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Die von der Groebensche Orientalische Reisebeschreibung

Reprint-Besprechung des 1694 erschienenen Werkes

Der Hildesheimer Olmsverlag hat es sich seit langer Zeit zur Aufgabe gemacht, seltene und nur noch ab und zu antiquarisch zu sehr teuren Preisen erschwingliche historische Drucke erneut als Faksimile aufzulegen, wobei es sich stets um Spezialia handelt wie hippologische Literatur oder aber historiographische Werke. Diese Herangehensweise an die Buchproduktion war zunächst der schlechten Lage der Buchbeschaffung nach dem zweiten Weltkrieg zu danken und sollte schwer zugängliche Literatur wieder erschwinglich und zugänglich machen. Heute, im XXI. Säkulum, sieht die Sachlage vollständig anders aus. Die Mangellage in der Buchwirtschaft ist einem Überangebot gewichen, so daß es kaum möglich ist, noch einen Überblick über die Neuerscheinungen - selbst des eigenen Fachbreichs - zu behalten. Der Vorteil freilich ist eine große Heterogenität, Mannigfaltigkeit und Vielfalt sowohl an Forschungsansätzen als auch an Buchwerken. Daß der Olmsverlag trotzdem an der Buchproduktion längst nicht mehr käuflich erwerbbarer Bücher festhält, hat heute seinen Grund in der Sehnsucht nach dem gedruckten Buch im Zeitalter der Virtualisierung. Es ist daher eher ein ästhetischer Grund, der heute dazu verleitet, Faskimiles aufzulegen. Und natürlich kann man als Forschende oder Forschender besser mit einem Buch arbeiten als mit einem anzuklickenden Bildschirminhalt, der lediglich als Digitalisat angezeigt wird und die Augen rasch ermüden läßt. Dies gilt nicht nur für Liebhaber der Bücherkunde, für Bibliophile, sondern in besonderem Maße auch für Interesierte, die intensiv wissenschaftlich mit Quellen arbeiten wollen.

Dies gilt auch für ein Werk des altpreußischen Adeligen Otto Friedrich von der Groeben (1657-1728). In der Jugend bereits vielfältig auf Reisen gewesen, gelangte er schließlich an den Hof des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688), welcher ihn 1682 mit der Expeditionsleitung einer Unternehmung nach Afrika betraute. Hier sollte er an der Guineaküste ein Fort errichten, um die Handelsaktivitäten des brandenburgischen Kurfürstentums zu unterstützen und durchzusetzen. 1683, nach einer Landnahmezeremonie, wurde an der Küste das Fort Groß Friedrichsburg erbaut (heute in Ghana). In einem schriftlichen Vertrag mit Einheimischen wurde Reziprozität vereinbart, wurden aber auch feudalistische Prinzipien nach Afrika importiert (Frondienste gegen Schutz), der Dreieckshandel mit Sklaven aufgenommen. Aus diesem Grund und weil Groeben mit diesem Sklavenhandel in Verbindung gebracht wurde, wurde 2009 das Berliner „Gröbenufer“ in „May-Ayim-Ufer“ umbenannt. Groebens Tätigkeit erwies sich also sehr viel später, unter einer globalen Sensibilisierung für die Thematik der Menschenrechte, der Intersektionalität und der Diskriminierung, als Sprengstoff für aktuelle Auseinandersetzungen im XXI. Säkulum. Allerdings war 2009 die Rolle, die Groeben bei der Durchsetzung des Dreieckshandels spielte, durchaus umstritten.1 

Aufschluß über seine Haltung freilich könnten seine Memoiren bieten, die als nachträglich bearbeitetes Egodokument vorliegen. Sie wurden vom Olmsverlag im Jahre 2013 in zwei Teilen erneut unter dem Titel „Orientalische Reisebeschroiebung“ veröffentlicht.  Der Kolonialhistoriker Ulrich van der Heyden hat sie mit einer Einleitung zur Vita v.der Groebens versehen, mit Annotationen zur Quellenedition, mit der Editionsgeschichte der Vordrucke und den verschiedensten Instrumentalisierungen, die das Werk im Laufe der Zeit erfahren hatte (Seite „i“ bis „xlvii“). 

