Institut Deutsche Adelsforschung
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Legitimität durch Sprachlenkung

Annotationen zu politolingustisch-historischen Rechtfertigungsnarrativen 

Im Oktober 1914 konnte man in einer Tiroler Zeitung folgende Realsatire lesen: "Die Krönung des Prinzen Georg von Serbien zum König von Syrmien. Die Weltgeschichte dürfte noch kaum eine ähnliche Krönung ausgezeichnet haben, wie sie am 14. September in der kleinen syrmischen Gemeinde Dolanovici vor sich ging, wo der Prinz Georg von Serbien von einem serbischen Popen zum König von Syrmien gekrönt wurde. Als es am 10. September bekannt wurde, daß serbische Truppen nach Syrmien einrücken, flüchteten die wenigen ungarischen und deutschen Familien und am 12. September erschienen die serbischen Truppen in dem kleinen Dorfe. Daß sie dort geraubt hätten, wäre nicht der richtige Ausdruck. Richtig ist, daß sie alles, was ihnen in die Hände kam, in Stücke schlugen. Am 14. September teilte man der Bevölkerung frühmorgens mit, daß mittags ein großes Ereignis stattfinden werde. König Peter werde erscheinen, um der Bevölkerung dafür zu danken, daß sie so treu bei Großserbien ausgeharrt habe. Als es dann Mittag wurde, versammelte sich die serbische Bevölkerung vor der Kirche, die von einer Mauer serbischer Soldaten umgeben war. Um diese Zeit fuhr vor der Kirche ein Kraftwagen vor, dem Prinz Georg entstieg. Er war in militärischer Parade und die Truppen gaben eine Ehrensalve ab. Junge, weißgekleidete Mädchen streuten Blumen. Vor der Kirche wartete der Notar der Gemeinde den Prinzen und bot ihm das syrmische Königreich an. In der Kirche krönte ihn der Pope mit geweihtem Wasser, salbte ihm das Genick und sprach den Segen. Eine Krone wurde bei der ganzen Zeremonie nicht verwendet. Sie dauerte etwa eine halbe Stunde. Unterdessen schossen die serbischen Soldaten fortwährend darauf los. Als diese merkwürdige Krönung zu Ende war, zog die ganze Bewohnerschaft auf den Platz vor der Kirche, wo der junge `König´ eine Ansprache hielt, in der er sagte: `Ich bin glücklich, daß ich mich der Anhänglichkeit meines Volkes erfreue. Ich werde mich des Thrones Syrmiens würdig erweisen.´ Gleich darauf ernannte er den Notar zum Gouverneur von Syrmien. Um 12 Uhr mittags bestieg der Prinz den Kraftwagen und fuhr davon. Zwei Tage später wurde bekannt, daß die serbischen Truppen von unseren Soldaten nach Serbien zurückgejagt wurden, worauf der Pope, der Notar und die neu eingesetzten Beamten nach Belgrad entflohen." [1]

Was an dieser Meldung deutlich wird, ist, daß Legitimität, namentlich, weil sie stets mit Macht als einem Verhältnis zwischen Herrschenden und Beherrschten verbunden ist, einer performativen Begründung bedarf. Denn derart immaterielle Entitäten wie „der Staat“ müssen, wollen sie sich in den Augen der Beherrschten halten, sichtbar, lesbar und hörbar werden. Dazu eignen sich gemischt soziofaktisch-artefaktsiche Kundgebungen, Auftritte und Zeremonien hervorragend, „verkörpern“ sie doch im wahrsten Sinne des Wortes den Staat in der Form ihrer bestimmte Handlungen vollziehenden historischen Akteur*Innen. 

Ebendies drückt die genannte Meldung aus. Darin vollzieht ein serbischer Prinz eine Königskrönung mit entsprechendem stellvertretenden Konsum verdeutlichendem Personal, das ihn weiht, ihm Ehrerbietungen darbringt und ihn erst dadurch zu einem König macht – zumindest theoretisch. Denn klar wird anhand der Meldung auch, daß ein König nicht nur die Anerkennung der Untertanen benötigt, sondern seine Herrschaft auch sprachlich begründet werden muß. Aber es gilt zugleich, daß die Sprache des Journalisten die Schilderung der Krönung ins Absurd-Lächerliche, ja ins Skurrile abgleiten läßt. 

