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Adel im Königreich Hannover 1814 bis 1866

Beobachtungen zur Nobilität im Umbruch von der Standes- zur bürgerlichen Gesellschaft (Rezension)

Funktionsträger aus Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nicht nur in Konsolidierungsphasen zu beobachten, sondern gerade auch in Umbruchzeiten, birgt historisch betrachtet einen gewissen Reiz. Von selbst stellen sich dort Fragen nach Kontinuität und Diskontinuität von Verhaltensweisen und Prinzipien einer Elite. Wie modifizierten sich die Grundvoraussetzungen für Funktionsträger, konnten sich die Eliten anpassen oder nicht und welche Methoden wurden in diesem Transformationsprozeß angewendet? Und nicht zuletzt: welches Ergebnis hatten diese Prozesse? Dies sind Fragen, die sich auf jede geschichtliche Umbruchssituation anwenden lassen. Besonders hervorstechend wären hier politische Umwälzungen wie Revolutionen, aber auch Regierungs- oder gar Staatsformwechsel zu nennen. Den Adel als traditionellen Elitenstand in der Geschichte in diesen sich ändernden Rahmenbedingungen zu betrachten, ist daher in den vergangenen Jahren in den Forschungsstand eingeflossen. Längst erscheinen regional und auch schon nicht mehr rein staatspolitisch ausgerichtete Untersuchungen zu diesen Fragestellungen.

Ein Beispiel für die fortgeschrittene Forschung in dieser Richtung ist eine umfangreiche und textstarke 656 Seiten umfassende Dissertation, die bereits im Wintersemster 1999 an der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster angenommen worden ist, die aber gleichwohl doch erst im Sommer 2001 gedruckt und Anfang 2002 auf den Buchmarkt gekommen ist. Es handelt sich um das Werk von Ulrike Hindersmann mit dem Titel "Der ritterschaftliche Adel im Königreich Hannover 1814-1866" (Reihe Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Band CCIII., Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 2001, gebunden mit farbigem Titelbild, Format: 17,5 x 24 cm, 656 Seiten mit 5 Karten, 25 Tabellen, 24 Graphiken, 2 Schaubildern, Personen- und Ortsregister, ISBN: 3-7752-6003-X, Euro 45,00).

In ihr geht es stark um eine wirtschaftsgeschichtliche Betrachtung. Wie hat sich der Adel in einem überschaubaren Territorium - hier dem Königreich Hannover von 1814 bis zur Eingliederung als preußische Provinz 1866 - entwickelt und wie hat er auf sich verändernde ökonomische Rahmenbedingungen reagiert? Da ein Großteil des niedersächsichen Adels Grundbesitz sein eigen nannte, konzentriert sich die Autorin Ulrike Hindersmann auf den Grundbesitz und alle mit ihm verhafteten Modifikationen. Dabei handelt es sich hauptsächlich um die Allodifikation von Lehen, die Aufhebung der Jagdrechte, den Fortfall der Patrimonialgerichtsbarkeit, eine neue Steuergesetzgebung, Verkoppelungen und ähnliche einschneidende Veränderungen, die nicht nur partiell das Rückrat des Adels - den Gutsbesitz - gefährdeten.

Mentalitätsgechichtliche Momente - also Untersuchungen über das Heirats- und Berufsverhalten, Wohn-, Sprach oder Kleidungsgewohnheiten (soziales und kulturelles Kapital) et cetera - konnten dahingegen in der vorliegenden Arbeit nicht untersucht werden. Gleichwohl hilft diese Spezialisierung, sich ganz auf die Umwandlung und Erhaltungsstrategien des Adels in Niedersachsen in Bezug auf ökonomisches Kapital zu konzentrieren. Die thematische Beschränkung rechtfertigt den verengten Blickwinkel durchaus, ist doch Grundbesitz einer der zentralen Punkte im Leben des niedersächsischen Adels ("landsässiger Adel") gewesen (und ist es, allerdings nur noch zum Teil, auch heute noch).

