Institut Deutsche Adelsforschung
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Possibilitäten der Forschung über Machtperformanz

Fragen der Idoneität als Historiographiekonzept 

Im Jahre 1700 veröffentliche ein frühes österreichisches Periodikum, in dem üblicherweise vor allem Fürstennachrichten und solche von Haupt- und Staatsaktionen abgedruckt wurden, eine Meldung über einen überraschenden Thronwechsel im Königshaus von Spanien. Demnach war der 1661 geborene und seit 1665 regierende spanische König Karl II. (*1661) am 1. November 1700 als letzter Vertreter der Habsburger auf dem spanischen Thron plötzlich und ohne Kinder verstorben. Zur Aufrechterhaltung der Regierungsfähigkeit bedurfte es daher eines raschen Handelns der Eliten zur Machtperpetuierung. 

Der verwaiste Thron mußte rasch wieder besetzt werden. Ausersehen als Nachfolger wurde nun der Großneffe des verstorbenen Monarchen, der aus dem Hause Bourbon-Anjou stammende Philipp, der als König Philipp V. von Spanien (1683-1746) inthronisiert werden sollte. Allerdings funktionierte der Thronwechsel nicht so reibungslos wie geplant. Der Sonnenkönig Ludwig XIV. (1638-1715) suchte sich einen Einfluß auf Spanien zu sichern und betrieb daher die Inthronisation seines Enkels Philipp gegen die Habsburger. Ohne hier auf den aus diesem Thronwechsel hervorgegangenen Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1713) näher eingehen zu wollen, der letztlich mit der militärisch erfochtenen „Bestätigung“ der „Erbfolgerechte“ Philipps von Anjou endete, sei festgehalten, daß sich die spanische Krone mit dem Tode Karls II. in einer massiven Krise befand. 

Der Sonnenkönig war daher bestrebt, mit dynastischen Mitteln so rasch als möglich klare politische Fakten zu seinen Gunsten zu schaffen. Sobald daher die Nachricht des Todes des spanischen Königs Karl in Frankreich anlangte, tat er alles, um seinen Enkel Philipp als spanischen König zu inthronisieren. Um keine Zeit zu verlieren, mußte dies noch in Frankreich geschehen und die Nachricht davon mußte auch ebenso rasch in Europa verbreitet werden. Des Sonnenkönigs Strategie dazu war eine doppelte Performanz, wie sie aus der folgenden Meldung der erwähnten österreichischen Zeitung hervorgeht: 

"Versailles / den 19. Novembris. Den 15. dieses ist der König von hier wieder angekommen. Seithero Se. Maj. erklärt / daß Sie das Testament deß verstorbenen Königs von Spanien angenommen / und daß der Hertzog von Anjou / darin zum König von Spanien erkohren worden / auch Se.  Majest. Selbigem /da Sie auß dero Cabinet gegangen waren / die rechte Hand (als König von Spanien) gegeben haben / und dessen Abreise auf den ersten Decembries nechstkünfftig fest gestellt ist / haben Sr. Catholis. Maj. auch den 16. dieses der Hertzog von Burgund und der Hertzog von Berry, die Visite gegeben. Nach deme nun Se. Catholis. Maj. zu Mittag gespeißet / und durch den Hertzogen von Beauvilliers in Qualitaet als dero erster Cammer-Herr bedienet worden / hat der König von Spanien sich nach dem Schloß zu Meudon begeben / umb Monseignuer Le Dauphin zu sehen / welcher Ihne bey dem absteigen auß der Kutsche empfienge / hat Ihne auch wieder biß dahin begleitet und hinweg fahren sehen. In dem hin und wider-her fahren / stunde die Frantzösis. und Schweitzerische-Garde im Gewehr und wurden die Trommeln gerühret. Deß Abends speißete der König von Spanien mit unserm König öffentlich: Und bey dem schlaffen gehen / liessen Se. Catholis. Maj. dem Spanis. Ambassadeur das Bougeoir oder Instrument / womit man die Kertzen hält /geben. Gemelten 15. dieses hatte der Herr Graf von Zintzendorff des Kaisers Envoye Extraordinaire, offentliche Audienz bey unserm Kömg / in welcher Er Sr. Maj. notificirte, daß die Römische Königin einen Printzen gebohren hat. 

