Institut Deutsche Adelsforschung
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Inkognito als Adelsstrategie der Frühen Neuzeit 

Besprechung einer Neuerscheinung des Oldenbourgverlags

Die moderne Bedeutung des Wortes Inkognito lässt sich im Fremdwörterbuch als „unerkannt“ oder auch „unter fremden Namen“ nachschlagen, und impliziert, daß ein im Inkognito Reisender eine fremde Identität annimmt, um sich unerkannt zu bewegen. Dass diese Wortbedeutung jedoch wenig mit dem historischen Nutzen des Inkognitos als Zeremoniell gemein hat, kann der deutsche Historiker Volker Barth in seiner Monographie „Inkognito. Geschichte eines Zeremoniells“ überaus einleuchtend herausarbeiten. [1]

Mit einer der bekanntesten Begebenheiten des Inkognitos, dem plötzlichen Tod eines Grafen Kronborg in Hamburg, der sich später als König von Dänemark herausstellte und inkognito mit seiner Familie in der Hansestadt weilte, gelingt Barth eine Einleitung, die den Leser direkt an den Kern der Thematik führt.

Das Inkognito lässt sich als jahrhundertalte Tradition und wichtiges Zeremoniell des Hochadels lesen, das die Absicht hat, in eine andere soziale Rolle einzutauchen. Dabei findet es sowohl eine funktionsbezogene, situationsspezifische und praxisorientierte Anwendung zur Lösung der Rang- und Zeremoniellproblematik. Es stellt dabei jedoch keine aristokratische Attitude dar, sondern entspricht politischer Berechnung.

Zu Beginn des hier besprochenen Buches widmet sich der Autor der Genese des Inkognitos, welches nicht nur vor historischem, sondern auch anthropologischem Hintergrund durchaus interessant ist, da es sich nahezu in allen Gesellschaften, Epochen und Regionen finden lässt. Dabei nimmt Barth die Leser*Innen zunächst mit auf einen Streifzug durch die griechische und römische Mythologie, um die Anfänge des Inkognitos zu definieren. Mit reichlichen Beispielen verdeutlicht er ebenso die große Tragweite des Rittertums als Basis für die progressive Festschreibung des Inkognitos als Besuchs-, Reise- und Bewegungszeremoniell. Bereits die Ritter nutzten einen Identitätswechsel bei den äußerst populären Ritterturnieren, wobei der Nutzen hierbei darin lag, dass das Publikum eben gerade nicht getäuscht wurde, und die wahre Identität bekannt war. 

Auch wenn Barth verdeutlicht, dass das Inkognito vor allem damit arbeitete, dass der Identitätswechsel bekannt war, lassen sich vor allem in der anfänglichen Entstehung als Zeremoniell ebenso Beispiele finden, bei denen ein nicht erkannter Identitätswechsel aus machtpolitischen Gründen stattfinden konnte. 

Dementsprechend begann Erec, ein Ritter aus Artus´ Tafelrunde, seine Abenteuer als namenloser, einfacher Ritter. Hier sollte die freiwillige hierarchische Herabsetzung seiner Legitimation dienlich sein, die nicht durch seine politische Stellung, sondern seiner persönlichen, individuellen Taten erreicht wurde.

Ebenso ein Inkognito — mit einem anderen, untypischen Zweck — war das erste Aufwarten zweier möglicher Brautleute. Eine Eheschließlung sollte keinen politisch kalkulierten und arrangierten Charakters haben. Um trotzdem erste inoffizielle Begebungen zu ermöglichen, geschah dies unter veränderter Identität. So wurde ein möglicher Rückzieher nicht offiziell und führte zu keinen diplomatischen Problemen. 

Ein weiteres, vor allem in der chevaleresken Literatur des Mittelalters verarbeitetes Motiv war die Liebe. So kann ein Liebender sich sicher sein, dass er um seinetwillen geliebt wird und nicht aufgrund politischer oder materieller Privilegien.

