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Lexikon neureligiöser Bewegungen

Eine Besprechung zu einer dreibändigen Neuerscheinung des Herderverlages 2009

Das dreibändige Lexikon [1] mit je 251, 253 und 256 Seiten bietet mit dem Erscheinungsdatum 2009 das gegenwartsbezogenste und überblicksartigste Kompendium zum Thema der aktuell in der BRD als einflußreich eingestuften religiösen Kulte außerhalb der beiden großen christizistischen Kirchen. Der neueste Forschungsstand ist gewährleistet durch die Heranziehung von entsprechenden Fachautoren aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen, z.B. aus der Theologie, aus der Religionspsychologie, aus der Psychologie oder der Religionswissenschaft im Allgemeinen. Diese Vielfalt macht sich in den Texten als starker Moment der vielfältigen Interpretationsansätze von religiösen Kulten, wie hier die Religionen oder religiösen Sinnangebote zusammenfassend genannt werden sollen, bemerkbar.

Dabei muß konstatiert werden, daß der Titel der dreibändigen Reihe, die im Schuber abgegeben wird, aber auch in ihren in sich abgeschlossenen Einzelbänden erhältlich ist, eigentlich verfehlt wurde - allerdings zum positiven Sinn hin. Denn in den Bänden werden nicht nur kurz die jeweiligen Kulte beschrieben, sondern auch Lemmata eingeflochten, die entsprechendes Hintergrundwissen erschließen und primär nicht organisatorisch-institutionell bedingt sind; dazu zählen Lemmata wie »Mensch«, »Schuld«, »Glaube«, »Besessenheit«, »Initiation«, »Ritus«, »Gesundheit« oder »Sinn«, um nur einige wenige zu nennen. Insgesamt wird daher in den drei Bänden ein Panorama eröffnet, wie sie klassisch in den ehemals als Sektenhandbüchern klassifizierten Werken abgebildet wurde.[2]

Allerdings hat diese Reihe hier verschiedene Vorteile: Nicht nur die Aktualität der dargestellten Inhalte besticht, sondern häufig auch ihre Bewertung. Mit der Einführung gelegentlicher Einordnungen religiöser Institutionen ist die Reihe zwar höchst subjektiv, aber zugleich wird damit auch eine erste Stellung nach neuen, manchmal auch interdisziplinären Sichtweisen, geboten. So werden viele Lemmata, wie z.B. das Lemma »Mensch«, sowohl aus christlicher als auch aus neoreligiöser Sicht abgehandelt; beide Positionen zum Menschenbild findet sich aber an aufeinanderfolgender Stelle innerhalb des Lemmas abgedruckt. 

Auf diese Weise werden Vergleiche in kurzgefaßter Form hervorgehoben und in die Heterogenität des jeweiligen Begriffes eingeführt. Institutionen dahingegen werden eher nur aus Sicht des jeweiligen Autors dargelegt und diese Blickwinkel und Standpunkte dürften sicherlich bei einigen Lemmata auf Kritik stoßen. So ist z.B. im Lemma »Osho« (Seite 166) vermerkt, daß die Sannyasins die spirituelle Praxis betrieben würden, tief in Gefühle von Freude und Schmerz hineinzugehen. Stattdessen lehrte Osho aber: Man solle lediglich Zeuge sein und nicht Erleider oder Täter solcher starken Gefühle. Aber: Mit ihrer Positionierung bieten diese Einordnungen immerhin einen Ansatzpunkt für Diskussionen, der angenommen oder erwidert werden kann. Besonders deutlich wird dies bei dem seit einigen Jahren in der aktuellen Diskussion in vorderster Front stehende Medienphänomen der Scientology-Church, wobei in den entsprechenden Lemmaabschnitt negative Kategorisierungen und Bewertungen aus politischer wie kirchlichem Blickwinkel vorgenommen werden.

Durch die Verteilung der Informationen auf drei in sich abgeschlossene Alphabete geht die Fülle der Lemmata leider in der Mannigfaltigkeit unter: Eigentlich müßte man alle drei Bände einzeln Seite für Seite durchsehen, um die entsprechenden Artikel erreichen zu können. Ein jeweils für jeden Band dem Lemmatateil angefügtes Personen- und Sachverzeichnis erleichtert zwar in den Bänden selbst die Orientierung, bietet aber keinen Allgemeinzugriff auf alle drei Bände zugleich. Ein Verzeichnis aller Lemmata in allen Bänden findet sich allerdings im Weltnetz, leider aber in drei verschiedenen Listen. [3]

Daher empfiehlt sich der rege Gebrauch der drei in den Bänden abgedruckten hervorragenden Register, da das Lexikon insgesamt, wie üblich bei dieser Wissensgattung, ausschließlich aus »verstecktem« Schrifttum besteht. Der Vorteil dieser Dreiteilung ist indes die relativ klare Zuordnung zu den drei gewählten Kategorisierungen von religiösen Kulten. Ein Band ist den christizistischen, ein Band den nichtchristizistischen und ein Band den neoreligiösen Kulten gewidmet. Dabei sind die Grenzen der Zuordnung gelegentlich problematisch, da beispielsweise natürlich nichtchristizistische Kulte und solche neoreligiser Art nicht ganz klar voneinander abgrenzbar sind.