Den 17. dito sahe Monseigneur Le Dauphin den König von Spanien in Seinem Cabinet / und hernach gabe der König von Spanien dem Hertzogen von Burgund die Visite, welcher Ihne am Eingang seines Zimmers emfienge / und auch wieder dahin begleitete. Gegen Mittag haben der Hertzog und die Hertzogin von Orelans, der Hertzog von Chartres, und die Frau Groß-Hertzogin von Toscana / den König von Spanien gesehen / und Se. Catholis. Majest. empfinge die beyden erst bey der Thür von dero grossen Cabinet / in welchem die Visite geschahe / und hernach speißete Se. Maj. mit unserm König zu Mittag offentlich. Deß Abends kamen der König und die Königin von Engeland / und sahen den König von Spanien / welcher Sie am Eingang Seines Zimmers empfienge und auch wieder dahin begleitete. Gemelten Abend führete der Spanische Ambassadeur seine drey Söhne zu dem König seinem Herrn / und viele Edel Leute von seinem Hauß / welche mit einem Knie auff der Erden / die Ehre hatten / Ihme die Hand zu küssen. Seithero diesen zweyen Tagen haben die Fürsten und Fürstinen [sic!] vom Königl. Geblüt / wie auch die fremden Fürsten und Fürstinen [sic!]/ die Hertzogen und Hertzoginen [sic!] und andere Personen von Qualitaet Seine Katholische Majestät gegrüsset. Der Päbstliche Nuntius, der Venetianische Ambassadeur / die Envoyès von Portugal / von Schweden / von Lotharingen / und von Toscana / haben Seine Catholische Majestät complimentiret“. [1]

Auch wenn diese eher langatmige (und in typischer Barockmanier verfertigte) Meldung über die Körperbewegungen fürstlicher Personen und deren Raumbezüge im sozialen Kontext zunächst banal und ermüdend klingen, so haben sie doch – betrachtet unter dem methodischen Zugriff der kulturgeographischen, der Performanz- und der Idoneitätsforschung – einen nicht unerheblichen Wert, ermöglicht sie doch detaillierte Blicke in die Beseitigung der spanischen Krise durch das Mittel theatralischer Aufführungen. 

Denn die Meldung verdeutlicht, daß unter allen Umständen und sofort nach Bekanntwerden des Todes des Königs Karl in Versailles alles getan wurde, um die Legitimität der Machtausübung Philipps zu unterstreichen. Testamentsbehauptungen, dann fein abgestufte Raumbezüge (das Geleiten bestimmter Personen bis zu bestimmten örtlichen Punkten je nach sozialem und politischem Rang), das wiederholte visuelle Erkennen Philipps als neuer König, Ehrerbietungen von Repräsentativ- und Amtsträgern, auch Huldigungen mit Höhenunterschieden bei der Körperbewegung (Kniefall, Handkuß) spielten dabei ebenso eine große Rolle wie die wiederholte Benennung Philipps als Majestät und dessen Umgang mit hochadeligen französischen Personen. Warum kann man aber bei dieser Meldung von doppelter Performanz sprechen? 

Nun, sie perpetuierten wegen ihrer Berichterstattung und damit Verbreitung und Konservierung der einst tatsächlich ausgeführten (oder auch nur behaupteten) Handlungen ebendiese Handlungen auf der Publikationsebene. Sie wiederholten daher in transformiertem Maße die spanischen Thronansprüche Philipps für die Mit- und Nachwelten. Der performativen Handlung im realen Leben wurde die Sprachhandlung auf der symbolischen Ebene der Repräsentation an die Seite gestellt, das Publikum vergrößert, um Legitimation auch in einem größeren Kreis und vor allem dauerhaft geworben. Insofern erwies sich auch die österreichische Zeitung als Helfershelfer französischer Interessen, obwohl sie in habsburgischen Landen erschien und daher eher wenig Interesse an einer Verbreitung französischer Rechtfertigungsversuche zur spanischen Thronnahme gehabt haben dürfte. 

