Institut Deutsche Adelsforschung
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Humor und Komik im Nationalsozialismus

Rezension einer Neuerscheinung zum Thema „Deutscher Humor“ im Dritten Reich [1]

Humor und Nationalsozialismus scheint vordergründig und aus heutiger Sicht der Nachgeborenen des Dritten Reiches eine abseitige Verbindung zu sein, weiß die Generation der digitalen Revolution doch um die tödliche Ernsthaftigkeit des menschenverachtenden politischen Systems dieser Zeit. Allenfalls ist noch der Flüsterwitz als Form des Humors, aber auch nur des devianten Verhaltens von Deutschen in der Diktatur, bekannt. Daß Humor aber in der NS-Zeit durchaus einen ganz eigenen Stellenwert hatte und sich nicht nur in diesen hinter vorgehaltener Hand erzählten witzen sowie andererseits den Propagandakarikaturen in den politischen Zeitungen und Zeitschriften erschöpfte, macht eine in der historischen Disziplin verfertigte Dissertation deutlich, die von Patrick Merziger in Berlin vorgelegt worden ist. Merziger untersucht darin die Rolle des Humors und der Komik in der Hitlerzeit und geht in die Tiefe, pauschalisiert nicht, sondern stellt anhand seiner detailreichen Analysen einige Stereotype und Vorurteile, die sich mangels geeigneter Forschungsergebnisse eingestellt haben, klar.

Sein geisteswissenschaftliches Werk, daß nicht nur die Formen und Arten, sondern auch ganzheitlich die Entstehung, Präsentation und die Rezeption von Humor im Dritten Reich besieht, ist daher geeignet, ein differenzierteres Urteil über den Humor in der Diktatur  der Jahre 1933 bis 1945 als bisher zu formulieren.

Untersucht hat Merziger dabei in erster Linie die „Brennessel“, eine satirische NS-Zeitschrift der Jahre 1931 bis 1938, die im Zentrum seiner Betrachtungen steht. Gleichwohl  beschränkt sich der Verfasser bei weitem nicht auf diese Zeitschrift, sondern bezieht auch andere Veröffentlichungen mit ein: Zeitschriften (wie „Der Stürmer“), Zeitungen (wie den „Völkischen Beobachter“) und monographisch oder anekdotisch ausgefüllte Werke (wie „Purzelbaums“ Erzählungen und „Rumpelstilzchens“ Glossen). Ferner untersucht Merziger aber auch ergänzend Theaterstücke, Schallplattentexte und Filme, so daß er zu einer breitgefächerten Quellenbasis kommt.

Sein Ergebnis ist die Feststellung, daß die Satire und die Karikatur als spezielle Humorform zunächst in den Friedensjahren des Dritten Reiches die bevorzugte und staatlicherseits erwünschte Form des Humors darstellte, [2] aber im zweiten Weltkrieg vom spezifisch „Deutschen Humor“ verdrängt wurde. Um diese Bewertungen vornehmen zu können, müssen freilich entsprechende Definitionen von dem, was Satire und „Deutscher Humor“ im Gegensatz zur Anekdote, zur Groteske, zur Glosse, zum Schwank, zur Komödie et cetera sein soll, getroffen werden.

Satire war demnach die Verächtlichmachung bestimmter Umstände, ein Darstellen in lächerlicher Form, ein kritisches und zugleich distanziertes Beobachten eines vom Beobachter nicht ernst genommenen Phänomens in der Form von Überbetonung, Übertreibung, Ausschmückung, Spott und Verzerrung. Unter „Deutschem Humor“ dahingegen versteht Merziger einen Humor, dessen Distanz zum Beobachtungsgegenstand grundsätzlich geringer ist und weniger auf Konfrontation, sondern mehr auf einen harmlosen Pointeneffekt setzte.