Trotz der anschaulichen Beispiele aus Antike und Mittelalter spricht sich der Autor deutlich dafür aus, den Begriff des Inkognitos erst ab dem Beginn der Frühen Neuzeit zu verwenden, da sich erst ab dem 16. Jahrhundert die strengen Spielregeln und zeremoniellen Reglementierungen, und seine heutige Bedeutung nachweisen lassen.
Im Folgenden widmet sich der Autor der Festigung des Inkognitos als Zeremoniell. Neben dem Reisezeremoniell zählen auch die verschiedenen Maskeraden und Verkleidungsfeste zu den Vorläufern des zeremoniellen Inkognitos. Die starken zeremoniellen Zwänge sind Gründe für die Herausbildung des Inkognitos, konnten bei diesen Veranstaltungen, wenn nicht aufgehoben, so doch gelockert werden. Mit anschaulichen Beispielen aus allen wichtigen Dynastien der Frühen Neuzeit untermauert der Autor seine Thesen. Dabei differenziert er jedoch, welcher Identitätswechsel tatsächlich einem echten Inkognito entspricht. Denn das Zeremoniell des Inkognitos besticht durch festgelegte Spielregeln. So entspricht die gewählte Identität stets der Fiktion, wobei diese jedoch auf ludische Art und Weise auf die tatsächliche Identität der Person hinweist. Ebenso findet bei Verwendung des Zeremoniells stets eine vorauseilende Ankündigung statt.

Die Identitätsaufgaben bei den Fluchten der beiden englischen Könige Karl I. und Karl II. beispielsweise wichen von diesem ab und werden demnach nicht als echtes Inkognito interpretiert. Erst der russische Zar Peter der Große verschaffte dem Inkognito mit siener „Großen Gesandtschaft“ die Legitimation auf höchster diplomatischer Ebene, indem er als erster Herrscher Europas unter anderer Identität über eine lange Zeit hinweg auf Reisen war. Dabei kann der Autor sinnvoll nachweisen, dass diese Inkognito-Reise, die in der Forschung bisher wenig Beachtung fand, einen maßgeblichen Beitrag zum politischen Erfolg des russischen Zaren leistete (in der Musikgeschichte verarbeitet 1837 in der komischen Oper in „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing). Anhand dieser Reise kann jedoch auch die Problematik erläutert werden, dass das Inkognito als Zeremoniell zu dieser Zeit noch nicht ausgereift und eindeutig definiert war.

Im 19. Jahrhundert veränderte sich die politische und gesellschaftliche Position des europäischen Hochadels. Welche Auswirkungen dies auf das Zeremoniell des Inkognitos hatte, untersucht der Autor anhand der Wittelsbacher-Dynastie, da diese zum einen neben den Hohenzollern und Habsburgern eine der bedeutendsten Familien deutschen Sprachraum war, und auf eine lange Tradition des Inkognitos zurückblicken kann, und zum anderen wurden nach 1806 einige Reiseverordnungen erlassen, die das Inkognito betrafen. Dabei wird vor allem König Ludwig II. exemplarisch viel Aufmerksamkeit zuteil, der die Vielzahl der Verwendungsmöglichkeiten des Inkognitos zu nutzen wusste. Es findet eine deutliche Etablierung des Inkognitos statt, die vor allem auf die Ausbreitung der Eisenbahn zurückzuführen ist, aber weiterhin überwiegend der zeremoniellen Tradition zu Grunde liegt.

Auffallend ist die überaus sorgfältig herausgearbeitete Quellengrundlage, die es Barth ermöglicht, eine beträchtliche Anzahl an Beispielen für seine Thesen und Ausarbeitungen anzuführen. Vor allem deshalb ist dieses Buch auch für Laien geeignet, die sich weniger mit dem historischem Hintergrund auskennen, aber einen Einblick in Wirkung und Durchführung eines Zeremoniells erhalten möchten. Auch die Zusammenfassung am Ende eines jeden Kapitels und das umfangreiche und sehr übersichtlich strukturierte Quellen- bzw. Literaturverzeichnis sind den Leser*Innen sehr dienlich.

Zum guten Verständnis der zeremoniellen Spielregeln tragen ebenso die negativen Beispiele bei, die die vorgenommen Abgrenzungen vom echten zum nicht echten Inkognito nachvollziehbar machen.
Neben der großen Anzahl von Beispielen aus der Historie kommt auch der Einfluss der Literatur auf die Entstehung des Inkognitos in diesem Werk nicht zu kurz. 

Ein Aspekt, der, neben der etymologischen Betrachtung des Wortes Inkognito, zu einer ersten systematischen Auseinandersetzungen auf kulturwissenschaftlicher bzw. historischer Ebene führt, die in der bisherigen Forschung wenig Beachtung fand. Weitere notwendige Forschungsrichtungen nennt Barth in seinem abschließenden Worten selbst, beispielsweise die verschiedenen vorhandenen Periodisierungen, oder Fragen der gender-spezifischen Grenzen des Inkognitos. 

Diese Rezension erscheint auch gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung und stammt von Nicola Felka (M.A.,B.Sc.)

Annotation: [1] = Volker Barth: Inkognito. Geschichte eines Zeremoniells, München 2013, Oldenbourg Verlag, ISBN: 978-3-486-72738-8, 358 Seiten, Preis: 29,95 Euro
 


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