So könnte man beispielsweise das Lemma »Transzendentale Meditation« bei den neoreligiösen Bewegungen suchen, wird dort aber nicht fündig, weil es im Band über die nichtchristizistischen Kulte abgedruckt wurde. Ähnliches trifft zu auf die Lemmata »Christengemeinschaft« und »Universelles Leben«, welches man nicht wie zu erwarten wäre, in dem Band der christizistischen, sondern im Band der neoreligiösen Kulte findet. Man sollte daher alle drei Bände schon recht genau studieren, wenn man bestimmte Inhalte sucht. Hier wäre es vom Verlag zu wünschen, daß zumindest online ein umfassendes Sach- und Personenverzeichnis angeboten würde, um die Inhalte besser erschließbar zu machen, ähnlich wie dies auch bei der »Enzyklopädie der Neuzeit«, einem kulturwissenschaftlich orientierten Geschichtslexikon, in jüngster Zeit geschehen ist.

Ausgerichtet ist die Reihe, die populärwissenschaftlich geschrieben wurde, nicht zweifelsfrei für Wissenschaftler, sondern für den interessierten Laien und denjenigen, der sich einen ersten Überblick und eine aktuelle Einschätzung zu einem Lemma verschaffen möchte. Daher fehlt leider jeder bibliographische Apparat zu den Lemmata und auch Quellen werden nicht nachgewiesen. Das macht die Überprüfbarkeit der Angaben problematisch und erhebt die Reihe selbst in den Rang eines zweifelhaften Quellenwerkes, deren Angaben man nur über den Verfassernamen überprüfen könnte, indem man diesen Verfasser anschreibt. Das ist ein etwas umständliches Procedere, wenn man auf der Suche nach Belegen und weiteren Quellen ist. Freilich muß auch angemerkt werden: Das Anfügen eines bibliographischen Apparates und von Fußnoten hätte den Rahmen der Bände gesprengt.

Die Herausgeber haben sich aber ersatzweise damit beholfen, die Literatur- und Quellenverweise ausschließlich online unter einer leider ziemlich kryptischen Adresse zur Verfügung zu stellen. Diese Surrogat-Lösung für einen gedruckten Apparat ist zwar besser als das gänzliche Fehlen der Angaben, aber dennoch problematisch: Bei der raschen Veränderbarkeit des Weltnetzes kann nicht gewährleistet werden, daß diese Liste auch in 20 Jahren noch im Weltnetz auf der Weltnetzseite der ehemals (im Übrigen 2009 aufgelösten!) »Katholischen Sozialethischen Arbeitsstelle» in Hamm in Westfalen auffindbar ist. Die Literaturliste ist zudem nicht unproblematisch, da Literatur fast immer, Quellen jedoch eher selten genannt werden. Dafür werden allerdings auch Weltnetzseiten als Quellen angegeben (was vor allem hilfreich war bei Selbstdarstellungen der religiösen Kulte), selten zum Glück Wikipediaseiten, deren Zitation wissenschaftlich besehen umstritten sind. [4] Dennoch: Die Onlineliste der Quellen ist brauchbar und eine Fleißarbeit für sich; am besten druckt sie der Nutzer aus und fügt sie dem Schuber bei.

Bei der Fülle der religiösen Erscheinungen und Institutionen mußte freilich auch inhaltlich von den Herausgebern eine Auswahl getroffen werden. Stichworte wie »Naturreligion«, »Stifterreligion«, »Totemismus«, »Buchreligion«, »Heilige Schriften« oder »Religiöse Wahrheit« fehlen daher, auch werden religiöse Kulte, die nicht im Fokus der Herausgeber stehen, von der Darstellung ausgeschlossen. So fehlen beispielsweise eigene Lemmata zu den mediävistischen Kulten, [5] zu den neoreligiösen Gemeinschaften der amerikanischen Mennoniten, Quäker, Amish People (obwohl diese aktuell wegen ihres gesellschaftlichen Gegenentwurfs als Spiegel zur Moderne noch von einiger Bedeutung sind), Shaker, Müllerianer, Winnebrennerianer, der Rappianer der »Harmonie-Gesellschaft« oder den deutschen Kulten des Evangelischen Bundes (1886 begründet), der Buttlarschen Rotte (1702 als »Christliche und Philadelphische Sozietät« begründet), der Inflationsheiligen (wie Ludwig Haeusser oder Friedrich Muck-Lamberty) oder der oberösterreichischen Pöschlianer (1806 begründet), aber auch dem aktuellen im XXI. Jahrhundert aktiven Tashiroismus des japandeutschen Künstlers Jannes Tashiro aus Kiel.