Auf die hohe Bedeutung dieser Performanzforschung – aber auch ihre Grenzen – macht indes auch ein neuer Sammelband mit zehn Aufsätzen deutlich, der im Jan-Thorbecke-Verlag in Ostfildern 2015 erschienen ist und der von PD Dr. phil. Klaus Oschema M.A. (Universität Heidelberg), Dr. phil. Christina Andenna (Technische Universität Dresden), Prof. Dr. phil. Gert Melville (Technische Universität Dresden) und Prof. Dr. phil. Jörg Peltzer M. phil. (Universität Heidelberg) unter dem Titel „Die Performanz der Mächtigen. Rangordnung und Idoneität in höfischen Gesellschaften des Mittelalters“ herausgegeben wurde (240 Seiten, gebunden, mit Schutzumschlag, Preis: 39 Euro). 

Der Band, der über einen profunden Einführungsartikel verfügt, der erfolgreich versucht, die Kongruenzen zwischen Performanz- und Ritualforschung zu betonen, ermittelt in Einzelfallstudien mit induktiver Orientierung Regeln und Abstraktionen, die trotz des Myrioramismus von Performanz- und Idoneitätsdefinitionen einen gelungenen Vermessungsraum darstellen, von denen ausgehend vor allem – nach Bekunden der Herausgebenden – weitere Diskussionen um die Nützlichkeit aufführungstheoretischer Konstrukte (verbunden mit Fragen der Machtdimension) angestoßen werden sollen. Hierbei spielen insbesondere auch Vorgänge devianter Performanzen eine Rolle, da gerade diese Vorgänge bezeichnende Schlaglichter auf das eigentliche Funktionieren von Performanzen werfen: Denn erst in der Abweichung und im Scheitern wird offenbar, wie Performanzen wirken – oder eben auch nicht. 

Hierbei spielen besonders auch Fragen der Idoneität (lat. idoneus = geeignet, tauglich) eine Rolle, einem Konzept, daß bisher vom Rezensenten noch in keinem kulturwissenschaftlich orientierten Handbuch ermittelt werden konnte. Andenna definiert indes Idoneität (auf Seite 33 des besprochenen Bandes) als „analytisches Konzept [...], das über die Ebene der persönlichen Befähigung hinaus die Qualifikation zum Herrschen betrachtet. Neben physischen und moralischen Qualitäten umfasst die Kategorie der Idoneität auch andere Aspekte, die zur Herrschaft prädestinierten, wie zum Beispiel eine vornehme dynastische Abkunft.“ 

In diesem Zusammenhang geht Andenna daher auch auf die Bedeutung der Genealogie des Adels ein, die sie als ein Strategie zur Herrschaftsperpetuierung und (performativen) Aufführung herrscherlicher Geeignetheit betrachtet. Damit dürfte evident sein, daß die Beschäftigung auch des Niederadels mit der Familienstammkunde nicht nur eine standesgemäße Beschäftigung darstellte, sondern einen kopierten Abglanz von quasi „ererbten“ Herrschaftsansprüchen darstellen konnte (in diesem Lichte könnte man auch die gern im ehemaligen Niederadel anzutreffende Nachweisungsneigung der Ansammlung von Offiziersnamen im preußischen Militär betrachten).

Auch wenn sich die Herausgebenden des angesprochenen Sammelbandes fast ausschließlich auf die Mediävismusforschung beziehen (Ausnahme ist ein Beitrag auf den Seiten 103-119 von Dr. phil. Jörg Feuchter aus Berlin, der eine Rede von 1577 untersucht und damit nicht mehr in dem von der Historiographie als klassisch angenommenen Zeitraum des Mittelalters liegt), d.h. Feldherrenreden, politsche Versammlungsreden, Fürstenturniere, Krönungen, legendarisches Erzählen und Anekdoten behandeln, so ist der in den Aufsätzen zu Tage tretende Abstraktionsgrad doch hoch genug, um die Konzepte auch auf die Frühneuzeit- und Neuzeitforschung mit Gewinn übertragen und damit deduktiv anwenden zu können. Dies bestätigt auch Gert Melville in seinem Abschlußbeitrag des Sammelbandes (Seite 217-234), in dem er die auf das Mittelalter bezogenen Prinzipien von Performanz und Idoneität auf einen in einer süddeutschen Zeitung Anfang 2015 dokumentierten Besuch des ägyptischen Präsidenten bei einem koptischen Weihnachtsgottesdienstes in Kairo zuschneidet. 