Die Satire liebte das skurrile und abseitige Moment, der „Deutsche Humor“ das Naheliegende und nur leicht deviante Phänomen. Diese Entwicklung kann als symptomatisch für das Dritte Reich gesehen werden und korrespondiert mit der Entwicklung des Nationalsozialismus und seiner Stellung in der Gesellschaft: In den Anfangsjahren dominierte in der Phase der nationalsozialistischen Selbstfindung das Heranwachsen von einer abseitigen Konglomeratsidee rechter und linker Paradigmen zur machtvollen Etablierung einer Diktatur.

Ihr Hauptmittel der Auseinandersetzung war der Angriff, die Konfrontation, die Aggression und die Auseinandersetzung. Dem entsprach auch die Humorform der Satire. Als sich aber das Dritte Reich mit seinem Machtapparat und durch seine massenpsychologischen Mittel (Ausstrahlung von Macht, Wirkung von Uniformen, Aufbau einer konkurrierenden Machtstruktur unter einem Diktator, Errichtung eines ämterreichen „Funktionärstaates“ et cetera) etabliert hatte, wurde die Gemeinsamkeit und weniger das Trennende humorig behandelt: Die Sehnsucht nach Einheit in der (staatlichen und „volksgemeinschaftlichen“) Gruppe, die Kohäsion und das Zusammengehörigkeitsgefühl sollten gestärkt werden, zumal vor dem Hintergrund des zweiten Weltkrieges, der eines erhöhten Zusammenhalts der „Volksfront“ bedurfte, um ihn überhaupt so lange und trotz der immensen Verluste führen zu können.

Ein typisches Beispiel für diesen „Deutschen Humor“, der auf Gemeinsames statt Trennendes oder Denunziatorisches setzte, war beispielsweise im Februar 1945 die Umdeklarierung des Krieges in eine von einem Sensus farciminitatis getragene, eher beiläufige und belustigende Veranstaltung unter Negierung der Millionen Toten:

  • „Früher hat man in der Silvesternacht Blei gegossen. Jetzt schießen wir damit. Das ist zeitbedingter auch weniger geheimnisvoll. Und darum ist auch die Frage: Was bringt das Jahr 1945? nur mit gutliegendem Trommelfeuer zu beantworten. Solange geschossen wird, trägt auch die Zukunft noch ein Kleid mit rosa Fransen. Im anderen Falle liegt sie im Sarg und wir sind das Beerdigungskommando. Hoffen kann man natürlich auch. Aber davon hört die Ballerei nicht auf. Dafür muß man schon selber sorgen. [3] Und das kann man auch, indem man den Brüdern immer wieder zeigt, was eine deutsche Harke ist. Es lohnt nicht darüber nachzudenken, wie sich 1945 entwickeln wird ... ob der Krieg 1945 zu Ende gehen wird, hängt davon ab, ob unsere Gegner die Schnauze voll haben; denn eher ist nicht Schluß. Auf unsere Müdigkeit können die Brüder lange warten; denn wir können eine ganze Portion vertragen. Und wir waren noch nie so wach wie heute. Ein Ringelreihen ist uns der Krieg auch nicht, das ist klar, aber lieber noch ein Krieg als ein Ringelreihen in Sibirien, denn dort tanzt man sich ohnehin zu Tode. Daß wir siegen, ist gewiß. Ob nun 1945 oder später, diese Frage wird die Zukunft beantworten. Und die Zukunft wird auch feststellen, daß wir diesen Krieg durch unser Standhalten, durch unseren unerschütterlichen Willen und die Opferbeitschaft des ganzen Volkes gewonnen haben. Bis dahin wird nicht gefragt, sondern es wird geschossen ... bleiben wir also beim gewohnten Prosit Neujahr! Wir werden den Zaun schon streichen, einmal wird auch der älteste Sonderführer seinen gewünschten Dienstgrad erreichen und einmal wird auch der letzte Schuß fallen. Wenn´s 1945 schon ist, wäre es prachtvoll, das ist selbstverständlich. Aber trotzdem: Wir halten durch, bis wir gesiegt haben, darauf können sich die auf der anderen Seite verlassen.« [4]
Merziger nun zeichnet diese Entwicklung von der beißenden und verletzenden Satire hin zum egalisierenden „Deutschen Humor“ detailliert nach und fragt nicht nur nach der staatlichen Propaganda und ihren Formen, sondern untersucht auch die Wirkung auf die Rezipienten, die sich oftmals in Form von Beschwerden der Opfer der Satiren niederschlugen. Zudem macht er aufmerksam auf ein Paradox der Satire. Denn die satirisch in der ersten Zeit des Dritten Reiches behandelten Phänomen wurden meist erst, da marginal und randständig, durch die Satire bekannt, erfuhren daher erst einen gewissen Bekanntheitsgrad. So konnte es vorkommen, daß gerade durch die Kritik das Abseitige populär wurde. Ein Beispiel dafür ist der Gedichtband eines Hochadeligen, des Juristen Leopold Bernhard Prinz zur Lippe (1904-1965), [5] den dieser im Winter 1928/29 geschrieben und nach einer Überarbeitung im Winter 1933/34 schließlich ein Jahr nach der Machtübernahme unter dem Titel »Katerstrophen« herausgab. [6] Nicht nur die ungewöhnlichen Gedichtformen und Betrachtungsgegenstände des Verfassers (Himmelsrichtungen, Mehl, Nashörner, Bärte, Meuchelpuffer), sondern auch die Widmung „Gewidmet meinem Führer, dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes!“ erregte schon bald den Argwohn des Nationalsozialismus.