Die Beschränkung auf eine bestimmte Zeit und eine bestimmte Landschaft ergab sich dabei einmal aus Gründen des Umfangs, zum anderen, weil sich in der Forschung hier ein Desiderat vor allem für Norddeutschland zeigte. Und in Hannover war der meiste Adel begütert; die dort lediglich in Dienst stehenden Familien ("Dienstadel") waren nur in geringer Menge zu finden, so daß von einem relativ gleich formierten Stand auszugehen war. Die große Homogenität des Adels, vor allem im Nordwesten des Königreichs, auf den sich die Verfasserin konzentriert, rechtfertigte also auch allgemeine Aussagen zum Adel.

Im Allgemeinen kann man den Behandlungsgegenstand im Untersuchungszeitraum als modifiziertes und abgelöstes Recht betrachten. Für aufgegebene Jagdrechte gab es (einmalige) Entschädigungen, für allodifizierte Lehen allerdings mußten Gelder an den Lehns- (=Landes-) herrn bezahlt werden (eine Praxis, die noch in der Endphase des zweiten Weltkrieg den Behörden bisher nicht aufgelöster Fideikommisse Unsummen an Geld in die Kassen schwemmen sollte).  
Interessanterweise empfand selbst die Ritterschaft in Hannover das Lehnswesen als Anachronismus und setzte sich selbst für eine Allodifikation ein (im Gegensatz zur Mecklenburgischen Ritterschaft, die bis 1918 in einem Lehnsstaat lebte). Die anderwärts als Vorteil für das Geschlecht empfundene Bindung des Grundbesitzes an das Regulativ des überwachenden Landesherrn wurde vom hannoverschen Adel als Nachteil gewertet.

Neben den grundherrlichen Rechtänderungen geht Hindersmann aber auch auf die ritterschaftliche Verfassung und deren Modifikationen ein, ebenso hilfreich sind Daten aller ritterschaftsfähigen Güter und Familien, die in mehreren massendatenstarken Anhängen (S.413-598) enthalten und sozusagen als Nebenprodukte bei den Recherchen entstanden sind.

Die Dissertation entstand auch sonst aufgrund einer beeindruckenden Materialbasis. Sowohl ungedruckte Materialien aus den fünf niedersächischen Staats- und zwei Ritterschaftsarchiven als auch privates Archivmaterial von einzelnen Gütern und natürlich gedruckte Quellen sowie die Forschungsliteratur sind von der Verfasserin intensiv benutzt worden. Aus der Bibliographie zum deutschen Adel (Schriftenreihe des Instituts Deutsche Adelsforschung, Band XVIII., 1-2) hätte die Verfasserin zwar theoretisch noch einige für ihr Thema relevante Erscheinungen - die sich nicht in ihrem Literaturverzeichnis finden lassen - einbeziehen können. 

Daß dies nicht möglich war, liegt wahrscheinlich daran, daß die Bibliographie, die auch ein spezielles Kapitel über Niedersachsen und Hannover besitzt, im September 1999 erschienen ist, während die hier besprochene Dissertation bereits im Oktober 1999 von der Universität angenommen worden ist. Wesentliche Veränderungen der Ergebnisse jedoch wären auch von dieser zusätzlichen zugegebenermaßen eher schwachen Materialbasis nicht zu erwarten gewesen. 
Hindersmann kommt zu dem Resumée, daß anders als in Süddeutschland oder Preußen eine Rechteschmälerung a) später und b) evolutionärer stattfand und dem landsässigen Adel einen größeren Beeinflussungspielraum für den gesetzlichen Rahmen ließ. 

Der Altadel verstand es zudem, sich erfolgreich geben den Neuadel durchzusetzen und eine kleine elitäre und - zumindest bis 1866 - auch dauerhafte Gruppe mit deutlichen Abschließungstendezenden zur Machtwahrung zu bilden. 

Wir dürfen auf weiterführende Untersuchungen für den Weg in die preußische Integration, für die Zeit in die Industriegesellschaft, gespannt sein und empfehlen den hier besprochenen Band wegen seiner Materialfülle und seiner klaren Gliederung wie Sachkenntnis wärmstens zur Anschaffung.  

Diese Besprechung erschien zuerst in der Folge 22 (2002) der Zeitschrift Nobilitas für deutsche Adelsforschung und stammt von Claus Heinrich Bill.


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