Diese transformative Anwendung führt zurück zum französischen Eingangsbeispiel. Auch dieses Beispiel stammt nicht aus dem Mittelalter, sondern aus der Frühen Neuzeit, kann aber ebenso unter den Aspekten von Performanz und Idoneität behandelt werden: Die dort nachvollziehbaren und nachvollzogenen symbolischen Sprachspuren des Geschehens (oder zumindest schriftlich behaupteten Geschehens) waren Demonstrationen von Machtlegitimationen in einer Herrschaftskrise, die durch den Tod des spanischen Königs Karl ausgelöst worden war – und die die Möglichkeit eines legitimierten Dynastiewechsels ermöglichte. Die politosozialen Handlungen repräsentativer Figuren der höfischen Gesellschaft in Versailles im November 1700 sollten diese Krise beseitigen, Idoneität performativ einem engeren wie weiteren Publikum präsentieren und glaubhaft vermitteln. In diesem Beispielfall glückte die Performanz zunächst, nicht jedoch tiefgehend. 

Der Spanische Erbfolgekrieg ist ein Zeichen für ein langfristiges Scheitern der theatralischen Bemühungen in Versailles, die allerdings nicht allein darauf zurückzuführen waren. Aber die Aufführung in Frankreich besaß offensichtlich nicht so viel Strahlkraft, daß sie auch auf die dynastisch-politischen Gegner Frankreichs überzeugend wirkte; erst der massive Einsatz militärischer Gewalttätigkeit setzte den Herrschaftsanspruch, der in Versailles zelebriert worden war, nach vielen Jahren endgültig durch. 

Deutlich wird an diesem Exempel aber auch: Die persönliche und wohl teils improvisierte Performanz gegenüber Philipp von Anjou als neuem spanischen König hatte hier Vorrang vor dem Ritual (z.B. der Krönung, die ohnehin sinnvollerweise nur in Spanien stattfinden konnte). Diesen Interferenzen zwischen Performanz und Ritual geht besonders Gert Melville in seinem Schlußaufsatz des genannten Sammelbandes nach (Seite 217-234). Nicht nur für die Mittelalterforschung bietet der neue Sammelband daher eine Fülle von Anregungen für weitere und eigene Forschungen; dies gilt nicht zuletzt auch besonders für die Frage des Scheiterns von Performanzen und Ritualen, wie sie bereits zuvor in dem Aspekt des Ritualfehlers von der Forschung wirkungsvoll angeschnitten worden sind. [2]

Diese Rezension erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung und stammt von Claus Heinrich Bill, B.A.

Annotationen: 

  • [1] = Num. LXXXXVIII. Extract-Schreiben oder Europaeische Zeitung Auß Wienn / Versailles / Königsberg / Maltha. Gedruckt zu Saltzburg / den 6. Decembr [sic!] Anno 1700, Seite 3-6
  • [2] = Siehe dazu Ute Hüsken: Ritualfehler, in: Christiane Brosius / Axel Michaels / Paula Achrode (Hg.): Ritual und Ritualdynamik, Göttingen 2013, Seite 129-134. Verweisen sei in diesem Kontext auf die Analyse von Ritualfehlern bei preußischen Königsgefährdunden. Siehe dazu Claus Heinrich Bill: Informelle Herrschaft in der konstitutionellen Monarchie am Beispiel der preußischen Königsmeldungen von 1840-1861 (Teil 1/2), in: Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Folge Nr.88, Jahrgang XVIII., Sønderborg på øen Als 2015, Seite 34-52 sowie Claus Heinrich Bill: Informelle Herrschaft in der konstitutionellen Monarchie am Beispiel der preußischen Königsmeldungen von 1840-1861 (Teil 2/2), in: Zeitschrift für deutsche Adelsforschung, Folge Nr.89, Jahrgang XVIII., Sønderborg på øen Als 2015, Seite 2-13.

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