Er besprach im "Schwarzen Korps“, dem offiziellen Mitteilungsblatt der Schutzstaffel der NSDAP, das Werk in Form einer Satire, in der sich der anonyme Verfasser derselben über den Buchautor als alten degenerierten Adeligen lustig machte und namentlich an der Widmung Anstoß nahm, die nicht genau einzuordnen war. [7] Denn je nach Standpunkt des Betrachters konnte man annehmen, daß diese Widmung eine ehrlich gemeinte Zueignung war oder aber, wegen des ganzen nicht ernst zu nehmenden Inhalts der Gedichtesammlung, ein indirekter und versteckter Spott auf Hitler.

Insgesamt läßt sich das Vorkommen beider Humorformen von Satire und „Deutschem Humor“ auch an der Stellung des Humors im erwähnten SS-Blatt „Das Schwarze Korps“ ablesen. Die Satiren in dieser Zeitung waren außerordentlich zahlreich und beschäftigen sich beispielsweise 1938 mit einem siebenjährigen Jungen, der sich bereits als geborenen Nationalsozialisten bezeichnete, [8] im gleichen Jahr 1938 mit einem Vertreiber angeblich betrügerischer Heiltees der Marke Cirkulin, [9] oder im Jahre 1942 mit der Hamstertätigkeit eines Touristen im Sommerurlaub in den Alpen. [10] In allen diesen Fällen war die Behandlung der jeweiligen Personen, deren volle Name und Wohnort in der Zeitung genannt wurden, herabsetzender Art. Dabei wurden ausschließlich deviante Verhaltensweisen lächerlich gemacht und als moralisch verwerflich markiert.

Aber auch Formen des „Deutschen Humors“ lassen sich parallel dazu im „Schwarzen Korps“ finden, der in eher harmlosen Gedichten über die Unterschiede zwischen Stadt und Land, [11] die Berufsform des Eintänzers, [12] Modetorheiten [13] oder kitschige Reiseandenken [14] erkennbar wurde.

