kult oder der Kultführung
IV.2. Installierung eines künstlichen Schuldbewußtseins der Unvollkommenheit oder Unreinheit
  • Konstruktion und fortlaufende Bedienung von Feindbildern
  • Förderung und Herbeiführung von Ängsten und Befürchtungen vor rationalem Denken, vor dem Außen, der Profanwelt, vor Feinden, vor Heilsverlust, vor dem Verlassen sowie Verlassenwerden des Kultes, vor Mißbilligung und dem Entzug der Aufmerksamkeit
IV.3. Herbeiführung negativer und positiver emotionaler Entgrenzungen
  • Förderung oder Gebot von exozistischen Praktiken (Austreibung von Dämonen, Bekämpfung von Alt- oder Fremdmustern et cetera)
  • Androhung von Konsequenzen durch Schürung von Phbnien
  • Förderung von körperlichen Ausnahmezuständen oder Herbeiführung, Gebot und Raumgabe für körperlich extatische Entäußerungs-Methoden, die durch entsprechende Deutung ein "mystisches" Erlebnis erschaffen und das Einssein mit der jeweiligen Göttlichkeit erleben lassen sollen: Chanten, Meditieren (sowohl in der körperlich-stillen als auch physisch-dynamischen Formen), künstlich herbeigeführte Hyperventilation, Tanz, psychedelische Bewußtseinszustände durch Drogeneinnahme, Gebet, Zungenreden, Gesang oder Gesumme, kontemplative Versenkung und Mantren.
IV.4. Zeremonielle und teilöffentliche Verfehlungsbekenntnisse
  • Geständnisförderung oder Gebot des Geständnisses bei Verletzungen der Gruppennorm und Kultlehre
  • Geständnisprotokollierung, Berichtsführung oder Anlegung von Dossiers zu persönlichem Fehlverhalten
  • Geständnisse vor der Führung oder den Angehörigen des Kultes in Form von Zeremonien, Berichten oder Beichten
Der vorliegende Aufsatz wurde von Claus Heinrich Bill verfaßt.

Annotationen:

