Institut Deutsche Adelsforschung
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Forschungsperspektiven zum Thema Adel und Moderne

Ansätze im Rahmen eines elitentheoretischer Ansatz nach Reif

Im Sommer des Jahres 1894 – zu einer Zeit, in der `der Adel´ im deutschsprachigen Raum bereits wegen der großen sozialen, gesellschaftlichen und politischen Modifikationen in der Formierungsphase der Moderne in starker Wandlung begriffen war – trat eine Initiative verschiedener österreichischer Adeliger mit dem Plan einer eigentümlichen Vereinsgründung hervor. Orientiert u.a. an Zusammenschlüssen aus dem Deutschen Reich, gründeten sie eine der in Berlin ansässigen Deutschen Adelsgenossenschaft ähnlich Vereinigung, die den Zusammenhalt des Adels unterstützen und institutionalisieren, zugleich aber auch für eine neue Elitenkultur und eine verändertes Elitenverständnis Sorge tragen sollte. 

Dazu hieß es in einer Wiener Zeitung: „Für die Errichtung dieses Vereines haben nunmehr die Herren Lothar Graf Orsini und Rosenberg, Heinrich Emil Graf  Wimpffen und Arthur Graf Wolkenstein-Rodenegg die Concession nachgesucht. Die Bestimmung des Vereins ist dabei im § 1 der vorgeschlagenen Statuten in folgender Art angegeben: `Das freiweltliche adelige Hochstift [1] ist ein Verein, dessen Zweck und Aufgabe in der Schaffung von Anstalten und Organisationen besteht, welche zur Erhaltung, zur Pflege und Förderung der Adelsidee, als der Idee des grundsätzlich Edlen und der Würde des Adels als Standes, sowie zur Erhaltung und Wahrung materieller Interessen des Adels und gegenseitiger Hilfeleistung dienen.´ Der dazu einzuschlagende Weg bestimmt den Verein im § 2 zu einem Arbeitsvereine. 

Die ersten, thätigsten und wohlmeinendsten Mitglieder desselben werden daher aus den auf Arbeit angewiesenen Mitgliedern des Adels hervorgehen, wie sie bereits unter den Proponenten vertreten sind. Der Mitglieder-Beitrag ist mit der bescheidenen Ziffer von fl. 12 Oe. W. jährlich angesetzt worden. Damit ist das Recht zur Mitleitung desselben erworben. Statutenmäßig sind Stifter mit einer Mindest-Einlage von fl. 1000 Oe. W. in Aussicht genommen und auch sonstige Gönner und Förderer werden sich wo[h]l reichlich dazu melden. Um bei dem Vereine Hilfe zu finden, ist die Mitgliedschaft nicht nöthig. Er wird Jedem nach seinen Kräften helfen, welcher der Hilfe würdig sein wird, helfen – zur Arbeit. Ein Unterstützungsverein für Arbeitsunfähige soll er erst in zweiter Reihe sein und da nur für Solche, die der Unterstützung würdig sind." [2]

Die Statuten des Hochstifts, das allerdings in doppelter Stoßrichtung agieren wollte – geistig arbeitend an der Adelsidee oder den Essenzen des `Adeligseins´ und gleichzeitig fördernd bei der Suche nach Erwerbsarbeit für in ökonomische Bedrängnis geratene nachgeborene Söhne und Töchter – kann dabei als Indikator für die starken Veränderungen, die am Anfang angesprochen worden waren, gelten. Für den Adel ging es schlicht darum, die jüngst in seiner Geschichte im `langen´ 19. Jahrhundert zwischen der französischen Revolution und dem ersten Weltkrieg eingebüßten Privilegien in seiner Veränderung vom Stand zur Elite – oder zumindest dem Anspruch einer Elite – zu bewältigen. 

Die universitäre Adelsforschung hat sich seit der Jahrtausendwende mit diesem Thema intensiv befaßt. Einer der Doyens der deutschen (universitären) Adelsforschung ist dabei der Bielefelder und Berliner Historiker Heinz Reif, der ein eigenes DFG-Projekt zum Elitenwandel begründet hatte und bereits seit den 1980er Jahren auf dem Gebiet der Forschung zum Themenkomplex `Adel in der Moderne´ tätig gewesen ist. Als krönenden Abschluß seiner Berufslaufbahn kann nun Band XIII. der Schriftenreihe `Elitenwandel in der Moderne´ gelten, der 2016 im Berliner Verlag de Gruyter Oldenbourg gebunden mit 341 Seiten erschienen ist. 