Doch aufgrund der Aktualität, nicht nur in der Darstellung, sondern auch wegen der verwendeten multiplen, gelegentlich sogar sophistischen Sicht, kann man dieses Manko indes verschmerzen, zumal der Preis für alle drei Bände im Schuber zusammen lediglich 29,95 Euro beträgt (Einzelband 12,95 Euro). Es kommt als Vorteil hinzu, daß der Begriff der religiösen Kulte und Sondergemeinschaften hier sehr weit gefaßt ist und auch Phänomene erfaßt werden, die sich allenfalls in den Marginalbereichen religiöser Konstrukte verorten lassen, ohne als regelrechte »religiöse Institution« zu gelten. Hierzu zählen Lemmata wie »Strukturvertriebe«, »Netzwerkmarketing«, »Reiki«, »Astrologie«, »Verschwörungstheorien«, »Ökologiebewegung«, »Engel«, »Esoterik«, »Psychoszene«, »Sciene Fiction« und ähnliche Begriffe.
Insgesamt besehen bietet das dreibändige Lexikon einen zeitgeistlichen, modernen und interdisziplinären Zugang zu dem menschlichen Phänomen der Religion, das bei äußerster Preiswertigkeit eine Fülle von Daten, Informationen und theologischen wie psychologischen Einschätzungen liefert. Claus Heinrich Bill

Annotationen:

  • [1] = Harald Baer, Hans Gasper, Johannes Sinabell (Herausgeber): Lexikon neureligiöser Bewegungen und Weltanschauungen, 3 Bände im Schuber, Herderverlag Freiburg im Breisgau 2009, zusammen 768 Seiten, ISBN: 978-3-451-06052-6
  • [2] = Hierzu zählen der Reihenfolge ihrer Erscheinung nach beispielsweise die Werke von Ottomar Behnsch: Das Buch der Religionen oder kurze Darstellung der verschiedenen Religionsformen des Monotheismus, Deismus, Pantheismus, Atheismus, Heiden- und Judenthum, namentlich aber der christlichen Religion und sämmtlicher christlichen Kirchen, Parteien und Sekten von der ältesten bis auf die neueste Zeit, Breslau 1847 - Christian Palmer: Die Gemeinschaften und Sekten Württembergs, Tübingen 1877 - Eberhard Buchner: Sekten und Sektierer in Berlin, Berlin 3.Auflage 1904 - Paul Scheurlen: Die Sekten der Gegenwart, Stuttgart 2.Auflage 1921 - Kurt Hutten: Seher, Grübler, Enthusiasten. Das Buch der traditionellen Sekten und religiösen Sonderbewegungen Stuttgart 1.Auflage 1950 - Fritz Blanke: Kirchen und Sekten. Führer durch die religiösen Gruppen der Gegenwart, Zürich 2.Auflage 1955 - Handbuch zu Freikirchen und Sekten. Eine Arbeitshilfe der vereinigten evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands, Hannover 1966 - Oswald Eggenberger: Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen, Zürich 2.Auflage 1978 - Albrecht Schöll (Herausgeber): Handbuch Jugendreligionen, Gießen 1985 - Hans Gasper (Herausgeber): Lexikon der Sekten, Sondergruppen und Weltanschauungen. Fakten, Hintergründe, Klärungen, Freiburg im Breisgau 1990 - Horst Reller (Herausgeber): Handbuch Religiöse Gemeinschaften. Freikirchen, Sondergemeinschaften, Sekten, Weltanschauungen, Missionierende Religionen des Ostens, Neureligionen, Psycho-Organisationen, Gütersloh  4.Auflage 1993 - Heide-Marie Cammans: Sekten. Die neuen Heilsbringer. Ein Handbuch, Düsseldorf 1998 - Lothar Gassmann (Herausgeber im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft für Religiöse Fragen): Kleines Sekten-Handbuch, Schacht-Audorf 2005 - Harald Baer (Herausgeber): Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen. Orientierungen im religiösen Pluralismus, Freiburg im Breisgau 2005 - Hermann Schulze-Berndt: Taschenlexikon Sekten, Kulte, Esoterik, Leipzig 2008.
  • [3] = Weltnetzseite »http://www.kamp-erfurt.de/de/weltanschauungen/texte/literatur-lexikon.html« (Version vom 2. III. 2011)
  • [4] = Hierzu Martin Gasteiner & Peter Haber (Herausgeber): Digitale Arbeitstechniken für die Geistes- und Kulturwissenschaften, Wien 2010, Seite 113

  • [5] = Hierzu Petra Seifert: Geheime Schriften mittelalterlicher Sekten, Hamburg 2008 (unter anderem Manichäer, Bogomilen, Katharer, Fraticellen sowie Waldenser betreffend)

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