  • [1] = Wolfgang Trillhaas: Grundzüge der Religionspsychologie, München 1946 (Druckfassung seiner theologischen Doktorarbeit an der Universität Erlangen), Seite 3
  • [1a] =  Christian Henning, Sebastian Murken und Erich Nestler (Herausgeber): Einführung in die Religionspsychologie, Paderborn 2003, Seite 17
  • [2] = Philip Zimbardo: Psychologie, Berlin 5.Auflage 1992, Seite 352
  • [3] = Erich Fromm: Die Furcht vor der Freiheit, Stuttgart 1983
  • [4] = Hierzu mehr bei Christian Henning (Herausgeber): Einführung in die Religionspychologie, Paderborn 2003, Seite 162
  • [5] = Ein Beispiel dafür ist: Bernd Oberdorfer (Herausgeber): Die Ambivalenz des Religiösen. Religionen als Friedensstifter und Gewalterzeuger, Freiburg im Breisgau 2008, 432 Seiten
  • [6] = Eine typische kulturpessimistische Propagierung dieser Zeiten findet man beispielsweise bei dem Mediziner Joachim Bodamer: Der Mensch ohne Ich. Wie werden wir wieder glücklich, Freiburg im Breisgau 1970. Dort wird postuliert, der Mensch würde sich infolge der permanenten Existenz von Informationen, Werbung und massenmedial vermittelten und überzogenen Idealen, getrieben von ständigem ehrgeizigem Wachstumsstreben, auflösen und seiner Menschlichkeit beraubt werden.
  • [7] = Hierzu Annette Boeger: Psychologische Therapie- und Beratungskonzepte: Theorie und Praxis, Stuttgart 2009, insbesondere die Ausführungen zum verhaltenstherapeutischen Ansatz auf den Seiten 145-161 sowie Guy Lefrançois: Psychologie des Lernens, Heidelberg 3.Auflage 2003
  • [8] = Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie, Donauwörth, 16.Auflage 1976, Seite 65
  • [9] = Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Herausgeber): Das Buch Mormon, Frankfurt am Main 2007, Seite 405-406, Buch Alma, Kapitel 40, Verse 11-13
  • [10] = Rolf Oerter: Moderne Entwicklungspsychologie, Donauwörth, 16.Auflage 1976, Seite 65-76
  • [11] = Siehe hierzu Steven Hassan: Ausbruch aus dem Bann der Sekten. Psychologische Beratung für Betroffene und Angehörige, Reinbek 1993 sowie zur Weiterentwicklung der Mindcontrolmethode in das BITE-Modell ebenfalls Steven Hassan: Releasing the Bonds. Empowering People to Think for Themselves, Somerville 2000. Weiters auch aktuell: Margaret Singer: Sekten. Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können, Heidelberg 1997.
  • [12] = Gerhard Bellinger: Knaurs Großer Religionsführer, München 1986, Seite 183
  • [13] = Zum Rajneeshismus siehe Yvonne Karow: Bhagwan-Bewegung und Vereinigungskirche, Stuttgart 1990, Seite 97 sowie Osho: Tantra, Spiritualität und Sex, Zürich 5.Auflage 1994. Zum Muehlinismus siehe Horst Reller (Herausgeber): Handbuch Religiöse Gemeinschaften, Gütersloh, 4.Auflage 1993, Seite 887-910
  • [14] = Siehe hierzu Michaela Wänke: Social psychology of consumer behavior, New York, 2009, weiters Hans-Georg Häusel: Emotional Boosting. Die hohe Kunst der Kaufverführung, Freiburg im Breisgau 2010 sowie Georg Felser: Werbe- und Konsumentenpsychologie, Berlin 2007 (3.Auflage)
  • [15] = Wolfgang Trillhaas: Grundzüge der Religionspsychologie, München 1946, Seite 6
  • [16] = Ein Beispiel dafür ist die "Checkliste zur qualifizierten Beurteilung des Gefährdungspotenzials von Sekten und Psychogruppen" auf der Weltnetzseite "http://www.blja.bayern.de/themen/jugendschutz/sekten/Sektencheckliste.html" (Abruf am 10. XII. 2010)
  • [17] = Diese Listen sind jedoch teils überholt und sprechen vor allem die Frage an, ob es sich bei einem religiösen Kult um eine Kirche oder eine Sekte handelt. Ein Beispiel für diese Schwarzweißmalerei ist die der weit komplexeren Praxis religiöser Kulte unversöhnlich gegenüberstehende Aufstellung bei Günter Kehrer: Einführung in die Religionssoziologie, Darmstadt 1988, Seite 359, die auf den Soziologen Max Weber zurückgeht. Die Frage, ob es sich bei ebnem religiösen Kult um einen "Kultus", "Kirche", eine "Denomination" oder eine "Sekte" handelt, ist hier bei der Betrachtung des ABCdariums nicht von Interesse, da es nur um die Klassifizierung von religiösen Systemen im Allgemeinen geht, für die hier übergreifend der Begriff "Religiöser Kult" benützt wird. Die Unterteilung in die Abstufungen dieser Kulte, wie sie beispielsweise bei Hubert Knoblauch in seinem Werk "Religionssoziologie" (Berlin 1999, Seite 146) vorgenommen wird, ist ohnehin zweifelhaft, auch zur Beurteilung der Frage der negativen Beeinflussung der Mitglieder, weil eine mögliche Persönlichkeitstransformation durch einen religiösen Kult nicht allein von den Merkmalen des ABCdariums abhängt, sondern eben auch von der Prägung und Charakteristik eines Individuums und seiner Lebensvorgeschichte.
  • [18] = Ein anschaulisches Beispiel für derartige Kontrollen stellen die Regeln der jungen Mormonenvollzeitmissionare ("Mormon Missionary Rules") dar, die im "The Missionary Handbook" oder der sogenannten "White Bible", die nur intern verwendet wird, abgedruckt sind. Diese Regeln gelten allerdings nur für die Missionare, nicht für die gewöhnlichen Mitglieder dieses religiösen Kultes.
  • [19] = Bereits Martin Luther hat, obwohl gerade er nicht als Religionskritiker, sondern nur als Konfessionskritiker betrachtet werden kann, auf eben diesen ganz allgemein auf religiöse Kulte anwendbaren Umstand verwiesen: "Medicina, Arnzei machet Kranke, denn die Ärzte erdenken Krankheiten; Mathematica machet traurig;  Theologia machet Sünder". Zitiert nach Franz Freiherr von Lipperheide: Spruchwörterbuch, Berlin 1907, Seite 850
  • [20] = In der Grundstruktur der Angaben übernommen von und leicht abgewandelt nach der österreichischen Weltnetzseite von Ilse Hruby unter der virtuellen Adresse "http://www.ilsehruby.at/BITEMindControlModell.htm" (Abruf am 10. XII. 2010), die das BITE-Modell von Steven Hassan ins deutsche übersetzt hat. An diesem Modell arbeiteten zudem in der Vergangenheit mehrere Forscher, auch der Psychoanalytiker Robert Lifton, der einen nahezu identischen, wenn auch nicht ganz so ausführlichen Kanon wie Hassan erstellt hat. Siehe dazu Robert Lifton: Thought Reform and the Psychology of Totalism, New York 1963
  • [21] = Nach Lorenz Fischer: Grundlagen der Sozialpsychologie, München 2002 (2.Auflage), Seite 492

  • [22] = Übernommen aus Peter Becker: Psychologie der seelischen Gesundheit, Band 1., Göttingen 1982, Seite 58. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Liste mit Abwehrmechanismen des Ichs gegenüber Ängsten und Anforderungen, die aber auch als Verarbeitungsstrategien der Mitglieder bei religiösen Kulten angewendet werden und daher in den Sakralbereich durchaus übertragbar sind.

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