Er umreißt das myrioramatische Schaffen Reifs aus vielen Jahren schlaglichtartig, das eben nicht nur im Rahmen seiner wichtigen und segensreichen Impulsgeberschaft für die (universitäre) Forschung zu erwähnen ist, sondern auch, weil Reif selbst wichtige Beiträge zur Frage geleistet hat. 13 dieser An- und Aufsätze sind jetzt in dem erwähnten Sammelband erscheinen, als eine Kompilation der wichtigsten Schriften Reifs zu diesem Thema. Darunter befinden sich zehn Beiträge, die leider schon an anderer Stelle abgedruckt worden sind. Der Novitätencharakter ist also durchweg wenig gegeben, die Erkenntnisse weitgehend schon bekannt. Dafür bringt der Band aber auch drei – zumindest noch nicht schriftlich publizierte – Vorträge bzw. Gedankenkonstrukte, die sich unter anderem mit der Bedeutung Achim v.Arnims auf Wiepersdorf und des Kosmopoliten Harry Graf Kessler befassen. 

Auch behandelt das Werk intensiv das Konstrukt der `Adeligkeit´ als `Substrat des Adels´ und arbeitet dabei mit Simmels und Webers Adelsbegriff ständischer und vergesellschaftlichter Eliten. Besonders hervorzuheben ist ein einleitender und neu verfaßter Forschungsrückblick auf seine eigene Arbeit, aber auch auf andere wichtige Akteur*Innen der deutschen Adelsforschung (selbst auf die Gefahr der Wiederholung hin muß betont werden: leider nur der universitären) wie Josef Matzerath in Dresden oder Eckart Conze in Marburg, die ähnlich wie Reif durch eigene Forschungen ebenso wie durch die Übernahme der Betreuerschaft für etliche Dissertationen zur Adelsgeschichte für deren Etablierung als ernstzunehmende Teildisziplin der historischen Sozialwissenschaft geworben haben.

Es sind eben jene Suchbewegungen des Adels, die Reif in seinen Ansätzen verhandelt, Suchbewegungen des Adels zur Überwindung kollektiver Krisen des `Adelsstandes´, dessen Standesverständnis nach und nach abnahm – und daher neue Inhalte benötigte. Das zeigt nicht zuletzt auch die eingangs erwähnte Hochstiftsgründung; auch sie kann als Suchbewegung klassifiziert und angesprochen werden. Bei ausreichender rustikal-militärischer Verankerung des Adels, die noch bis zum Ende des Ancien Régime vorherrschte, waren Berufsberatungen und -vermittlungen nicht nötig gewesen. Insofern war das Hochstift eine unter vielen Strategien, mit den Anforderungen der neuen Zeit umzugehen, auf Veränderungen von außen zu reagieren. Bemerkenswert war vor allem die `exkludierende Inklusion` von randseitigen Adeligen; die mehrfache Betonung der `Würdigkeit´ wollte hier klare Grenzen setzen, auch und besonders zwischen Adeligen.

Allerdings ist das Hochstift dann nicht wieder in Erscheinung getreten. Vorbehalte des vermögenden Hochadels einerseits, zunächst einmal das Wirken des Vereins abzuwarten, bevor man ihn unterstütze, und Differenzen zwischen den Initiatoren andererseits, ließen ihn nicht über die Projektierungsphase hinaus gedeihen. [3] Trotzdem kann der Versuch seiner Gründung als ene Selbstwahrnehmung des Adels in Wien betrachtet werden – und damit für die Forschung wertvolles Material bereit halten, das bislang noch ungehoben bleiben mußte. 

Doch Reif widmet sich nicht nur eben jener Art der adeligen Selbstwahrnehmung, sondern auch der Fremdsicht auf `den Adel´ und seine Instrumentalisierungen für andere Kreise – beispielhaft dafür kann der Aufsatz über den deutschen `Erinnerungsort´ der `Junker´ herangezogen werden. Der zeitliche Rahmen, den Reif verhandelt, reicht dabei vom 18. bis zum 20. Jahrhundert und umfaßt damit eine der spannendsten, weil wechselreichsten Epochen für `den Adel´.