Diese Verulkungen von Alltagsphänomen erzeugten eher ein Schmunzeln bei den  ungenannten Betroffenen als ein durch Denunziation hervorgerufenes Ärgernis bei den individuell Vorgeführten und Herabgewürdigten. Festzustellen bleibt: Die Satire im Schwarzen Korps, aber auch in anderen Erzeugnissen der Presse (erinnert sie nur an die Polemik gegen Bernhard Weiß, den die NS-Presse nur „Isidor“ nannte) war denunziatorisch und aggressiv sowie bösartig. Sie entsprach damit der NS-Medienethik. Demnach war nicht die Wahrung der Würde des individuellen Menschen maßgebend, sondern ein moralisches Gefüge, in dem ausschließlich die Unterordnung und Eingliederung unter die Maxime der „Volksgemeinschaft“ und den Willen des „Führers“ zum alleingültigen Maßstab erhoben worden war.
Dementsprechend wurden in der Satire Abweichler von der herrschenden Staatsmoral angeprangert. Sie verhielten sich in den Augen des Nationalsozialismus deviant und wurden über die Form der Lächerlichkeit gebrandmarkt und moralisch verurteilt. In der Satire scheute der NS die ernsthafte Auseinandersetzung mit Sachpositionen, griff Vereinzeltes heraus und übertrieb es. Ihrem Wesen nach war aber die Satire rein negativistisch, auf Dauer, und dies wurde auch im Dritten Reich kritisiert,  fehlte ihr eine grundlegende positive Idee. Sie erschöofte sich vielmehr in der Negation.

Doch gerade damit ist die Satire in der NS-Zeit auch ein Zeichen der eigenartigen Kommunikationskultur des Dritten Reiches, ebenso aber auch der egalisierende „Deutsche Humor“, dessen betonte und apersonal orientierte „Harmlosigkeit“ ein berechnendes Programm im Gesamtkonzept des NS-Staates war. Indes war die Entscheidung für den „Deutschen Humor“ und gegen die Satire letzlich nicht nur, worauf Merziger eindrücklich hinweist, ein obrigkeitsgelenktes Phänomen, sondern Ausdruck allgemeiner Wünsche des rezipierenden Publikums, der künsterlisch Schaffenden und der Propaganda. Dieser Wandel von der Exlusions- zur Inklusionsstrategie, zur Herstellung und Erzeugung einer größeren gruppalen Kohäsion, war Plan und Bedürfnis.

Daß indes Humor nicht nur eine Sache der Propaganda war, sondern auch einen Widerhall im Volke fand, zeigt ein Blick in die Satirepraxis der schon erwähnten Zeitung „Das Schwarze Korps“. Diese Zeitung befaßte sich gern mit weltanschaulichen Gegnern der SS und des Nationalsozialismus. Eine bedeutende Rubrik, meist begleitet von einer kleinen Bildwitzreihe des Zeichners "Waldl" (Walter Hofmann), karikierte aktuelle internationale und nationale "Mißstände". Hervorgehoben und veröffentlicht wurden außerdem Abschriften von Briefen und Verlautbarungen aus der ausländischen Presse (zum Beispiel häufig aus der Schweiz), die auf unbekannten Wegen zur Zeitung gelangt waren. Sie alle denunzierten entweder oppositionelle Kräfte oder brachten, dann aber ohne Satire, Beispiele für weltanschauliche Zuverlässigkeit als Lehrbeispiel.

Die satirischen Inhalte der Zeitung entstanden auf dem Wege der einfachen oder doppelten Denunziation. Dabei handelte es sich um reale Fälle aus dem Alltag der deutschen Bevölkerung, häufig um Dokumente aus Korrespondenzen, die mit einem satirischen Kommentar eingekleidet wurden. Entweder hatte dabei die Redaktion selbst den jeweiligen »Fall« ausfindig gemacht oder aber er war durch einen Lesenden zu ihrer Kenntnis gelangt. Selten waren es Dokumente, die extra für das Schwarze Korps geschrieben wurden. Entstanden waren sie ursprünglich in anderem Zusammenhang, meistens in weltanschaulichen Auseinandersetzungen und Konflikten zwischen »Volksgenossen« des Dritten Reiches.

In der Regel dürfte der Weg eines entsprechenden Dokumentes, auch wenn dieser nicht explizit nachzuvollziehen ist, durch zwei Hände gegangen sein: Ein »Volksgenosse« denunzierte einen anderen »Volksgenossen« beim Schwarzen Korps, dieses wiederum denunzierte als Multiplikator den Betreffenden durch Abdruck der Angelegenheit in der Öffentlichkeit.