Die Diskrepanz zwischen dem Anspruch einer Königskrönung und den Begleitumständen schießender Soldaten, kurzer Stippvisiten, der angeblichen oder tatsächlichen Zerstörung Syrmiens und die Rückeroberung des „Königreichs“ zeigen, wie sehr der anonym agierende Journalist bemüht war, dem Akt der Legitimitätsherstellung kein Rechtfertigungsnarrativ [2] an die Seite zu stellen, sondern vielmehr durch die Art der Darstellung mithilfe teleologisch gelenkten Sprachspielen eine Desavouierung des politischen und militärischen Gegners – es handelte sich um eine österreich-ungarische Zeitung – herbeizuführen. Die mit der performativen Installationszeremonie verbundene Legitimitätsherstellung wurde  daher durch die performative Aufführung des schriftlichen Berichtes konterkartiert und aufgehoben, soger noch zudem in dieser Form für die Nachwelt konserviert. Dies zeigt, daß Berichte über Performanzen sowohl Legitimität unterstützen als auch aberkennen konnten. [3]

Obschon diese Erkenntnisse der Herstellung politischer Realitäten durch Sprache, durch Hochwertwörter, Fahnenwörter, Stigmawörter, Bilder, (Meister-) Narrative nicht neu sind, gibt es nun einen neuen Sammelband mit Aufsätzen, die sich eben jenen Themen widmen, allerdings, und dies ist das Alleinstellungsmerkmal, besonders in Umbruchsituationen politischer Wechsel und Legitimitätskrisen. [4]

Denn in Krisen sind die Dispersivitäten von kulturellen Systemen besonders groß, bedürfen daher auch besonderer Aufwendungen, um Legitimität neu zu begründen. Diesen Krisenzeiten, in denen kollektive Kohärenzgefühle gefährdet worden sind und einer Wiederherstellung bedürfen, wenn Herrschafts- und Beherrschungsverhältnisse perpetuiert werden sollten, widmen sich die neun Fallstudien, die zeitlich einen breiten bogen mehrere Jahrhunderte umspannen. Die Erkenntnisse daraus sind ernüchternd – oder erhellend, je nach Blickwinkel. Ernüchternd, weil erkennbar ist, daß trotz unterschiedlicher politischer Systeme und über die Zeitläufte hinweg weitgehend die gleichen rhetorischen Mittel zur Legitimitätsproduktion verwendet worden sind. Und erhellend, weil sich dadurch allgemein Typologien der politischen Sprachgestaltung ableiten lassen, was u.a. mustergültig in der Einleitung das Bandes zusammen gefaßt wurde. 

Allerdings lassen sich derlei Charakteristika allgemeiner ebenso wie bestimmter politischer Rhetoriken noch genauer – und nicht nur germanozentrisch – im Historischen Wörterbuch der Rhetorik ablesen, in dem Lemmata wie Antipersuasive Rhetorik, Außereuropäische Rhetorik, Denkmalsrhetorik, Feministische Rhetorik, Konservative Rhetorik, Nationalsozialistische Rhetorik (et cetera) aufgenommen worden sind. Was der vorliegende Sammelband daher zu liefern imstande ist, ist weniger eine umfassende politolinguistische Grundlegung (auch wenn das einleitende Theoriekapitel auf den Seiten 9-26 dazu hinführt), sondern mehr ein Kaleidoskop an Einzelfallstudien, wohl aber unter der Klammer erhöhten Legitimitätsbedarfs in soziopolitischen historischen Umbruchsphasen. Diese Studien reichen inhaltlich-zeitlich vom Freiheitsbegriff in der römischen frühen Kaiserzeit (Seite 27-49) über die Krise nach der Ermordung Cäsars (Seite 51-72), die politische Sprache in den Hugenottenkriegen (Seite 73-91) und auf den schleswig-holsteinischen Landtagen des XVI. Säkulums (Seite 93-119), Symbole in der Schweiz im Umbruch vom XVIII. zum XIX. Centenarium (Seite 121-144), Strategien der Legitimation im neuen Kurfürstentum Salzburg (Seite 145-165), Aspekte der politischen Kultur in Dithmarschen im vorletzten Jahrhundert (Seite 167-189), Herrschaftsjubiläen im zweiten deutschen Kaiserreich Seite 191-203) bis hin zur Frage, welche Rolle die Topoi von „Haus“ und „Organismus“ für die Legitimation der Weimarer Republik spielten (Seite 205-228). [5] 