Zum Schluß ein Kurosium: Die Bezeichnung „Band XIII.“ für Heinz Reifs neues Buch „Adel, Aristokratie, Elite. Sozialgeschichte von Oben“ suggeriert, es gäbe 13 Bände dieser Schriftenreihe, was aber nicht stimmt. Der sechste Band ist gar nicht erschienen, welcher sich ursprünglich mit dem Verhältnis von Adel und Kriegshandwerk zwischen 1860 und 1935 beschäftigen wollte. Die Herausgebenden haben aus unbekannten Gründen trotzdem daran festgehalten, stillschweigend jenen phantomhaften „Band VI.“ zu übergehen, ihn aber trotzdem mitzuzählen. Diese Strategie kann daher selbst als eine `Aristokratisierung´ der Herausgeberschaft bezeichnet werden: Menge bringt Prestige – auch wenn sie, wie hier, nur demonstrativ und durch illokutionären Schriftakt behauptet wird. 

Gleichwohl kann diese Bemerkung nicht den Wert der Reifschen Aufsätze schmälern, der für diese bemerkenswerte Zählung vermutlich nicht verantwortlich zu machen ist. Es bleibt zu wünschen, daß seine Anregungen aus einem langen Forschungsleben auch für künftige Adelforscher*Innen impulsgebend sein werden; der Vorteil dieses Bandes liegt nicht zuletzt darin, diese Impulse durch eine neue Publikation wieder `sichtbarer´ zu machen, auch wenn die Erreichbarkeit der alten Abdruckorte durchweg leicht in Bibliotheken ermittelbar ist.

Diese Rezension stammt von Claus Heinrich Bill M.A. B.A. und erscheint ebenso gedruckt in der Zeitschrift für deutsche Adelsforschung.

Annotationen: 

  • [1] = Bemerkenswert ist die Namensverwandtschaft zum „Freien Deutsche Hochstift für Wissenschaften, Künste und allgemeine Bildung“, der als Volksverein in Frankfurt am Main 1859 begründet worden ist. Auch die Bezeichnung `Hochstift´ läßt darauf schließen, dass es nicht nur um praktische Arbeitsvermittlung ging, sondern auch um geistige Erneuerung, weil im Kaiserreich bis 1806 ein Hochstift stets von einem Bischof geführt wurde und damit von einem geistlichen Fürsten. Zum Frankfurter Hochstift siehe Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band VII., Leipzig 1907, Seite 62.
  • [2] = Local-Anzeiger der Presse (Wien), Beilage zu Nr. 175 vom 28. Juni 1894, Seite 9.
  • [3] = Zu den Schwierigkeiten der gescheiterten Gründung siehe Wiener Salonblatt (Wien), Ausgabe Nr. 38 vom 23. September 1894, Seite 5. In der Arbeiter-Zeitung (Wien), Ausgabe Nr. 138 vom 21. Mai 1895, Seite 4, erschien dann eine Satire über diese Hochstiftsidee unter dem Titel „Das Grafenaysl in der Herrengasse“, in der ein Portier im 1. Wiener Bezirk (vor allem geprägt durch adelige Stadtpalais-Gebäude) einen eintretenden Grafen nach bestimmten Kriterien abfragt, die dieser vor Aufnahme ins Hochstift zu erfüllen habe. Dazu gehörten in einer erfundenen Satzung mit drei Paragraphen die Bedingung, daß er ein großes Vermögen verloren haben mußte, daß er nie versucht habe zu arbeiten und daß er keine reiche Heirat mit einer Nichtadeligen anstrebe. Die Arbeiterpresse karikierte hier das Stereotyp des Adels als arbeiter- und damit gesellschaftsfeindliche `Klasse´ und griff dabei und damit verallgemeinernd einige Fälle devianter Adeliger in propagandistischer Manier auf. Derlei Feindbilder des Adels zu untersuchen steht im Übrigen noch aus geschichts- bzw. kulturwissenschaftlicher Sicht aus, wenn auch erste Ansätze über die Adelssicht der DDR in Form des Feindbildes der `Junker´ durchaus bereits vorliegen; doch gerade Massen-Quellen aus der Tagespolitik (Zeitungen) sind bislang nicht in größerem Stil durchgearbeitet worden.

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