Inhaltlich befaßten sich die Dokumente vor allem mit Oppositionellen aus den Bereichen »des Judentums«, des »Bolschewismus«, der Kunst und Kultur, der Bürokratie, der übereifrigen Nationalsozialisten (siehe oben), der alten »Systemjustiz«, dem Christentum (dem Katholizismus im Besonderen) sowie dem alten Adelsstand (und hier dem Hause Habsburg im Besonderen).

Die Leserzuschriften überstiegen oft den zur Verfügung stehenden Raum der Zeitung und entwickelten sich zu einer beliebten Quelle für die Zeitung und für die Lesenden. Täglich gingen bisweilen 600 bis 700 Denunziationen und Leserhinweise ein, die große Mehrheit davon stammte übrigens von Mitgliederinnen der NS-Frauenschaft. Gedruckt wurden nur  die wenigsten Dokumente, die der Schriftleitung eben gerade für den öffentlichen Satire-Kampf angebracht erschienen. Die Mehrzahl der Zuschriften wurde jedoch an den Sicherheitsdienst weitergeleitet, der die Verfolgung der Denunzierten aufnahm und die zuständigen Stapostellen informierte. Diese Vorgehensweise wurde offen im Schwarzen Korps erläutert, so daß für alle Lesenden klar sein mußte, was sie mit ihren Zuschriften auslösen konnten; [15] die Flut an Anschwärzungen aus den Reihen der »Volksgenossen« hat diese Erkenntnis allerdings nicht beeinträchtigt. Leserzuschriften an das Schwarze Korps konnten also unmittelbar bestenfalls eine satirische Herabwürdigung, im Worst Case aber soziale Stigmatisierung im Lebensumfeld oder bei Geschäftspartnern, Verfolgung, Haft, KZ und Tod bedeuten.

Trotz der geringen Auswahl an veröffentlichten Briefen, die diesen Denunziationen im Original oder in Abschrift beilagen, druckte die Zeitung doch etliche tausend Schriftstücke im Laufe des zehnjährigen Bestehens des Schwarzen Korps in den Jahren 1935 bis 1945 ab. Dabei entwickelten die Nationalsozialisten neben einer spezifischen »Kultur der Denunziation« als Herrschaftspraxis außerdem eine gewisse perfide Art der Ironie: Sie glossierten oftmals reale Zustände durch satirische Überzeichnung. Von heutiger Sicht aus besehen entlarvt sich dieser Humor jedoch als zweischneidig, denn nicht selten, das wissen wir erst heute, beschrieben die nationalsozialistischen Redakteure und Schriftleiter in Analogien einfach »nur« die erschreckend echte Realität des Alltags in ihrer Diktatur. Diese aber klang meist so überzogen und unglaubwürdig, daß sie auf die Zeitgenossen »witzig« wirkte. Für den heutigen Lesenden hat diese Art von »Humor« etwas Makraberes, Distanzierendes, Verachtendes, Absonderliches. Aber er ist eben auch Ausdruck einer typisch rücksichtslosen und alles vereinnahmenden Umgehensweise der Nationalsozialisten mit ihren weltanschaulichen Gegnern. Denunziation war also ein übliches Verfahren der Umgehensweise des deutschen Volkes mit Renegaten, die Satire eine gern vom „Schwarzen Korps“ genutzte Möglichkeit, Menschen und ihre Verhaltensweisen unter Umgehung der Würde der Person zu verunglimpfen.

 Merzigers Berliner Doktorarbeit hat den Blick auf diesen Bereich, die „Waffe Humor“, geschärft und ein bisher eher abseitiges Thema behandelt, das Stereotypbild vom widerständigen Flüsterwitz beseitigt und einer weitaus sachlicheren Interpretation zugänglich gemacht. Er hat gezeigt, daß Komik und Humor in je speziellen Formen immer auch semantische Zeichen ihrer Zeit und ihres Zeitgeistes sind, die im Vergleich und in der Rückschau erst ihr Gesicht offenbaren. Eine noch zu schreibende Geschichte der Komik, der Spannung, der Rührseligkeit, so Merziger in seinem Schußwort, wäre noch eine lohnende Aufgabe, die über die Epoche der braunen zwölf Jahre hinweg gehen müßte. Diese explizit kulturwissenschaftliche Sicht hat bereits erste Ansätze gefunden; [16] ihr weiterer Ausbau wäre wünschenswert und verspricht neue Erkenntnisse über Denkweisen von Menschen in ihren jeweiligen Epochen und Weltdenkgebäuden. Merziger hat hier einen lobenswerten Beginn gewagt.