Insgesamt decken die Beiträge damit die unterschiedlichsten chronologischen wie auch territorialen oder auch lokalen Krisensituationen ab, bleben zudem nicht auf einer rein sprachgeshcichtlich essientialistischen Stufe stehen, sondern anerkennen auch, daß nicht nur Sprache Wirklichkeiten ontoformativ präformiert, sondern in einen Circuit of culture verwoben sind, der monokausale Attributionen zu bestimmten politischen Anerkennungsvorgängen und -abläufen verbietet. 

Die Ausgewogenheit der Ansätze einer gemäßigt agierenden Politolinguitik treten daher hier wohltuend hervor, so daß zu konstatieren ist, daß ähnliche Arbeiten ein fruchtbarer Boden bereitet worden ist. Die interdisziplinäre Analyse derartiger Umbruchssituationen hat mit diesem Sammelband eine Grundlage geschaffen, aus der zahlreiche Anregungen und Motivationen auch für weitere eigene Untersuchungen erwachsen können. So wäre es nicht zuletzt auch von Interesse, die pejorativ orientierte Politolinguistik angeblich oder tatsächlich gescheiterter Legitimationen zu untersuchen, wie sie im einleitenden Beispiel des Krönung des Prinzen Georg von Serbien angerissen worden sind.

Diese Rezension erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung und stammt von Claus Heinrich Bill, B.A.

Annotationen: 

  • [1] = Nomen Nescio: Ein Scherz der Weltgeschichte. Bozner Zeitung (Südtiroler Tageblatt), Jahrgang LXXIV., Mittags-Ausgabe Nr. 222 vom 22. Oktober 1914, Seite 1-2
  • [2] = Dazu siehe Andreas Fahrmair (Hg.): Rechtfertigungsnarrative. Zur Begründung normativer Ordnung durch Erzählungen (Band VII. der Schriftenreihe „Normative Orders“), Frankfurt am Main / New York 2013
  • [3] = Siehe dazu auch das Phänomen der Königsmeldungen bei Claus Heinrich Bill: Informelle Herrschaft in der konstitutionellen Monarchie am Beispiel der preußischen Königsmeldungen von 1840-1861 (1/2), in: Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Folge Nr.88, Jahrgang XVIII., Sønderborg på øen Als 2015, Seite 34-52. Sowie Claus Heinrich Bill: Informelle Herrschaft in der konstitutionellen Monarchie am Beispiel der preußischen Königsmeldungen von 1840-1861 (2/2), in: Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Folge Nr.89, Jahrgang XVIII., Sønderborg på øen Als 2015, Seite 2-13
  • [4] = Astrid von Schlachta / Ellinor Forster / Kordula Schnegg (Hg.): Wie kommuniziert man Legitimation? Herrschen, Regieren und Repräsentieren in Umbruchsituationen, Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2015, gebunden, 231 Seiten, Preis: 39,99 Euro.
  • [5] = Zu einer ähnlichen Untersuchung siehe die politolinguistisch orientierte Aufrechterhaltung und Wiederherstellung politischer Legitimität nach einem Attentat auf König Friedrich Wilheöm IV. von Preußen bei Claus Heinrich Bill: Informelle Herrschaft in der konstitutionellen Monarchie am Beispiel der preußischen Königsmeldungen von 1840-1861 (Teil 1/2), in: Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Folge Nr.88, Jahrgang XVIII., Sønderborg på øen Als 2015, Seite 34-52 sowie Teil 2/2 in Folge Nr.89, Jahrgang XVIII., Sønderborg på øen Als 2015, Seite 2-13.

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