Die Reisebeschreibung selbst gilt demnach zudem einer der wenigen, frühen, umfangreichen und daher wichtigsten Beschreibungen Afrikas aus deutscher Hand, wobei Groeben sowohl Positives wie Negatives schildert. Allerdings bezieht sich seine Beschreibung nicht auf ganz Afrika, sondern nur einen sehr kleinen Teil. Tatsächlich ist Groebens Werk außerdem eine Kombination aus zwei zeitgenössischen Büchern: In der „Orientalischen Reisebeschreibung“ (399 Seiten) berichtet der Offizier v.der Groeben über Sizilien, Malta, Rhodos, Zypern, das Heilige Land, Korsika und Ägypten. Diese Beschreibung nimmt den größten Teil des faksimilierten Reprintbandes ein und darin werden vor allem die Stätten, an denen Christus wirkte, in größter Breite behandelt.  Diese Beschreibung behandelt damit heute vor allem als europakernländisch geltende Gebiete. In der anschließend abgedruckten „Guineischen Reisebeschreibung“ dann (134 Seiten) werden Groebens Erlebnisse am Cap Verde, in Sierra Leone, in Ghana (Goldküste) und Angola ausgebreitet. 

Hier werden auch die Handelswaren genannt, die die Besitzer wechselten und vor allem aus beidseitig seltenen und daher begehrten materiellen Dingen bestanden. Europäer boten den Einheimischen bunt bedruckte Leinwand, Salz, Branntwein und Kessel (Eisengeschirr) an und erhielten dafür Elfenbein, Reis und Cola (Seite 17). Deutlich wird bei v.der Groebens Schilderungen trotz seiner häufig tatsächlich nur deskriptiven und nicht abwertenden oder diskriminierenden Sichtweise dessen eurozentrische Perspektive. Elitenträger in den indigenen sozialen Hierarchien bezeichnet er wie selbstverständlich als „Räthe“ oder „Officiere“, die einheimische Religionsgottheit jedoch als „Teuffel“ (Seite 19). 

Interessant ist auch seine Beschreibung der Frauentracht. Zunächst verwundert sich v.der Groeben darüber, daß sie, was in Europa seinerzeit als unschicklich galt, barbusig umherliefen, gibt dann aber zu: „Und wird man der nackenden Brüste so gewohnet, ... daß man bald überdrüssig wird aus Couriosität darnach zu sehen“ (Seite 21). Groebens Bericht ist daher vor allem in kulturwissenschaftlicher und interkultureller Sicht ein bemerkenswertes Zeugnis, das noch seiner entsprechenden Auswertung harrt. Anzutreffen sind auch Schilderungen der Bewunderung, weil die Einheimischen in Sierra Leone im Gegensatz zu den Europäern keine „Sorge und Begierde des Reichthums“ hätten (Seite 26). Hier sind deutlich Anklänge an die Figur des „edlen Wilden“ aus der Romantik anzutreffen. 

Auch wenn die afrikanischen Schilderungen daher nur einen Bruchteil des Bandes ausmachen, so liegt mit dem Gleichdruck des Olmsverlages, der unter der ISBN-Nummer 978-3-487-14879-3 für 148 Euro im Buchhandel zu bestellen ist, doch eine bibliophile Rarität ersten Ranges vor, die sehr sorgfältig verarbeitet wurde und deren Inhalt noch Aufschluß zu manchen neuen Forschungsfragen, vor allem historisch-kulturwissenschaftlich erkenntnisleitender Interessen, zu eröffnen vermag.

Diese Rezension erschien zuerst in der Zeitschrift Nobilitas für deutsche Adelsforschung (Jahrgang 2014) und stammt von Claus Heinrich Bill.

Annotationen:

  • [1] = So hatte der Herausgeber der hier zu besprechenden Reiseerinnerungen, Ulrich van der Heyden, den Protagonisten der Umbenennung vorgeworfen, sie würden einen „Rufmord“ an v.der Groeben begehen. Siehe dazu derselbe: „Gröblicher Rufmord an von der Gröben. Wie eine Straßenumbenennung in Berlin politisch, aber nicht historisch korrekt erfolgte“, in: Neues Deutschland, Ausgabe vom 13. Juni 2009 

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