Diese Rezension stammt von Claus Heinrich Bill und wurde zuerst veröffentlicht in der "Nobilitas - Zeitschrift für deutsche Adelsforschung" im Jahrgang 2011.

Annotationen:

  • [1] = Patrick Merziger: Nationalsozialistische Satire und „Deutscher Humor“. Politische Bedeutung und Öffentlichkeit populärer Unterhaltung 1931-1945 (Beiträge zur Kommunikationsgeschichte, Band XII.), erschienen im Verlag Franz Steiner, Stuttgart 2010, broschiert, 407 Seiten mit Quellen-, Literatur- und Personenverzeichnis, Preis = 54,00 Euro, ISBN = 978 -3-515-09355-2
  • [2] = Die offenkundige Symbiose zwischen Satire als Humorform der Diktatur läßt sich auch am staatlichen DDR-Humor ablesen. Siehe dazu Sylvia Klötzer: Satire und Macht. Film, Zeitung, Kabarett in der DDR, Köln 2006
  • [3] = Der Verfasser widerspricht sich hier, da er eben noch ein Argument für das Weiterschießen anführte
  • [4] = Glosse „Solange geschossen wird“, in: Das Schwarze Korps, Folge 8 vom 22.Februar 1945, Seite 3
  • [5] = Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich, Frankfurt am Main 2007, Seite 371
  • [6] = Leopold Bernhard [Prinz] zur Lippe: Katerstrophen. Das Buch der starken und der schwachen Verse mit dem Titel des katastrophischen Doppelsinns, enthaltend Das Kapitel des ernsthaften Ulks, das Kapitel der schwarzkünstlerischen Weisheit und Anderes, Detmold 1934
  • [7] = Das Schwarze Korps, Jahrgang I., Folge Nummer 10 vom 8.Mai 1935, Seite 13
  • [8] = Das Schwarze Korps, Jahrgang IV., Folge Nummer 2 vom 13.Januar 1938, Seite 14
  • [9] = Das Schwarze Korps, Jahrgang IV., Folge Nummer 14 vom 06.April 1938, Seite 20-21
  • [10] = Das Schwarze Korps, Jahrgang VIII., Folge Nummer 6 vom 05.Februar 1942, Seite 5
  • [11] = Das Schwarze Korps, Jahrgang II., Folge Nummer 34 von 1936, Seite 5
  • [12] = Das Schwarze Korps, Jahrgang IV., Folge Nummer 39 von 1938, Seite 7
  • [13] = Das Schwarze Korps, Jahrgang II., Folge Nummer 35 von 1936, Seite 7
  • [14] = Das Schwarze Korps, Jahrgang V., Folge Nummer 27 von 1939, Seite 7
  • [15] = Mario Zeck: Das Schwarze Korps, Tübingen 2002, Seite 74, 99-100 sowie 140-144
  • [16] = Luc Ciompi: Gefühle machen Geschichte. Die Wirkung kollektiver Emotionen von Hitler bis Obama, Göttingen 2011 / Ralph Wiener: Hinter vorgehaltener Hand. Eine Kulturgeschichte des politischen Witzes, Leipzig 2.Auflage 2009 / Alexander Scheidweiler: Maler, Monstren, Muschelwerk. Wandlungen des Grotesken in Literatur und Kunsttheorie des 18. und 19. Jahrhunderts, Würzburg 2009 / Vinícius Liebel: Politische Karikaturen und die Grenzen des Humors und der Gewalt. Eine dokumentarische Analyse der nationalsozialistischen Zeitung "Der Stürmer", Opladen 2011

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