Institut Deutsche Adelsforschung
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Reiseberichte über Afrika aus dem 19. Jahrhundert

Zum Myrioramismus ihrer Genesis, Verarbeitung und Re-Präsentation

Dass man 1849 in Wien nicht einfach mit diversen Waffen in der Öffentlichkeit erscheinen konnte, war Baron Johann Wilhelm von Müller (1824-1866), geboren auf Schloß Kochersteinsfeld bei Heilbronn, nicht bewußt. [1] Der württembergische Herrschaftsbesitzer und Privatgelehrte, der gerade von einer seiner Afrikareisen zurückgekehrt war, erregte deswegen im März an der Favoritenlinie in Wien erhebliches Aufsehen. Er hatte zwei Gewehre, zwei Pistolen, Säbel und Hirschfänger bei sich und wurde außerdem begleitet durch seine Dienerschaft, die aus einer Abessinierin, zwei „Mohrenknaben“ und einem Büchsenspanner bestand. [2] Diese für Wiener Verhältnisse ungewöhnliche Ausstaffierung entsprach einerseits dem Empfinden und Lebensgefühl Müllers, andererseits aber auch den Erfordernissen des Reiseschriftstellers, der in Wien im Frühling 1849 Vorträge über seine Reisen hielt. 

So hieß es in einer Wiener Zeitung von Ende März 1849: „Bei der letzten Wochenbesprechung des n.[ieder] ö.[sterreichischen] Gewerbevereins erregte ein Vortrag des eben von einer Reise nach dem nördlichen Afrika zurückgekehrten Herrn Barons Müller aus Stuttgart, allgemeine Theilnahme. Nach einer höchst anziehenden Beschreibung der Produktionsverhältnisse jenes Landes und der Eigenthümlichkeiten seiner Bewohner, glaubte der interessante Reisende die Zuhörerschaft auf die Nothwendigkeit der Errichtung einer Konsulatsbehörde zu Karthum, deren Hauptemporium das Innere von Nordafrika, 17 Tagreisen vom Hafen Suakim am rothen Meere entfernt, aufmerksam machen zu sollen. Dem Vernehmen nach dürften die von Herrn von Müller unserem Handelsministerium hierüber gemachten Mittheilungen eine günstige Aufnahme gefunden haben.“ [3] 

Neben Vorträgen verfaßte der adelige süddeutsche Ornithologe Müller aber auch Reiseberichte, die seine Expeditionen ins Innere Afrikas zum Thema hatten. [4] Derlei Reiseberichte gab es viele im Verlaufe des späten 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die als Pionierzeit bei der europäischen Entdeckung des Kontinents gelten kann. Obgleich schon lange existent, bestand Afrika aus Sicht der Europäer*Innen vor allem aus Projektionsflächen des Anderen und des Fremden, in denen sich das Eigene widerspiegelte. Sie bildeten Paradebeispiele von Stereotypen, die sich in den Reiseberichten mit der schriftlichen Repräsentation eigenen Erlebens der vielen Reisenden verbanden und so eine Wissensgemeinschaft entstehen ließen, die mit über das Bild Afrikas entschied, welches in Europa vorherrschte, produziert und modifiziert wurde. 

Anke Fischer-Kattner von der Münchener Universität der Bundeswehr nun hat in ihrer Dissertation derlei Berichte im Hinblick auf die Wissensproduktion analysiert. Sie interessiert sich in ihrem 573-seitigen  Werk nicht etwa für die Aussagen über Afrika, sondern vielmehr für die Art und Weise der Entstehung dieses Wissens über Afrika.

Dies alles bewerkstelligt sie über einen Quellenkorpus von neun englischen und französischen Reiseberichten, den ihnen zugrundeliegenden Biographien der Reisenden und einem methodischen Zugang im Sinne von Ricoeur und Latours Welterschaffung durch Sprache. Überall dort kommt die Verknüpfung vom schreibenden Selbst und seiner Welterfahrung in den Blick. Daher befaßt sich Fischer-Kattner mit den Chancen und Widrigkeiten des Forschens, Schreibens, Aufzeichnens, mit den beschreibenden oder auch illokutionären Schriftakten, die Afrika als empirisches Objekt schreibender Subjekte gleichsam im europäischen Bewußtsein erschuf. 

Dabei geht es sowohl um frühe Problematisierungen ethnologischer Forschung im (afrikanischen) Feld, ebenso aber auch um Fragen interkultureller Kommunikation und Begegnung – und ihren schriftlichen Interpretationen. Neben Reiseberichten zieht die Verfasserin zur Reflexion und Dekonstruktion Akten sowie andere Quellen heran und ihre überzeugende Reise zum Wissen kann daher als Vorstufe der fertigen Reiseberichte gelesen werden. Das, was im Vorfeld der Berichtspublikationen – und vor allem wie es – geschah und gesehen bzw. konstruiert wurde, ist Gegenstand des Buches, deren herangezogene Berichte nicht nur gleichberechtigtes Interesse an Land, Kultur und Natur zeigten, sondern auch die weniger neutralen Bedingtheiten europäischer Stereotype. 

Anke Fischer-Kattners Werk mit dem Titel „Spuren der Begegnung. Europäische Reiseberichte 1760-1860“, erschienen im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht in Göttingen 2015, kann daher neue Perspektiven auf die schriftliche Repräsentanz und Performanz Afrikas für eine Zeit der „Entdeckungen“ eröffnen, die nicht zuletzt auch Müllers performatorisches Auftreten in Wien einordnen können. Müller, in Afrika selbst ein Anderer oder Fremder, wurde durch Adaption afrikanischer Arte- und Soziofakte in seiner europäischen Umgebung und Heimat wiederum auch als Anderer wahrgenommen, dies freilich absichtlich, um eine hohe Aufmerksamkeit für sein Anliegen zu erlagen. 

Auch Müller beteiligte sich, nicht nur mit seinen Schriften, an der Konstruktion eines bestimmten (hier martialischen) Bildes Afrikas und auch Müller repoduziert damit bei den Wiener*Innen Vorstellungen von Afrika. Derlei Konstruktionen aus einem analytischen Blickwinkel „von außerhalb“ (sowohl zeitlich wie räumlich) gekonnt – und nicht ohne eigene literarische Ambitionen – zu betrachten, ist Fischer-Kattner mit ihrem als Band 91 der Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften erschienenen Werk als Verdienst der historischen Interkulturalitätsforschung ohne Abstriche zu attestieren.

Diese Rezension stammt von Claus Heinrich Bill M.A. B.A. und erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung.

Annotationen: 

  • [1] = Zur Person siehe Brigitte Hoppe: John W. Freiherr von Müller, in: Neue Deutsche Biographie,  Band XVIII., Berlin 1997, Seite 429-430
  • [2] = Fremden-Blatt und Tags-Neuigkeiten (Wien), Nr. 53 vom 3. März 1849, Seite 2
  • [3] = Die Presse (Wien), Nr. 67 vom 20. März 1849, Seite 2
  • [4] = Bibliographisch nachgewiesen bei Friedrich Ratzel: John W. Freiherr von Müller, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Band XXII., Leipzig 1885, Seite 631

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